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25.06.2022

THE BATMAN (2022)

Die Taktik des Riddlers und seine Manipulation Batmans, die den dunklen Rächer als Werkzeug umfunktioniert, hat mir gut gefallen, zumal dieser Aspekt recht intelligent eingefädelt ist. Der Rest erwies sich jedoch als weit weniger geistreich, als "The Batman" sein möchte und gefiel mir abgesehen davon auch auf trivialer Ebene nicht wirklich. Das beginnt bereits mit der Optik. Zwar weiß vieles was wir an Orten und CGI sichten zu gefallen, getränkt in einem innerhalb des "Batman"-Universums recht eigenständigen Look (der mich jedoch ein wenig an "The Crow 2" erinnerte), aber die Kostüme, die Fahrzeuge und die wie leblose Fremdkörper durchs Szenario stampfenden wichtigsten Haupt- und Nebenfiguren schauen sich doch zu steril und machen zusammen mit einem Drehbuch, das Gefühle und das Mysterium Gothams imitiert, anstatt es empathisch nachvollziehen zu können, "The Batman" zu einem Produkt, anstatt zu einem greifbaren Erlebnis in das man hinein tauchen kann. 

Mal ganz davon abgesehen, dass das Kinn des Batman-Darstellers nicht markant genug ausgefallen ist, um in Robert Pattinson eine brauchbare Besetzung zu erkennen, wirkt der Maskierte stets wie ein Spargeltarzan und unter Menschen zudem wie ein Statist im eigenen Film und wie ein lächerlicher noch dazu, wenn der innere Drang Waynes ein maskierter Rächer zu sein emotional nur wie aufgesagt wirkt, anstatt sich spürbar auf den Zuschauer zu übertragen. Dementsprechend wohnt man wem im Kostüm mit Komplexen bei und darf sich wundern warum das von so vielen Menschen, gerade auch im Polizeidienst, als völlig normal wahrgenommen wird, ein Aspekt der für mich in anderen Batman-Filmen nie in dieser störenden Extreme aufgekommen ist, zumal der Fledermausmann charakterlich mit seinem inneren Kampf und dem ungewöhnlichen Weg den er wählt, mein liebster Superheld ist. Doch all das weiß diesmal nicht zu überzeugen. 

Über die Neuinterpretation von Wayne selbst, der irgendwo zwischen Junkie und Emo zu liegen scheint, werden sich die Geister scheiden, hat mich persönlich jedoch nicht gestört. Ärgerlich fand ich hingegen die Neuinterpretationen der anderen seit je her wiederkehrenden Außenseiter. Catwoman wirkt zu gekünstelt, um glaubwürdig die zerbrechliche Seite ihres harten Ichs zu offenbaren, der Pinguin verkommt zum Bauerndepp der Verbrecherwelt ohne Würde und ohne eine spürbare Gefahr auszustrahlen, und das Kostüm des Riddlers ist eine Frechheit, wohingegen ich ihn in seiner menschlichen Gestalt gut besetzt und vom Drehbuch interessant charakterisiert fand. Allerdings hätte ich es trotz dieser positiven Eigenschaften besser gefunden einen neuen Gegner zu kreieren, anstatt dieser Gestalt zwanghaft die Identität eines der Stammgegners Batmans zu geben, völlig ignorierend dass dies nicht passt. 

Die Geschichte selbst mag mit ihrem Rückschritt zu mehr Krimihandlung interessant klingen, ist dies bei zu viel Laufzeit jedoch nicht geworden, obwohl das Aufdecken der korrupten Hintergründe, inklusive privater Erkenntnisse Waynes, nicht ohne Reiz sind. In der Blauäugigkeit die Taten des Vaters zu rechtfertigen (ausgerechnet vorgetragen vom in anderen Werken sonst meist würdevoll und geistreich interpretiertem Alfred), zeigt sich jedoch deutlich die Naivität, die sich mal mehr, mal weniger versteckt im kompletten Film wiederfindet und aus "The Batman" einfach nicht das reife Erwachsenenwerk werden lässt, das er so gerne sein möchte. Zu viele Fehler treten auf, als dass man das Werk ernst nehmen könnte, egal ob im besagten mentalen Bereich, der imitiert anstatt begriffen wird, im intellektuellem, oder in jenem der Glaubwürdigkeit. Sicherlich darf ein Fantasyfilm diverse physikalische Gesetze außer Kraft setzen oder ignorieren, aber das muss er in gewohnten, von der Kinowelt längst akzeptierten Bereichen tun, anstatt sich neue ungünstige Nischen zu suchen, so z.B. in jener, in welcher das kleine Fahrzeug des Pinguins mal eben per Abbremsen einen hinten anstoßenden LKW weg katapultiert, während dem ihm unterliegenden, verursachenden Auto nichts geschieht. 

