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20.08.2020

DER SCHWANZ DES SKORPIONS (1971)

Das Spiel mit knalligen Farben fällt in "Der Schwanz des Skorpions" direkt als erstes auf, wenn die im Zentrum stehende Figur mit einem auffällig roten Hut unterwegs ist. Solch schlichte, aber wirksame, optische Sehenswürdigkeiten bietet der interessant abgefilmte Giallo konsequent, und das lässt ihn ein wenig besser aussehen, als er ausgefallen ist. Im Gegensatz zu "Der Killer von Wien", der ebenfalls von Sergio Martino inszeniert wurde, ist "Der Schwanz des Scorpions" (Alternativtitel) sympathische Thriller-Routine, Durchschnitt bleibt er dennoch. Allerdings weiß das Buch den Zuschauer gekonnt an der Nase herumzuführen, man rätselt, trotz geringer Verdächtigenzahl, tatsächlich wer hier die ganzen jungen Frauen tötet und aus welchem Grund, der Diebstahl von einer Millionen US-Dollar scheint nicht der einzige Antrieb zu sein. Gekonnt baut man hierfür den von Argento bekannt gewordenen Kniff mit ein, dass die Hauptfigur irgend ein wichtiges Detail vergessen haben muss, welches des Rätsels Lösung bietet, und dies letztendlich nur, um den Zuschauer erneut herein zu legen. 

Im Gegensatz zu den meisten mir bekannten Gialli nutzt "La coda dello scorpione" (Originaltitel) die Arbeit der Polizei und Interpol als zentrale Ermittlung, auch wenn zwei andere Figuren als Identifikationshilfe dienen. Dies funktioniert trotz zu flacher Charakterzeichnung sogar recht gut, zumal Martino in der Präsenz der vermeintlichen Hauptfigur zu Beginn sich unverblümt, aber mit selbigem Überraschungseffekt, bei Alfred Hitchcocks "Psycho" bedient. Es ist beileibe nichts neu von dem was man hier zu sehen bekommt und nie wird es raffinierter, ein paar simple Bauerntricks haben zu reichen. Aber es unterhält genügsame Gemüter mit Faible für italienische Kriminalfilme dieser Zeit, und da es gelegentlich zudem spannend zugeht, ein Aspekt den manch ähnlicher Genre-Beitrag nicht bietet, und auch die Musikuntermalung stimmig ausgefallen ist, kann man bei geringen Erwartungen mit dem Sichten von Tail of the Scorpion" (Alternativtitel) nicht viel falsch machen. So unfreiwillig komisch wie Martinos "Torso" ist er nicht ausgefallen, ganz im Gegenteil, man kann den Streifen trotz des pflichtmäßig häufigen Anteils an Klischees ernst nehmen - vielleicht mit Ausnahme einiger doch arg plumpen Macho-Allüren der männlichen Hauptfigur.  OFDb

23.02.2019

DER KILLER VON WIEN (1971)

Vom Mörderprinzip her könnte Martinos wohl berühmtestes und beliebtestes Werk, "Der Killer von Wien", kaum klassischer ein Giallo sein, zumindest bezogen darauf wie wir das italienische Genre in Deutschland verstehen. Ein Frauenkiller mit Stichwerkzeug, unbekannt und immer wieder blutig zuschlagend, aus dieser Zutat sind Gialloherzen geschnitzt, und genau so will man es als Freund dieses Sub-Genres immer wieder haben. Dass dies in Wirklichkeit allein nicht reicht, um zu überzeugen, wird meiner Meinung nach leider mit diesem Werk bewiesen. Schaffte es Martino mit seinem kleinen Okkult-Horror "Die Farben der Nacht" eine düstere Grundstimmung zu bescheren, so verhindert hier die Charakterisierung der Hauptdarstellerin die nötige Atmosphäre, die aus Theorie auch stimmige Praxis zu bescheren weiß. Stets will die immer auf sich bezogene, hoch egoistische Julie beachtet werden. Einen zufriedenen Blick erhascht sie nur, wenn dem so ist, inneren Frieden findet sie kurzfristig immer erst in diesem Zustand. Selbst dann bleibt sie undankbar für das was andere für sie tun, stets in Hysterie verfallend, und dass man da schnell auf mörderische Gedanken kommen kann, ist gar nicht so abwegig.

