02.05.2020

LÉOLO (1992 Jean-Claude Lauzon)


Der jugendliche Léolo lebt im Armutsviertel bei seiner ungebildeten Familie und schreibt auf fantasiereiche Art seine Gedanken nieder, die ein Fremder aus dem Müll fischend neugierig verfolgt...


Scheißen macht gesund...

Wer nicht darüber schmunzeln kann, wie in den ersten Minuten der Name Léolo erklärt wird, der braucht nicht weiter schauen, geht der Film auf diese Art doch stets weiter. Der junge schreibt seine Gedanken nieder, welche den Alltag aus einer etwas realitätsentrückten Art wieder geben. Daraus entsteht ein Mosaik, zeitlich etwas durcheinander gewürfelt, welches uns den Charakter Léolos offenbart, einschließlich einer ausführlichen Vertiefung seines sozialen Umfeldes. Das ist schrullig und charmant erzählt, fantasiereich und ergreifend, sanft und rau und erschließt sich uns in seiner Gesamtheit erst tatsächlich komplett gegen Ende, so grotesk uns das Ganze dargeboten wird. Zudem wird der Zuschauer mündig behandelt. Ihm wird nichts zusätzlich erklärt, und schaut er mit eingeschaltetem Verstand mit, erschließen sich ihm Zusammenhänge, Bedeutungen und am Ende eine tatsächlich einheitlich erzählte Geschichte. Ein wenig schaut sich "Leolo" (Alternativtitel) wie eine Erwachsenen-Version von "Die fabelhafte Welt der Amelie", bietet er doch auch bittere Momente, die mal besser verarbeitet werden, weil sie in schwarzen Humor getunkt sind, mal aber auch unverblümt bitter bleiben und den Zuschauer mit sich und seinen Eindrücken allein zurücklassen.

Letztendlich ist "Léolo" dennoch ein lebensbejahender Film, der das Leben der einfachen Bürger trotz des grotesken Blickwinkels realitätsnah einfängt, den Charme der Nichtigkeiten und Wichtigkeiten ihres Alltags einfängt mittels empathischer Beobachtungen und diversen Schrulligkeiten, die er seinen stets menschlichen Figuren oft gar facettenreich beschert. Beunruhigende Andeutungen am Rande können einen auf das vorbereiten, wovon der Film uns erzählen will, das Gespräch mit einem Lehrer lässt sogar Spekulationen dazu offen, ob auch hier doppeldeutig auf das Schicksal Léolos hingewiesen wird. Manch einen, der sich vielleicht nur vom wunderlichen Stil des Streifens berieseln lässt, wird das Ziel der Geschichte wie ein Vorschlaghammer treffen. Aber ob nun vorbereitet oder nicht, letztendlich lässt sich im Komplettfilm ohnehin nur wenig erahnen, zumal er sein Ziel mit dem Aneinanderreihen scheinbarer Nichtigkeiten aus dem pubertären Alltag des Jungen erreicht. Am Ende durfte man ein beeindruckendes, gelungenes und eigenständiges Stück Gesellschafts-Satire der liebevollen, aber nicht beschönigenden Art sichten, was "Léolo" wahrlich zu einem besonderen Seherlebnis werden lässt. Der Regisseur Jean-Claude Lauzon, von dem es heißt, er habe autobiographische Bezüge mit einfließen lassen, starb fünf Jahre nach Fertigstellung des Films, so dass "Léolo" sein letzter von insgesamt zwei Langfilmen (der Kriminalfilm "Night Zoo" war sein erster") und dem Kurzfilm "Piwi" blieb. sehenswert


Trailer,   OFDb

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