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03.04.2020

DER FREMDE IM ZUG (1951)

Durch die Figur des schelmischen Bruno weht stets ein leicht amüsanter Ton über einen eigentlich ernst umgesetzten Thriller. Letztendlich ist es seiner Figur zu verdanken, dass "Der Fremde im Zug" überhaupt zu funktionieren weiß, schließlich ist die Ausführung des ersten Mordes, ohne jedwede Absprache, ebenso wenig Bestandteil einer perfekten Ausführung, wie die darauf folgende ständige Kontaktierung in der Öffentlichkeit, welche den Grundgedanken der völlig getrennten Leben beider Täter komplett widerspricht. Was im Zug trotz irrem Geschwätz noch einleuchtend klingt, erweist sich in jedweder Handlung Brunos als völlig konfus. Das würde manch anderen Film zum Wanken bringen. Hier haben wir es jedoch mit einem wirren Geist zu tun. Und nicht nur dass Guy nie in die verrückte Idee einwilligte, sie bringt ihm auch nichts, selbst wenn er sich früher oder später darauf eingelassen hätte.

Den Irrsinn Brunos bereits in der Basis der Erzählung zu offenbaren, ist ein gewitzter Schachzug Hitchcocks, der es Richtung Finale zudem nicht lassen kann, auch den Bösewicht unter Zeitdruck zum Schwitzen zu bringen, wenn dieser verzweifelt am Kanaldeckel nach einem goldenen Feuerzeug fischt - ein Gegenstand der für seine finsteren Pläne von bedeutender Wichtigkeit ist. Kurzum: Hitchcock geht sehr verspielt mit der kompletten Chose um, baut durch die Mutter Brunos sogar eine offensichtlich witzige Komponente mit ein, lässt den Restfilm jedoch nur bis zu jenem Grade augenzwinkernd erscheinen, in welchem er nicht der spürbaren Bedrohlichkeit schadet, die auf Guy herein bricht. Der ist vielleicht ein wenig zu naiv gezeichnet, letztendlich wird er dennoch zur Identifikationsfigur, zumal seine Zweifel die Polizei zu kontaktieren relativ nachvollziehbar sind.

Hitchcock inszeniert "Verschwörung im Nordexpress" (Alternativtitel) trotz seiner beschwingten Art in den straffen Momenten intensiv genug, um einen brauchbaren Spannungsbogen zu ermöglichen, zwischendurch und gerade gegen Ende jedoch auch zu abschweifend, um von einem rundum gelungenen Ergebnis sprechen zu können. Reizvolle Ideen am Rande entschädigen diese Inkonsequenz ein wenig, so z.B. der empathische Umgang mit einer Randfigur, der während einer Gesellschaft bewusst wird, dass sie im Blickkontakt mit dem Mörder gewürgt wird, während dieser als Partygag wen anders unter Trance würgt. Es erstaunt wie empathisch Hitchcock mit dieser Randfigur in diesem Zusammenhang umgeht, während der Streifen an sich, und mit ihm dementsprechend seine Hauptfiguren, ansonsten doch eher Kino bleibt, ohne dass man sich ernsthaft, da authentisch aufgegriffen, um ihre Psyche sorgt. So oder so beweist Hitchcock, dass er sich nicht nur auf einer Idee ausruht und die grundlegende anders thematisiert als man erwarten würde, mit dieser Flexibilität aber auch das ein oder andere mal dafür sorgt, dass das Ergebnis gelegentlich ein wenig zerfahren wirkt.  OFDb

19.09.2017

DAS FENSTER ZUM HOF (1954)

Dass ausgerechnet der Kinogänger schnell zum Voyeurismus zu verführen ist, braucht nicht verwundern, schaut er sich doch ohnehin die Erlebnisse Fremder all zu gerne an, und dass Hitchcock ihm diesen Spiegel vorsetzt, ist allgemeinhin bekannt. Was durch „Big Brother“ und Co heutzutage in den Medien zum Alltag gehört, fand seinerzeit in dieser Form einzig vor dem eigenen Fenster statt oder außerhalb der Wohnung, möglichst mittels eines Fernglases. Ersteres führt jedoch eher in Versuchung, fühlt man sich doch etwas verbundener mit der Nachbarschaft, die zumindest aus Bekannten besteht, wenn auch keine die wir gut kennen. Und es sind ihre Banalitäten im Alltag, die locken, eben weil sie sich in ihren eigenen vier Wänden natürlich geben, unbeobachtet wie sie sich glauben. Und dass es uns als Zuschauer solch einen Spaß bereitet von Hitchcock derart angesteckt zu werden hinzugucken, liegt an dem Grundton, den er seinem Film verleiht.

Der ist lange Zeit schließlich keineswegs düster, wie es sich theoretisch für einen Thriller gehören würde. Viel mehr schaut sich „Rear Window“ (Originaltitel) lange Zeit eher wie ein Lustspiel, so locker und leicht präsentiert er seinen Stoff. Leicht humoristisch angehaucht lebt er den Schabernack, das harmlos Verbotene, zu das sich wer zuwendet, der dies vom Typ her im Alltag eigentlich nie tun würde. Nun mit Gipsbein an die Wohnung gefesselt, fällt Jeffreys nichts besseres ein, um mit der endlosen Langeweile umgehen zu können. Es ist die verschmitzte Art, die den Charakter der von James Stewart verkörperten Rolle zeichnet, welche „Das Fenster zum Hof“ so entspannt und vergnügt schauen lässt.

