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18.07.2020

DER SANFTE MIT DEN SCHNELLEN BEINEN (1978)

Pierre Richard mag mein liebster französischer Komiker sein, aber auch in seiner Filmographie finden sich einige mittelmäßige bis missglückte Werke. Eines davon ist der etwas arg mager ausgefallene "Der Sanfte mit den schnellen Beinen", der wahrlich keine erzählenswerte Geschichte zu bieten hat. Nachdem die Ausgangslage geklärt ist, flüchtet man gemeinsam quer durch die nähere Umgebung und erlebt dabei eher episodenhaft anstatt zusammenhängend so manches Chaos. Das fühlt sich etwas zu leer und gewollt an, um zu gefallen, wird aber zumindest halbwegs durch die passende Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern Pierre Richard und Victor Lanoux aufgefangen. Sie geben ein wunderbar unterschiedliches Paar ab, besitzen Sympathie und bekommen jeweils einen humorvollen Charakter beschert, was aber nicht viel bringt, wenn das Drehbuch so einfallslos ausfällt, wie hier geschehen. Die deutsche Synchronisation ist, wie so oft bei Werken aus dieser Zeit, darin bemüht den Humorgehalt ein wenig zu puschen, aber nur selten findet dies in diesem Falle förderlich statt. Verdrehte Wortvarianten, die in anderen Komödien oftmals zu zünden wissen, kommen verkrampft und unwitzig daher, selbiges gilt für einen Großteil der Sprüche, um die man arg bemüht ist.

Dran bleiben lohnt sich für geduldige Zuschauer jedoch trotzdem, denn etwa ab dem Übergang von der zweiten Hälfte zum letzten Drittel wird es deutlich interessanter. Ab dem Diebstahl eines Rolls Royce werden die Geschehnisse etwas zusammenhängender erzählt und die unglücklichen Verwicklungen fallen dadurch interessanter und witziger aus. Es kommt zu gelungenen Running Gags, und in zwei längeren Szenen, die während einer Straßen-Revolte spielen, beweist die Regie zudem eine gekonnte Übersicht mitten im Chaos und die Produktion Konsequenz in Sachen Kosten und Ausstattung. Gerade die zweite Szene während der Schlacht zwischen Linksautonomen und Polizei kommt detailreich daher und mit unterschiedlichem Witz versehen, der in jegliche Richtung ausschlägt, frei davon ein tatsächliches politisches Statement abzugeben. "La carapate" (Originaltitel) fängt sich in dieser Phase, so dass er weit unterhaltsamer und lustiger schließt als er begann. Das bessere gemeinsame Werk haben Pierre Richard und Regisseur Gérard Oury zwei Jahre später jedoch mit "Der Regenschirmmörder" abgeliefert. Im Gesamten ist "Out of it" (Alternativtitel) zu sperrig und angestrengt erzählt, als dass er wirklich zünden würde. Und das ist schade um manch nette Idee und besagte gut funktionierende Chemie zwischen beiden Hauptdarstellern. Zu den Tiefpunkten der Richard-Komödien gehört diese Arbeit des "Die Abenteuer des Rabbi Jacob"-Regisseur Oury jedoch nicht.  OFDb

07.05.2020

MRS. MILLS VON NEBENAN (2018)

Meistens endet es peinlich, wenn Männer im cineastischen Bereich in Frauenkleider schlüpfen und vorgeben das andere Geschlecht zu sein. Ob zotige Versuche, wie Peter Alexander in "Charlies Tante", die noch extremeren "tollen Tanten"-Filme mit Ilja Richter und Rudi Carrell, oder seriöse Versuche, wie "Mrs. Doubtfire", im Zentrum einer Geschichte wird das Zurschaustellen der Geschlechtervermischung meist eine unangenehme Erfahrung, welche Würde vermissen lässt. Pierre Richard, dessen feinfühlige Ader in frühen Zeiten oft durch seinen intensiven Fokus auf Klamauk übersehen wurde, lässt diese in späten Werken wie "Monsieur Pierre geht online" umso intensiver wirken, womit er ein Kandidat ist, dem man im Vorfeld zutraut eine derartige Rolle souverän zu meistern. Legt er schrill los, ist man sich zunächst nicht sicher, ob man sich diesbezüglich vielleicht doch geirrt haben mag, aber er erfüllt die Erwartungen letztendlich doch, wenn auch auf wesentlich andere, geradezu alberne, Art. Auch wenn Richard noch so überdreht in der Rolle als angebliche Frau agiert, so lässt er doch trotzdem jene Würde aufblitzen, die man sonst so oft in Vergleichsstoffen vermisst. Hilfreich zur Seite steht ihm hierfür freilich ein diesbezüglich sensibles Drehbuch aus der Feder Sophie Marceaus.

"Mrs. Mills von nebenan" ist die vierte Regie-Arbeit, der dritte Langfilm der Schauspielerin. Mag ihr Drehbuch auch nicht immer sauber ausgearbeitet scheinen und die zu erzählenden Geschehnisse manchmal abrupte Wendungen erfahren und einen unvorbereitet in Situationen hinein schubsen, genau darin liegt für den Zuschauer einer der Reize des Films, wird es doch zu einer bewusst herbeigeführten Herausforderung für diesen, anstatt zu einer versehentlichen Schwäche. Somit startet die Komödie gewöhnungsbedürftig, macht schnell klar dass Mainstream-Erwartungen, trotz der inhaltlichen Nähe zum Massen-Kino, nicht erfüllt werden und entführt uns auf einen wilden Trip, bei dem aufgrund mangelnder Feinheiten ein wenig der tiefere Sinn hinter den Dingen zu kurz kommt, zu Unterhaltungszwecken weiß das aber alles gut zu funktionieren. Dafür sorgen allein schon die gut aufgelegten Darsteller in Haupt- und Nebenrollen und das professionelle Spiel, sowie der Charme der beiden Prominenten des Streifens.

