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09.08.2024

DARF ICH SIE ZUR MUTTER MACHEN? (1969)

Da er als Alleinerziehender und durch seine ungewöhnliche Art das Jugendamt auf sich aufmerksam macht, muss Student Ulrich binnen sechs Wochen eine Frau finden, die ihn heiratet, damit er seinen Sohn nicht ans Heim verliert...

Königsberger Klopse...

Der erste Spielfilm Hallervordens ist zudem der Beginn einer längeren gemeinsamen cineastischen Reise mit Ralf Gregan, mit dem er u.a. auch "Eine Nervensäge gegen alle", "Mein Gott, Willie" und "Alles im Eimer" drehte. Obwohl es von der Charakterzeichnung her gepasst hätte, steht ihm nicht, im Gegensatz zu den beiden letztgenannten Filmen, Synchronlegende Rainer Brandt zur Seite, wäre die Rolle des besten Freundes, der Ulrich mit schlechten Tipps und Tricks nur noch mehr in die Misere reißt, doch geradezu typisch für ihn in dieser Konstellation gewesen. Zur Unterstützung der Authentizität inmitten einer Komödie, die auch auf Klamauk und surreale Momente nicht verzichtet, steht Dieter Hallervorden sein eigener Sohn als das Kind des Studenten beiseite. Die Harmonie zwischen beiden stimmt, sie wirkt nicht sozialromantisch aufgesetzt wie das Erwachsene/Kind-Gespann später in "Der Experte". Und da die Geschichte trotz der Problematik mit dem Jugendamt eher locker und unverkrampft, manchmal sogar provokativ, daher kommt, schwingt der dramatische und moralische Aspekt, der in einem Rühmann-Film wie "Der Lügner" auch in einer Komödie dominanter im Raum stünde, hier stattdessen als Störelement mit, welches der freien Entfaltung des Individuums Ulrich und der Partnerschaft mit seinem Sohn im Weg steht. 

Und dies passt zur grundsätzlichen liberalen Haltung des Schauspielers, so dass die hier gelebte Alltäglichkeit, mittlerweile leider antiquiert wirkt. Damals modern, heute aufgrund von Fehlentwicklungen in der Gesellschaft eher verpönt, oder zumindest kritisch betrachtet (auch bezüglich der Kindernacktheit), ist "Mehrmals täglich" (Alternativtitel) ein Plädoyer für Eigenständigkeit, Selbstverantwortung und Individualität, sowie, ähnlich wie "Pippi Langstrumpf", ein Lehrstück gegen das zu extreme Eingreifen staatlicher Institutionen, und dies ohne die Verwahrlosung von Kindern zu blauäugig zu sehen oder den Freiheitsaspekt auf anarchische Art zu übertreiben. Ulrich ist tatsächlich nur ein Opfer blöder Umstände und übler Vorurteile. Ein phantasievoller Mensch lebt inmitten von Tunnelblickdenkern. Und dann gibt es da noch die freundliche, jüngere Mitarbeiterin im Amt, die (nicht schwer zu erkennen) zur Love Interest nach all der Suche wird. Gespielt wird sie von Rotraud Schindler, die privat, wie im Fernsehen, zu einer langjährigen Partnerin für Hallervorden werden sollte. Dementsprechend stimmt auch hier die Chemie. 

Dennoch ist der in Schwarz/Weiß gehaltene Film manchmal etwas sperrig inszeniert, schafft es aber immer wieder aus einer beinah erreichten Eintönigkeit heraus mit Besonderheiten, die den Routinestoff aufrütteln. Wenn Hallervorden echte Passantinnen, anstatt Schauspielerinnen, auf der Straße anspricht, ob sie einen Mann suchen, wirkt dies durch die plötzliche Konfrontation mit Unvorbereiteten wie die Vorlage für Wigald Bonings Interviews in seinen "RTL Samstag Nacht"-News-Scherzen. Ein völlig verblödetes Gesichtsfoto Hallervordens inmitten einer eigentlich ernsten Situation, die groteske Traumsequenz im Finale (die sich erst innerhalb ihres zuspitzenden Verlaufs als eine solche entpuppt und in ihrer Machart an die Fortsetzungs-Filmchen der erst später entstandenen TV-Show "Nonstop Nonsens" erinnert), sowie manch schräger Dialog in Verabredungen mit möglichen Kandidatinnen, heben sich neben der gewagten Charakterzeichnung Hallervordens deutlich von themenähnlichen Stoffen, wie jene aus dem Hause Rühmann, ab und verleihen dem Werk, das schlichtweg nur unterhalten möchte, den nötigen Pepp. 