Da fallen lässige Kommentare im Dialog mit der Krankenpflegerin, augenzwinkernde Angriffe werden mit seiner Herzallerliebsten ausgetauscht, und selbst in der Spätphase des Streifens bleibt dieser Grundton bestehen, z.B. in der Art mit welcher Jeffreys gegen seinen Polizistenfreund stichelt, der in den Geschehnissen gegenüber nichts Besonderes zu sehen meint.

Wer von den beiden im Recht ist, steht auch in der langsam immer spannender werdenden Thrillerphase längst nicht fest. Die Spannung wird über die Taten derer die wir kennen erzeugt. Bloß nicht beim Spannen entdeckt zu werden, sorgt schon für manch spannungsgeladenen Moment, denn Jeffreys ist freilich ebenso deutlich zu beobachten wie die Leute die er selber ausspioniert. Aber auch manch waghalsige Situation, in welcher die Protagonisten selber zu Ungesetzlichen werden (weit über das harmlos illegale Treiben hinaus), treibt den Spannungsbogen gegen Ende immer mehr in die Höhe.

Durch die Reaktionen des Verdächtigten, den wir stets nur aus der Ferne betrachten, sind wir auch nahe am Finale noch immer unsicher ob der zwielichtige Mann nun einen Mord begangen hat oder nicht, reagiert er doch recht nachvollziehbar auf die Konfrontationen der ihm Fremden. Dies treibt Hitchcock bis zum Schluss auf die Spitze. Mag man gegen Ende auch ziemlich sicher sein ob der Nachbar nun ein Mörder ist oder nicht, erst kurz vor Schluss erfahren wir es endgültig, bis dahin gäbe es stets noch alternative Erklärungen, die das Gegenteil bestätigen würden.

Mit diesem Mix aus lockerer Atmosphäre und spannungsgeladenem Thrill, mit der ansteckenden Lust am Voyeurismus, den kleinen psychologischen Kniffen Hitchcocks (wie das Einfangen des Verdächtigen, das stets nur aus der Distanz stattfindet, oder das Einweihen des Zuschauers in einen Fakt, den Jeffrey aufgrund dessen dass er schläft nicht mitbekommt) und mit der Besetzung des immer wieder charmanten James Stuart und der verführerisch süßen Grace Kelly, ist Hitchcock ein Meisterwerk geglückt, ein Film der trotz des zunächst weniger qualitativ klingenden Aufrufs zum Voyeurismus in den Feinheiten und den geistreichen Nebensächlichkeiten seine wahre Größe offenbart, gleichzeitig aber auch in den Vordergründigkeiten durch den verschmitzten Grundton nie das Niveau und die Würde des Stoffes beraubt. „Das Fenster zum Hof“ ist eine stilsichere Angelegenheit und lädt alle paar Jahre immer wieder zum erneuten Sichten ein.  OFDb

16.09.2017

VERTIGO - AUS DEM REICH DER TOTEN (1958)

Wieder einmal besetzte Alfred Hitchcock James Stewart für einen seiner wichtigsten Filme, und er tat gut daran diesen hervorragenden Mimen zu wählen, geht das Drehbuch doch nicht gerade sanft mit der Figur John Fergusons um, der verschiedenste seelische Phasen durchleben muss, wofür man einen facettenreichen, glaubwürdigen Schauspieler benötigt, der sowohl den verschmitzten Schmeichler spielen kann, wie auch den völlig verstörten Abgedrivteten, oder den obsessiven Todtraurigen. Solch vielschichtiger Charakter benötigt für seine glaubwürdigen Wandel eine Geschichte, die sich alle Zeit der Welt gönnt zu erzählen, was es zu erzählen gibt, und ein eben solches bietet „Aus dem Reich der Toten“ (Alternativtitel), das sich nicht nur in seiner Gesamtlänge jeglichen Raum lässt um alles erzählen zu können, sondern sich auch nötige Umwege gönnt, um wichtigen Einzelphasen gerecht zu werden.

Ruhige Momente werden regelrecht zelebriert, schweigsame Szenen so aufregend umgesetzt, dass selbst ein ungeduldiger Zuschauer sich nicht langweilen dürfte. Und der Aufhänger um den merkwürdigen Geisteszustand einer Frau bietet nicht nur den nötigen Anreger, um das Interesse des Zuschauers zu gewinnen und beizubehalten, er ist auch das ideale Ablenkmanöver, um von den eigentlichen Ereignissen erfolgreich abzulenken, auch wenn sich zwischendurch kurzfristig sicherlich in die richtige Richtung tendierende Gedanken beim mitdenkendem Zuschauer breit machen. Letztendlich ist man meist aber vom Geschehen zu sehr gefesselt, als dass man langfristig abschweifen könnte, anstatt das wahrzunehmen, was tatsächlich gerade auf der Leinwand passiert.