Da "Mme Mills, une voisine se parfaite" (Alternativtitel) gegen alle Erwartungen zudem den Travestie-Aspekt weit weniger benötigt als die Geschichte zunächst vermuten lässt, kann dieser in seiner gezielt angewandten Form umso förderlicher für das Gesamtergebnis sein. Man gibt Richard mit dem Loslösen des Aufhängers mehr Möglichkeiten zur Vielfältigkeit, was sich auch in seiner abwechslungsreichen Maskerade spiegelt, die in einer Variante zufällig eine erschreckende optische Zusammenkunft von Pierre Richard und Loriot in einer Person bildet. Kurzum: Was "Madame Mills, une viosine si parfaite" (Originaltitel) an sensibler, subtiler Hervorhebung seiner Tiefe fehlen mag, macht er an Vielfältigkeit im Spiel und am Wendungsreichtum der Geschichte wieder wett, dabei humoristisch selten den großen Lacher bereit haltend, dafür aber stille Schmunzler in charmanter Atmosphäre, trotz gelegentlicher schriller Komik.  OFDb

23.12.2017

MONSIEUR PIERRE GEHT ONLINE (2017)

Die Tage des Klamauks sind lange um. Während Tragikomödien in Pierre Richards prominentesten Zeiten mit „Eine Wolke zwischen den Zähnen“ zu den Ausnahmewerken zählten, zieht es ihn im Alter, ähnlich wie Dieter Hallervorden, zu den stilleren Komödien, was durchaus zu den geistreichen Hintergründen seiner damaligen Klamauk-orientierten Filme passt. Der Kopf hinter „Monsieur Pierre geht online“ ist jedoch Regisseur und Autor Stéphane Robelin, Pierre Richard weiß aber sich dessen Vorstellungen gekonnt zu stellen, ebenso wie der Rest der professionellen Besetzung, die keinerlei Wünsche offen lässt.

„#Flora63“ (Alternativtitel) ist eine Komödie der leisen Töne, läd also eher zum Schmunzeln als zum lauten Lachen ein und erntet seinen mitschwingenden Hauch Dramatik aus der romantischen Perspektive, ohne allzu große Wunden aufreißen zu müssen. Somit funktioniert das weniger ist mehr-Konzept in diesem wundervollen Werk auf vielschichtige Art. Lebensnah, ohne zwingend immer verbittert realitätsnah zu sein (gerade gegen Ende gönnt man sich eher ein Kino-orientiertes Entknoten aller Probleme), findet Robelin das richtige Gleichgewicht aus Fiktion und Leben, aus Kino und Realität, aus Humor und Ernst und verarbeitet recht vielschichtige Prozesse der aktuellen Gesellschaft, hauptsächlich jedoch den Generationenkonflikt mit seinen verschiedenen Ansichten zueinander, aufeinander und auf die Welt, ihre Regeln und dem was das Leben einfach geschehen lässt.

Pate stand überdeutlich der legendäre Cyrano de Bergerac. Kennt man sich ein wenig mit den Komödien Frankreichs aus entdeckt man aber auch Parallelen zum liebenswürdigen „Mein Vater, der Held“, am deutlichsten erkennbar in der Szene, in welcher Alex sich revangiert und dafür sorgt, dass nun auch Pierre die Angebetete belügen muss, indem er von abenteuerlichen Situation aus seiner angeblichen Vergangenheit berichten muss.

Trotz dieser Vergleiche ist „Mr. Stein Goes Online“ (Alternativtitel) ein eigenständiger Film, der den Freund stiller, stilsicherer und individueller Unterhaltung definitiv gefallen dürfte, zumal er frei irgendwelcher Längen ausgefallen ist. In jeder Filmphase gibt es etwas zu erzählen, oftmals bangt man als Zuschauer regelrecht mit, wenn sich eine neue Katastrophe anbahnt. Mal geht Robelin sanft mit den Figuren und somit mit dem Zuschauer um, manchmal lässt er sie ins blanke Messer laufen. Dass der damalige Stammkomponist der Pierre Richard-Filme, Vladimir Cosma, auch zu diesem Werk die Musik beisteuern durfte, rundet die angenehme Erfahrung liebevoll ab.

Somit steht nichts im Weg in diese schöne Geschichte eintauchen zu können, die einen verschiedenste Figuren und somit verschiedenste Blickwinkel auf die Welt so einfühlsam nahe bringt, wie es nur unverkrampftes, stilles Kino wahrlich zu meistern weiß. Von verkopftem Intellektkino ist „Un profil pour deux“ (Originaltitel) ebenso weit entfernt wie vom Gegenteil. Robelin zeigt eine eigene Handschrift auf und biedert sich somit keinem Zielpublikum an. Dies ist meiner Meinung nach der einzig wahre Weg an ein interessiertes und begeistertes Publikum zu geraten, wenn man Kino mit Köpfchen und Herz vereinen möchte.  OFDb

17.02.2017

DER LANGE BLONDE MIT DEN ROTEN HAAREN (1974)

Seit Pierre Richard mit „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“ einen Hit gelandet hatte, wurde jeder gefühlte dritte Film des Komikers in Deutschland irgendwie als Anlehnung an diesen betitelt. Ob nur in einer Nebenrolle agierend in „Der Blonde mit den blauen Augen“, den Titel nur leicht streifend mit „Der Sanfte mit den schnellen Beinen“ oder ganz dreist eine Fortsetzung des Erfolgsfilmes vorgaukelnd in „Der große Blonde auf Freiersfüßen“, es wurde getrickst und verfälscht, um irgendwie am vergangenen Erfolg gebunden Zuschauer ins Kino zu locken, anstatt die Werke für sich sprechen zu lassen. Zu den einfallsreichsten Titeln dieser Art darf aufgrund seines absichtlich absurden Widerspruchs „Der lange Blonde mit den roten Haaren“ gezählt werden, der sich auf eine relativ kurze Phase des Filmes stützt, in welchem Pierre rosa gefärbte Haare hat.

Mit der eigentlichen Geschichte hat dies recht wenig zu tun, ist es doch nur ein Ungeschick von hunderten, welches Pierre passiert ist. Und dem geschieht wahrlich viel Unangenehmes in Claude Zidis Werk, so dass man diesen als wirklich geradezu typischen Pierre Richard-Film zählen kann. Zu seinen besten gehört „Lucky Pierre“ (Alternativtitel) nicht, dazu ist er etwas zu lahm inszeniert und zu konstruiert erzählt. Aber er geht als Zwischendurchverzehr, gerade für Freunde des großen Blonden, in Ordnung, zumal er in der letzten halben Stunde flotter und kurzweiliger ausfällt als zuvor.

