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23.03.2014

DIE VÖGEL (1963)

„Die Vögel“ ist nicht nur mein bislang liebster Alfred Hitchcock-Film, er ist auch meiner Meinung nach bisher der beste Tier-Horror der je gedreht wurde. Dass selbst ein solch geglücktes Werk wie „Der weiße Hai“ nicht an die Genialität eines „The Birds“ (Originaltitel) heran reicht, obwohl beide nahezu perfekt umgesetzt sind und über einen ungeheuren Spannungsbogen verfügen, liegt, so lässt sich zumindest vermuten, daran, dass es Hitchcock hier nicht bloß um den Kampf Tier gegen Mensch geht. Hier geht es um eine geradezu apokalyptische Situation.

Die komplette Menschheit ist möglicher Weise dem Untergang geweiht.  Tiere organisieren sich, ähnlich wie im Kinderfilm „Konferenz der Tiere“, um uns den Kampf anzusagen. Zwischen den Zeilen spiegelt sich immer wieder die Aussage wieder, dass der Respekt zurück gefordert wird, den der Mensch den Tieren gegenüber verloren hat. Sehr deutlich wird dies im Finale, wenn ihnen dieser Respekt entgegen gebracht wird, die Menschen jedoch inmitten einer zurückhaltenden Situation immer wieder kleine Kostproben einzelner Vögel dessen erhalten, wie es sich anfühlt respektlos behandelt zu werden.

Um seinen Film zu einem theoretisch recht lächerlichen Thema effektiv wirken zu lassen, greift Hitchcock zu recht einfallsreichen Tricks. Neben den obligatorischen und heute noch wirksamen Spezialeffekten und dem oft an anderer Stelle erwähnten Trick einen Film komplett ohne Musikuntermalung zu inszenieren und stattdessen die Geräusche der Vögel wirken zu lassen,  arbeitet Hitchcock mit etwas, das er schon zuvor in „Psycho“ als psychologischen Methode angewendet hat: er lenkt mit einer völlig anderen Geschichte vom Hauptgeschehen ab. Wusste man in „Psycho“ nicht so genau was einen erwartet, so ließ ein Titel wie „Die Vögel“ nur wenig Fragen offen, so dass der Zuschauer um so intensiver von diesem Vorwissen abgelenkt werden musste. Deswegen ist es so konsequent zu nennen, dass Hitchcock einen humoristischen Einstieg wählte, um einem das hereinbrechende Chaos um so intensiver spüren zu lassen. Ähnlich bereitete Cameron später das „Titanic"-Unglück vor.

Wenn die Hauptrolle urplötzlich aus dem Nichts von einer Möve attackiert wird, schafft es Hitchcock aufgrund dieses Überraschungsmomentes aus einer recht harmlosen Szene eine sehr effektive zu zaubern. Ohnehin arbeitet Hitchcock eigentlich mit recht simplen Effekten und setzt lieber auf Akustik und bedrohliche Vorzeichen, um den Zuschauer zu verunsichern und ihn die so banal klingende Bedrohung als Grauen spüren zu lassen.

Seinen intensivsten Moment besitzt „Die Vögel“ dementsprechend in jener Szene, in welcher wir den Großteil einer Vogelattacke lediglich hören, während die Protagonisten, noch 5 (!!!) Jahre vor „Die Nacht der lebenden Toten“, sich im Haus verbarrikadiert haben, um sich vor den Angreifern von draußen zu schützen. Hin und wieder darf ein Vogel mal durch ein Fenster durchbrechen. Das ist jedoch schon das Maximum dessen was wir in dieser besagten Szene von den Tieren gezeigt bekommen.

Dementsprechend wichtig ist es auf gute Darsteller zu bauen, die es schaffen die Panik in ihrem Gesicht derart intensiv und authentisch wirken zu lassen, dass man sie nachempfinden, ja geradezu spüren kann. „Die Vögel“ geht ins Mark, und er wird jeden überrumpeln, der aufgrund des frühen Erscheinungsjahres vermutet er hätte ein harmloses Filmchen vor sich. Nichts könnte ferner der Wahrheit sein. „Die Vögel“ lässt sich viel Zeit zur Vorbereitung, aber legt er erst einmal los arbeitet er sich von spannungsgeladenen Vogelattacken zu einer pessimistischen Endzeitstimmung vor, die in einer Finalszene endet, wie sie wohl kaum besser hätte ausfallen können.