Deswegen wissen wir als Zuschauer auch schnell, dass der im Titel genannte Killer  Vorwand für wen anders ist tätig zu werden, allein schon weil relativ zu Beginn bereits betont wird, dass dieser sich ansonsten nur über Prostituierte hermacht. Dennoch erfreut es zu verkünden, dass dies die Auflösung keinesfalls vorhersehbar macht, ist man doch tatsächlich am rätseln welcher der drei in Frage kommenden Herren Julie ihr Lebenslicht ausblasen möchte und wer nicht. Leider hüpft "Blade of the Ripper" (Alternativtitel) relativ spannungslos von einem Verdachtsmoment zum nächsten, von einem Ereignis zum nächsten, stets die nervige Protagonistin in den Vordergrund rückend, die einem so gar nicht ans Herz wachsen mag, so ungerecht sich das auch liest. Zugegeben, das ist insgesamt okay genug erzählt um neugierig dran zu bleiben, aber die vielen Möglichkeiten, in denen es Martino vergeigt echtes Spannungskino zu zaubern, enttäuschen schon etwas zu sehr, als dass man gütigst über den Gesamtzustand hinweg sehen könnte. Wenn er es dann auch noch vergeigt eine der spannendsten Momente aus "Der Tod trägt schwarzes Leder" drei Jahre vor dessem Erscheinen belanglos wirken zu lassen, dann erkennt man endgültig was einen guten von einem durchschnittlichen Regisseur unterscheidet.

Da freut man sich im Gegenzug darüber, dass "The Next Victim!" (Alternativtitel) keine Lachnummer geworden ist wie sein "Torso", "Der Killer von Wien" mag sich etwas zu belanglos gucken, aber er ist zumindest nicht lächerlich ausgefallen. Das kann man höchstens vom Schluss behaupten, der einen zunächst glauben lässt der Bösewicht des Streifens hätte diesmal gewonnen. Bedenkt man was der Auflösung folgt, wäre dies auch die bessere Wahl gewesen, ergibt das Überführen der Polizei so wie dargestellt doch selbst im Genre des sich nicht um Logik kümmernden Giallos herzlich wenig Sinn, so sehr wie die Polizei mitten im Nirgendwo auf ein zufälliges Verhalten des Mörders baut, ohne etwas über seine Psyche und Gewohnheiten zu wissen. Von diesem Ausfall einmal abgesehen, stecken andere wahre Schwachpunkte, wie der so gar nicht verführerisch wirkende Verführer, in der Entstehungszeit fest, womit sie freilich entschuldigt sind. "Next!" (Alternativtitel) ist kein Reinfall, wie es sich mit meinen harten Worten eventuell lesen mag, aber der nette Zwischendurchverzehr zwischen zwei gelungenen Giallos ist er leider ebenfalls nicht geworden. "Der Killer von Wien" ist ein Routineprodukt seines Fachs, und ich wundere mich über die vielen wohlwollenden Worte über ihn im Internet.  OFDb

10.02.2019

DIE FARBEN DER NACHT (1972)

"Die Farben der Nacht" zieht einen schnell in seinen Bann. Allein wie der Film anfängt ist ein faszinierendes Erlebnis. Wir blicken für einen Moment auf die friedliche Aufnahme einer Landschaft, der Titel wird ins Bild eingeblendet, und dann befinden wir uns plötzlich in einem überzeugend umgesetzten Fiebertraum mit allerhand grotesker Elemente, die nicht zusammen gehören wollen und in ihrer Art der Umsetzung einen verstörten Eindruck hinterlassen. Einzig die verzögerten Bewegungen erlangen gegenteilige Wirkung, hier wäre eine simple Zeitlupenaufnahme wirksamer gewesen, als der vielschichtig gezeigte Arm in Bewegung, aber das ist nur ein fehlender Feinschliff, der die atemberaubende Aufnahme nicht wirklich zu zerstören weiß. Optisch weiß der Film auch nach besagter Traumsequenz selbst in wesentlich simpleren Momenten weiterhin zu beeindrucken. Die Fotografie des Streifens ist in seinen einfallsreichen Perspektiven und anderweitiger Perfektion wahrlich ein Stück Kunst, und auch die sehr ruhig erzählte Geschichte, in ihrem weit weniger aufgeregten Grundton als im Traum zu Beginn, weiß lange Zeit das Niveau der Eingangssequenz zu halten.