Allerdings zeigt sich im zu ereignisreichen Finale bereits hier der sich wiederholende Fehler sämtlicher, auch mir liebgewonnener, Hallervorden-Filme: gegen Ende wird zu viel auf Aktionskomik gesetzt, Stunts, wilde Situationen werden gegen das ausgetauscht, was den Charme und die Komik der Filme ansonsten ausmacht. Dabei haben diese Werke diese Sehwerte alle nicht nötig, so gut wie sie zuvor funktionieren. "Darf ich Sie zur Mutter machen?" besitzt die enorme Stärke späterer Filme des talentierten Mimen aber ohnehin noch nicht. Er plätschert eher sanft vor sich hin, nicht uncharmant, nicht ohne kreative Elemente und Wege der Eigenständigkeit, aber eben doch noch eher Übungsfeld auf der Suche nach einem eigenen Stil. Zumindest ist das Ergebnis nicht nur theoretisch interessant, sondern weiß außerdem zu unterhalten und neugierig für den Fortlauf seiner Geschichte zu machen.  Wiki

28.08.2016

ALLES IM EIMER (1981)

Ein Jahr nach ihrem wunderbaren „Mein Gott, Willi“ drehten Regisseur Ralf Gregan und Hauptdarsteller Dieter Hallervorden zusammen mit einigen anderen Mitwirkenden besagten Streifens ihre nächste gemeinsame Komödie. „Alles im Eimer“ mag nicht eine solch ganz runde Nummer wie der Vorgänger sein, dessen Kritikpunkt etwas zu Sketch-artig ausgefallen zu sein muss sich auch der Nachfolger gefallen lassen, aber ein sympathisches Stück Unfug ist der hier besprochene Film trotzdem geworden.

Zwar darf es überraschen, dass sich die Autoren nicht auf der in der Inhaltsangabe erwähnten Idee ausgeruht haben, wie es manch andere Filmschaffende taten, sondern stattdessen immer neue Wendungen und Ereignisse das Chaos regieren lassen, womit man sich gelegentlich übernimmt und auch den Zuschauer manches Mal ein wenig aufgrund des sich auftuenden hektischen Szenarios überfordert, da man aber schnell erkennt dass hier lediglich ein Theaterstück, oder zumindest das Prinzip eines Theaterstückes, auf das Medium Spielfilm übertragen wurde, versteht man schließlich auch warum die Autoren so vorgegangen sind.

Mag „Alles im Eimer“ auch manches Mal etwas wirr wirken und kurzfristig auch mal auf der Stelle treten, so verzeiht man dem Streifen solche Schwächen doch gern, ist er doch mit einigen liebgewonnenen deutschen Schauspielern charmant besetzt, und da weiß die gut aufeinander abgespielte Bande manche Hürde gekonnt zu überwinden. Ebenso weiß Dieter Hallervordens Blödelkunst so einiges zu retten. Was er hier an mal extremen und mal subtileren Grimassen wirksam zu witzeln weiß, weiß den Liebhaber seiner frühen Stücke zu gefallen, zumal der lange Zeit unterschätzte Schauspieler, wie in all seinen Werken, dabei stets seine Würde bewahrt und sich nie komplett zum Affen macht.

Die Qualität des Vorgängers und freilich auch der drei großen Komödien Didis, „Didi - Der Doppelgänger“, „Didi und die Rache der Enterbten", sowie „Der Experte“, weiß das schlichte Lustspiel nicht zu erreichen. Während aber andere frühe Werke wie „Ach du lieber Harry“ und „Der Schnüffler“ sich der Komik Hallervordens noch nicht ganz sicher schienen und dementsprechend nicht durchgängig unterhaltsam ausgefallen sind, finden sich diese Schwachpunkte im hier besprochenen Streifen überhaupt nicht. Die Komik ist ebenso treffsicher auf Didi abgestimmt wie der hier verkörperte Personentyp, und zu unterhalten weiß diese chaotische Aneinanderreihung schräger Situationen durchaus.

