10.03.2019

WOODOO - DIE SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES (Zombi 2 1979 Lucio Fulci)


Nach rätselhaften Ereignissen auf einem herrenlosen Boot, die zu dem Tod eines Mitarbeiters der Küstenwache führten, reist ein Reporter zusammen mit der Tochter des Bootsbesitzers auf jene abgelegene Insel von der das Boot kam, um Antworten zu finden. Vor Ort ist eine rätselhafte Krankheit ausgebrochen, die Tote wieder lebendig macht. Ein Arzt versucht vergeblich die Ursache zu finden...


Wie alles begann...

Als George A. Romero mit "Zombie", seiner drastischen Fortsetzung von "Die Nacht der lebenden Toten", einen erfolgreichen Film vorlegte, da versuchte sich auch Lucio Fulci an dem Stoff, zwar die Ur-Thematik des Voodoo, wie die Zombies in Klassikern wie "Ich folgte einem Zombie" und "White Zombie" manipuliert wurden, einbauend, im allgemeinen jedoch auf die neuen Regeln Romeros setzend. Hier wird niemand totenähnlich fremdgesteuert, hier wandeln tatsächlich Tote auf Erden, angetrieben durch Hunger. Fulcis Werk wurde in Italien dann auch gleich dreist als "Zombi 2" herausgebracht. Bis zum tatsächlichen dritten Teil von Romeros Reihe dauerte es noch bis zur Mitte der 80er Jahre, als schließlich endlich "Zombie 2" erschien, aber wenn schon ein Imitat sich dreist als Fortsetzung des amerikanischen Erfolgsfilmes ausgeben darf, dann gebührt diese Ehre "Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies", könnte man ihn aufgrund gleicher Gesetzmäßigkeiten doch als Vorgeschichte zu diesem verstehen.

Fulci geht der Ursache der Seuche auf den Grund, ohne Antworten zu liefern. Von Voodoo ist wie im Titel die Rede. Ein ortsansässiger Arzt will den Humbug nicht glauben. Er forscht, doch er findet nichts heraus. Kurz vor seinem Ableben betont er, dass er noch immer an eine logische Ursache glaubt. Und dann zählt er all die Möglichkeiten auf, die er erforschte und die es nicht gewesen sind. Ob doch etwas an dem Aberglauben dran ist? Immerhin wandeln nicht nur Opfer der Krankheit tot umher, auch erheben sich die vor langer Zeit beerdigten Toten wieder aus ihren Gräbern, aufgezeigt in einem stimmigen Szenario, welches ich mir im modernen Zombiefilm, der sich lieber auf Virenepidemien konzentriert, des öfteren wieder wünschen würde. Fulci zeigt zumindest wie man es richtig macht. Modrige Leichen erheben sich auf einem alten, vergammelten Friedhof. Manche von ihnen tragen Würmer im Gesicht. Zunächst greifen Arme aus der Erde nach unseren Helden, dann entsteigen sie komplett dem Erdboden, mal in Nahaufnahme festgehalten, mal aus der Ferne für den düsteren Gesamteindruck. Die Szene kommt spät, aber auch die bis dahin eingebauten Untoten sind herrlich modrig anzusehen und wissen den Horror-Freund definitiv zu gefallen.

Ohnehin ist es schön zu sehen, dass Fulci nicht einzig die Werke Romeros nachahmt, er entwickelt seinen eigenen Stil, allein schon aufgrund der Haupthandlung auf einer Insel, die von Beginn an herrlich trist eingefangen ist und zu keinem Zeitpunkt wie ein wunderschöner Urlaubsort wirken will. Was bei Romero global passiert, das geschieht hier auf kleinem Raum. Der Film zeigt recht drastisch, wie selbst auf kleinem Raum eine solche Epidemie chaotisch und unübersichtlich verlaufen kann. Dass Zombies selbst im kleinen Rahmen und langsam umher schleichend, so gut wie gar nicht besiegt werden können. Er nutzt diesen zentralen Aspekt für den finalen Schock, der, wie ich oben bereits erwähnte, eine wunderbare Überleitung zu Romeros Untoten-Fortsetzung liefert und heute fast noch genau so zu schocken weiß wie einst. Zugegeben, wir sind heutzutage mit der Thematik um Zombies vertrauter, aber Fulcis rohe und direkte Art lässt viele noch so blutige Vertreter von heute blass aussehen, eben weil sie nicht in voller Konsequenz den Zuschauer mental attackieren. Meist wird man per Übertreibung oder Vorhersehbarkeit in Watte gepackt. Nicht bei Fulci! Dessen Spezialeffekte sind in ihrem Blutgehalt zwar auch völlig übertrieben und trotz sympathischer Umsetzung alles andere als realistisch ausgefallen, aber der raue Grundton, mit welchem die eigentliche Geschichte erzählt ist, lässt sie erschreckender erscheinen - und den Film als Gesamtwerk ebenso.