Hier bedient man zu sehr das geistlose Massenpublikum, das ohnehin mit solch unrelektierten Ideen, wie der Überflutung Gothams (wie viele Einwohner dürfte es für eine Fortsetzung danach noch geben?) zum Zielpublikum wird, so geistfrei und zudem noch emotional verkrampft das Endergebnis ausgefallen ist. Das Batman-Universum lebte stets von Neuinterpretationen von Figuren, Hintergründen und optischen, wie erzählerischen Stilen, das darf man dem hier besprochenen Beitrag nicht vorwerfen. Bei "The Batman" hatte ich jedoch stets das Gefühl, dass die Neuinterpretationen einzig zum Selbstzweck eingeführt wurden, ohne damit eine über allem schwebende Vision zu realisieren. Kurzum ist mir "The Batman" insgesamt zu bemüht, infantil und unkreativ ausgefallen, um mit ihm sympathisieren zu können. Wenn man sich endlich einmal in diese unangenehme Welt hinein gefühlt hat, weiß der Streifen nach einer drögen ersten Stunde jedoch schließlich besser zu unterhalten, als es zunächst scheint. Aber was nutzt es mir, wenn mir die Sympathie als Zugang zu all den Kompromissen fehlt, die man innerlich als jemand schließen muss, der mit dem Gezeigten wenig anzufangen weiß?! "The Batman" ist das erste mir bekannte Werk von Regisseur Matt Reeves, das mir nicht gefallen hat. Von dem guten Mann bin ich sonst qualitativen Mainstream gewohnt.  OFDb

11.12.2020

THE KILLING OF A SACRED DEER (2017)

Mit seinem Folgefilm nach "The Lobster" wandert der Ton wieder zurück in die deutlich nüchternere Erzählrichtung von Yorgos Lanthimos brillanten "Dogtooth", die weit weniger offensichtlich humoristisch angereichert ist, sondern eher in bitterbösen Winkeln versteckt lauert, ebenso wie der gesellschaftssatirische Ansatz. Der Trumpf des Sehwerts und der von Lanthimos geschaffenen Atmosphäre, die surreale Wirkung alltäglich scheinender Abläufe, wird zugleich zu einem wichtigen inhaltlichen Element zur Mitte hin, wenn die von Martin geäußerten Regeln nach erstem Misstrauen für geradezu selbstverständlich angenommen werden, trotz ihres übernatürlich scheinenden Ursprungs. Aufgrund der surrealen Vorarbeit und der Abgeklärtheit der hier aufgezeigten Gesellschaft, nimmt man dies als Zuschauer an, findet einen derartigen Umgang mit der Materie zwar weiterhin bizarr, entdeckt aber, dass mit dem Akzeptieren von etwas, das man eigentlich nicht so schnell als Wahrheit akzeptieren würde, genau die interessanten zwischenmenschlichen Aspekte ins Laufen kommen, die "The Killing of a Sacred Deer" in dieser Phase die meisten Pluspunkte bescheren. So kommt es, weiterhin im zurückgeschraubten, nüchternen Grundton gehalten, zu einem Wettbewerb unter den Familienmitgliedern, zu Verzweiflungstaten und Gefühlsausbrüchen eines Mannes, der sich sonst stets unter Kontrolle hat und zu einer finalen Tat, die unabwendbar ist. Dass sie dies ist, wird einem als Zuschauer mit der Zeit bewusst, erst recht wenn man andere Werke des Regisseurs und Mitautors kennt, die stets seine spezielle Handschrift tragen und dem Zuschauer niemals eine Erlösung oder einen sanften Umgang schenken, um mit dem vorgesetzten Szenario leichter umgehen zu können.

