Mittwoch, 16. April 2014

DIE MUSE (2011 Christian Genzel)


Eine Frau erwacht in einer Zelle in einem Keller irgendeines Hauses. Sie ist von einem Schriftsteller entführt worden, der behauptet er bräuchte sie als Muse zur Fertigstellung seines Meisterwerkes...


Zwei Gefangene...

Mit „Die Muse“ wagte sich Regisseur Christian Genzel nach vier Jahren Kurzfilm-Arbeit an sein erstes Langfilm-Projekt. Mancher Leser mag ihn als Autor von seinem von mir sehr geschätzten Medien-Blog „Wilsons Dachboden“ kennen und aufgrund dieses privaten Hobbys, dem theoretisch jeder nachgehen kann, nun glauben es handle sich, wie bei meinen Besprechungen der Filme des Österreichers Moritz Stieber, um eine Amateurproduktion. Dem ist jedoch nicht so. „Die Muse“, ein deutsch-österreichisches Gemeinschaftsprojekt,  wurde professionell produziert, sicherlich kostengünstig, aber ganz offiziell von der deutschen Filmförderung unterstützt. Und dass er den Amateurfilm-Bereich nicht einmal streift, erkennt man schon in den ersten Szenen, die uns gekonnte Kameraarbeit präsentiert, einen stimmigen Soundtrack und talentierte Mimen.

Dass die Besetzung geglückt ist, ist wichtiger denn je, handelt es sich bei „Die Muse“ doch um ein Kammerspiel. Nur wenige Aufnahmen finden außerhalb eines Kellerraumes statt, und selbst dann wird der Haupt-Cast nur durch eine weitere Sprechrolle ersetzt. Die wenigen Leute, die sonst noch durchs Bild huschen, sind Statisten oder stumme Rollen. Alles steht und fällt auf den ersten Blick mit dem Spiel der Hauptakteure. Thomas Limpinsel fällt im direkten Vergleich in seiner Rolle als psychopathischer Schriftsteller etwas positiver auf als Henriette Müller, das mag aber auch daran liegen, dass sie lange Zeit nur das süße Opfer spielen darf und diesen Eindruck mit ihrer braven Stimme noch sehr zu verstärken weiß. Beide haben langjährige Berufserfahrung, und das sieht man ihrem Spiel auch an.

Ein Thriller ist meist geistlose Kost, gedacht um dem Zuschauer in ein spannendes Szenario zu entführen, in welchem die Psychologie der Spannungserzeugnis meist gekonnter durchdacht ist als die seiner Figuren, Dramatik und Handlung. „Die Muse“ als Kammerspiel-Version seines Genres ist wesentlich anspruchsvoller in seinem Anliegen. Am Minimalismus seiner Geschichte festhaltend interessiert Genzel sich mehr für die versteckten Hintergründe seiner Geschichte, als für den oberflächlichen Thrill. Die Charaktere sind ebenso durchdacht wie einzelne Situationen, das Grundszenario ist absichtlich hintergründig gespiegelt.

Als Beispiel für diese Spiegelung sei nur einmal erwähnt, dass die Frau hinter Gittern unfreiwillig räumlich gefangen ist, geistig aber frei (so sehr ihr Entführer sie auch zu etwas zwingen will), während der Autor theoretisch räumlich frei sein könnte, aufgrund seiner geistigen Gefangenschaft aber freiwillig das erweiterte Gefängnis, den Kellerraum, das Haus, mit seinem Opfer teilt. „Die Muse“ ist in vielerlei Sicht hintergründig, schön dass sie einen vieles selbst entdecken lässt, also Geist vom Zuschauer erwartet, was heutzutage eine Seltenheit ist.

Eben weil Christian Genzel als Autor, Co-Produzent und Regisseur die Glaubwürdigkeit seiner Figuren wichtig ist, kommt es im Mittelteil leider etwas zum Stillstand, so dass ich zunächst dachte die Story sei in einem Kurzfilm vielleicht doch besser aufgehoben gewesen als in einem 90-Minüter. Klar, Genzel versucht das Opfer nicht zu schnell mitspielen zu lassen, und umgekehrt darf der Entführer nicht zu dumm wirken zu schnell auf die Gefangengehaltene hereinzufallen. Genzel spielt bei der Echtheit seiner Figuren diesbezüglich mit offenen Karten. Nie würde ein gesunder Geist der Idee des kranken Künstlers aus wahren Gründen nachgeben.

Letztendlich dreht sich im Mittelteil aber alles zu sehr im Kreis, und gerade den kurzen Abstecher die Gefangene in einen Suchtzustand mit Heroin zu befördern, ist der Grad zu viel in dem ewigen Hin und Her, der scheinbar versucht diese erkannte ewige Wiederholung durch etwas besonderes zu ergänzen. Die Heroin-Idee ist die einzige, die mir im Gesamtfilm nicht schmeckt. Schön dass sie das Werk nicht zu sehr beeinflusst, auch wenn es vielleicht der einzig inkonsequente Bereich ist für die ansonsten glaubwürdige Fortführung der Geschichte.

Dieser kleine Einbruch sei Genzel jedoch verziehen, kommt doch relativ pünktlich zum Beginn der zweiten Filmhälfte wieder mehr Stimmung auf, wenn sich die Frau mit ihrer Situation abzufinden scheint und damit wieder ein gewisser Spannungsbogen im Raum steht. Hat sie etwas spezielles vor? Und was genau könnte dies wenn sein? Nach ewigem Debattieren über das Leiden für die Kunst und dass das Werk über allem steht (intelligent eingebracht, keine Frage, analytisch umgesetzt, sowieso, aber ein Ticken zu oft betont) tut es dem Film gut, dass er die Kurve kriegt und unverkrampft weiter erzählt was im Keller passiert.