Einfallsreich sieht anders aus, und die lustigsten Szenen besitzt der Film meist dann, wenn Pierre Richard gar nicht zur Stelle ist. So gibt es eine sehr lustige Szene in einem Operationssaal zu sehen, in welcher der amtierende Chirurg aufgrund unangenehmer Nachrichten ein größeres Blutbad anrichtet, als man es in manchem Horrorfilm zu sichten bekommt. Und wenn in einer anderen Szene die aufgrund der Boulevardpresse wütend gewordene Schauspielerin in einer Saloonschlägerei so wild auf die Stuntmänner einprügelt, dass die ihres Lebens nicht mehr sicher sind, haben wir den zweiten humoristischen Höhepunkt des Streifens erreicht.

Was das Pech des Pierre, der Hauptperson, betrifft, das wird etwas zu hochgeschaukelt, selbst für meinen Geschmack. Wo ein „Der Tolpatsch mit dem sechsten Sinn“ aufgrund der absurden Erlebnisse in der überdrehten Dosis zu gefallen wusste, da fallen die Chaosketten in „Der lange Blonde mit den roten Haaren“ wesentlich durchschnittlicher aus, und schauen sich gelegentlich anstrengend anstatt belustigend.

Wie bereits erwähnt geht das als Durchschnittskost in Ordnung, zu Schmunzeln bekommt man schließlich genug vor die Nase gesetzt. Und mit Jane Birkin hat man Pierre Richard zudem eine wahre Schönheit an die Seite geschrieben, sogar mit einer kurzen Nacktaufnahme versehen. Diese in Kombination mit dem amourösen Thema veranlasste die Texter des deutschen DVD-Covers dazu den Film idiotischer Weise wie eine Erotikkomödie klingen zu lassen, was erneut beweist wie bemüht man in Deutschland ist Geld mit Pierre Richard zu machen, der nie den Bekanntheitsgrad von Louis de Funès erreicht hat, was sehr schade ist, so talentiert wie dieser Mann in jedes Chaos stürzt.  OFDb

ZWEI IRRE SPASSVÖGEL (1983)

Zwischen ihren gemeinsamen Filmen „Ein Tolpatsch kommt selten allein“ und „Zwei irre Typen auf der Flucht“ ließ Francis Veber Pierre Richard und Gèrard Depardieu auch in „Zwei irre Spaßvögel“ miteinander agieren, den einen als selbstmordgefährdeten Sensiblen eingesetzt, den anderen als schlagfertigen Schnüffler. Letzteren als Journalist zu fragen, der es selbst mit den größten Ganoven der Welt aufnimmt, macht Sinn. Warum Tristans Mutter nach dessen Verweigerung auf den labilen Francois zurückgreift, bleibt die grundlegende Unlogik der Geschichte, ohne welche sie jedoch nicht funktionieren würde, so dass dieser Schwachpunkt damit verziehen sei.

Wo sonst der von mir so geschätzte Pierre Richard in diesem Duo die Nase vorn hat, da ist es, unterfordert wie Richard mangels Trottelmomente diesmal ist, Gèrard Depardieu der dieses eine Mal positiver hervorragt. Generell stehen sie sich sowieso in nichts nach und harmonieren bzw. disharmonieren wunderbar zusammen, weswegen ich mir mehr als diese drei gemeinsamen Projekte mit ihnen gewünscht hätte, es ist quasi eine subjektive Sympathie die mich stets Richard bevorzugen lässt. Aber die leisen Zwischentöne, mit denen Depardieu zwischen verärgert und beleidigt diesmal den stolzen Papa mimt, bzw. das stille Wachsen dieser Position innerhalb seines ruppigen Charakters, ist herzzereißend gespielt und schenkt der Komödie, gerade gegen Ende, jene sensiblen Momente, von denen später „Mein Vater, der Held“ einen großen Teil seiner Kraft zehren sollte.

Im direkten Vergleich ist „Zwei irre Spaßvögel“ der schwächeste der drei Filme geworden. Er guckt sich nicht so sprudelnd komisch wie der erste und nicht so grundlegend emotional wie der dritte, aber er zieht die Stärke aus seiner Geschichte und aus dem gern unterschätzten Gefühl des Vaterstolzes und schafft es, trotz der wenigen gemeinsamen Momente, aus dem männlichen Trio eine glaubwürdige Einheit zu bilden, was nach der langen Dauer des aneinander vorbei Suchens und der ewigen Teenagerbockigkeit weit weniger Laufzeit in Anspruch nimmt, als normaler Weise mötig gewesen wäre, um glaubwürdig zu sein. Hieran erkennt man Vebers enormes Können.

Auch das Drehbuch ist bemerkenswert zu nennen, schafft es doch das arg konstruierte Grundszenario möglichst natürlich umzusetzen, ohne lediglich auf die Ausrede Komödie bauen zu müssen, und arbeitet es doch parallele Stoffe stets gekonnt mit ein, sei es die recht kurze Phase, in welcher beide Väter zusammen arbeiten, ohne zu wissen den selben Sohn zu suchen, oder sei es die Kriminalgeschichte gegen Ende, welche die Rolle Pierre Richards in einer völlig anderen Wahrnehmung erlebt als die Rolle Gèrard Depardieus. Mag es also auch nicht so urkomisch oder hochemotional hergehen wie in den Vergleichsfilmen, „Les Compères“ (Originaltitel) besitzt von beidem genug um zu funktionieren, so dass einer Empfehlung auch diesmal nichts im Weg steht.  OFDb

28.02.2016

DAS SPIELZEUG (1976)

Neben „Eine Wolke zwischen den Zähnen“ dürfte „Das Spielzeug“ das wohl ernsteste damalige Werk mit Pierre Richard in der Hauptrolle gewesen sein. Zwar ist diese erste Zusammenarbeit mit Regisseur Francis Veber, der noch drei Richard/Depardieu Komödien folgen sollten (u.a. „Ein Tolpatsch kommt selten allein“), ebenfalls komödiantisch inszeniert, aber ihr liegt ein ernstes, gesellschaftskritisches Thema zu Grunde, mehrere sogar, und Richards allseits beliebter Klamaukpart wird arg eingegrenzt, was jedoch nicht zum Schaden des Streifens wird.

Ganz im Gegenteil! Obwohl ich Pierre Richard im Bereich des Slapsticks für einen der talentiertesten Schauspieler halte, tut es dem Film nicht nur gut dass sich der gute Mann der Geschichte unterzuordnen hat und somit nicht so oft herumkaspern darf wie gewohnt, er wurde sogar zu meinem Lieblingsfilm des langbeinigen Blonden und übertrumpft damit sogar das tolle Ergebnis des legendären „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“, mit welchem der Komiker schließlich auch in Deutschland berühmt wurde.