Was an dem hier besprochenem, nur schwer in Genres einzuordnenden, Film so beeindruckt, ist dass er das surreale Element mit simplen Mitteln geschaffen bekommt und auf widersprüchlich scheinende Art. Die Geschichte ist rätselhaft, obwohl jeder, mit gelegentlichen Ausnahmen der Hauptfigur Steven, stets offen die Wahrheit sagt und stets mitteilt was er gerade denkt. Die Dialoge sind direkter und aufgeklärter Art, aber wie in Trance gesprochen. Trotz Wahrheiten kommt es zu Misstrauen, trotz offen gespielter Karten wirkt die Geschichte rätselhaft und mysteriös, trotz der damit geschaffenen Personennähe, betrachtet man die Figuren distanziert, in einer alternativen, ernüchterten Welt lebend, in welcher es keine positive Lebensenergie zu geben scheint. Alles wird als selbstverständlich angenommen, trotz heruntergefahrener Emotionen und nicht vorhandener Gefühlsregungen erkennt man die Herzlichkeit untereinander, das Mitgefühl, die Liebe und damit einhergehend das emotionale Dilemma, das Steven quält, aufgrund der von ihm erwarteten Entscheidung. Lanthimos schafft die entrückte Wirkung der hier geschaffenen Wirklichkeit mit solch simplen Mitteln, wie der Idee die Leute trotz vorhandenem Intellekt stets nur in kurzen Sätzen miteinander reden zu lassen. Nur selten kommt es zu einem Nebensatz. Dies gekleidet in besagter Sachlichkeit, fehlenden Emotionen und in Trance gesprochener Tonlage gibt dem Szenario bereits dann einen packenden Effekt, wenn man noch nichts vom Aufhänger, welcher die eigentliche Geschichte in Bewegung bringt, ahnt. 

Der Widerspruch in natürlichem und surrealen Verhalten zeigt sich auch wunderbar im absichtlich steifen Spiel der brillant besetzten Schauspieler. Wieder hat es Nicole Kidman nach "Birth" und "Dogville" geschafft überzeugend in einem außergewöhnlichen Stoff mitzuspielen, Colin Farrell überrascht wie eh und je, die Filmtochter wirkt allein schon dadurch, dass sie als der natürlichst und emotionalst agierende Mensch in dieser Welt etwas aus dem Muster herausragt, und der Darsteller des Martin spielt in einer Unschuld, die ihm einen unheimlichen Touch beschert, oder zumindest einen mysteriösen. Man versteht nie ob er Strippenzieher ist, oder einfach eine Regelmäßigkeit bemerkt hat und benennt, die anderen nie auffiel und über die er selbst keine Kontrolle hat, vielleicht nicht einmal ihr Verursacher ist. Er wirkt auch inmitten des entfremdeten Verhalten der anderen geistig leicht entrückt. Das wird innerhalb der Geschichte sogar benannt, wird also auch in der uns lethargisch scheinenden Gesellschaft, die uns hier präsentiert wird, dementsprechend empfunden. Letztendlich sind es aber nur sanfte Graustufen, die Martin diesbezüglich von den anderen Figuren im Film trennen. "The Killing of a Sacred Deer" ist stilistisch, inhaltlich und erzählerisch ein brillanter Stoff für Freunde andersartigem, abseitigen Kinos und somit definitiv zu empfehlen. Die Gedankenspiele sind ebenso faszinierend, wie die verstörende Wirkung des Streifens an sich. Die nüchterne Erzählweise erlangt eine eigene Energie und Dynamik, die den auf immerhin fast zwei Stunden laufenden Film nie ausbremst. Kurzum gefällt mir diese satirische Groteske Lanthimos' wieder eine Spur besser als der (auch nicht uninteressante) Vorgänger.  OFDb

26.08.2017

THE LOBSTER (2015)

