Dienstag, 19. Februar 2013

FINAL DESTINATION 4 (The Final Destination 2009 David R. Ellis)



Durch einen Unfall beim Autorennen kommen mehrere Zuschauer ums Leben. Dank einer Vision kann ein Besucher sich und andere retten. Doch sie hätten tot sein sollen, und deswegen holt der Tod sie sich nun zurück...


Horror oder Katastrophenfilm?...

Stellen Sie sich vor Sie wären Produzent des Filmes „Final Destination“. Ursprünglich als „Akte X“-Folge geplant, entpuppte sich dieser überraschend als großer Erfolg beim Publikum, u.a. weil er für den Bereich des Teenie-Horrors recht clever erzählt war. Also will man in der Fortsetzung ebenso clever sein und überlegt sich nun, welche Auswirkungen die Geschehnisse von Teil 1 auf die weitere Zukunft hätten.

Das ist ein schwer umzusetzender Gedanke, aber mit Regisseur David R. Ellis wurde aus der schwierigen Idee ein unterhaltsamer Film, zumindest aus der Perspektive einer christlich orientierten Gesellschaft. Man konzentriert sich lediglich auf den Mensch. Jemand der tot sein sollte, aber noch auf Erden umherwandert und damit Sachen beeinflusst, isst Tiere die für wen anders bestimmt waren, verliebt sich vielleicht in eine Frau oder schwängert diese, kauft Sachen, die er nicht haben dürfte, es gäbe viele Faktoren. Das meiste blendete man aus, und nach christlicher Methode war es in erster Linie das nichtmenschliche Leben, das ignoriert werden sollte.

Das ist zu verzeihen, denn ein Szenario zu entwickeln, dass auch dies bedenkt wäre für ein olles Popkorn-Filmchen viel zu kompliziert. Einem guten Drehbuch und nur einem Fehler des eigenen „Final Destination“-Universums sei Dank erwies sich auch die Fortsetzung als clever und flott und wurde ein großer Erfolg.

In Teil 3 nun noch weiter zu spinnen, welche Auswirkung alle bisherigen Geschehnisse auf die Zukunft haben, wäre definitiv zu kompliziert gewesen. Als Produzent einer gut laufenden Reihe würde man das tun, was getan wurde. „Final Destination“ war ein Rezept, das mit anderen Szenarien und Todesarten immer wieder funktionieren würde. Also erlebt erneut wer eine Vision und rettet Leben. Gerade der Horrorfilm lebt in seinen Fortsetzungen häufig von der Wiederholung der selben Idee, und mit „Final Destination“ hatte man eine, die sich eigentlich endlos wiederholen würde ohne langweilig zu werden. Mehr noch: Eine Geschichte die so viele Rätsel offen hält, dass man auch genug Material hätte, falls sich die ewige Wiederholung doch mal als langweilig herausstellen sollte. Noch war es aber nicht so weit, und man dreht Teil 3.

Auch der war ein riesen Erfolg. Wie üblich für einen Teil 3 musste er harte Kritiken erdulden, immerhin war die Cleverness nun über Bord und der Regisseur von Teil 1 entpuppte sich für Teil 3 nach außen hin nur als mittelmäßige Wahl. Teil 3 war ein Erfolg, und es erwies sich als profitabel die Idee der ersten beiden Teile auf den Kopf zu stellen. Teil 1 berichtete von einem Fehler, der nie hätte passieren dürfen. Teil 2 erzählte davon, wie der Tod verzweifelt versucht diesen Fehler zu korrigieren und zeigt gleichzeitig, dass dies durch die Beeinflussung kleinster Faktoren gar nicht mehr möglich ist.

Teil 3 tauschte dieses Konzept nun aus und erzählt, dass es immer wieder mal passieren kann, dass wer Visionen hat und damit eine zweite Chance bekommt. Die Geschichte wird damit banalisiert und erntete deswegen viele üble Kritiken. An Wongs Inszenierung lag es keineswegs. Denn als geistfreier Film hatte die zweite Fortsetzung einen großen Unterhaltungswert.

Als Produzent ist man aber vorsichtig. Wong noch einmal auf den Regiestuhl zu setzen wäre zu riskant. Eine weitere Fortsetzung musste dennoch her, denn die Geschichte plumper zu erzählen hatte das Publikum nicht gestört. Ein Rezept für die Ewigkeit war geboren, nun fehlte nur noch ein Regisseur. Was läge näher als zu Ellis zu greifen, der die Geschichte von Teil 2 unter schwierigsten inhaltlichen Vorraussetzungen flott zu erzählen wusste und vor kurzem nun auch noch einen großen Erfolg aus reinstem Trash machte. Die Rede ist von „Snakes On A Plane“. Also kehrte der Regisseur von Teil 2 für Teil 4 zurück, und das Projekt schien in sicheren Händen zu sein.