Das liegt neben der fesselnden, trügerisch fast schlicht erscheinenden, Geschichte aber auch an den hervorragenden Bildern, die Hitchcock uns hier präsentiert. Manches Mal wird auf fast geradezu an Mario Bava erinnernde Art mit einer dominanten Farbmischung gespielt, dann benötigt die hervorragende Fotografie eine solche wieder nicht, um Alltägliches gekonnt einzufangen. Wiederum andere Szenen beeindrucken aufgrund ihres Spielortes, oder aufgrund unbedeutender Elemente im Hintergrund, meist subtil eingefangen, in wenigen Momenten aber auch geradezu aufdringlich eingesetzt, so dass „Vertigo“ hin und wieder echtes Kinofeeling einfängt, wo er einen doch ansonsten erfolgreich eher unauffällig von der unseren Realität abzulenken versucht.

Hitchcock geht die auf einem französischen Roman basierende Geschichte mit derartigem Respekt vor ihren wertvollen Einzelphasen an, dass es ihm letztendlich sogar egal ist, dass „Listen Darling“ (Alternativtitel) streng ausgedrückt zum letzten Drittel hin kleine atmosphärische Durchhänger in Kauf nimmt, nach dauerhaft aufregend erzählten 90 Minuten. Die kleiner ausgefallene zweite Hälfte der Geschichte benötigt diesen Neuanlauf jedoch, bevor sie erneut zu einem Höhepunkt hochschwenken kann, der dem Werk dann jedoch einen recht plötzlichen Schluss beschert, so dass trotz jeglicher richtiger Herangehensweise in diesem letzten Part der längere erste Part als der wesentlich packender erzählte hervor sticht.

Die Konsequenz des späten Neuanfangs der Geschichte und der nun schauspielerisch immer interessanter werdende Charakter Fergusons sorgen dafür, dass aber auch diese vergleichsweise „schwächere“ Phase des Streifens noch immer ein Höhepunkt in Hitchcocks filmischen Schaffen bleibt, welches nun wahrlich nicht arm an Höhepunkten ist. Es geht mir hier lediglich darum den ungewöhnlichen Rythmus des Filmes zu erwähnen, der in heutigen genormten Kinozeiten überrascht, in denen eine Geschichte ihren Höhepunkt regulär am Ende erhält. Die Erzählung von „From Among the Dead“ (Alternativtitel) setzt noch einmal neu an, um die Geschichte zu einem konsequenten und inhaltlichen, wie analytischen Sinn machenden Schluss zu führen, der den Zuschauer nicht nur durch den plötzlich wieder ruhiger anklingenden Ton überrumpelt, sondern mit dem Wandel der Figur Fergusons geradezu beunruhigt und verstört, während er doch weiter als Identifikationsfigur fungiert.  OFDb

23.05.2017

MARNIE (1964)

Eigentlich ist „Marnie“ ein exzellent gespieltes und inszeniertes Drama, an welchem es rein stilistisch nichts zu meckern gibt. Der Inszenierungsstil ist elegant und damit an der männlichen Hauptrolle, die Sean Connery verkörpert, orientiert, der Erzählstil langsam gehalten, rätselhaft ausgefallen, das Drama im Vordergrund stehend und der Thriller- und Krimigehalt so minimalistisch gehalten, dass selbst der Romantikanteil über diesem triumpfiert, obwohl Hitchcock die Geschichte frei von Kitsch und romantisch ansteckenden Gefühlen umsetzt - und dies obwohl die Liebe der Auslöser allen Tuns der Rolle Connerys ist.

So mag „Marnie“ zu seiner Erscheinungszeit ein beeindruckendes Stück Film gewesen sein, heutzutage, wo selbst der Desinteressierteste in Sachen Psychologie grundlegende Kenntnisse über Freuds Theorien besitzt, will das so lobenswert umgesetzte Stück Film nicht mehr wirklich wirken. Hitchcocks vereinfachter Umgang mit dem Bereich der Psychoanalyse war schon immer Schwachpunkt seiner Filme, wie beispielsweise die Schlussszene im sonst so brillant ausgefallenen „Psycho“ zeigt. Dem konnte solch ein kleiner Ausrutscher nicht wirklich etwas anhaben, „Marnie“ jedoch, der sich voll und ganz auf Hitchcocks Schulmädchen-Psychologie stützt, kann in aufgeklärten Zeiten wie heute daran nur scheitern.

Die erste Hälfte, die sich einst rätselhaft schaute, ist heutzutage schnell durchschaut, lange Zeit bevor Hitchcock kurz vor Ende des Films den psychologischen Schleier Marnies lüften darf. Die zweite Hälfte wiederum ist nicht stark genug im Thriller-Bereich angesiedelt, als dass es das aufgrund vereinfachter psychologischer Ansätze nicht ernst zu nehmende Drama auffangen könnte. „Marnie“ schaut sich trotz all seiner Pluspunkte, zu denen selbst die raffinierte Namensgebung der Hauptfigur gehört, zu naiv, als dass man heutzutage noch wirklich intensiv in sein Geschehen eintauchen könnte. Und das ist schade, ist Hitchcocks zweiter Film mit Tippi Hedren nach dem grandiosen „Die Vögel“, doch ansonsten ein gutes Stück Film.