„The Lobster“ ist ruhig erzählt, mit nüchternem Grundton versehen, und selbst theoretisch laute Momente, wie die Einstiegssequenz, werden mit größter Zurückhaltung inszeniert. In der Gesellschaft in welcher David lebt sucht man zwar zwanghaft die Partnerschaft, nicht aber im romantischen Sinne. In einer Welt voll von aufgedrückten Zwängen gibt es kein Sichwohlfühlen, keinen Spaß und selbstverständlich keine Zwanglosigkeit. Gesucht wird als Mittel zum Zweck. Und als ob die Welt Davids uns nicht ohnehin schon grotesk genug erscheint, lebt man dort zudem in dem Glauben Liebe ließe sich nur finden, wenn man als Mensch auch mindestens eine Eigenschaft gemeinsam hat.

Wenn wir die parallel zur beschriebenen Gesellschaft existierende im Wald erleben, eine Gruppe von freiwillig gebliebenen Singles, erinnert der Plot ein klein wenig an Jean-Pierre Jeunets „Delicatessen“, in welchem die Vegetarier in der Kanalisation lebten. Die Singles hier werden zum Freiwild der Partnerschaftsgesellschaft. Ein Partnersuchender, der einen freiwilligen Single erlegt, bekommt einige Tage zusätzlich beschert, um seine Herzensdame zu finden. Umgekehrt ist es in den Wäldern der freiwilligen Singles strengstens verboten zu flirten, geschweige denn eine Partnerschaft einzugehen.

Und ja, da bekommt, wie so oft in Besprechungen zu lesen, der Partnerschaftswahn und der Singlewahn unserer Gesellschaft sein Fett weg. Dies allerdings nicht so dominant geschehen wie oftmals behauptet, und dies auch gar nicht so sehr im Zentrum der Kritik stehend, wie von vielen Schlaumeiern bemerkt. Viel mehr geht es ebenso wie in Yorgos Lanthimos hervorragendem „Dogtooth“ um das Leben unter Zwang. Waren es im Vorgängerfilm ahnungslose Opfer, die sich nicht wehren konnten, welche den Zwängen ausgesetzt waren, geht es in „The Lobster - Hummer sind auch nur Menschen“ (Alternativtitel) um die Faszination, die man auch in unserer Welt erleben darf, dass sich Menschen geradezu freiwillig von anderen gesetzten Regeln unterwerfen, dies als frei jeder Alternative ansehen und sich dabei trotzdem unwohl fühlen. Was uns fast gar nicht mehr grotesk erscheint, wird mit Blick auf eine Alternativwelt als eben dies wieder herausgekitzelt, um uns das Bewusstsein für diesen Irrsinn in unserer Welt noch einmal bewusst zu machen.

So hervorragend das auch klingen mag, an „Dogtooth“ kommt der etwas kommerzieller ausgefallene „The Lobster - Eine unkonventionelle Liebesgeschichte“ (Alternativtitel) nicht heran. Zwar bewegt auch er sich noch weit entfernt vom Mainstream und ist in seiner sehr distanzierten und oftmals gefühlsbefreiten Art eher dem Arthouse-Kino zuzuordnen, die Stärke seiner ersten Hälfte schafft er jedoch nicht vollends in die zweite mit hinüberzunehmen. Angekommen in der Singlewelt im Wald verweilt man dort leider bis zum Schluss, nur leider weiß dies humoristisch nicht so genial zu punkten wie die Geschehnisse im Hotel.

Einzig die Liebesgeschichte zieht einen Vorteil daraus, darf sie doch aufgrund der Regeln im Wald dramatisch ausfallen (was im Gegensatz zur Restinszenierung dann auch wirklich nachempfunden werden kann) und zudem die Ironie der kompletten Erzählung darstellen: es geht nicht um Glück, nicht um den Sinn der hinter den Regeln steckt, sondern einzig um die Einhaltung dieser. Ein sich glücklich gefundenes, wahrhaftig liebendes Paar ist weder in der einen, noch in der anderen Gesellschaft unter diesen Umständen gewünscht. Mit dieser Aussage setzt Lanthimos eine gelungene Pointe, entlarvt es die Idealisten beider Seiten doch endgültig im Irrsinn ihrer propagierten Weltbilder, einmal ganz davon abgesehen, dass uns Lanthimos in beiden Welten bereits zuvor besagte Lüge offenbart, indem er die extremsten Regeleinhalter der jeweiligen Gesellschaft teils offensichtlich, teil nur für gute Beobachter versteckt, innerlich das Gegenteil dessen fühlen lässt, was man eigentlich fühlen darf.