Ellis sollte nun den nächsten Aufguss servieren. Das Rezept aus Produzentensicht war einfach. Teil 3 erzählte alles eine Spur banaler, mit fiesen, neuen Todessequenzen und einer flotten Inszenierung. Dies lässt sich leicht wiederholen, also das ganze noch mal. Und tatsächlich! „Final Destination 4“ legte ein starkes Startwochenende vor und toppte sogar Rob Zombies „Halloween 2“ an den Kinokassen. Ein Rezept für die Ewigkeit!

Auf so banalem Wege wie Teil 4 ist so etwas aber auch nur mit einem Publikum machbar, das mittlerweile soweit von seinem Lieblingsmedium erzogen wurde, dass es alles frisst was ihm zugeworfen wird. Es gibt nämlich Unterschiede zu Teil 3, die einen gehörigen Qualitätsbruch ausmachen.

Überhebliche Filmkritiker sollen ruhig auf Teil 3 schimpfen. Es gäbe Gründe dafür, wäre jedoch dennoch unpassend, wenn man den Unterhaltungswert berücksichtigt. Dieser wurde in Teil 4 nun aber arg zurückgeschraubt. Zwar springt man auf das Rezept auf, krasse, neue Todesarten zu präsentieren, und auch der Stil der flotten Inszenierung wurde berücksichtigt, die Seele eines gelungenen Filmes wurde jedoch komplett ignoriert.

Die Produzenten hatten nicht verstanden, dass die Figuren der vorangegangenen drei Teile trotz ihrer Klischees griffige Charaktere waren, die Persönlichkeit besaßen. Bösewichter konnten romantisch sein, Helden einen Kontrollzwang besitzen, Lehrer ihren Retter fürchten. Der Gute, der Böse, der Lebenspartner, der Loser, all diese Figurentypen waren dabei, aber sie standen nicht nur für eine solche Hülle. Die Figuren aus Teil 4 allerdings schon!

Sie bieten nichts weiter als eines dieser Verhaltenskostüme, selbst die beiden Hauptakteure bleiben einem menschlich fremd. Sie agieren, aber sie sind nichts. Sie sind nichts weiter als der Rollenpart in einer Gesellschaft. Sie sind seelenlos wie das Mitglied eines Ameisenstaates. Sie haben zwar einen eigenen Willen, durch fehlende Charaktervertiefung jedoch kein Motiv. Der eigene Wille wird zum Trieb degradiert. Wie soll man mit solchen emotions- und charakterlosen Robotern mitfiebern?

Der Umgang mit den Figuren ist jedoch nicht der einzige Fehler der dritten Fortsetzung. Die innereigene Logik wird immer weniger beachtet. Die Vorgänger boten (auch mit dem veränderten Grundszenario des Dritten) eine actionhaltige Ausgangsposition mit vielen Toten in der Öffentlichkeit. In den ersten Teilen war es nun so, dass die Überlebenden in ihrer Privatsphäre starben. Der Tod manipulierte, und es durfte keine Zeugen geben. Teil 3 ließ seine Opfer bereits öffentlicher sterben. Zeugen waren nicht mehr wichtig, denn von nun an war das Visionen haben eine häufige Ausnahme und kein einmaliger Ausrutscher mehr. Und es war von nun an ein Fehler, der sich allein mit dem Eliminieren des entkommenen Todesopfers wieder gutmachen ließ.

Teil 4 will nun besonders flott daherkommen. Also dachte man sich: warum soll man ein actiongeladenes Szenario nur in der Eingangssequenz verwenden? Was ist wenn die überlebten Opfer in einem ebensolchen sterben sollen? Dass der Tod damit viele andere ebenso in den Tod reißt, die nicht dran gewesen wären, wird damit leider völlig übersehen. Zwar gibt es nun allerhand Gekreische, Explosionen und sonstiges, dank fehlender Logik und leerer Charaktere bleibt all das gewaltig Geschehende jedoch nur blasse Theorie, die einen nicht mitfiebern lässt und so etwas wie einen Spannungsgehalt nun gar nicht mehr zulässt. Zudem wirkt der Film durch seine Seelenlosigkeit wie ein Episodenfilm, der nur von einem Nachholen des Todes zum nächsten springt.

Elemente die Teil 1 so besonders machten werden auf die Schnelle abgespult oder übersprungen. Das Absichern des Hauses vor Todesquellen, das Begreifen der Hintergründe, das Philosophieren über den Tod, das bekommt alles nur noch geringe Beachtung. Das war schon in den beiden Vorgängern der Fall, deren Unterhaltungswert benötigte solche Faktoren jedoch nicht zwingend. Teil 4, der nun erstmals Gleichgültigkeit aufkommen lässt, hätte damit gerettet werden können, zumal er mehr Zeit hat als ein Teil 1, der den Zuschauer erstmals an die Grundidee der „Final Destination“-Reihe heranführen musste.