Dass auf den Weg dorthin die Geschichte trotz wiederholender Vogelattacken nie monoton ausfällt, liegt am Einfallsreichtum Hitchcocks und an einem Drehbuch, welches beweist wie wichtig es in gerade recht banale Geschichten ist mit griffigen und interessanten Charakteren zu arbeiten und ihnen auch scheinbare Unnötigkeiten innerhalb der Figurenzeichnung zu bescheren. Die guten Filme von heute verstehen diese Bedeutung noch. Das Blockbuster-Kino von heute hat diese wichtige Lektion leider längst verlernt.

„Die Vögel“ ist Hitchcocks bislang intensivstes von mir gesichtetes Werk. Er benötigt keine ellenlangen Erklärungen am Schluss wie sein ansonsten sehr geglückter „Psycho“. Er braucht keine reißerischen Mörder, sondern quetscht aus einer banale Bedrohung das Maximum dessen heraus, was im Kino an Spannungspotential möglich ist und erreicht dies nicht rein über einen Horrorfilm-typischen Spannungsbogen, sondern auch ergänzend über eine Art Unwohlsein des zukünftig Hereinbrechenden, sprich über das Unbehagen dessen was wohl kommen mag, hochschaukelnd in eine Aussichtslosigkeit die der Zuschauer immer intensiver zu spüren kriegt, dabei auf eine Erlösung oder zumindest Lösungsmöglichkeit hoffend und doch immer wieder von Hitchcock im Stich gelassen - übrigens auch in Banalitäten.

Die Vogelexpertin bleibt uns nicht nur eine Erklärung schuldig warum passieren konnte was sie immer für unmöglich abtat, sie wendet sich auch von uns, dem Zuschauer, ab, sobald sie eine Vogelattacke miterleben muss und schenkt uns lediglich einen beschämten Blick, bevor sie so schnell aus dem Film verschwunden ist wie sie auch kam. „Die Vögel“ ist Terror-Kino verpackt im klassischen Kino-Stil seiner Zeit, guckt sich deswegen auch nicht wie die später in den 70er Jahren losgetretene und bis heute anhaltende Terrorwelle, die für den modernen Horrorfilm typisch werden sollte, legt ihren zu Beginn absichtlich zugelegten naiven Panzer jedoch ab um in Sachen Wirkung dieser später aufkommenden, wesentlich blutigeren Welle, in nichts nach zu stehen.  OFDb

11.05.2013

MISS DAISY UND IHR CHAUFFEUR (1989)

Miss Daisy bekommt gegen ihren Willen von ihrem Sohn einen Chauffeur engagiert, nachdem sie mit ihrem Wagen einen Unfall gebaut hat. Nach einiger Zeit der Ignoranz kann der schwarze Hoke sie dazu bewegen, sich von ihm endlich fahren zu lassen. Im Laufe der Jahre entwickelt sich auf seine ganz eigene Art eine Freundschaft zwischen den beiden...
 
Was das Leben wichtig macht...
 
Es darf schon ein wenig verwundern, dass ein Film, in dem relativ viel Auto gefahren wird, ausgerechnet auf einem Bühnenstück basiert. Schaut man sich „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ an, lässt sich dies allerdings auch gar nicht übersehen, so sehr stehen Dialoge im Vordergrund, wirken Abfolgen von Geschehnissen episodenhaft und schaut sich die Geschichte trotz häufiger Ortswechsel doch fast Kammerspiel-artig.

Das großartige an Beresfords Regie-Arbeit ist die unaufgeregte Erzählweise, entwickelt sich die Geschichte doch ebenso still und sensibel wie die Freundschaft von der sie erzählt. Klischees werden nie bedient, und ins Reißerische rutscht man auch nie ab. Das hätte passieren können, wenn man von einer Jüdin und einem Schwarzen in den Südstaaten erzählt, zu einer Zeit in der rassistische Ansichten zum Alltag gehörten. Aber diese Problematik und der Wandel der Gesellschaft (der Film spielt über mehrere Jahrzehnte) ist ohnehin nie Zentrum des Films. Solche gesellschaftlichen Probleme und Veränderungen sind nur einflussbare Randerscheinungen zweier Menschen, die sich auf recht ungewöhnliche Art durchs Leben begleiten.