So wertvoll dies für den Gehalt der Geschichte und überhaupt für ihre sinnvolle Fortführung und Vollendung auch ist, dennoch schaut sich die zweite Hälfte (man mag es aufgrund des Plots kaum glauben) weit gewöhnlicher als die uns völlig kaputt erscheinenden Geschehnisse der ersten Hälfte. Mit Sicherheit hätte man an zweiter ein wenig kürzen können, damit sich nicht eine solch starke Ernüchterung einstellt, die ich im Laufe des letzten Drittels allmählich empfunden habe. Ein gut gesetzter Schluss entschuldigt zumindest ein wenig dafür und lässt den mitdenkenden Zuschauer mit einigen wirklich guten Denkansätzen alleine zurück.  OFDb

12.11.2014

DAREDEVIL (2003)

Es ist erstaunlich, dass ein auf dem Comicmarkt so zweit- oder gar drittrangiger Superheld wie „Daredevil“ eine solch frühe Verfilmung beschert bekommen hat, zu einer Zeit wo gerade einmal „X-Men“ und „Spider-Man“ die Kinos mit ihren Geschichten bereicherten. Die wurden jedoch auch wesentlich freundlicher behandelt als der weniger großzügig finanzierte „Daredevil“. Zwar hing viel Herzblut wahrer Fans mit im Projekt, was sich auch in den Cameos der Zeichner der Printvorlage zeigt, aber so wirklich geglückt fühlt sich Mark Steven Johnsons Comicverfilmung nicht an.

Die gute Nachricht: man kann den Film sehen, er macht Spaß. Die schlechte: die Geschichte ist löchrig erzählt und der Bann, in dem einen die Mystik und die Dramatik der Figuren ziehen soll, ist nicht vorhanden. Daredevil bleibt ein verkleideter Typ, der nachts durch die Straßen einer Großstadt purzelt, eben so wie ein derart gekleideter Typ in der Realität wirklich auf jemanden wirken würde. Da fehlt es an Respekt, an Stimmung, Daredevil ist optisch ein zahnloser "Batman", und das Kostüm ist nur eines von vielen Gemeinsamkeiten mit der Fledermaus.

Alles wird zu schnell abgehandelt, selbst das Entwickeln und Trainieren der Superkraft mittels der anderen Sinne einen Radar zu perfektionieren, der den blinden Murdock auf ganz andere Art sehen lässt. Die Kenntnis zur Comicvorlage wird vorausgesetzt, was sich gerade mit Blick auf Elektra als Nichtkenner dieser negativ guckt. Kurz nach der ersten Begegnung liefern sie und der Titelheld sich ein unmaskiertes Spaßkämpfchen, bei welchem nur in einem Nebensatz erklärt wird, warum die Dame so abgebrüht kämpft. Im Gegenzug erfahren wir nicht, warum Murdock sein Können so offen zur Schau stellt.

Wenn man nun noch bedenkt, dass der Gegner Bullseye mehr im Fokus steht als der wesentlich würdiger gegenagierende Kingpin, kann man von Glück reden, dass „Daredevil“ doch noch in der Lightversion eines Superheldenfilmes zu funktionieren weiß. Bullseye ist nämlich ein ziemlich peinlich dreinblickender und herumwütender Pseudo-Cooler, den man ab dem 16. Lebensjahr aufgrund seiner infantilen Performance nicht mehr ernst nehmen kann.

Aber damit passt er zur schlecht gewählten Musik, die mal kitschig und mal metallig daher kommt, aber doch immer mainstreaming wirkt und den Streifen nie würdig und vor allen Dingen nie glaubwürdig zu unterstützen weiß. „Daredevil“ bleibt immer Film. Nie taucht man zu sehr ein. Nie geht man als Zuschauer wirklich in der Geschichte auf.