Zumindest bleibt „Marnie“ aufgrund seiner starken Umsetzung ein theoretisch interessantes Stück Drama, eines mit charmantem Retro-Touch, eines das einem noch immer Respekt einflößt, auch wenn man heutzutage nicht mehr in seine Geschichte eintauchen kann. Aber selbst mit diesem kleinen Trostpflaster steht er noch immer weit hinter den großen Werken des Meisters zurück, eben weil viele von diesen heute noch so frisch wie damals zu funktionieren wissen. „Marnie“ steckt jedoch in seiner Zeit fest, eine Zeit in welcher der Durchschnittsbürger noch mit den Kinderschuhen Freuds Psychoanalyse zu beeindrucken und zu überraschen waren. Damit scheitert „Marnie“ zumindest nach all den Jahren nicht an etwas vorrausschauend Selbstverschuldetem, wie manche Werke, die sich einzig auf Modeerscheinungen ihrer Entstehungszeit stützten, sondern kann letztendlich nichts dafür, dass er heutzutage nur noch in der Theorie funktionieren kann.  OFDb

26.04.2017

ÜBER DEN DÄCHERN VON NIZZA (1955)

„Über den Dächern von Nizza" - viel klassischer kann das vergangene Kino der 50er Jahre wohl kaum ausfallen. Wir haben hier einen smarten Helden mit zwielichtiger Vergangenheit, wir haben eine blonde, junge Frau, die ihn anhimmelt, ihm aber auch misstraut, wir haben allerhand doppeldeutige Anspielungen, die dennoch brav und rein daher kommen, und wir wohnen gestellten Liebeleien bei, die es so im wahren Leben nie geben würde, die auf dem Bildschirm aber bezaubernd wie eh und je daher kommen. Kabbeleien zwischen Mann und Frau gehören ebenso zum Rezept wie Verwechslungen, Klunker und reiche Damen. Und da der Held trotz seiner Vergangenheit  ein Gentleman ist, ist das Ganze zudem stilvoll abgefilmt, von Regie-Profi Alfred Hitchcock, der zwar eher in ernsteren Genres unterwegs war, mit Werken wie diesem hier aber immer wieder auch mal bewies dass er auch anders kann.

Ich weiß nun nach der dritten Sichtung eines Cary Grant-Filmes noch immer nicht was ich von ihm als Schauspieler halten soll, ein großes Talent strahlt mich da nicht an, der gute Mann weiß aber wieder einmal zu wirken, vielleicht nicht so gut wie es manche Konkurrenz vergangener Tage getan hätte, aber gut genug um in der Rolle des Gentleman-Diebes zu überzeugen. Damit ist ein wichtiger Baustein des Filmes erfüllt. Grace Kelly weiß den weiblichen Gegenpart mit ihrer süßen, sanft-biestigen Ausstrahlung ein wenig besser zu erfüllen, hat aber keine herausfordernde Rolle ergattert, so dass sie ihre Rolle mit Leichtigkeit erfüllt. Das passt recht gut zum Inszenierungsstil Hitchcocks, schaut sich „To Catch a Thief“ (Originaltitel) doch ohnehin sehr leichtfüßig, so sehr sogar, dass ich in ihm keinen Thriller erkennen kann, ein Genre welches der Streifen hin und wieder angeheftet bekommt.

„Über den Dächern von Nizza“ weiß in seiner ur-klassischen Art als das zu funktionieren, was er sein will: als romantische Gaunerkomödie, aufgrund der Geschichte den Bereich des Kriminalfilms streifend, aber da dieser viel zu augenzwinkernd angegangen wird, kann er nicht zum vordergründigen Genre des Streifens gezählt werden.

Man erkennt selbst mit dem angestaubten Blick von heute, dass der Film einst großes Kino war, mit all den Stärken und Schwächen die dazu gehörten. Realismus muss hier niemand suchen, ebenso wenig wie kritischen Umgang mit der High Society oder anderen Elementen der Gesellschaft. Im Gegenzug besitzt „Über den Dächern von Nizza“ aber auch keine Scham. Doppeldeutigkeiten, die Aufnahme in den Ausschnitt einer reichen Dame, der gar zum Zentrum einer Casino-Szene wird: Hitchcock klagt weder an, noch hält er sich bedeckt. Was er erzählt wirkt für die damalige Zeit teilweise gar provokant, wenn auch immer die Grenze zum Erlaubten einhaltend.

Inmitten dieses fürs Kino stets inszeniert wirkende Szenario schleicht sich zumindest immer dann ein Hauch Realität ein, wenn wir die französische Polizei stets in ihrer Landessprache ermitteln hören. In solchen Momenten wird in der von mir gesichteten Fassung im Originalton mit deutschen Untertiteln dem Zuschauer keine Übersetzung gewährt. Durch das fehlende Einblenden englischer Untertitel scheint dies auch für die Amerikaner zu gelten, und diese Entscheidung finde ich sehr gut, zumal viele andere Filme genau in diesem Punkt unglaubwürdig werden. Dass der Reststreifen eher Kino pur ist, und somit nichts mit dem wahren Leben zu tun hat, ist jedoch gut so, denn genau auf diese Art versprüht der Film seine Magie, die auch mich zu packen wusste. „Über den Dächern von Nizza“ mag ein wenig Anlaufzeit benötigen, bis er zu gefallen weiß, aber der Moment kommt, und von da an ist man seinem Charme verfallen - bishin zum himmlischen finalen Kuss, der inmitten veralteter Kino-Klischees süßer wohl kaum einzufangen ist.  OFDb

23.03.2014

DIE VÖGEL (1963)

„Die Vögel“ ist nicht nur mein bislang liebster Alfred Hitchcock-Film, er ist auch meiner Meinung nach bisher der beste Tier-Horror der je gedreht wurde. Dass selbst ein solch geglücktes Werk wie „Der weiße Hai“ nicht an die Genialität eines „The Birds“ (Originaltitel) heran reicht, obwohl beide nahezu perfekt umgesetzt sind und über einen ungeheuren Spannungsbogen verfügen, liegt, so lässt sich zumindest vermuten, daran, dass es Hitchcock hier nicht bloß um den Kampf Tier gegen Mensch geht. Hier geht es um eine geradezu apokalyptische Situation.