Ein Bröckeln dieses positiven Gesamteindrucks kommt erst dann auf, wenn wir gemeinsam mit der Heldin an der Zeremonie teilnehmen. Die wirkt tatsächlich mit all ihren Klischees und billigen Gruselelementen ein wenig unfreiwillig komisch. Allerdings muss ich dazu sagen, dass ich mich allgemein mit okkulten Horrorfilmen in solchen Punkten ein wenig schwer tue. Viel zu sehr erinnern mich solche Szenen an billige Jahrmarktseffekte, und ich kann mich einfach nicht darin einfühlen, dass solch naive Momente irgendwem Grusel bescheren könnten. Somit mag die Zeremonie der Satanssekte auf andere intensiver wirken als auf mich, das würde mich für diesen Teil des Publikums freuen, immerhin kehrte nach meiner Ernüchterung die Faszination für das Erzählte zurück, schließlich wird die Geschichte mit Janes Erwachen nach dieser ungewöhnlichen Erfahrung noch rätselhafter als zuvor. Und trotz der Bestätigung, dass der Verfolger mit den absichtlich stark verfremdeten Kontaktlinsenaugen tatsächlich ein Verfolger und kein heimlicher Beschützer ist, verwirrt die vorhandene Figurenkonstellation weiterhin, weiß man doch weiterhin einfach nicht wem zu trauen ist und wem nicht.

Je weiter der Film sich dem Ende nähert, desto mehr fällt auf, dass er die starke Atmosphäre der ersten Hälfte nicht ganz auf die zweite zu übertragen weiß. Je mehr wir uns einer Auflösung nähern, desto gewöhnlicher fallen die Ereignisse aus, wenn auch mit manch überraschenden Faktoren versehen. Das ist nicht wirklich schlimm, man darf zuvor überrascht sein wie lange "Demons of the Dead" (Alternativtitel) sein Niveau aufrecht zu erhalten weiß, und dies immerhin trotz von mir kritisierter Okkult-Szene. So  kann man trotz schwächelndem Schluss definitiv mit dem Streifen sympathisieren, der zunächst den Eindruck eines Giallo macht, bevor er definitiv in ein Horrorthema abtaucht. Mit schwächeln ist ohnehin nur der direkte Vergleich zur stärkeren Phase gemeint, immerhin präsentiert uns auch die zweite Hälfte einen tollen, interessanten Film. Da darf man umso erstaunter sein, dass Martino ebenso für den völlig trashigen "Torso" verantwortlich ist, den ich beim besten Willen trotz einiger intensiver Szenen einfach nicht ernst nehmen konnte. Von den von mir bislang gesichteten Martino-Werken war dies aber auch der einzige Ausrutscher und ein höchst unterhaltsamer noch dazu. Mit Filmen wie "Fluss der Mörderkrokodile" und "Die weiße Göttin der Kannibalen" kehrte Martino zwar nicht auf das im hier besprochenen Film vorhandene Niveau zurück, lieferte aber auch im zurückgeschraubten Modus interessante Ergebnisse ab. Einzig seinen "Insel der neuen Monster" fand ich damals voll blöd, aber da befand ich mich in einem Alter, in welchem ich ohnehin keinen guten Filmgeschmack hatte. Vielleicht sollte ich diesem Streifen noch einmal eine Chance geben.  OFDb

19.11.2015

DIE WEISSE GÖTTIN DER KANNIBALEN (1978)

