23.02.2020

NOSFERATU - PHANTOM DER NACHT (1979 Werner Herzog)


Der Immobilienmakler Johann Harker reist nach Transsilvanien zu Graf Dracula, da dieser in Strassburg ein Haus erwerben möchte. Nach einer beschwerlichen Reise das Ziel erreicht, gerät Harker in den Bann des Grafen, der sich als Vampir entpuppt. In Strassburg angekommen bringt Dracula die Pest über das Volk und versucht sich Harkers Gattin Lucy zu nähern. Der geschwächte Harker reist hinterher...


Hahnenschrei und reines Herz...

Als F.W. Murnau in den 20er Jahren seinen legendären "Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens" drehte, besaß er nicht die Rechte am Stoff "Dracula", so dass alle Namen geändert wurden, das Werk aufgrund einer Klage gar beinahe komplett vernichtet worden wäre. Werner Herzog benennt seine "Dracula"-Verfilmung bewusst nach dem berühmten Stummfilm, den ich für die beste Verfilmung des Stoffes halte, arbeitet er doch stark orientiert an Murnaus Werk. Er orientiert sich an dessen Stärken, wie z.B. das Aussehen des Grafen (inklusive der gewöhnungsbedürftigen Reißzahnanordnung), das Schattenspiel der Kreatur und manch variierter Kameraeinstellung des Originals. Dennoch versucht Herzog nie per Kopie die Genialität der ersten Verfilmung des legendären Vampir-Romans zu erreichen, gibt er seiner Version doch genügend eigenständige inhaltliche, technische und spielerische Ideen, um zu einem eigenständigen Werk zu werden. Atmosphärisch ist sein "Nosferatu - Phantom der Nacht" stets in Traum-artiger Melancholie getaucht, von einem mächtigen Vampir berichtend, der des untoten Daseins lebensmüde geworden ist, kränklich und alt wirkt, was ihn jedoch nicht seiner übernatürlichen Stärke beraubt.

Herzogs Version spielt gekonnt mit dem Wahn jener Betroffenen, die den Weg Draculas kreuzten und in seinen Bann gerieten. Gleichzeitig zeichnet er eine bizarre Welt dem Untergang durch die Pest geweiht. Die Realität wird zu einem alptraumhaften Abbild durch Wahn, wohingegen das eigentlich düstere Übernatürliche oft in bunte Bilder getaucht wird, untermalt wird von leicht fröhlicher Musik, was insgesamt bizarr anmutet und Draculas Innenleben nur umso mehr analytische Rätsel beschert, die schwer zu greifen sind, jedoch reizvoller Motor der Faszination sind, die das Werk zu entfachen vermag. Man fragt sich in Draculas letzter Szene, ob eine Art Dankbarkeit im Ableben, ausgetrickst von einer Frau reinen Herzens, zu erkennen ist. In einer der visuell und kommunikativ großartigsten Szenen des Filmes, offenbart Dracula Lucy einige Zeit zuvor sein Leid, als Wesen der Nacht ausgeschlossen von der Liebe zu sein. Im Kontrast mit dieser hervorragend eingefangenen Szene schaut sich die Falle, die Lucy dem Grafen final aufbaut, um so interessanter. Dracula ist ein Tier, lebt Liebe nur noch per Gier und Verlangen. Lüsterne Berührungen münden in einen von Leidenschaft geprägten, bestialischen Biss, dem ein fast schon vergnügliches Schlürfen beim Trinken des Blutes folgt. Authentisch aussehend und sich ebenso anhörend zapft er die Ader seines Opfers an, optisch dem Bild Murnaus entliehen, mit einer modernen Direktheit eingefangen und den Vorteil des Tonfilm nutzend, dem genialen Bild jedoch doppelbödigen Mehrwert und damit Individualität bescherend.

Werner Herzog ist einmal mehr ein Kunstwerk gelungen, eines welches bewusst künstlerische Kraft atmet, das zeigt bereits die interessante Musikuntermalung, die Gruselmusik, Operette, schräge Geigenklänge und besagte leicht fröhliche Melodien gekonnt mixt. Das zeigen ebenso die imposanten Bilder, die sehenswerte Orte individuell abgefilmt einfangen, sowie Momente, die der Geduld des Filmemachers geschult sind, im perfekten Augenblick Tageszeiten treffsicher einzufangen. Auch das stets hintergründige Geschehen, welches sich nicht auf den Aussagen der Buchvorlage ausruht, sondern eigene mit hinzu zieht, offenbart unübersehbar den Bereich des Kunstfilms. Deswegen darf sich Herzog auch inhaltliche Freiheiten gönnen. Besonders reizvoll geraten ist diesbezüglich die Neuinterpretation der Figur des exzellent verkörperten Van Helsing. Selbiges gilt für das überraschende Schlussszenario, welches einen rätseln lässt, ob Dracula sein Wesen lediglich weitergegeben hat, oder ob er über den vollzogenen Wandel gar auf irgendeine Art überlebt hat. Das bleibt, wie so vieles, Interpretationssache inmitten eines geistreichen Filmes, dessen Ideen, Bilder und Anziehungskraft magisch zu nennen sind. Insbesondere ab der Ankunft des Grafen in Strassburg gewinnt das Werk eine immense Stärke, deren Pessimismus und Melancholie man sich nur schwer entziehen kann. Dialoge und Darsteller agieren wie auf der Bühne, und man ist ihnen dankbar dafür, obwohl ein derartiges Agieren in Filmform meist negativer Natur ist. Im künstlerischen Flair Herzogs wird das klassische Schauspiel zu einem Pluspunkt, der die Realitäts-entrückte Traum-artige Atmosphäre bizarr unterstützt. 5/5


Trailer,   OFDb

1 Kommentar:

  1. Wenn Original und Remake beide auf ihre Art gelungen sind, dann nennt man das Nosferatu. ;)

    AntwortenLöschen