Die komplette Menschheit ist möglicher Weise dem Untergang geweiht.  Tiere organisieren sich, ähnlich wie im Kinderfilm „Konferenz der Tiere“, um uns den Kampf anzusagen. Zwischen den Zeilen spiegelt sich immer wieder die Aussage wieder, dass der Respekt zurück gefordert wird, den der Mensch den Tieren gegenüber verloren hat. Sehr deutlich wird dies im Finale, wenn ihnen dieser Respekt entgegen gebracht wird, die Menschen jedoch inmitten einer zurückhaltenden Situation immer wieder kleine Kostproben einzelner Vögel dessen erhalten, wie es sich anfühlt respektlos behandelt zu werden.

Um seinen Film zu einem theoretisch recht lächerlichen Thema effektiv wirken zu lassen, greift Hitchcock zu recht einfallsreichen Tricks. Neben den obligatorischen und heute noch wirksamen Spezialeffekten und dem oft an anderer Stelle erwähnten Trick einen Film komplett ohne Musikuntermalung zu inszenieren und stattdessen die Geräusche der Vögel wirken zu lassen,  arbeitet Hitchcock mit etwas, das er schon zuvor in „Psycho“ als psychologischen Methode angewendet hat: er lenkt mit einer völlig anderen Geschichte vom Hauptgeschehen ab. Wusste man in „Psycho“ nicht so genau was einen erwartet, so ließ ein Titel wie „Die Vögel“ nur wenig Fragen offen, so dass der Zuschauer um so intensiver von diesem Vorwissen abgelenkt werden musste. Deswegen ist es so konsequent zu nennen, dass Hitchcock einen humoristischen Einstieg wählte, um einem das hereinbrechende Chaos um so intensiver spüren zu lassen. Ähnlich bereitete Cameron später das „Titanic"-Unglück vor.

Wenn die Hauptrolle urplötzlich aus dem Nichts von einer Möve attackiert wird, schafft es Hitchcock aufgrund dieses Überraschungsmomentes aus einer recht harmlosen Szene eine sehr effektive zu zaubern. Ohnehin arbeitet Hitchcock eigentlich mit recht simplen Effekten und setzt lieber auf Akustik und bedrohliche Vorzeichen, um den Zuschauer zu verunsichern und ihn die so banal klingende Bedrohung als Grauen spüren zu lassen.

Seinen intensivsten Moment besitzt „Die Vögel“ dementsprechend in jener Szene, in welcher wir den Großteil einer Vogelattacke lediglich hören, während die Protagonisten, noch 5 (!!!) Jahre vor „Die Nacht der lebenden Toten“, sich im Haus verbarrikadiert haben, um sich vor den Angreifern von draußen zu schützen. Hin und wieder darf ein Vogel mal durch ein Fenster durchbrechen. Das ist jedoch schon das Maximum dessen was wir in dieser besagten Szene von den Tieren gezeigt bekommen.

Dementsprechend wichtig ist es auf gute Darsteller zu bauen, die es schaffen die Panik in ihrem Gesicht derart intensiv und authentisch wirken zu lassen, dass man sie nachempfinden, ja geradezu spüren kann. „Die Vögel“ geht ins Mark, und er wird jeden überrumpeln, der aufgrund des frühen Erscheinungsjahres vermutet er hätte ein harmloses Filmchen vor sich. Nichts könnte ferner der Wahrheit sein. „Die Vögel“ lässt sich viel Zeit zur Vorbereitung, aber legt er erst einmal los arbeitet er sich von spannungsgeladenen Vogelattacken zu einer pessimistischen Endzeitstimmung vor, die in einer Finalszene endet, wie sie wohl kaum besser hätte ausfallen können.

Dass auf den Weg dorthin die Geschichte trotz wiederholender Vogelattacken nie monoton ausfällt, liegt am Einfallsreichtum Hitchcocks und an einem Drehbuch, welches beweist wie wichtig es in gerade recht banale Geschichten ist mit griffigen und interessanten Charakteren zu arbeiten und ihnen auch scheinbare Unnötigkeiten innerhalb der Figurenzeichnung zu bescheren. Die guten Filme von heute verstehen diese Bedeutung noch. Das Blockbuster-Kino von heute hat diese wichtige Lektion leider längst verlernt.