Komplett ohne gute Ideen kommt aber auch Teil 4 nicht aus. Es gibt die ein oder andere interessant umgesetzte Todesart (ich sage nur Rolltreppe), und es gibt einen Schluss-Satz, der mit einer Idee spielt, die einem Teil 5 neuen Zunder geben könnte. War es eventuell gewollt, dass man als Überlebender nun da sitzt wo man sitzt? Sollte man überleben? Das lässt viel Raum zur Interpretation.

Ist der Tod, ähnlich wie in „Rendezvous mit Joe Black“ müde geworden? Will er spielen? Und falls es sich nicht um den bisher immer vermuteten Tod handelt, gibt es zwei Kräfte, die gegeneinander spielen? Immerhin wurden auch die Visionen bisher nie erklärt. Gibt es überhaupt eine gute und eine böse Macht? Wollen beide eventuell nur einen Wettbewerb gegeneinander austragen?

Das sind Gedanken, die in der Welt der ersten beiden Teile unsinnig gewesen wären. Mit dem Umschwung seit Teil 3 wäre eine solche Überlegung denkbar, wenn auch nicht komplett neu. Auf etwas andere Art darf man einen solchen Gedanken auch in einer Episode „Raumschiff Enterprise“ erleben. Ohne Reiz ist ein solcher Gedanke zumindest nicht, so lang man die ersten beiden Teile ausblendet.

Aber was würde eine Idee mit solch kreativen Möglichkeiten nutzen, wenn dort wieder so gestümpert würde wie in Teil 4. Eine solch phantastische Idee bräuchte nun die Cleverness der Teile 1 und 2 und kein berechnendes Produzentendenken, das falsche Rückschlüsse aus den Erfolgen der Vorgänger zieht.

Teil 4 ist nur der Beweis dafür, dass man eine beliebte Idee kopieren wollte, ohne die Seele dahinter zu kapieren. Hierbei entlarvt sich der Film übrigens schon recht früh. Boten die Teile 1 – 3 noch ein Eingangsszenario, in dem ein Massensterben denkbar war, bietet Teil 4 unglaubwürdige Geschehnisse, komplett unwahrscheinliche Verkettungen von Vorfällen, kurzum, das Massensterben, mit dem alles beginnen wird, ist zu konstruiert.

Dies trifft auch auf fast alle weiteren Todesarten zu, was nicht ganz so tragisch ist, da der Tod immerhin neue Tode einleiten muss. Zudem gehörte dies zum Konzept der Vorgänger, da dürfte man Teil 4 nur bedingt einen Vorwurf machen (z.B. den, dass der Tod nun mehr Naturgesetze außer Kraft setzt als zuvor).

Auch die bereits angesprochene Seelenleere der Figuren entstand dadurch, dass man zu konstruiert heranging. Sehr deutlich wird dies in der Figur des Bösewichts. Ein Mensch, der für das Böse steht, ist bereits eine Klischeefigur, da es nie Menschen gibt die nur gut oder böse sind. Gibt man einem solchen Bösen aber nun Charakter, ist er ein Klischee, das funktionieren kann. Filme wie „Final Destination 4“ setzen nun noch eins drauf, und geben der Klischeefigur ein Klischee. Nun ist der Böse nur noch böse, kaum noch Mensch. Dadurch wirkt die Figur zu konstruiert und ist nur noch eine wirkungslose Witzfigur. Zwar sind solche Klischees von Klischees immer auch witzig gemeint (der Böse aus Teil 4, der Böse aus „Freddy vs. Jason“), wenn der Rest jedoch auf einen anderen Effekt abzielt, bleibt die gewollt komische Figur innerhalb des filmeigenen Kosmos fremd, weiß zwar ab und an zu belustigen, aber nicht eins zu werden mit dem Rest und mag dieser ebenfalls noch so konstruiert sein.

In einem Punkt hat der Versuch des hier vorgelegten Produzentendenkens jedoch recht behalten: „Final Destination“ ist ein Rezept für die Ewigkeit. Solange es frische und bösartige Todesarten gibt, so lange kann die Reihe auch unterhalten. Teil 4 beweist, dass es darauf nicht allein ankommt. Teil 4 beweist aber ebenso, dass das Rezept selbst mit starken Defiziten guckbar bleibt. Aber was nutzt das schon, wenn der Unterhaltungswert nicht gefördert wird?


Nachtrag:
Zwei Jahre später auf Video gesehen, mit weit heruntergeschraubten Erwartungen, war "Final Destination 4" zwar noch immer der unsinnigste Teil der Reihe, aber er machte Spaß, zumal mich das Eindimensionale der Figuren nicht mehr gestört hat. Nach der Zweitsichtung tendiere ich aufgrund der Partylaune, die dieser unsinnige Film versprüht, eher in eine positive Richtung. Schon erstaunlich wie unterschiedlich die Wahrnehmung ist, je nachdem wann, wo und wie man sich einen Film anschaut.

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