Letztendlich ist alles jedoch derart naiv erzählt und produktionstechnisch ja auch relativ professionell angegangen, dass das Kind im Manne, sofern man es zulässt, trotzdem Spaß dran haben kann in einer Geschichte, in welcher ein Blinder voll cool über seinem Handicap steht und so knallhart und soft zugleich seine persönliche Rache auslebt, in einer Welt voller Ungerechtigkeiten. Ben Affleck kommt weder besonders positiv noch besonders negativ rüber und sieht mit der Frisur und der Sonnenbrille ohnehin nur wie ein Reeves-Klon aus „Matrix“ aus. Und Elektra weiß ein paar Szenen zu versüßen, ist letztendlich für die Geschichte aber gar nicht so wichtig wie gedacht.

Wie auch immer... das kann man alles gucken, es macht kurzfristig auf simple Art Spaß. Bei Nichtsichtung verpasst man jedoch nichts. Mag sein, dass dies beim Director‘s Cut anders ist. Ich bin kein Freund spezieller Regie-Neufassungen, aber bei „Daredevil“ könnte eine solche Wunder bewirken - vorausgesetzt der Film verliert dadurch seine löchrige Ader. Mark Steve Johnson hat vier Jahre nach dem hier besprochenen Streifen immerhin mit dem gern unterschätzten "Ghost Rider" eine bessere Comic-Verfilmung herausgebracht.  OFDb

22.04.2012

FRIGHT NIGHT (2011)

Zunächst glaubt er seinem ehemaligen Nerd-Kumpel kein Wort, dass in der Nachbarschaft ein Vampir hausen würde. Aber als besagter Ex-Kumpel spurlos verschwindet, merkt Charley Brewster schnell dass dieser nicht gesponnen hat. Nun heißt es die Familie und die Freundin beschützen und den Vampir ins Jenseits befördern. Doch der Okkult-Experte Peter Vincent warnt Charley. Der Vampir Dandridge gehört einer besonders hartnäckigen Gattung Blutsauger an...

Uneingeladene Nachbarn sind die unangenehmeren Vampire...
 
Der Original „Fright Night“ aus dem Jahre 1985 gehört meiner Meinung nach zu den besten Vampirfilmen. Da darf es einem schon mulmig werden, wenn von einer Neuverfilmung gesprochen wird. Dem alten Film tat bereits seine drei Jahre später gefolgte Fortsetzung nicht gut, und nun, Jahrzehnte nach dem Erstling, sollte ein Remake erfolgen, ein Remake eines Filmes, das mitten in den 80er Jahren badete, letztendlich aber auch gerade von diesem Punkt lebte. Macht eine neue Herangehensweise dann Sinn?

Keine Ahnung - mit dem Sinn und Unsinn von Remakes sollen sich andere befassen. Ich werde bei Fortsetzungen und Neuverfilmungen meist neugierig und gehe vorurteilsfrei heran. Ich verfluche solche Filme nicht, wie manch anderer Cineast. Das heißt jedoch nicht, dass ich nicht ohne Bedenken an ein solches Werk herangehe, und „Fright Night“ war, wie gerade erwähnt, auch ein individueller Spezialfall. Allerdings machte es nach der ersten Bekanntgabe, dass dieser Horrorfilm produziert werden soll, auch gleich Mut, dass mit Craig Gillespie kein Jungregisseur auf das Projekt losgelassen wurde.

Mehr noch: wo andere Regisseure sich den Horrorfilm als Startfeld ihrer Karriere aussuchten, da kam Gillespie aus einer ganz anderen Filmrichtung und bescherte uns z.B. die wundervolle, klischeearme Tragikomödie „Lars und die Frauen“, die so beispiellos erzählt war, dass der Gedanke geradezu interessant war, dass Gillespie sich an einen Horrorfilm wagt. Nun ist „Fright Night“ nicht so anspruchsvoll ausgefallen wie besagter Film um Lars und seine Puppe. Ein Auge sollte der Cineast jedoch trotzdem darauf werfen, denn das Remake „Fright Night“ ist ein Lehrstück dessen geworden, wie man einen Vorgänger nicht schlicht kopiert, sondern eigene Wege einschlägt, modernisiert und sich gleichzeitig vor dem Original verbeugt.

