TAG (Riaru onigokko 2015 Shion Sono)


Nachdem während eines Schulausflugs alle Menschen außer Mitsuko von einem ungewöhnlichen Wind getötet werden, irrt die Teenagerin zunächst von diesem verfolgt umher und findet sich plötzlich in einem Schulalltag wieder, scheinbar an Amnesie leidend, wo alles wieder in Ordnung ist. Doch der Schein trügt...


Der Schweinebräutigam... 

Sicherlich darf man sich fragen warum die bislang fünfteilige Reihe "Riaru onigokko" bereits sieben Jahre nach ihrem ersten Teil neu verfilmt wurde, zumal beide Projekte aus Japan stammen. Die Hintergründe kenne ich nicht, und dem deutschen Zuschauer wird das in der Regel auch egal und nicht bewusst sein, erlebt dieser auf dem deutschen Markt mit "Tag" doch ohnehin den ersten cineastischen Zugang zu diesem Stoff. Die Originalreihe ist hier nie erschienen. Ob das ein Verlust für uns darstellt, der behoben gehört, sei einmal nach Sichten des Remakes in Frage gestellt, denn das Ergebnis ist äußerst misslungen zu nennen und weckt in mir die zusätzliche Frage, ob die Printvorlage für Jugendliche halbwegs exakt eingehalten wurde oder nicht, denn falls ja spräche das nicht gerade für diese Altersgruppe, soll die Vorlage doch ein kleiner Erfolg gewesen sein. Wo mich an Jugendvorlagen orientierte Werke Amerikas mit ihrem zu beschränkten Horizont negativ erstaunen (zuletzt mit "Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie" wahrgenommen), da fällt "Real onigokko" (Alternativtitel) auf andere Art unangenehm auf.

Dabei scheint zunächst alles in Ordnung zu sein. Nach einer kleinen, sympathischen Einführung wird man direkt in ein unheimliches Geschehen hineingesogen, welches trotz seines lauten Getöses nicht nur zu faszinieren weiß, sondern auch eine unheimliche Stimmung aufkommen lässt. Dieser unheimliche Wind von dem Mitsuko verfolgt wird, und den Regisseur Shion Sono ein klein wenig nutzt um "Tanz der Teufel" optisch zu zitieren, ist ein unsichtbares, radikales Monster, das scheinbar erbarmungslos vorgeht und es auf "Final Destination"-Art scheinbar nicht verknusen kann, dass ihm das Mädchen stets entkommt. Zumindest macht es den Eindruck, dass der Wind nicht einfach großflächig wütet, sondern bewusst Jagd auf die Menschen betroffener Gegend und schließlich speziell auf die Heldin des Streifens macht. Wenn über eine überraschende Wende zunächst wieder Ruhe ins bislang aufregende Geschehen eintritt, ist auch noch alles in Ordnung, wird die Geschichte doch nun rätselhaft, da Mitsuko in einem flüssigen Übergang plötzlich wieder zur Schule geht, ihre Freundinnen und anderen Mitschülerinnen trifft und ein ganz normaler Schultag bevorzustehen scheint. Freilich trügt der Schein, aber der Auslöser der diese Erkenntnis bestätigt ist nicht mehr der ominöse Wind. Der wird ersetzt durch ein absichtlich groteskes, comicartig absurdes Erwartungendurchbrechen, was im ersten Moment zwar nicht wirklich zu überzeugen weiß, aber doch zu faszinieren.

Wenn unsere Heldin aufgrund der dort passierenden Ereignisse erneut einen flüssigen Übergang hinein in eine andere Bewusstseinsebene erfährt, dann ahnt der Zuschauer allmählich was ungefähr erzählt werden soll, scheint es doch um Paralleluniversen oder ähnliches zu gehen, was es nach Auflösung der Geschichte dann doch nicht ist, aber zumindest ist das Prinzip sehr ähnlich zu nennen. Mitsuki hüpft von einem schrägen Ereignis zum nächsten, immer in Todesgefahr schwebend, wenn auch je auf völlig andere Art, und mit dieser Entscheidung, bzw. aufgrund der hektischen und desinteressierten Art bezüglich eines konsequenten roten Fadens, leidet nun der Film, der nicht nur nie wieder so intensiv zu gucken ist wie in seinen zehn Minuten bösartigen Windes, sondern so nach und nach auch gar nicht mehr zu funktionieren weiß. Die Szenarien wirken austauschbar, der Zusammenhang ist trotz seiner bewusst angegangenen Rätselhaftigkeit fast unbeachtet, da es den Verantwortlichen von "Riaru onigokko" (Originaltitel) nur um die Effekte und das Tempo der Geschichte zu gehen scheint. Aufgrund ihrer wechselnden Persönlichkeiten verliert man im Laufe der Zeit selbst Mitsuko als griffige Identifikationsfigur, und was bleibt ist ein müdes Achselzucken dort, wo der erfahrene Regisseur eine Atemlosigkeit vom Zuschauer erwartet.

Die Episoden werden trotz der flüssigen Übergänge, vielleicht auch aufgrund dieser, und trotz der Auflösung am Schluss, die aus allem wieder ein Gesamtes zaubert, nie zu einem griffigen Ganzen. Der ewige Szenarienwechsel sorgt für eine Gleichgültigkeit der Geschehnisse. Eigentlich bleibt man nur noch der Auflösung wegen dran, und auch da wird man enttäuscht, weil man zwar in die Wahrheit eingeweiht wird, diese jedoch auf ebenso dämlich Art offenbart wird wie man die an sich interessante Geschichte zu erzählen angegangen ist. Zudem bleiben etliche Fragen offen, besonders bezogen auf die in der Auflösung enthaltende Klonthematik, sowie das komplette Prinzip hinter der Technik und der Vorgehensweise dessen was an dieser Stelle nicht verraten werden darf. Das hat nichts mehr mit jener Art offener Fragen zu tun, die den Zuschauer noch nach Filmende absichtlich beschäftigen sollen und somit trotzdem einen tollen Schluss darstellen, das sind vielmehr fehlende Erklärungen, die dabei hätten helfen können sich mit den Fehlern der Inszenierung und der missglückten Art der Erzählweise versöhnen zu können.

Vielleicht erwartete man auch dass das Publikum die Vorgängerfilme oder die Printvorlage kennt. Vielleicht sollen kommende Fortsetzungen mehr Licht ins Geschehen rücken. An solche bin ich jedoch nicht interessiert, zumal ich ohnehin nicht weiß, ob "Tag" aufgrund seiner episodenhaftigkeit bereits alle fünf Teile der Originalreihe in einen gemeinsamen Film gepackt hat (was der Idee einer solch frühen Neuverfilmung zumindest etwas Sinn bescheren würde) oder ob nicht. Wie auch immer, mir ist das Gesamtergebnis zu sinnlos und zusammenhanglos ausgefallen, und mir gefiel nicht der ständige Stilwechsel von aufgeregt zu unaufgeregt, von spannend und mysteriös zu panisch und actionreich, da wollte man meiner Meinung nach auf unkreative Art zu viel Verschiedenes auf einmal. Schade ist es um die wirklich geglückten Spezialeffekte, um einige einzelne brauchbare Ideen und ganz besonders um das Eingangsszenario. Was hätte ich mir gewünscht, der ganze Film hätte von diesem unheimlichen Wind erzählt. Das wäre, egal ob in einer endlosen Hatz erzählt oder mit Ruhephasen versehen, ein weitaus interessanteres und packenderes Szenario gewesen, eine Idee an die sich hoffentlich irgendwann einmal ein mutiger Filmemacher heranwagt.


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