Wer aufgrund des hochgradig trashig ausgefallenen „Torso“ glaubt Regisseur Sergio Martino sei nicht zu mehr fähig, der irrt. Das zeigt sein Beitrag des Kannibalen-Genres „Die weiße Göttin der Kannibalen“ sehr deutlich, der zwar bei weitem nicht das Niveau der sensiblen und gesellschaftskritischen Werke Deodatos zu diesem Thema besitzt („Mondo Cannibale 2“, „Nackt und zerfleischt“), jedoch auch nicht so plump daher kommt wie Umberto Lenzis reißerische Werke („Die Rache der Kannibalen“, „Lebendig gefressen“), geschweige denn so dreist wie Jess Francos „Mondo Cannibale 4“.

Wie fast schon selbstverständlich ist auch der hier besprochene Kannibalenfilm nicht frei von reißerischen Elementen. Allein die Auswahl der Naturaufnahmen, welche Tiere vorführen die andere fressen, zeigen aufgrund ihres langen Draufhaltens und dem Reiz dessen wer da von wem gefressen wird, dass solche Momente nicht rein der fremden Ambiente wegen eingebaut wurden. Ebenso effekthascherisch kommt die ein oder andere Wendung der Geschichte daher, mancher Aufhänger und die überzeichneten Klischeefiguren fügen sich ebenso ins reißerische Gesamtbild des Filmes ein. Aufgrund seiner ruhigen und stimmigen Erzählung würde man das dem Streifen jedoch nie wirklich vorwerfen, zumal er keinen Hehl daraus macht, dass er nur des Unterhaltungswertes wegen gedreht wurde. Wo Lenzi Deodatos Zivilisationskritik auf plumpe Art imitiert, da liefert Martino lediglich einen Abenteuerfilm in starker Atmosphäre ab.

Eine herrlich unnötige, aber doch recht effektive Kroko-Attacke scheint Martino Geschmack auf mehr gemacht zu haben, drehte er nach „Slave of the Cannibal God“ (Alternativtitel) doch „Fluss der Mörderkrokodile“, der allein schon deswegen sehenswert ist, weil er vor „Der Horror-Alligator“ entstand und deswegen noch völlig anders erzählt ist als der typische Kroko-Horror. So selbstständig wie dieser kommt sein Kannibalenfilm nicht daher, erzählt er doch wie so viele von einer Rettungsaktion mit endlosem Wandern durch den Urwald, wobei gerade diesbezüglich ein kleiner Hauch unfreiwilliger Komik entsteht, wenn der große Experte selbst dann wie wild seine Forke schwingt, wenn das Geäst alles andere als dicht ist.

Ansonsten sei aber mitgeteilt dass es höchstens noch aufgrund der reißerischen Grundhaltung etwas zu belächeln gibt. Insgesamt weiß „Prisoner of the Cannibal God“ (Alternativtitel) angenehm, wenn auch lediglich nur routiniert, zu unterhalten. Trotz ewigem Herumschreitens durch die fremdartige Botanik bremst sich der Streifen nie aus, was vielleicht auch an seinem ungewöhnlichen Umgang mit den Figuren liegt, spätestens wenn sich der wahre Held der Geschichte als jener herausstellt, der erst zur Mitte der Geschichte eingeführt wird und gegen den bislang vermuteten ausgetauscht wird. Auch den etwas einseitig charakterisierten Aggressor der Gruppe weiß Martino für ein Täuschungsmanöver zu nutzen, dessen Verhalten zu einer überraschenden Auflösung führt, die rückblickend jedoch nicht nötig gewesen wäre, so schnell wie sich hinterher die Begebenheiten der Geschichte ändern und die aufgedeckte Wahrheit keine Relevanz mehr besitzt.