Nach 95 Minuten ist man dennoch ganz froh dass doch mal Schluss ist, immerhin erfordert der Film einiges an Nerven vom Zuschauer ab, wenn man mit dem sympathischen Chaoten mitfiebert sobald sich wieder ein neuer Abgrund auftut, der überwunden werden muss. Das zeigt aber auch wie eng man am Leiden der Hauptfigur gebunden ist und wie sehr man mitfiebert, egal wie realitätsfern das ganze Szenario aufgrund immer weiterer Übertreibungen auch manches Mal scheinen mag. Was für Pierre Richard „Der große Blonde auf Freiersfüßen“ war, das war für Hallervorden „Alles im Eimer“: ein Theaterstück voller Verwechslungen, Tolpatschigkeiten und überraschender Wendungen. Manche etwas zu anstrengende Länge ist mit dem nächsten Lacher wieder wie weggebügelt.  OFDb

01.12.2012

MEIN GOTT, WILLI! - DIE SELTSAME KARRIERE DES HERRN GIMMEL (1980)

Willi ist ein erfolgloser Mann. Im mittleren Alter wohnt er noch immer bei seiner dominanten Mutter, im Theater steht er im Sofleur-Kasten statt auf der Bühne. Kurz bevor er unkündbar wird, verliert er auch diesen Job. Doch Willi ergattert sich einen neuen: in einem großen Kaufhaus soll er den Blitzableiter für unzufriedene Kunden mimen, indem er sich für den Leiter der jeweils betroffenen Abteilung ausgibt...

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Dieter Hallervorden ist ein Mann, der in der Presse gerne auf seinen Klamauk reduziert wird, so als sei er der geistlose Clown und nur wenig talentiert. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Hallervorden lebt für das Theater, bewies sein Können in unterschiedlichsten Filmen, mal ernst („Das Millionenspiel“), meist komödiantisch („Didi – Der Doppelgänger“), gerne aber auch satirisch („Alles Lüge“). Zur letzteren Thematik hatte er lange Zeit eine erfolgreiche TV-Reihe, ebenso erfolgreich moderierte er ein mal „Verstehen Sie Spaß?“. Er synchronisierte „Die Wombles“ und im Theater, sein heutiger Schwerpunkt, ist er nicht nur in schauspielerischer Hinsicht aktiv.

Hallervorden mimt gerne den kleinen Mann, und dass er den noch unsichtbaren Umbruch der 80er Jahre und ihre neue Mentalität und Ideologie schnell erkannt hat, spiegelt sich in den meisten seiner Filme wieder, wenn nicht sogar in allen. Wer Didi-Komödie als reinen Klamauk betrachtet, hat sie nicht verstanden, und das beweist selbst der TV-Film „Mein Gott, Willi!“, der einige Jahre vor dem Beginn Hallervordens relativ kurzer aber intensiver Kinokarriere entstand.

Zwar hat der Schauspieler fast nie aktiv an einem Drehbuch mitgearbeitet (der hier besprochene Streifen stellt eine Ausnahme da), aber die Stoffe wurden auf ihn zugeschnitten, und seine Rollenauswahl war stets davon geprägt still und versteckt Gesellschaftskritik auszuüben und eben nicht nur der zappelnde Clown zu sein.

Die Geschichte von „Mein Gott, Willi!“ nimmt einige Elemente von Loriots „Ödipussi“ vorweg, wenn auch nicht so feinsinnig umgesetzt. Auf den Aspekt der dominanten Mutter, des devoten Sohnes und dessen erster Liebeserfahrung konnte man hier auch nicht so zentral achten wie im Vergleichsfilm, ging der Hauptaspekt der Geschichte doch um die im Beititel erwähnte Karriere des Protagonisten. Und deren Verlauf, angefangen beim Theater steht für eine simple Aussage: arbeite als Schauspieler nie für die Industrie und den Kommerz, denn es macht Dich unglücklich.

Dies erfährt Willi zunächst in einem erfolgs- statt kunstorientierten Theater, dass einen arroganten Halbtalentierten zum Star eines jeden Stückes erkort. Selbiges erfährt Willi, wenn er für das Kaufhaus tätig ist und gegen statt für den Zuschauer schauspielerisch arbeitet. Das macht Willi selbst unglücklich und zudem psychisch kaputt, denn die Arbeit in der Industrie ist gnadenlos. Willi muss sich vom Kunden viel gefallen lassen, hat kein Ventil für seine eigene Wut, und im späteren Teil der Geschichte erlebt er zudem wie kurz eine Karriere in der Industrie sein kann.