Bis in die kleinste Rolle perfekt besetzt taucht Veber die groteske Idee in ein realistisches Gewand und spielt die Folgen dieses Auslösers wohldurchdacht durch. Mag gerade der Firmenchef als Bösewicht auch etwas arg Klischee-haft wirken, so funktioniert doch durch seine Extreme trotzdem die Geschichte. Zumal er nicht die einzig unsympathische Figur des Streifens ist. So ziemlich jeder andere ist typisch menschlich gezeichnet und damit auch nicht gerade die Verkörperung einer Vorzeigeperson, und auch seine comicartige Übertreibung spiegelt sich in vielen anderen Charakteren wieder, bis Francois und der kleine Eric die einzig normalen innerhalb einer völlig sinnentleerten Gesellschaft zu sein scheinen.

Francois Verhalten ist stets nachvollziehbar, nie überspannt Veber den Bogen ins Unglaubwürdige, es geht ihm aber auch nie darum dass man als Zuschauer stets zu Francois Taten steht. Dieser ist nun einmal eine Figur mit Ecken und Kanten, und gute Absichten vermischen sich mit persönlichen Rachegefühlen. Aus einer Abhängigkeit wird eine politische Strategie für die er den Sohn des Chefs gewissenlos einspannt. Seine Beziehung zu dem Jungen ist nicht frei von Sympathie. Es entsteht, ganz im Gegenteil, ansonsten sogar eine richtig respektvolle Vater-Sohn-Beziehung zwischen den beiden (und dies emotional nachvollziehbar wachsend ohne manipulierenden Kitsch zu benötigen). Somit spiegelt sich auch in der Hauptfigur das Leben wieder, in all ihrer facettenhaften Reichhaltigkeit. Mitgefühl und das Ausnutzen der Person für die man echte Gefühle hegt stehen in einer erwachsenen Welt nun einmal nicht im Widerspruch.

Und „Das Spielzeug“ ist in seiner Ehrlichkeit und in seiner Konsequenz ein erwachsenes Werk, welches unsere Gesellschaft kritisch unter die Lupe nimmt und dabei zwar hauptsächlich auf die reiche Oberschicht einprügelt, jedoch nicht einzig auf sie allein. Was als albern klingende Posse beginnt und in einer vor Kitsch nur so triefenden Soße hätte enden können, wird zu einer gut beobachtenden Satire, in welcher auf ganz typisch unverkrampfte französische Art auch die Gefühle nicht zu kurz kommen, in einer Inszenierung die sowohl für ihre ernsten Anliegen als auch für den Humorbereich genügend Platz findet, in einem harmonisch einander beeinflussendem Gleichgewicht, welches nicht nur nicht von Pierre Richards gelegentlich eingestreuten Klamaukeinlagen gestört wird, sondern förderlich für die Grundhaltung des kompletten Streifens wird.  OFDb

P.S.: Von der Ami-Neuverfilmung „Der Spielgefährte“ sollte man übrigens unbedingt die Finger lassen, ertrinkt es doch in Kitsch und unpassendem Klamauk, und wurde der eigentliche Kern der Geschichte von den Remake-Verantwortlichen doch überhaupt nicht erkannt.

05.12.2015

DER GROSSE BLONDE MIT DEM SCHWARZEN SCHUH (1972)

Pierre Richard hatte schon so manche Komödie wie „Der Zerstreute" in seiner Stammrolle als Trottel abgedreht, aber erst mit „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“ gelang dem wohl talentiertesten Komiker dieser Stilrichtung der internationale Durchbruch, letztendlich mit einem Film der zwar viel aufgrund seiner genial inszenierten Tolpatschigkeit lebt, dies aber auf der Grundlage eines sehr geglückten Drehbuches. „Le grand blond avec une chaussure noire“ (Originaltitel) dürfte wohl die erste von mittlerweile vielen Komödien sein, in welcher wer Ahnungsloses für einen Agenten gehalten wird und damit zum (Anti)Helden der Geschichte wird. Allein diese Grundlage ist Gold wert, und dank der ruhigen Art, mit welcher Regisseur Yves Robert den Streifen umsetzte, ist daraus mehr als die schnelle Klamauknummer geworden.

Künstlerisch wertvoll mit einem von George Zamfir gespielten Soundtrack von Vladimir Cosma untermalt entfacht Robert eine Stimmung die sich sehen lassen kann. Ob düster, dramatisch oder bedrohlich, immer schwebt eine Ironie im Sound bezogen auf das Szenario, was zu einer beeindruckenden Wirkung führt. Bereits vor dem relativ späten Auftauchen Pierre Richards ist das Treiben im Film belustigt zu verfolgen, aber wenn der blonde Meister ins Rampenlicht tritt geht es erst richtig los, vergleichbar mit der Operettenverfilmung "Die Sittenstrolche" von Laurel und Hardy. Von da an darf hemmungslos gelacht werden über den Mann, der die Körperkomik so wundervoll beherrscht, dass es eine Freude ist dem Langbeinigen bei dem Chaos was er anrichtet zuzusehen.

Im Vergleich zu späteren Werken wie „Ein Tolpatsch kommt selten allein“ und „Der Tolpatsch mit dem sechsten Sinn“ hält man sich zwar noch ein wenig mit solchen Szenen zurück, aber das ist in diesem Falle eine positive Sache, steht doch die Geschichte im Vordergrund, und die bleibt stets durchdacht. Die Witze sind perfekt gesetzt und gehen nie auf Kosten der Glaubwürdigkeit, selbst dann wenn sich im Finale die Leichen stapeln.

Vom Drehbuch eingestreute Witzigkeiten, die man fast schon Banalitäten nennen könnte, werden zum Herzstück des Streifens. Ob Pierre Richard aufgrund eines Irrtums Seifenblasen spuckt, mit einem Dudelsack zu kämpfen hat oder wie ein Amateur Ruderboot fährt, die Lacher sind auf seiner Seite, spätestens aufgrund der anderen Perspektive, wird er von den Leuten die ihn ausspionieren doch für die perfekte Tarnung eines Geheimagenten gehalten, und diese Konfrontation zweier Blickwinkel hat es in ihrer Wirkung in sich.