„Mountain of Cannibal Gods“ (Alternativtitel) ist nie wirklich glaubwürdig, aber das stört aufgrund seines Unterhaltungswertes wenig. Warum der verschollene Henry von den Kannibalen für einen Gott gehalten wurde mag sich beim Gucken selbst als recht interessante Idee anfühlen, ist aber kein wirklich cleverer Kniff der Geschichte. Die Rituale eines friedlichen Wildenstammes mögen für den Ekeleffekt und der Sympathie an der Fremde stimmig eingesetzt sein, aber auch hier kann man nicht wirklich von Glaubwürdigkeit sprechen, erst recht wenn man diesbezüglich bereits von den recht authentischen Deodato-Werken verwöhnt wurde. Auch das Zusammenleben der Wilden mit einem Missionar wirft mehr Fragen auf als Glaubwürdigkeiten, könnte aber zumindest erklären warum so viele Ureinwohner zivilisierte Haarschnitte tragen.

Trotz alledem und teilweise auch deswegen weiß der mit (dem hin und wieder nackt agierenden) Bond-Girl Ursula Andress so prominent besetzte Film zu unterhalten, der in seinen Kannibalenszenen ebenso wie im Rest der Story meist auf Geschmacklosigkeiten verzichtet, zumindest im Vergleich zu dem was in diesem Sub-Genre üblich war. Wer also Spaß an europäischen Abenteuerfilmen der 70er und 80er Jahre hat, die mit Goremomenten bereichert wurden, der dürfte eigentlich mit „La montagna del dio cannibale" (Originaltitel) recht gut unterhalten werden, vorausgesetzt man sucht keinerlei Tiefsinn oder wahres Talent - mal abgesehen vom Soundtrack der Brüder de Angelis, welcher die Geschichte tatsächlich gekonnt zu untermalen weiß.  OFDb

14.04.2013

TORSO (1973)

Studenten werden von einem maskierten Unbekannten brutal ermordet. Vier Freundinnen verreisen, ohne zu ahnen dass es der Mörder auch im Urlaubsort auf sie abgesehen hat...
 
Geschnittene Leichen in ungeschnittenem Filmerlebnis...
 
Die Filmrichtung des Giallo, eine Art harter Kriminal-Thriller mit Hauptaugenmerk auf den Mörder und seiner Gewalttaten, wird häufig in die Ecke des Schundfilms gedrängt. Dabei wird gerne übersehen, dass das Genre auch viele gute Beiträge hervorbrachte, meist durch die Hand Dario Argentos. Schaut man sich hingegen „Torso“ an, versteht man warum dieses Sub-Genre zu diesem Ruf gelangt ist, könnte er mit Hauptaugenmerk aus Gewalt und Sex doch kaum schmuddeliger wirken, zumal jegliche Art künstlerischen Schaffens ansonsten kaum vorhanden ist.

Was lasse ich mich auch immer wieder von hübsch gestalteten Postermotiven locken. Aber „Torso“ klang einfach zu interessant, allein schon weil ich einer Inhaltsangabe entnahm, dass die finale Frau sich unter Schmerzmitteln und verletzt, jedoch unentdeckt vom Täter, dem Mörder stellen muss. Und ja, genau in diesen Momenten erreicht „Die Säge des Teufels“ (Alternativtitel) trotz aller zuvor angegangener Fehler ein Spannungshoch, welches auch der Inszenierung des Regisseurs Sergio Martino anzurechnen ist.

In Sachen Horror muss man häufig über vieles Dümmliche hinwegsehen können, um Gefallen am fertigen Produkt zu finden. Das ist in der Regel auch bei einem Giallo der Fall, einfach weil es dort nicht um Logik und rationales Handeln geht, sondern um ein Spannungshoch, um zelebrierte Gewalt und häufig um nackte Tatsachen. Selbst in den besseren Argento-Werken ist dies der Fall. Dort wird man jedoch auch mit einer sauber inszenierten Version des immergleichen Themas entschädigt, häufig unter künstlerisch wertvoller Umsetzung. Bei „Torso“ bleiben all diese Versuche im Ansatz stecken.

