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Freitag, 11. April 2014

MITTERNACHTSSPITZEN (Midnight Lace 1960 David Miller)


Die Amerikanerin Kid wird in einem Park im dichten Londoner Nebel mit Nennung ihres Namens von einer unheimlichen, hellen Stimme bedroht, die ihren Tod für Ende des Monats ankündigt. Täglich folgen telefonisch weitere Drohungen...


Venedig so fern...

Mit Doris Day komplett gegen den Strich besetzt, lässt es sich Regisseur David Miller, der seit den 30er Jahren fleißig Filme drehte, nicht nehmen, das erste Drittel des Filmes trotz vorhandener Bedrohung in ein fröhliches Licht zu rücken. Kid ist schnell von einem Streich im Nebel überzeugt und auch nach dem ersten Anruf nur kurzzeitig verstört, so dass ihr frohes Gemüt noch nicht langfristig unter dem Terror des Fremden leidet. Leichte Musik, die aus einer Komödie, dem Stammfach Days, stammen könnte, begleitet sie bei ihren Alltäglichkeiten. Zwar wird ihr Ehealltag fast schon dramatisch einsam dargestellt, aber die Dialoge mit dem Ehemann kommen von beiden Seiten verschmitzt daher, so dass auch hier ein gewisser Hauch Lustigkeit weht.

Schon in dieser Phase bereiten die Verantwortlichen der Geschichte die Tätermotive vor. Verdächtige gibt es so allerhand, manche in kleinen, manche in großen Rollen, manche mit größeren Problemen, manche aus kleinen Gründen zu solchen Taten eventuell fähig. Um auch Kid der möglichen geistigen Verwirrung verdächtig zu machen, fädelt es das Drehbuch ein, dass das Opfer stets alleine ist, wenn der Täter live oder per Telefon zuschlägt. Sehen wir alles nur aus der Perspektive einer Frau, die sich vom Ehemann mehr Beachtung wünscht? Was sehen wir überhaupt von dem was Kid behauptet? Und was davon bildet sie sich durch eine unglückliche Ansammlung von Zufällen davon wieder lediglich ein?

Wir sind Zeugen ihrer Erlebnisse, und doch dürfen wir Zuschauer an ihr zweifeln. Nach dem Vorfall im Park vernehmen wir die auch in der Deutschfassung so unheimlich klingende Stimme nicht mehr. Wenn Kid ans Telefon geht hören wir nur was sie sagt. Das ist schade um die wirklich glücklich gewählte Psycho-Stimme, aber ein toller Kniff um die Rolle Doris Days verdächtiger zu machen. Regisseur Miller geht sogar so weit, den Film in Richtung Finale immer mehr auf diesem Verdacht aufzubauen. Die möglichen Täter werden immer mehr an den Rand gedrängt.

Mit den zwei ins Zentrum rückenden Möglichkeiten, dass der Täter entweder nicht existiert oder Kid ein einsames Opfer ist, dem niemand glauben will, konzentriert sich Miller viel mehr auf die Dramatik seines Stoffes und für einen Thriller relativ wenig auf den Spannungsbogen. Nicht selten lässt er Kid in ihrer Dramatik geradezu hysterisch agieren, je mehr sie sich von allen um sich herum verlassen fühlt. Ihr glaubt ja ohnehin niemand.

Bei all den Fährten die gelegt werden, wird man tatsächlich neugierig auf die Auflösung, die in ihrer Glaubwürdigkeit zwar zu überzeugen weiß, aber ruhig eine Spur spannender hätte umgesetzt werden können, so sehr wie Miller zuvor zur Beachtung der Dramatik diesen Bereich vernachlässigt. John Carpenter sollte in den 70er Jahren zu diesem Thema mit „Das unsichtbare Auge“ die Spannungsschraube einmal ordentlich hochdrehen, der Thriller-Fan wird dort eher fündig. Aufgrund fehlendem Thrills ist „Mitternachtsspitzen“ jedoch keineswegs als misslungener Film zu bezeichnen.

Im Gegenteil! Abgesehen von dem etwas dünn gehaltenen Finale ist „Midnight Lace“ (Originaltitel) ein professionell umgesetztes Psycho-Drama, das es wagt die sonst so adrette Doris Day auch einmal in panischer und frustrierter Hässlichkeit zu zeigen, in der Schluss-Szene mehr noch als im kompletten Film zuvor. Das ist nicht nur ein für Doris Day mutiger Schritt, sondern für die psychologische Wirkung auch ein sehr nachhallender, darf der Zuschauer doch nun trotz abgeschlossener Geschichte ein wenig grübeln wie es künftig mit der einst so pfiffigen Kid wohl weiter gehen wird, so sehr wie sie unter den Geschehnissen gelitten hat. Aus der unbedarften, fast kindlichen Frau, ist eine erfahrene Frau geworden, die nun wie alle Erwachsenen etwas Dramatisches aus ihrem Leben zu erzählen weiß.

Miller versteht es ein Weichen setzendes Drehbuch gekonnt umzusetzen, schafft es uns mit allerhand Möglichkeiten zu verwirren, schafft es hin und wieder Spannungsmomente zu erzeugen, konzentriert sich jedoch überraschender Weise lieber auf die Dramatik des Stoffes, was ich ihm zu danken weiß, und Doris Day sicherlich auch, durfte die doch einmal zeigen, dass sie auch anders kann, auch wenn der Film den Fan ihrer Komödien zunächst liebevoll in die Arme nimmt.


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