In einem wunderbar besetzten Film tobt sich Richard mit sichtlicher Freude aus, z.B. dann wenn er (privat wahrscheinlich unmusikalisch) auf einer Geige einfach drauf los spielen darf, um das Geschraddel als moderne Komposition zu verkaufen, wohl die einzige Szene die dann doch an der Glaubwürdigkeit nagt, aufgrund ihrer comichaften Übertreibung und der Treffsicherheit des Witzes jedoch keinesfalls negativ auffällt. Ein Trottel inmitten von Geheimdienst-Klischees, das ganze angereichert mit der Eifersuchtsstorie eines armen Tropfes, der aufgrund der unglücklichen Umstände glaubt den Verstand zu verlieren, das ist eine Kombination die zu funktionieren weiß, zumal sämtliche Geheimdienstmitarbeiter, und mögen sie noch so auf Comicfigur zurecht gemacht sein, so ernst spielen als würden sie sich in einem Agenten-Thriller befinden. Das unterstützt das trottelige Spiel Richards um so mehr.

Der darf als wohl einziger Trottel der Filmgeschichte mit sexuellem Trieb nach einer endlosen Tortur an Peinlichkeiten auch mit einer blonden Hübschen vögeln („endlich bumsen sie“), die er im Laufe des Filmes allein aufgrund seiner Talente im Bett an sich gebunden bekommt, was schon fast einer Superhelden-Gabe gleicht. Wenn schon sexuelle Ausnahme in einem sonst so a-sexuellen Komikbereich, dann auch richtig! Dementsprechend werden einige der großen Pointen auch aus dem amourösen Bereich geerntet, z.B. dann wenn Richard seiner Geliebten den Hengst machen darf, während der Geheimdienst in einem Lieferwagen mithören darf.

Eine niveauvolle Umsetzung, in welcher einzig Profis am Werk waren, trifft auf verspielt albernen Humor. Das ist der Mix den ich an „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“ so unglaublich liebe, und so toll viele seiner anderen Filme auch ausgefallen sind, an das Niveau dieser Komödie kam keiner seiner anderen Filme mehr heran, mit Ausnahme von „Das Spielzeug“, in welchem Richard jedoch ausnahmsweise einmal keinen Tolpatsch spielte.  OFDb

10.11.2015

DER GROSSE BLONDE KANN'S NICHT LASSEN (2009)

Mit „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“ wurde Pierre Richard einst in Deutschland berühmt, und seit dem müssen Titel seiner Werke hierzulande immer wieder auf diesen Erfolg anspielen, selbst 37 Jahre nach dem berühmten Spionagefilm. Der Blonde ist nun grau geworden, und mit den beiden echten Filmen um den großen Blonden hat „Der große Blonde kann‘s nicht lassen“ freilich überhaupt nichts mehr am Hut, deswegen passen die Alternativtitel „Willkommen in Saint-Simone-du-Nord“ und „A Happy Man“ auch wesentlich besser, ganz besonders letztgenannter, zieht der Film doch einen Hauptteil seiner Komik daraus, dass dem ollen Pierre so gar nichts erschüttern kann, komme was wolle - meist verursacht vom Bürgermeister.

Als Gegenpart wird Pierre eine gereizte und verwöhnte erwachsene Tochter an die Seite geschrieben, und die versteht recht schnell was im ollen kanadischen Kaff tatsächlich läuft, während Pierre blauäugig an das Gute in jedem Menschen glaubt und auch den Bürgermeister gut leiden kann - eine Person die eigentlich niemand mag. Das mag nun in der Theorie auch alles recht witzig klingen, und eine Slapstick-Parade wie in den klassischen Pierre Richard-Komödien habe ich auch gar nicht erst erwartet, aber „Le bonheur de Pierre“ (Originaltitel) guckt sich weder lustig aufgrund des Zusammentreffens zweier Kulturen (ein Aspekt der so gut wie gar nicht beachtet wird), noch als angenehme Nachbarschafts-Kabbelei, die selbst ein schlichter „Im Dutzend billiger 2“ erreicht hat.

Es ist zwar schön Pierre Richard gealtert nach all den Jahren seiner filmischen Pause auf dem Bildschirm wieder zu sehen, aber so wirklich gefallen will mir der viel zu ereignislose „Der große Blonde kann‘s nicht lassen“ nicht, kommt er doch extremst brav daher und wartet man doch immer auf die wahrlich gemeinen Aktionen des Bürgermeisters und die lustigen Momente die er mit seinen Angriffsversuchen anrichtet. Ein „Funny Farm“ mit Chevy Chase war da wesentlich einfallsreicher, war auch humoristisch lauter gedacht, also keineswegs so wie der absichtlich stille Film von Regisseur Ménard.

Aber letztendlich schreitet diese französisch-kanadische Co-Produktion auch für eine stille Komödie viel zu langsam voran, während die ganz nette, geradezu klassische Hintergrundmusik einem immer wieder einreden will, dass das was man gerade sieht unglaublich lustig wäre. Dabei kommt man hier in der Regel nicht einmal zum Schmunzeln. Sicherlich kann man dem etwas müden Treiben folgen, das Ergebnis ist schließlich weder peinlich noch langweilig ausgefallen. Aber nach all den Jahren hatte ich mir von Pierre Richards Rückkehr etwas mehr erhofft, gerne etwas völlig anderes als das wofür er früher stand, aber etwas mehr als das was er hiermit abgeliefert hat.  OFDb

01.07.2015

DER REGENSCHIRMMÖRDER (1980)

Dass Lecomte in „Der Regenschirmmörder" mit einem echten Auftragskiller verwechselt werden kann und er auch lange danach noch nichts von diesem Irrtum merkt, funktioniert nur deshalb glaubwürdig, weil die Hauptfigur ein arroganter Charakter ist, der nur an sich selbst und seinen Vorteil denkt. Deswegen betrügt er auch  immer wieder seine Freundin, und lügt wie gedruckt, selbst nahestehenden Menschen gegenüber. Ein Happy End würde man ihm in einem regulären Film nicht wünschen, aber wir befinden uns in einer Pierre Richard-Komödie, und die folgt dem Gesetz dass wir uns stets bewusst sind, dass die Hauptrolle von dem sympathischen blonden Komiker gespielt wird. Und deshalb mögen wir die Arroganz die er an den Tag legt. Und hoffen dass er auf dem Weg zum Happy End möglichst viel Chaos anrichtet.