Mag es die Spielerei mit Märchen zwischen den Zeilen sein (verlorene Schuhe, gefangen hoch oben im Schloss, auf den Prinzen wartend), oder der psychologischen Spielerei um die sexuelle Befreiung des weiblichen Geschlechts, oder mag es der künstlerische Aspekt sein, der manches Mal optisch schöne Motive einfängt, musikalisch zu den jeweiligen Szenen passt, Situationen ideenreich präsentiert (z.B. einen Barfuß-Marsch durch den matschigen Wald) oder für atmosphärisch dichte Spannungsmomente sorgt. Solche Momente sind ständig enthalten ohne sich richtig entfalten zu können oder genügend Beachtung geschenkt zu bekommen. Und so rücken eben die Negativpunkte in den Vordergrund.

Das beginnt bei (möglicherweise nur in der Deutschfassung) vorhandenen dümmlichsten Dialogen, die in Sachen Sinnfreiheit ihresgleichen suchen. Das geht weiter mit aufdringlichster Nischensuche für Nacktheit. Jede Frau mit Sprechrolle zieht mindestens einmal blank (hin und wieder inklusive obligatorischer, aber unmotivierter Lesbenerotik). Wer nicht redet, spielt ohne BH, damit auch ja die Nippel durch die Klamotten ragen. Dramatik und Thrill wird durch komplette Übertreibung dargestellt, in einer hysterischen Extreme, bei der man sich fragt, ob sich die Frauen darüber bewusst sind, sich gerade in einem Horrorfilm zu befinden. Würde man sich im wirklichen Leben so benehmen, man würde vor jedem Fremden schreiend davon laufen oder sich vor ihm winden, selbst wenn er sich wie jeder Normalbürger verhält.

Idiotisch auch die Tatsache, dass weder männliche noch weibliche Opfer je den Drang nach Gegenwehr verspüren. Möglichkeiten zur Flucht gibt‘s oft. Stattdessen warten die Opfer winselnd und schreiend lieber, bis der Mörder endlich bei ihnen ist, um ihnen das Lebenslicht zu rauben. In der lächerlichsten Szene dieser Art darf das Opfer würgende Geräusche von sich geben, noch bevor es überhaupt gewürgt wird. Herrlich!

Dank des Herstellungslandes Italien darf sich auch jeder männliche Darsteller wie ein sabbernder Notgeiler benehmen, sobald er auch nur ein halbnacktes Bein oder mehr sichtet. Im Gegenzug wird die neu gewonnene Emanzipation der Frau auch gerne mal über Brutalitäten, wie das Ausdrücken einer brennenden Zigarette am Körper eines Mannes, demonstriert, der Frau zwischen den Zeilen dank ewig pausierender Psychologie recht gebend. Da wird gezickt, als ob es kein Morgen gäbe, und dies in Kombination von immergeilen Kerlen ergibt ein Weltbild bei dem ich froh bin, dass es dies nur im Kino und in der Jugend weniger gebildeter Menschen gibt. Ich würde Waldbewohner werden, gäbe es die Filmrealität außerhalb des Bildschirms.

Da gibt es also genug zu klagen, oder zumindest genug Gründe, warum man „Torso - Die Säge des Teufels“ (Alternativtitel) nicht ernst nehmen kann. Und doch kann ich ihm ein gewissen Maß an Atmosphäre nicht abstreiten. Zumal mich die Auflösung interessiert hat, und die Geschichte trotz ihrer Monotonie nie langweilig wird. Aber so ist er halt, der Schmuddelfilm, und wer ein Faible für einen solchen hat, wird sicherlich nett unterhalten. Dass die Mörderauflösung vorhersehbar ist und die Beweggründe des Täters zu geschwätzig (und so hysterisch vorgetragen, wie sonst nur Frauen im Film agieren dürfen) sorgt jedoch für eine weitere Ernüchterung am Schluss.