„Die Vögel“ ist Hitchcocks bislang intensivstes von mir gesichtetes Werk. Er benötigt keine ellenlangen Erklärungen am Schluss wie sein ansonsten sehr geglückter „Psycho“. Er braucht keine reißerischen Mörder, sondern quetscht aus einer banale Bedrohung das Maximum dessen heraus, was im Kino an Spannungspotential möglich ist und erreicht dies nicht rein über einen Horrorfilm-typischen Spannungsbogen, sondern auch ergänzend über eine Art Unwohlsein des zukünftig Hereinbrechenden, sprich über das Unbehagen dessen was wohl kommen mag, hochschaukelnd in eine Aussichtslosigkeit die der Zuschauer immer intensiver zu spüren kriegt, dabei auf eine Erlösung oder zumindest Lösungsmöglichkeit hoffend und doch immer wieder von Hitchcock im Stich gelassen - übrigens auch in Banalitäten.

Die Vogelexpertin bleibt uns nicht nur eine Erklärung schuldig warum passieren konnte was sie immer für unmöglich abtat, sie wendet sich auch von uns, dem Zuschauer, ab, sobald sie eine Vogelattacke miterleben muss und schenkt uns lediglich einen beschämten Blick, bevor sie so schnell aus dem Film verschwunden ist wie sie auch kam. „Die Vögel“ ist Terror-Kino verpackt im klassischen Kino-Stil seiner Zeit, guckt sich deswegen auch nicht wie die später in den 70er Jahren losgetretene und bis heute anhaltende Terrorwelle, die für den modernen Horrorfilm typisch werden sollte, legt ihren zu Beginn absichtlich zugelegten naiven Panzer jedoch ab um in Sachen Wirkung dieser später aufkommenden, wesentlich blutigeren Welle, in nichts nach zu stehen.  OFDb

13.06.2013

DOUBLE TAKE (2009)

Während einer Drehpause stößt Alfred Hitchcock auf sein 20 Jahre älteres Ich, testet ihn ungläubig und debatiert mit ihm, wissendlich dass nur einer von ihnen diese Unterhaltung lebend verlassen wird...
 
Kunst für einen Künstler...
 
Über Regie-Liebling Alfred Hitchcock braucht man wohl keine Worte verlieren, ist er doch auch dem jüngeren Publikum spätestens durch Anthony Hopkins Darstellung im Kinoerfolg „Hitchcock“ ein Begriff, ein Film der die späte Phase seines Lebens wiedergibt. Künstler Johan Grimonprez setzt ihm eine andere Art Denkmal. Er macht Hitchcock zur Hauptfigur in einer Thriller-artigen Geschichte. Hitchcock stößt auf Hitchcock, sowohl in der Art der Geschichte, als auch in Person.

Hierfür verwendete Grimonprez Archivmaterial, Szenen aus Hitchcock-Filmen, Werbefilme und neu gedrehtes Material, für welches Hitchcock-Double Ron Burrage zur Seite stand. Zudem wird Fernsehmaterial aus Nachrichtensendungen und aus Hitchcocks TV-Arbeiten verwendet. Diese Collage aus Filmschnipseln wird jedoch nicht a la „Tote tragen keine Karos“ zu einem klassischen Spielfilm zusammen gesetzt, sondern bleibt das was sie ist: eine Collage. „Double Take“ ist ein Experimentalfilm, und es dauert etwas, bis man sich in seine ungewöhnliche Erzählstruktur eingefunden hat, ist die Geschichte doch recht sprunghaft erzählt, immer wieder unterbrochen von politischen Gleichnissen und anderem Material.

Nach einiger Zeit findet man sich dann doch zurecht in dieser nüchternen Erzählung, deren tiefere Bedeutung einem erst mit der Zeit klar wird. Da grübelt der junge Hitch über das Zusammentreffen von Doppelgängern und dass immer nur einer lebend aus einer solchen Situation heraus kommen kann, während der alte Hitchcock, der genau weiß was in seinem jüngeren Ich vorgeht, damit provoziert, dass es auch mehr als zwei Ichs geben könnte. Ein toller philosophischer Ansatz und damit nur einer von vielen.

Interessant arbeitet Grimonprez heraus, wie Hitchcock selbst am Tod des Kinos beteiligt war, indem er für das neu aufkommende Medium, den Fernseher, gearbeitet hat, und damit sein liebstes Baby tötete. Letztendlich tat er damit genau das, womit er schon immer sein Geld verdiente und seine eigenen Ängste verarbeitete, tötet Hitchcock in seinen Filmen doch meistens das was er liebt, da eben nur so ein guter Thriller funktionieren kann.

Hitchcock ging es immer darum das Publikum zu verstören, wenn auch nie ohne Eigennutz, stellte sich der durch eine strenge katholische Erziehung recht ängstlich aufgewachsene Hitchcock doch damit seinen eigenen Ängsten, verarbeitete sie und konnte dementsprechend mit ihnen umgehen. In „Double Take“ wird das Publikum nun ausgeschlossen, denn nun darf er nur mit sich und seinen Ängsten hadern. Ein gekonntes Gleichnis von Grimonprez.