Schön an der zweiten Hälfte des Streifens ist der geistige Kampf der Akteure. Mal bekämpft die Gefangene ihren Peiniger passiv mit Schweigen und Nichthandeln, sie ist schließlich die Muse, in anderen Situationen versucht sie am kranken Intellekt und Stolz, eigentlich sogar an der dem Täter nicht bewussten Arroganz anzusetzen. Da die Gefangene als Frau von nebenan jedoch psychologisch nicht überdurchschnittlich bewandert ist, fällt der Schriftsteller auf ihre plumpen Versuche meist nicht herein.

Ein temporeicher Showdown beschert uns noch ein schönes Finale, in welchem nicht nur körperliche Gewalt angewendet wird, sondern auch das geistige Psychoduell hochgeschaukelt wird, bis der Frau die einzig konsequente Lösung einfällt dem Wahnsinnigen keine Befriedigung zu bescheren. Durchaus ein vorhersehbarer Entschluss für alle Zuschauer die den Film verstanden haben, aber eben auch ein konsequenter, der gar nicht anders hätte ausfallen dürfen. Für zwei kleine andere Überraschungen sorgt schließlich noch die letzte Szene, in welche schließlich der Abspann eingeblendet wird.

Was nach dem Gezeigten passieren wird, ist durch eine kleine Sub-Story nicht ganz klar. Somit lässt uns Genzel nicht nur mit den Gedanken allein wie der Überlebende des Spektakels mit dem Passierten fertig wird, er hält auch ein gedankliches Hintertürchen offen, ob denn nun wirklich alles vorbei ist, muss die Finalsituation des Verlierers doch noch lange nicht wie geglaubt das Ende besagter Person bedeuten. Ein im Film angesprochener Termin könnte durchaus dazu führen, dass die Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist. Glücklicher Weise wird sie das (zumindest bislang) nicht mit einer Fortsetzung, denn sich die Möglichkeiten selbst zusammen zu reimen macht als Zuschauer einfach mehr Spaß.

Wie erwähnt ist der komplette Film sehr passend musikalisch untermalt. Die Kameraarbeit ist jedoch noch erwähnenswerter, finden doch auch mit ihr kleine psychologische Spielereien statt, gerade gerne dann, wenn die Zellenwand mittig gehalten wird und beide Protagonisten eine Bildhälfte ausfüllen. Ebenso meine ich beobachtet zu haben, dass bereits in der Raumdekoration mit der hässlichen Couch und dem geschmacklosen Teppich, versucht wird aufzuzeigen, dass der sich für irre geistreich und kultiviert haltende Autor gar nicht so einen tollen Stil und hohen Intellekt zu haben scheint, als er selbst über sich denkt. Wir haben es hier also nicht wirklich mit Genie und Wahnsinn zu tun, auch wenn der Bösewicht des Streifens bis zu gewissen Grenzen durchaus (selbst)reflektiert handelt.

An der technischen Umsetzung mangelt es meiner Meinung nach ab und zu an einer besseren Beleuchtung. Es mag aber auch sein, dass dies mit meinem Computermonitor zusammen hängt, schaue ich Filme üblicher Weise doch nicht über den Computer sondern über meinen Fernseher. „Die Muse“ ist jedoch leider nur im Netz zu sichten, eine TV-Ausstrahlung hat es meines Wissens nie gegeben und eine DVD-Umsetzung unverständlicher Weise ebenso. Da wird in Deutschland mal ein interessanter Stoff intelligent umgesetzt, und dann wird er nicht auf die silbernen Scheiben gepresst. Das finde ich sehr enttäuschend.

Ich würde übertreiben wenn ich behaupten würde „Die Muse“ sei ein Meilenstein seines Genres. Dafür gibt es noch zu viel Lernpotential für Genzel und dafür stört der zu lahm ausgefallene Mittelteil zu sehr. Etwas mehr Thrill hätte es trotz des intellektuellen Kampfes im Fokus ebenso gern geben können. Aber der Film hätte es aufgrund seiner gut durchdachten Geschichte und der Mündigkeit die er seinem Zuschauer zugesteht durchaus verdient mehr beachtet zu werden.

Schön dass Filme in Deutschland nicht nur uninspiriert und Amerika kopierend heruntergekurbelt werden. Manchmal hat man fast den Eindruck es wäre so. Dann kommen Filme wie „Die Muse“, „Delphinsommer“, “Die brennende Schnecke“ und „Raus ins Leben“ daher und zeigen dass mit dem deutschen Film doch nicht aller Tage Abend ist. Die Klasse des deutschen Films, der vor langer Zeit einst als große Kunst seiner Zunft galt, ist halt längst nicht mehr in Lichtspielhäusern zu entdecken, sondern meist nur in Kleinproduktionen und in Produktionen der Öffentlich Rechtlichen TV-Anstalten. Mag "Die Muse" auch noch nicht ganz an das Niveau der Vergleichsfilme heranreichen, so ist er doch zumindest für ein Debut interessant genug ausgefallen, um es wert zu sein vielleicht von WDR oder Arte einmal gesendet zu werden. Zu wünschen wäre es Genzel.


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