Nach einem kurzen Höhenflug in der neuen Karriere, geht es schnell mit ihm bergab. Die Konkurrenz ist gnadenlos und kämpferisch, schnell wird Willi gegen wen ausgetauscht dem Ethik fremd ist und der die Kunst der Arschkriecherei perfekt beherrscht. Doch dieses Erwachen in der Realität ist das beste was Willi passieren konnte. Er ist kein Mann für den Kommerz, für das kühle, berechnende Geschäft, das dafür da ist Menschen zu täuschen und zu manipulieren. Er ist ein verkannter Schauspieler. Er ist Dieter Hallervorden.

Und der hat sich ebenso wie Loriot und Helge Schneider nie dem Kommerz hingegeben, ist immer nur Projekte angegangen, die ihm am Herzen lagen, und damit steht er nicht nur auf der anderen Seite von niveaulosen TV-Komikern wie Ralf Schmitz, Markus Maria Profitlich, Dirk Bach und Co, sondern leider auch von so talentierten Menschen wie Stefan Raab, Hape Kerkeling und Oliver Pocher. Auch wenn es nicht so scheint, so arbeiten doch all diese TV-Stars gegen statt für das Publikum. Sie arbeiten für die Industrie, den Kommerz, der Manipulation des Kunden, dem Zuschauer, anstatt für ihn, so wie es der Beruf des Schauspielers und Entertainers eigentlich sollte.

Eine gehörige Portion Klamauk und anderweitiger Albernheiten lenken gekonnt von diesem ernsten Grundthema ab, und wer in die Tiefen der Geschichte eines „Mein Gott, Willi“ schielt, erkennt in erster Linie leider meist nur die Konsumkritik im Einkaufsalltag, die unübersehbar angegangen wird und kaum das Niveau der tiefergehenden Thematik besitzt. Deswegen wird der TV-Film auch gerne als in seiner Kritik missglückt bezeichnet, weil er beim Ein- und Verkaufsthema nicht scharfzüngig genug ist und eine gute Ausgangslage an schlichten Humor verschenkt.

Ich bewundere das Talent Hallervordens und ich liebe seine besseren Filme, eben weil er es wagt Tiefsinn und Klamauk zu vereinen. Zu seinen Höhepunkten filmischen Schaffens gehört „Didi – Der Doppelgänger“, „Der Experte“ und „Didi und die Rache der Enterbten“. Ein wenig schlichter geraten, wohl aufgrund der TV-Herkunft, steht „Mein Gott, Willi!“ ein wenig weiter hinten an. Aber auch er ist zu empfehlen.

Ähnlich wie in Loriots Filmen ist die Sketchorientierung noch stark zu spüren, und das braucht nicht zu wundern, wo Hallervorden doch erst vor recht kurzer Zeit vor dem Werk um Herrn Gimmel mit der Sketch-Reihe „Nonstop Nonsens“ große Erfolge feierte. Erfolge, die er später mit der „Didi Show“ noch toppen sollte.

Seine TV-Schlichtheit sieht man dem Film an jeder Stelle an, der Witz ist jedoch, dass es nicht stört oder negativ arbeitet. Das liegt in erster Linie am hervorragenden Casting rund um Hallervorden. Die Mutter reißt fast jede Szene an sich, der Konkurrent auf der Arbeit ist ein häufiger Spielpartner Didis, eines Mannes, der Professionalität in seiner Arbeit schätzt, und deshalb am liebsten Menschen um sich scharrt, denen das jeweilige Projekt ebenso ernst ist wie ihm selbst.

Bis in die kleinste Rolle weiß jeder zu überzeugen, ob es der Psychologe ist, der Theaterstar, die zukünftige Geliebte Willis, bis hin zum maulenden Gaststättengast, der sarkastische Sprüche über Willis Thermoskanne auf den Zuschauer regnen lässt. Auch wer den Schauspieler hinter der Synchronstimme Bud Spencers einmal sehen möchte ist herzlich eingeladen, sich „Mein Gott, Willi!“ einmal anzugucken, einen Film der sicherlich albern, aber auch liebevoll umgesetzt ist.

„Mein Gott, Willi!“ bringt mich trotz seltener Ausrutscher in Peinlichkeiten immer wieder zum lachen. Seine Geschichte ist ebenso interessant wie die Figuren, der Witz treffend, die Besetzung geglückt und der ernste Hintergrund fein versteckt und nicht auf die Nase gedrückt. Kleiner Mann, bleib Deinen Prinzipien treu und verkaufe Dich nicht. Schön dass Hallervorden sich daran großteils gehalten hat und sich somit einen Platz neben den Größen Loriot und Helge Schneider gesichert hat.  OFDb