Hiermit hält sich Richard verhältnismäßig zurück, und wenn Slapstick auf dem Programm steht wird eine einzelne Szene auch nicht so ausschweifend zelebriert oder mit individuellem Touch versehen wie beispielsweise in „Der Tolpatsch mit dem sechsten Sinn“. Regisseur Oury, der zwei Jahre zuvor mit Richard „Der Sanfte mit den schnellen Beinen“ drehte und auch Dreherfahrungen mit Louis de Funès („Die Abenteuer des Rabbi Jacob“) und Jean-Paul Belmondo („Das As der Asse“) sammelte, konzentriert sich eher auf die Verwechslungsgeschichte, die eigentlich eine schlichtere Abwandlung des Hits „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“ ist, nur dass es diesmal um die andere Seite des Gesetzes geht, eine Verwechslung anstatt einer Intrige vorliegt und es somit ein Original gibt, dem der Auftrag weggeschnappt wurde.

Ein solcher Auftragskiller ist in einem solchen Film freilich eine Comicfigur voller Klischees, und damit schon im Ur-Zustand eine unangenehme Person. Dass sie aufgrund des weggeschnappten Auftrags und im weiteren Verlauf zudem durch die Opferrolle der von Lecomtes verursachten Unfälle erst recht zu einer hasserfüllten nach Rache lechzenden Figur wird, ist nahe liegend. Und da hat man rein äußerlich schon ein faszinierendes Schurkengesicht gecastet, welches keine Klischeewünsche offen lässt. Vieles an Komik in „Die Regenschirmmörder“ (Alternativtitel) funktioniert allein aufgrund des Aussehens des wahren Killers.

Ohnehin verlässt man sich hauptsächlich auf die Besetzung. Gert Fröbe darf einen herrlichen Fiesling spielen, der wiederum einen indischen Beschützer hat der jedes humorlose Klischee eines mörderischen Dieners verkörpert. Lecomte wiederum hat einen Agenten an seiner Seite, der den naiven Part aller Beteiligten übernehmen darf, und dann gibt es in Zentrum freilich Lecomte selbst, der ein zu Unfällen neigender Egomane ist. Lediglich die weiblichen Rollen kommen etwas schlecht weg, erfüllen lediglich den Part der eifersüchtigen Zicke und des oberflächlichen Mädels das sich nach mehr Luxus sehnt. Aber auf den männlichen Part kann Gérard Oury wahrlich zählen, und das ist sein Glück, denn damit erreicht „Die Sache mit dem Regenschirm“ (Alternativtitel) die Ziellinie ohne den Zuschauer gelangweilt oder enttäuscht zu haben, obwohl der Slapstick wie bereits erwähnt nicht erste Sahne ist und obwohl die Geschichte nicht gerade vor Innovation sprüht.

Zu funktionieren weiß sie allerdings dennoch, sind die Verwechslungen und Missgeschicke inmitten einer mörderischen Verbrecherwelt doch recht heftig und Oury schäfft es ähnlich wie Bill Murray später in „Agent Null Null Nix“ den Helden fast bis zum Schluss von allem keine Ahnung haben zu lassen. Und wird ihm dies dann doch mal bewusst, dann begreift der Autor der Geschichte endlich einmal das, was man bei anderen Filmen mit Schauspielern im Vordergrund sonst vermisst, nämlich die Feststellung von Profis, dass das gerade Erlebte sich doch wunderbar für einen Film eignen würde.

Für eine Komödie, bei der man nicht wirklich wüsste wie man sie nach all dem Chaos und den vielen Toten enden lassen sollte, bietet sich ein solcher Ausweg wunderbar an. Man schließt mit einer solchen Idee humoristisch, ohne in Erklärnot zu verfallen, obwohl es da sicherlich noch viel Redebedarf gegeben hätte, vorausgesetzt man hätte einen regulären Kriminalfilm anstatt einer Pierre Richard-Komödie gesichtet.  OFDb

28.06.2015

DER TOLPATSCH MIT DEM SECHSTEN SINN (1975)

„Der Tolpatsch mit dem sechsten Sinn“ mag nicht die erzählenswerte Geschichte eines „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“, „Das Spielzeug“ oder „Ein Tolpatsch kommt selten allein“ haben, aber er guckt sich dennoch höchst amüsant, ist die Alibihandlung doch lediglich dafür gedacht Pierre Richard Raum und Möglichkeiten zu geben seinen grandiosen Slapstick auszutoben. Wer konnte dies seinerzeit besser als der langbeinige Blonde mit dem wirren Haar und dem naiven Blick? Pierre Richard legt los, und dies in einer solch überzogenen, teils weltfremden, Art, dass die Gags schon ein wenig an die alte Dick und Doof-Zeit erinnern.

Da schreit der gute Mann gefesselt mit einem Stück Klebeband geknebelt derart los, dass sich eine Kaugummi-artige Blase am Klebeband bildet. Kurz darauf rast der noch immer gefesselte Pierre auf dem Stuhl an dem er festgebunden ist eine Treppe herunter, und bekommt kaum dass er damit auf der Straße gelandet ist, jede Menge Kleingeld zugeworfen, da die Masse glaubt einem Entfesslungs-Straßenkünstler zuzusehen. Da der Franzose sich zu diesem Zeitpunkt in England befindet, braucht er aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse aller Beteiligten ein Verständnis der tatsächlichen Situation nicht zu erhoffen.

Dies ist nur ein Paradebeispiel einer Reihe bizarrer und völlig überzogener Situationen, in denen Richard nach Lust und Laune herumalbern darf. Ob er sich mit einer Kloschüssel am Fuß durch die Bank bewegen muss, oder sich während eines Brandes in einer Badewanne im ersten Stockwerk verstecken muss, nur um nach dem Feuer festzustellen, dass das Haus komplett niedergebrannt ist und er in besagter Badewanne gefangen ist, die aufgrund der noch bestehenden Wasserrohre in der Luft „schwebt“ - an kaputten Situationen mangelt es nicht, und da auch die Darsteller um Pierre Richard herum gut aufgelegt sind, macht das auch die komplette Laufzeit über Spaß zu schauen. Gerade das Finale gleicht einem Paukenschlag des Schenkelklopfens, wenn der Tolpatsch auf einer Bühne erst so richtig loslegen darf und das Publikum glaubt gerade eine einstudierte Comedy-Show zu sehen. Herrlich!