Es ist nicht so dass in Fulcis Film immer alles logisch vonstatten gehen würde. Allein das Unterschätzen der Seuche und die mangelnden Versuche von der Insel zu verschwinden wirken nicht gerade glaubwürdig. Dennoch entwickelt die Geschichte zu keinem Zeitpunkt eine Lächerlichkeit, so ernst wie der Film umgesetzt ist und so bedrohlich wie Fulci die Grundatmosphäre einzufangen weiß. Selbst wenn in einer völlig unnötigen Szene ein Zombie während eines Tauchgangs einen Hai attackiert, entsteht keine unfreiwillige Komik. Zwar sieht man deutlich wie zahm der Hai umher schwimmt, während der Zombiedarsteller sich an ihn heftet um ihn zu beißen, aber die Umsetzung ist derart überraschend geglückt ausgefallen, dass die theoretisch zu reißerische und sich schwachsinnig anfühlende Szene tatsächlich zu funktionieren weiß. Dem Film selbst beschert sie kein Weiterkommen, und ein tauchender Zombie ist aufgrund des Eingangsszenarios des Streifens auch nicht nötig um den finalen Angriff auf New York zu erklären. Aber es sind diese Unnötigkeiten die Fulcis Werk eher bereichern, anstatt es zu stören. So auch die extremen Gewaltszenen, die sich nicht damit ausruhen, dass Zombies Menschen attackieren, ausweiden und auffressen. Da darf auch mal in Großaufnahme ein Auge aufgespießt werden, langsam zelebrierend und per professionellen Schnitt detailgetreu eingefangen. Ohnehin erweist sich Fulci immer dann als Profi, wenn per Schnitt ein gezeigtes Erlebnis ohne Anschlussfehler und mit interessanten Perspektivwechseln eingefangen wird. Die Auferstehung eines begrabenen Toten, beobachtet von einer der zentralen Nebenfiguren, ist ein weiteres Beispiel hervorragender optischer Umsetzung.

So banal die eigentliche Geschichte von "Island of the Flesh-Eaters" (Alternativtitel) auch ausgefallen sein mag, Fulcis Handschrift macht aus diesem makaberen Reißer der Quantitäten ein stimmiges Filmerlebnis und den Prototyp dessen, wie der klassische moderne Zombiefilm zu funktionieren weiß. Ein guter Soundtrack, der sich mit etwas zu nervigem Voodoo-Getrommel abwechselt, unterstützt das Feeling der Ausweglosigkeit. Und ohne auf tatsächliche Dramaturgie oder Empathie zu setzen, ohne psychologische Zusammenhänge sinnvoll aufzuzeigen und Charaktere tief zu durchleuchten, gelingt es Fulci ein auf Schundfilmbasis hohes Niveau zu erzeugen, eben weil der Weitblick ernüchtert, das übertrieben Gezeigte schockiert und man schnell merkt, dass es eigentlich keine Hoffnung gibt der Situation zu entkommen.

Fulci gönnt seinem Werk zudem keinen Anflug von Komik, weswegen der Film besser zu Argentos Europa-Version von "Zombie" passt, als zur eigentlichen US-Version, die sich erlaubte aufgrund des Satire-Gehalts auch humorvolle Momente einzubauen. Man muss den Mann, der nun wahrlich kein Genie seines Fachs war, einfach dafür respektieren "Woodoo" so konsequent ernst und staubtrocken umgesetzt zu haben auf die Gefahr hin zu scheitern. Doch weder unfreiwillige Belustigung noch Langeweile kommt auf, wenn man sich vorurteilsfrei dem kostengünstigen Werk nähert. Und bei solch wunderbar modrigem und sich nach Endzeit anfühlenden, dreckigen Ergebnis braucht es nicht wundern, dass innerhalb Europas, und ganz besonders in Italien selbst, von Fulci eine Zombiewelle ausgelöst wurde, die sich mehr an sein Werk, als an die von Romero orientierte. Mag der Mann den Ruf des Zombie-Regisseurs auch nie losgeworden sein, er sei ihm positiv gemeint auf jeden Fall gegönnt.


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Trailer,   OFDb

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