Zumindest kann man dem Regisseur einen gewissen Grad Talent ruhig zusprechen. Immerhin schafft er es tolle Momente inmitten von Irrsinn und Fremdschämen einzubauen, beispielsweise diesen wunderbaren Moment, in welchem ein sich in Sicherheit wiegendes Opfer mittels einer Zeitung versucht an den Schlüssel auf der Gegenseite der Tür heranzukommen, und der Mörder ihr dabei sogar noch hilft. Aber Sergio Martino bewies spätestens mit „Fluss der Mörderkrokodile“ dass er mehr drauf hat, als „Torso“ hervorbringt. Freilich nur wenn man Italien-Schund-Horror mit Italien-Schund-Horror vergleicht. Solche Beiträge sind so schlecht wie interessant, so dümmlich wie unterhaltsam, aber leider auch nicht mehr als das.  OFDb

16.11.2012

DER FLUSS DER MÖRDERKROKODILE (1979)

In Afrika wurde eine Hotelanlage errichtet, die in der Nähe eines kleinen Stammes Eingeborener liegt, die hilfreich dem Projekt zur Seite stehen. Als eine Frau und ein Wilder verschwinden, ist es lediglich der Fotograf Daniel, der unbequeme Fragen stellt. Seine Vermutung ist, dass ein Riesenkrokodil den Fluss unsicher macht. Und dass die Wilden einen großen Fluss-Gott anbeten, scheint ihm recht zu geben...

Ein großer Appetit...
 
Filme über Krokodile, Alligatoren und Co sind heutzutage aus dem Genre Tier-Horror nicht mehr weg zu denken. Während „Der Horror-Alligator“ 1980 eine große Welle der Nachahmer nach sich zog, war es allerdings „Fluss der Mörderkrokodile“, der ihm zuvor kam. Ein Jahr vor dem berühmtesten Vertreter seiner Gattung erschienen, erzählt dieser auch eine ganz andere Geschichte, in welcher das im Titel genannte Tier (dort fälschlicher Weise in der Mehrzahl erwähnt) auch einen anderen Stellenwert bekam, als in den späteren Beiträgen der Reptilien-Welle.

Das Tier selbst kommt recht selten vor und bekommt erst im Finale einen unstillbaren Appetit, den man entweder als Unlogik bezeichnen kann, oder als versteckte Botschaft, die dem Glauben der Wilden Recht gibt, dass das Krokodil ein Gott auf Rachefeldzug ist.

In vielen, meist geglückten, modernen Horrorbeiträgen um die unverarbeiteten Handtaschen wird das seltene Auftauchen des Tieres für Spannungsmomente eingebracht, während sich die komplette Story am nicht zu sehenden Reptil orientiert. „Fluss der Mörderkrokodile“ setzt jedoch mehrere Schwerpunkte und wird dadurch trotz blasser Charakterzeichnung niemals uninteressant. Dass das Krokodil nicht der einzig gewollte Schwerpunkt war, beweist Martino spätestens dann, wenn er den Touristen eine weitere, überraschende Bedrohung entgegensetzt, die dem Finale wahren Zunder bietet.

Da ist es schon schade, dass der Film an sich die ein oder andere Lücke in der Logik bietet, die sein Ergebnis abschwächen lässt. So kämpfen unsere beiden Helden z.B. gegen das Krokodil und retten sich auf ein Floß. Es kommt zum Szenenwechsel, in welchem wir zusehen dürfen, was anderen Personen passiert. Wieder zurückgewechselt zur Situation der Helden, schiebt der Fotograf das Floß an, auf dem die Mitarbeiterin des Hotels liegt. Wo ist das Krokodil hin? Gab es einen Kampf, der uns vorenthalten wurde? Ein klappriges Floß wird es wohl kaum von seinem Imbiss abgehalten haben, wenn es in anderen Sequenzen ganze Boote zerstört.

Aber „Fluss der Mörderkrokodile“ ist nun mal ein italienischer Film, und die hatten es in diesem Genre ohnehin immer produktionstechnisch schwer. Wer solche Filme guckt, kennt ihre Schwachpunkte. Wer sich mit ihnen auskennt weiß aber auch, welch interessanten Stil nah am Trash die Italiener im Horrorbereich zu bieten haben. Martinos Werk ist wahrlich kein Prachtstück, aber ein unterhaltsamer, kleiner Schundfilm mit dem richtigen Gefühl für seine Erzählung.