Das Publikum wird tatsächlich ausgeschlossen, denn „Double Take“ ist kein Unterhaltungsfilm. Zielpublikum sind Cineasten und Kunstliebhaber, und nur die werden mit diesem anstrengenden Stück Experimentalfilm etwas anfangen können. Ja, auch ich habe die Gleichnisse verstanden, wenn politisches Treiben den Doppelgänger-Szenen Hitchcocks gegenüber gestellt wird. Die Manipulation durch Werbung, das Aufschüren und Kompensieren von Angst, das Fernsehen, welches nicht nur Kino gefährdet sondern durch die ständige Präsenz auch Einfluss auf das Auftreten von Politikern hat, da kommt einiges zusammen, immer im Hinblick auf das Thema Doppelgänger und damit einhergehend mit dem Aspekt des Konkurrenzdenkens. Der Film ist also durchaus durchdacht und keine sinnlose Aneinanderreihung von Bildern, die einen Hitchcock huldigen sollen.

Aber scheinbar bin ich nicht der Typ für solche Arbeiten. Ich dachte ich wäre es, aber ich bin es nicht. Denn wirklich gefallen hat mir „Double Take“ nicht, und dass dies nicht die Schuld am Film selbst ist, sieht man daran, dass ich an ihm nichts zu kritisieren habe. Er liefert genau das, was man von einer Collage zu erwarten hat, ist geistreich erzählt, spielt gewitzt mit analytischen Erkenntnissen und weiß das Zeitgeschehen beider Hitchcocks innerhalb der zu treffenden Aussagen zielgenau mit einzubeziehen. Grimonprez hat dafür meinen Respekt und hatte auch auf die komplette Lauflänge meine Aufmerksamkeit, aber um „Double Take“ so zu achten wie er es verdient, bin ich einfach nicht künstlerisch interessiert genug.  OFDB

20.10.2012

COCKTAIL FÜR EINE LEICHE (1948)

Brandon und Philip sind zwei junge Männer, die soeben ihren ehemaligen Mitschüler David ermordet haben, um den perfekten Mord zu begehen. Sie verstauen den Leichnam in eine Truhe und beginnen ihre Vorbereitungen für ein Fest, zu dem recht schnell einige Gäste erwartet werden, u.a. ihr ehemaliger Lehrer Cadell, die Eltern Davids, dessen Verlobte und ihr Ex-Freund. Auf der Kiste wird das Büffet aufgebaut, und schon trudeln die Gäste ein. Während Brandon über den Dingen steht, wird Philip derart nervös, dass Cadell mit jeder kleinsten Bemerkung und Beobachtung langsam zu verstehen beginnt, was in dieser Wohnung vorgefallen ist...

Ich weiß, was Du vor einer Stunde getan hast...
 
Dieses frühe Werk Hitchcocks kann man als Gegenstück zu „Das Fenster zum Hof“ und „Bei Anruf Mord“ verstehen. Im Gegensatz zu ersteren wird man von Anfang an eingeweiht und darf dabei zusehen, auf welche Art eine Ahnung der Realität nahe kommt, während man im Voyeur-Thriller selbst nicht wusste, ob die im Raum stehende Ahnung Hand und Fuß hat. Zweiter unterscheidet sich vom hier besprochenen Film in der Art der Vertuschung. Versuchte der Täter in „Bei Anruf Mord“ alles um den Mord zu vertuschen, während ein neugieriger Polizist dem Verbrecher langsam auf die Schliche kommt, provoziert der Mörder in „Cocktail für eine Leiche“ geradezu codiert die Entdeckung des Toten, während ein neugieriger Lehrer den Verbrechern langsam auf die Schliche kommt.

Es mag am vergangenen Umgang miteinander liegen, der heute nicht mehr gelebt wird und den darauf aufbauenden Normen und unausgesprochenen Gesetzen im Umgang miteinander, aber ich hatte das Gefühl, dass sich Hitchcock viel zu sehr in einer Filmgeschichte fühlte, als in einer abgefilmten Situation, die so auch in der Realität stattfinden könnte. Nur als Beteiligter der Situation, und dies ist der Zuschauer ja nun seit Anfang an, kann man glauben, dass mit solch wenigen Informationen, meist ja sogar eher Vermutungen und Gefühlen, jemand den beiden auf die Schliche kommen könnte, um ernsthaft Verdacht für ein solch gravierendes Verbrechen zu schöpfen. O.k., Cadell ist der ehemalige Lehrer aller im Film vorkommenden jungen Männer, er kennt sie also recht gut. Und es klingt an, dass Brandon schon immer provokant anders war. Aber solche Verdachtsmomente funktionieren nur innerhalb der filmeigenen Welt, nicht aber mit Schritt zurück betrachtet.

Wirklich schlimm ist das nicht, weiß das Kammerspiel doch trotzdem zu unterhalten. Es spielt mit dem Zuschauer als Zeuge und Mittäter in einem. Hitchcock lässt nicht zu, dass Cadell zur Identifikationsfigur wird. Diverse Kameraeinstellungen und Dialoge provozieren geradezu, dass der Betrachter zu den Mördern hält. Die Spannung entsteht durch das mögliche Entdecken des Verbrechens und der Leiche, man möchte emotional also, dass das Verbrechen ein Geheimnis bleibt. Damit führt uns Hitchcock erneut unsere bösen Seiten vor, so wie er beispielsweise den Voyeur in uns im eben erwähnten „Das Fenster zum Hof“ herauskitzelte.