„Der Tolpatsch mit dem 6. Sinn“ beginnt zunächst noch relativ harmlos und konzentriert sich anfangs eher auf die wackelige Partnerschaft Pierres zu einer zickigen Frau, die den langweiligen Banker am liebsten absägen würde. Was sich erst ein wenig zu bemüht und aufgrund der Klischee-haften Geschlechterteilung auch zu überholt und altbacken schaut, wird im späteren Verlauf jedoch ein lustiges Happening, in welchem beide beweisen dürfen, wie gut sie vor der Kamera harmonieren, gerade im Komikbereich. Etwas flotter kommen im ersten Drittel die herrlich peinlichen Szenen daher, in welchen es Pierre stets mit dem Kommissar zu tun bekommt, so dass dieser mit der Zeit ganz gesondert ein Auge auf den Bankangestellten wirft.

Merkwürdiger Weise bekommt der es im weiteren Verlauf der Handlung eher mit der Lebensgefährtin Pierres zu tun als mit dem Tolpatsch selbst. Und je mehr sich die Geschichte dem Ende neigt, desto bedeutungsloser wird der Gesetzeshüter. Hier wird der dünne rote Faden des Streifens zum Vorteil. Aufgrund der Alibi-Handlung erwartet man nicht wirklich etwas von ihr sondern genießt lediglich jeweils den Moment. In einer besseren Geschichte wäre diese Missachtung des Parallelstrangs ärgerlich gewesen.

Es verwundert ohnehin, immerhin hat Regisseur Claude Zidi, der mit Richard ein Jahr zuvor „Der lange Blonde mit den roten Haaren“ gedreht hat und auch für Louis de Funès besten Streich „Brust oder Keule“ verantwortlich war, einzelne höchst chaotische und unübersichtliche Szenen bestens im Griff. Das komplette chaotische Szenario der Transen-Party in einem Zug, welches zig Parallel-Ereignisse aufweist die fast zeitgleich passieren, ist hervorragend erzählt. Dort beweist sich Zidi allein dadurch dass er den Überblick behält als gekonnter Geschichtenerzähler. Da darf der Verwurf der Bedeutung der Kommissarenrolle gegen Ende schon verwundern.

Aber wie bereits erwähnt schmälert dies nicht den Sehspaß dieses wundervollen Streifens, der das Maximum an Slapstickmöglichkeit aus dem Nichts an Story herauszuholen weiß und einige lustige Running Gags vorzuweisen hat. Gegen Ende dürfen sogar ernstere Töne mit einem Hauch Gesellschaftskritik leicht anklingen, wenn sich das Aufopfern für die Arbeit für einen kleinen Angestellten nicht lohnt, da es ihm der Arbeitgeber nicht dankt. An dieser Thematik ist bis heute nichts veraltet, und gerade mit dem aktuell so kritischen Blick aufs Bankengeschäft weiß ein solcher Seitenhieb erst recht zu gefallen - auch wenn, das muss man fairer Weise sagen, im hier vorliegenden Fall Pierre Vidal die Bankenkrise ist.  OFDb

12.05.2015

ZWEI IRRE TYPEN AUF DER FLUCHT (1986)

Mit seiner Komödie „Ein Tolpatsch kommt selten allein“ landete der Regisseur Francis Veber einen kleinen Hit, an dem die großartige Hauptdarsteller-Kombination aus Pierre Richard und Gérard Depardieu einen guten Anteil hatte. Zwei Jahre später folgte „Zwei irre Spaßvögel“ mit einer einfallsloseren Geschichte, aber einem ähnlichen Humorschwerpunkt. Als sich das Team drei weitere Jahre später noch einmal für „Zwei irre Typen auf der Flucht“ zum letzten Mal zusammen tat, sollte der Schwerpunkt ein anderer werden. Das Genre der Komödie behielt man selbstverständlich bei, aber der dritte Streich sollte ein herzlicher Film werden, dessen Komik eher seicht und zurückhaltend daher kommt.

Im Gegensatz zum Vorgänger hat „Die Flüchtigen“ (Alternativtitel) wieder eine bessere Geschichte zu bieten. Und zum Einstieg der Ereignisse darf Pierre Richard noch so wunderbar herumalbern wie es typisch für ihn ist. Anfangs verläuft alles noch eher sprudelnd komisch und mit Sinn für die großen Lacher. Dies ändert sich erst sprungartig, wenn die kleine, stumme Tochter Pignons ins Geschehen tritt und zur dritten Hauptfigur des Streifens wird. Veber verlässt sich voll und ganz auf ihre Ausstrahlung, setzt auf die Komikbremse ohne den Humor komplett abzuwürgen und erzählt die Geschichte zweier Männer, die sich um ein hilfloses Kind kümmern müssen. Der Vater ist überfordert ohne Lucas, der mit den Verbrecher-Problemen Pignons bereits weitreichend Erfahrung hat.

Herzlich soll der Film gemeint sein und wie gesagt verlässt sich der Regisseur auf die Wirkung seiner kleinen Hauptdarstellerin. Das ist eine gewagte Sache. Aber was soll man sagen? Er landet damit einen Treffer. Man muss schon ein Herz aus Stahl besitzen um nicht hin und weg von Pignons Tochter zu sein. Mit ihrem ersten Blick Richtung Kamera erobert sie die Herzen des Publikums, und die Rechnung geht auf.

Dass „Les Fugitifs“ (Originaltitel) nie zum reinen Sozialkitsch verkommt, verdankt er den für das Europakino typisch ungeschliffenen Charakteren, die nichts verschönern und nicht zu sehr in Klischees abrutschen, aber auch der bewährten Humorchemie der beiden erwachsenen Hauptdarsteller, die wieder einmal in ruppiger Typ und Trottel getrennt werden. Auch weit zurückgeschraubt weiß Pierre Richard noch immer als Tolpatsch zu begeistern, während der schauspielerisch etwas talentiertere Dépardieu glaubhaft vom Egomanen zum treusorgenden Ersatzvater mutiert.

Es sind glaubwürdige Gefühle, die den Film tragen und die manche Wendung der Geschichte erst zur nachvollziehbaren Realität werden lassen. Wer ethisch nicht mithält wird sich wundern warum Lucas tut was er tut. Wer sich in die Gefühlswelt der Protagonisten einfühlen kann, was wie gesagt nicht schwer fällt, der versteht die Figuren und weiß warum Lucas ein Risiko nach dem nächsten eingeht, das er nicht eingehen müsste. Und bis es überhaupt zu der zentralen Dreierkonstellation kommt, sorgt ein gut geschriebenes Drehbuch dafür, dass der Weg zur Vater-Vater-Kind-Situation glaubwürdig vonstatten geht, was nicht ganz so einfach ist, so leicht es doch für den Profi-Bankräuber wäre den Laien zu überrumpeln und damit aufzuklären, dass er diesmal unschuldig ist.