Die Attacken des Krokodils werden häufig angedeutet, ohne dass es wirklich zu ihnen kommt. Das ewige Spiel mit dem Zuschauer nutzt Martino schließlich dann, um auch mal eine Gruselszene aufkommen zu lassen, in welcher die Helden das Unheil ahnen, der Umgebung lauschen, während der Zuschauer eine spannungserzeugende Melodie hören darf, die durch das Hereinpusten in ein Rohr oder ähnliches entsteht. Jeff Wayne benutzte gleiches Stilmittel in einer Sequenz in seiner Komposition zum Hörspiel „Krieg der Welten“.

Ohnehin ist es der musikalische Bereich, der in diesem Film am meisten trumpfen kann. Meist baut die Musik auf dem rhythmischen Getrommel der Eingeborenen auf. Seine besten Momente hat der Soundtrack immer dann, wenn die synteziserlastige Melodie sich einfach über das in den Szenen gezeigte Trommeln drüberlegt. Das gibt dem ganzen einen für damalige Zeit modernen Touch, der auch heute noch Atmosphäre schafft.

Weniger positiv zu nennen sind die Krokodilszenen selbst, die recht erbärmlich zusammengeschustert sind. Neben der bescheuerten Krokomaul-Attrappe nervt vor allen Dingen der hektische Schnitt, der krampfhaft verbergen soll, dass es eigentlich nichts zu sehen gibt. Die wenigen Male, die man das Krokodil als Ganzes sehen darf, sind besser umgesetzt, erreichen aber auch in diesem Bereich keine hohe Qualität.

Trotz einer namhaften, durch „Der Spion, der mich liebte“ bekannt gewordenen Barbara Bach, bekommt der Streifen diese auch nicht im schauspielerischen Bereich. Passend zu den mauen Charakteren agieren die Darsteller etwas zu versteift, wenn auch gerade noch brauchbar.

Eine Szene, in welcher ein Weißer sich seit vielen Jahren vor dem Riesenvieh versteckt, wird nicht eins mit dem Rest der Geschichte, hat nichts womit er sie bereichert und ist auch eher nervig zu gucken. Etwas lächerlich wirken die Auseinandersetzungen zwischen Hotelprojekt-Leiter und Fotograf, bei der Erstgenannter die Gefahr nicht wahr haben will, während Letztgenannter vor dieser warnt.

Das ist die typische Rezeptur dieses Sub-Genres, wirkt aber trotzdem anders, da der „Bösewicht“ sich korrekt verhält und viele Sicherheitsmaßnahmen getroffen hat und weil der Held völlig hysterisch das Unheil predigt, obwohl es dafür zu diesem Zeitpunkt keinen konkreten Grund gibt. Er ist es ja auch nicht, der Millionen Dollar zu verlieren hat. Auf der Gegenseite darf der Fotograf allerdings durch seine Öko-Botschaften trumpfen, die ihn nicht nur an einem solchen Projekt in einer derartigen Umgebung zweifeln lassen, sondern auch daran, dass der Tourismus Auswirkungen auf das friedliche isolierte Leben der Wilden haben wird.

Ohnehin versucht sich der Film in seinen etwas verkrampften Dialogen gerne an der Tiefe seiner Themen, die er streift. Doch mehr als akzeptable philosophische Basis-Ansätze sind da nicht zu holen, dafür geht man solche Bereiche wiederum zu oberflächlich an.

Dennoch, allein wegen der Anwesenheit solcher Anklänge weiß „Fluss der Mörderkrokodile“ etwas gehaltvoller zu wirken, als Filme mit ähnlicher Thematik. Sein Soundtrack unterstützt ihn atmosphärisch, während allerhand Geschehnisse, die neben der Krokostory herlaufen, vom wahren dünnen Gehalt der Geschichte gut ablenken können und somit Langeweile vermeiden. Ein actionreiches Finale mit allerhand Krokoattacken und einer zusätzlichen Bedrohung, geben dem Streifen zum Ende hin noch einmal richtig Schwung.  OFDb