Nebenbei spielt Hitchcock mit versteckter Homoerotik, dem Widersprüchlichen im Denken eines Menschen, der seine Spezies in zwei Klassen unterteilt und in der Heuchelei eines Theoretikers, der möchte man möge ernsthaft glauben, dass er als kluger Mensch nie über die Grausamkeit seiner Worte in der Realität nachgedacht habe und erst vor offenen Tatsachen seinen Irrtum erkennt. Durch diese Art, die man sonst eher von Politikern gewohnt ist, verliert gegen Ende die letzte wichtige sympathische Figur des Films besagte Sympathie.

Dass Worte eine Saat setzen, über die wir keine Kontrolle haben, wird ebenso thematisiert, wie der Rattenschwanz hinter der begangenen Tat, der vom Schleier des Toten überdeckt wird, den man gedanklich im Zentrum sieht. Hinter diesem Schleier entdecken wir die sich Sorgen machenden Hinterbliebenen, die noch aller Hoffnung sind, dass es dem Toten gut geht. Der letzte Schritt vom sich Sorgen machen zum Trauern braucht Hitchcock nicht zeigen, diese Phantasie steigt dem Zuschauer von ganz allein ins Bewusstsein.

Psychologisch will Hitchcock also mal wieder viel, doch stolpert er wie in „Psycho“ auch etwas über seine grobklotzige Umsetzung solcher lobenswerter Elemente, z.B. wenn die Moral des zwei Klassen-Denkens etwas arg moralisch und dick aufgetragen in die Geschichte integriert wird, anstatt das Thema eher schleichend anzugehen. Auch der im Zentrum stehende perfekte Mord wird als solcher nie erklärt. Scheinbar reicht es jemanden ohne Tatmotiv zu töten, um begangenes Verbrechen als perfekt zu bezeichnen.

„Cocktail für eine Leiche“ war Hitchcocks erster selbstproduzierter Film, und diesen betrachtete er selber rückblickend recht streng, war er für ihn doch eher abgefilmtes Theater, nicht nur durch das Kammerspiel, sondern auch durch seinen experimentellen Kamerastil. Der Regisseur nahm alles in Echtzeit so auf, als sei es in einem Zuge durchgefilmt. Schnitte sollen als solche nicht zu erkennen sein. Hierfür verharrt der Mann gerne mit der Kamera auf dem Rücken einer Figur, und nach dem Wechsel der Filmrolle wurde an gleicher Stelle weitergefilmt.

Das ist ein lobenswerter Ansatz, jedoch viel zu ruppig umgesetzt. Leider sind einige der Schnitte als solche erkennbar, und in einigen dieser Momente bekommt man das Gefühl, Hitchcock hätte hektisch und spontan handeln müssen, wenn die Kamera eher unnatürlich auf die Schnelle flink zu einem Rücken eilt. Ob das Verharren auf ein Gemälde oder ähnliches nicht der bessere Weg gewesen wäre, ist eine berechtigte Frage.

Dass Hitchcock so streng mit der eigentlichen Idee umgeht, halte ich nicht für gerechtfertigt, gelingt dem Mann durch die Dynamik der Kamera doch viel mehr als bloßes abgefilmtes Theater. Ihm gelingt etwas unglaubliches: der Zuschauer wird durch die ungewohnten Bewegungen der Kamera zu einer eigenen Figur im Film, die nicht vorhanden ist. Es ist im Prinzip der erweiterte Schritt, den man z.B. aus Büchern kennt, die in dritter Person geschrieben sind. Mag sein dass man „Cocktail für eine Leiche“ als Zwischenschritt zwischen herkömmlichen Abfilmen und dem Dokustil aus „Blair Witch Project“ und Co sehen könnte, nur eben nicht stilistisch, sondern in seiner Wirkung.

Hitchcocks Film orientiert sich an einem Theaterstück, deshalb kann man ihm inhaltlich nicht zu viele Vorwürfe machen. Dennoch fand ich es schade, dass der Verbündete Brandons psychisch so labil war. Spannender wäre das Katz und Maus-Spiel mit zwei starken Charakteren gewesen, die ihrem Lehrer gegenüber stehen. Den Reiz der Figurenzeichnung Philips könnte ich nur dann teilen, wenn man an den Vorbereitungen zur Tat hätte teilnehmen können. War er zuvor so großkotzig wie Brandon und hat sich peinlichst überschätzt? Ließ er sich von seinem Kommilitonen überreden, eben weil er so charakterschwach ist? Leider beginnt der Film erst mit der Tat. Leider jedoch nur wegen der aufgeworfenen Frage Philip betreffend, denn dass der Film nach einer kurzen Kamerafahrt vom Stadtbild zum Haus, in dem alles spielt, mit dem Mord beginnt, ist ansonsten als positiv zu betrachten.

„Cocktail für eine Leiche“ ist ein interessanter Film, einer der zeigt, wie toll Werke allein durch Dialoge wirken können, selbst in einem Genre wie den Thriller. Man fühlt sich inhaltlich wie psychologisch als Teil der Party und als Mittäter des Mordes, das verleiht dem fertigen Werk eine niveauvolle Atmosphäre. An anderer Stelle vermisst man diese Klasse jedoch durch die unsensible Herangehensweise Hitchcocks. Das macht den Film jedoch nicht kaputt, sondern schränkt ihn lediglich in seinen Möglichkeiten etwas ein.  OFDb