Unterschiedlicher könnten beide nicht sein, und so ist es wichtig zwei so starke Persönlichkeiten von guten Schauspielern verkörpern zu lassen. Während Jessica Tandy bereits durch Bühne und Film eine Berühmtheit war (sie durfte bereits eine alte Dame im 26 Jahre zuvor gedrehten „Die Vögel“ spielen), bedeutete die späte Rolle Freemans den Durchbruch für den damals 62jährigen, der 2006 in „The Contract“ noch einmal für Regisseur Beresford vor der Kamera stand.

Der Sohn, die drittwichtigste Rolle, wurde gegen den Strich mit US-Komiker Dan Aykroyd besetzt, was sich als für viele Menschen überraschend passend herausstellte, so dass er später in „Chaplin“ und in „My Girl - Meine erste Liebe“ ebenfalls in dramatischen Rollen vergangener Zeiten eingesetzt wurde, bevor es ruhig um den talentierten und improvisationsfreudigen Aykroyd wurde.

So gut das Trio auch schauspielert, gebührenden Respekt muss man auch der Maske aussprechen, welche die drei auf beeindruckende Art durch 25 Jahre Alterungsprozess begleitet und dabei immer glaubwürdig bleibt. Fallen bei Freeman eher die heller werdenden Haare auf, sind die Erscheinungen des Alterns bei den anderen beiden doch recht raffiniert umgesetzt, bis hin zu den Altersflecken auf Aykroyds Haut, die eher unterschwellig wahrgenommen werden, so wenig wie sie sich aufdrängen.

Aber das ist ohnehin genau der Clou des Films: er drängt sich niemals auf. Man muss schon ein recht unsensibler Zeitgenosse sein, um „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ langweilig zu finden. Ereignislos ist die simple Geschichte nie, und wer selbiges doch so sieht, hat gar nicht erst verstanden worum es in dem Film geht. Um so mehr darf man Beresford und den Autor des Films, der auch für die Vorlage im Theater verantwortlich war, dazu beglückwünschen, die Geschichte nicht mit dem Tod von einem der beiden Protagonisten enden zu lassen, denn der ist gar nicht wichtig für das Zentrum dessen was erzählt werden soll. Am Ende zählen die wichtigen gemeinsamen Augenblicke in einem Lebensabschnitt dem manch einer aufgrund seiner Endgültigkeit schon keine Bedeutung mehr einräumt.

Es ist wichtig was wir aus unserem Leben machen, wie wir es mit Leben füllen. Und es ist wichtig dem Charakter treu zu bleiben. „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ bleibt der Zeit in der er spielt und seinen Charakteren immer treu und spiegelt damit nicht jene Freundschaft wieder, wie wir sie heutzutage verstehen würden. Miss Daisy selbst erkennt diese ohnehin erst recht spät, was aber nicht einmal zum dramatischen Aspekt der Geschichte wird, hat sie doch keine Zeit verloren, sondern, ganz im Gegenteil, diese intensiv gelebt mit Hoke verbracht.

Sicherlich ist das Leben vergänglich, und das sieht man auch am Sohnemann, der im Laufe der Zeit selbst mit diesem Bewusstsein konfrontiert wird und irgendwann selbst ein alter Mann wird, der sich um seine noch ältere Mutter noch immer kümmert. Aber es geht nie um die Erlebnisse auf den letzten Metern, sondern einfach um die Erlebnisse selbst, so schlicht sie auch sein mögen. Und es geht freilich um die Gefühle, die mit ihnen einhergehen. Dass zu Zeiten der Streitgesellschaft, das Gegenstück der heute gelebten Political Correctness, auch die Auseinandersetzungen, die Diskussionen und der Streit zu den positiven Momenten des Gelebten dazu gehören, mag manch einer der in der modernen heutigen Mentalität feststeckt nicht mehr nachvollziehen können, aber das zeigt nur wieviel reifer der Film im Vergleich zur heutigen Gesellschaft ist.

„Miss Daisy und ihr Chauffeur“ begleitet mich nun schon seit meiner Jugend durch mein von Filmleidenschaft geprägtes Leben, und er schafft es noch immer mich zu beeindrucken, mich zu unterhalten und mir ein Wohlgefühl zu bescheren. In einer Zeit der Hektik, der Oberflächlichkeiten und in welcher Leistungsdruck von vielen zum immer wichtiger werdenden Element der Welt wird, zeigt er einem was im Leben wirklich wichtig ist.  OFDb