Auf völlig andere Art waren jegliche Elemente bereits im Original vorhanden. Modernisiert wurde nicht nur mittels aktuellem Erzählstil und diverse technische Errungenschaft der Gegenwart, auch die Figuren und ihre Herangehensweise an diverse Situationen sind im Heute zu Hause. Die Figuren hätten eine Spur mehr Individualität vertragen können, und gerade die Freundin Brewsters wird nicht gerade glaubhaft charakterisiert und wirkt zu klischeelastig. Aber an sich kommt „Fright Night“ frisch daher, ohne irgendeinem Jugendwahn zu verfallen, und das obwohl ein Teenager im Zentrum der Geschehnisse steht. Kenner des Originals werden manches Mal überrascht, z.B. wenn der Part um die Glaubwürdigkeit Brewsters wesentlich verkürzter daher kommt, und die Leute um ihn herum recht schnell erfahren dürfen, dass er kein Spinner ist. So etwas fördert die Erwartungshaltung, da man sich fragt, was für Schwerpunkte von nun an ins Zentrum rücken werden und wie sich diese mit dem Original vergleichen lassen.

Manch einer der alten Fans wird sich sicherlich mit der Neuinterpretation des Peter Vincent schwer tun. Aus einem jammernden, abgehalfterten TV-Star ist ein Bühnenmagier geworden, der geradezu in übertriebener Coolness schwimmt. Diese wird nur bedingt dafür genutzt aus dem angeblichen Guru des Okkulten einen Angsthasen zu machen, was ja letzten Endes der Schwerpunkt von Roddy McDowalls Interpretation dieser Rolle war. Für die Neuverfilmung ist Peter Vincent nicht wichtig genug, um sich mit seiner Modernisierung schwer zu tun. Aber auch er hätte eine Spur lebensnäher konzipiert sein können. Das Fehlen seiner lustigen Seiten sorgt zudem dazu, dass aus einer ehemaligen Horror-Komödie ein reiner Horrorfilm geworden ist. Freilich fehlt es der Neuverfilmung nicht an der notwendigen Ironie, zur Komödie verkommt die 2011er Version deshalb jedoch noch lange nicht.

Was sehr angenehm auffällt, ist das Unterordnen von Blut- und Computereffekten der Geschichte gegenüber. Außerdem ist es interessant, dass sich „Fright Night“ trotz modernem, flotten Stil auf die klassischen Vampire konzentriert, und dies zu einer Zeit, in welcher seit Jahrzehnten versucht wird dem Vampirismus neue Seiten abzugewinnen, was sogar bis zu der Extreme eines „Twilight“ führte, in welchem die Vampire nur noch das Trinken von Blut und die spitzen Zähnchen gemein hatten und zu einer Art Superhelden umgewandelt wurden. Gillespies Werk besinnt sich des Ursprungs filmischer Vampire und arbeitet mit dem klassischen Fehlen eines Spiegelbildes (modernisiert über das fehlende Auftauchen in Videoaufnahmen), der Verletzbarkeit durch Kreuze, Weihwasser und Tageslicht, dem unangenehmen Empfinden vor Knoblauch und dem alten Ritual, dass ein Vampir eine Wohnung erst betreten darf, wenn er eingeladen wird. Es ist gerade letzter Punkt mit dem es Gillespie versteht zu spielen und einen höchst überraschenden Moment mit dem Verwenden dieser alten Regel zu zaubern.

Als Mitte 40jähriger weiß der Regisseur was sich lohnt zu modernisieren und was nur temporär kurz angesagt wäre. In den entscheidenden Elementen seiner Geschichte beruft sich der Geschichtenerzähler auf das Traditionelle, und dieser Mix ist es der „Fright Night“ zu einer solch angenehmen und kurzweiligen Kost macht. Der große Wurf ist Gillespe dabei nicht geglückt. Aber was soll man jammern, wenn das Remake es weiß einem seine Geschichte kurzweilig zu präsentieren? Dann ist er halt "nur" ein Stück gelungenes Unterhaltungskino. Das reicht vollkommen aus.  OFDb