Sicherlich werden die meisten Zuschauer ein höheres Gag-Potential erwartet haben. Und zunächst bekommen sie dies aufgrund der lustigen Ausgangslage und der herrlich komischen Darstellung der beiden Helden auch serviert. Aber wenn „Zwei irre Typen auf der Flucht“ nach dem ersten Drittel ruhiger wird und auf sentimentale Momente setzt, ist man ihm auch gar nicht bös dafür, erzählt er doch weiterhin eine wunderschöne Geschichte mit humorvollem Grundton im typisch europäischen Stil, der keine verschönte Welt präsentiert, wie es typisch für eine gefühlvolle US-Komödie wäre, sondern eine Flucht mit Ecken und Kanten zeigt, in der Richtig und Falsch ineinander zerfließen ohne mit der Moralkeule zu hantieren. Vebers dritter und letzter Film mit den beiden so kompatibel agierenden Schauspielern weiß bestens zu funktionieren. Und wenn man wieder etwas lustigeres sehen möchte guckt man einfach noch einmal „Ein Tolpatsch kommt selten allein“ an. Es ist schön mit anzusehen, dass das Trio seine vorherigen Erfolgsfilme nicht einfach nur kopiert hat, sondern mit dem hier besprochenem Streifen etwas eigenständiges abgeliefert hat.  OFDb

10.05.2015

EIN TOLPATSCH KOMMT SELTEN ALLEIN (1981)

Pierre Richard! Ich finde es immer schade dass er im Schatten der Prominenz von Louis de Funès gerne unter geht, dabei ist er ein solch talentierter Komiker und Mime und Filme wie „Das Spielzeug“ und „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“ großartige Komödien mit tiefgründigem Klamauk, die man gesehen haben sollte. An der Seite von Gérard Depardieu wirkt er aufgrund des Kontrasts noch stärker. Das zeigt nicht nur der höchst amüsante „Zwei irre Typen auf der Flucht“, sondern auch der hier besprochene „Ein Tolpatsch kommt selten allein“, den die meisten eher unter dem Titel „Der Hornochse und sein Zugpferd“ kennen und der einer wahrlich göttlichen Idee für das Genre der Komödie nachgeht.

Ein Tolpatsch wird in die Ermittlungen einer Vermisstensuche eingespannt, weil die Gesuchte selbst ein Tolpatsch ist, in der Hoffnung dass seine Missgeschicke den für den Fall verantwortlichen Detektiv auf die Fährte des gesuchten Unglücksraben führen. Dieser Detektiv ist knallharter Realist und hält überhaupt nichts von der fixen Idee seines Auftraggebers. Und seine Laune wird nicht gerade besser durch den Umstand, dass der Pechvogel im Glauben gelassen wird er würde die Mission leiten anstatt der Detektiv.

Da kommt einiges zusammen: talentierte Mimen in ihren Paraderollen, eine Grundidee, die man wohl als Selbstläufer betrachten darf, ein überraschend zurückhaltender, harmonischer Soundtrack von Vladimir Cosma, eine exotische Kulisse und ein Drehbuch, das sich trotz der chaotischen Grundlage nicht komplett in Albernheiten stürzt, sondern mit den Charakteren und der Situation stets mit Respekt umgeht. „Der Pechvogel“ (Alternativtitel) soll eine Geschichte erzählen anstatt zur Zotenparade zu verkommen, und so sehr sich der Film auch eher von Episode zu Episode hangelt anstatt wie ein Ganzes zu wirken, ein roter Faden ist dennoch vorhanden.

„La Chèvre“ (Originaltitel) lebt davon die Komik hauptsächlich aus den Charakteren zu ziehen anstatt aus den unglücklichen Situationen in die sie hinein geraten. Aus der Perspektive von Depardieus Rolle betrachtet dürfen wir fassungslos dabei zusehen, dass Perrin scheinbar tatsächlich ein Pechvogel ist, den das Glück für immer verlassen zu haben scheint. Diese Tatsache ist ein Unding für den Realisten Campana, der an Glück und Pech nicht glauben will, sich in seinen schwachen Momenten aber trotzdem auf die Idee einlässt. Da wird auch mal absichtlich das Pech Perrins herausgefordert oder im kurzen Glauben an den Sinn des Experiments sich auf dessen Instinkt eingelassen, und während Campana sich mit dem Akzeptieren der Realität schwer tut bemerkt er wie seine eigene Unglückswelle zu wachsen beginnt, während Perrin sich zum ersten Mal in seinem Leben aufgrund der ihm aufgetragenen Verantwortung großartig fühlt.

Er bleibt trotzdem ein Pechvogel, und Depardieus Rolle wird nicht gegen die von Pierre Richard ausgetauscht. Das Ziel ist also keineswegs so angelegt wie das aus „Was ist mit Bob?“. Aber Tendenzen in diese Richtung sind zu beobachten, denen Regisseur Francis Veber, der für alle drei Filme mit dem Duo Depardieu und Richard verantwortlich war, glücklicher Weise jedoch nicht in letzter Konsequenz nachgibt. Das wäre auch unschön, wäre es doch allein schon um das urkomische Schlussbild des Streifens schade, wenn man hier einen falschen Weg eingeschlagen hätte.

„Ein Tolpatsch kommt selten allein“ ist das Reinschalten wert. Man wird wirklich köstlich unterhalten. Allerdings sollte man zu der fürs Fernsehen damals neu entstandenen Alternativvertonung zurückgreifen, die auf der von Concord herausgebrachten DVD ebenfalls vorhanden ist, wenn man den Film auf deutsch sehen möchte. Die ist inhaltlich sinnvoller ausgefallen, wohingegen die deutschsprachige Kinofassung allerhand Albernheiten und Sinnlosigkeiten als Humor-Doping beinhaltet, welche die von Natur aus humorvolle Geschichte überhaupt nicht nötig hat. Wo diverse Bud Spencer-Filme von den herrlich schrägen Synchronfassungen Deutschlands profitieren, sollte man sich bei „Der Hornochse und sein Zugpferd“ doch lieber auf das verlassen, was tatsächlich von Francis Veber gewollt war. Jemandem der den tiefgründigen „Das Spielzeug“ inszeniert hat (mein persönlich liebster Pierre Richard) kann man da ruhig vertrauen.  OFDb