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09.05.2024

EXTREMELY WICKED, SHOCKINGLY EVIL AND VILE (2019)

Der neue Freund der alleinerziehenden Liz, scheint ein echter Glücksfall zu sein. Als er jedoch ins Visier einer landesweiten Suche nach einem Mehrfachmörder gerät und es der Anschuldigungen und Indizien immer mehr gibt, beginnt sie an der Unschuld von ihm zu zweifeln...

15 Jahre Selbstvorwürfe...

Filme über Serienkiller, die wirklich existierten, sind für mich immer so eine Sache für sich, wird man doch meist zum Voyeur von etwas Abscheulichen, während die Produkte, die sich als informativ verkaufen wollen, eher reißerischer Natur sind. Joe Berlinger, der schon mit "Blair Witch 2" einen unerwarteten Kurs bewies, schafft mit "Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile" ein Werk über den seiner Zeit zum Popkultur-Phänomen gewordenen Massenmörder Ted Bundy, das nicht nur reflektiert und frei von reißerischen Elementen erzählt ist, sondern auch mit dem was er will eine Existenzberechtigung besitzt, einen Mehrwert, so dass dessen Sichtung zu etwas Nützlichem wird, anstatt einfach nur zur geistfreien Unterhaltung oder Mutprobe, wie so oft bei Werken zu wahren, äußerst brutalen Taten. Ted Bundy kennt man, selbst wenn man sich mit dem Thema Serienkiller nicht beschäftigt. Ich wusste wenig über ihn, nicht einmal wie extrem abscheulich seine Taten waren, und dass sein Fall seinerzeit medial sogar im Gerichtssaal übertragen wurde, er sich selbst immer wieder vor laufenden Kameras äußerte, und dass junge Frauen den Mann, aufgrund seines Charmes und seiner sexuell aufreizenden Erscheinung, selbst in der Spätphase vor der Verurteilung anhimmelten, für unschuldig hielten und/oder das Spiel mit dem Feuer, dem Verbotenen mochten. Es bildeten sich Gruppen verliebter Mädels vor und im Gerichtssaal, der Narzisst lebte seine Tarnung mit den Kameras über das direkte Umfeld hinaus aus. 

Und genau um diese Maskerade, diese Erscheinung, die Ahnungslose immer wieder um den Finger wickelt, geht es. Der Clou an dem nach einem Richterzitat benannten Drama ist der, dass wir, abgesehen von einer ganz kurzen Sequenz gegen Ende, nie die Taten des berüchtigten Serienkillers sehen, sondern nur sein angeblich braves Ich, welches er seinem privaten Umfeld, sowie den Polizisten, Richtern und medial der ganzen Welt, als unschuldig verkaufte. "Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile" macht, gerade durch den Umstand, hier einem realen Fall beizuwohnen, das zur Praxis, was Werke wie "Summer of 84" nur in der Theorie, in ihrem Schlussfazit äußern können: du kannst das Böse nicht erkennen, es gibt sich nach Außen harmlos. Es kann dein Nachbar sein, dein Lebenspartner, er ist nach Außen nicht die Bestie, wie uns "Der Untergang" selbst am Beispiel Hitlers deutlich machte. Gerade der Narzisst unter den Psychopathen ist hervorragend getarnt, die Unschuld vom Lande, und deshalb gibt es derart viele Fälle, Fälle die nicht immer so mörderisch und extrem ausfallen wie am Beispiel Bundys zu erleben, aber dennoch Opfer hervorbringend, die in Therapie müssen. Der hier besprochene Film ruht sich jedoch nicht nur damit aus uns lediglich der Tarnung Bundys beizuwohnen, mit seinem Stilmittel der flotten Inszenierung, die regelrecht unterhält und kurzfristig auch belustigende Momente beinhaltet, verführt er zudem den Zuschauer. Man kennt den Namen Bundy, weiß er ist ein Killer, aber wer sich nicht gerade sehr gut in der Materie dessen Taten auskennt, könnte in einigen Momenten einen Justizirrtum vermuten, trotz all des Wissens zum Namen Ted Bundy vor dem Film sitzend. Wir können Zweifel bekommen, denn wir erleben weder Taten noch direkte Beweise, stets nur Anschuldigungen und Indizien. Dennoch ist es da, das ungute Gefühl, so wie wir meinen etwas Verdächtiges im Tun und der Art Bundys wahrzunehmen. Wer exakt hinschaut (wenn nicht, dann intuitiv anmutend) kann winzige Augenblicke wahrnehmen, in welchen man einen Blick hinter die Maske werfen darf. Ich selbst habe solche, wenige Momente erst beim zweiten Sichten bemerkt. 

Kurzum ist Berlingers Film ein Film der Warnung, ein Beweis für die perfekte Maskerade, die tückische Täuschung, und durch den Blickwinkel von Liz (nach deren Buchvorlage das Ganze verfilmt wurde) für das erschreckende Erwachen, dem man als Opfer ausgesetzt ist, selbst wenn man glimpflich davon kommt, eben weil das Monster neben einem, nicht wie ein solches aussah. Im Falle von Bundy war es ein verständnisvoller Liebhaber, ein intelligenter Jurastudent und ein Mann mit einem Herzen für Kinder. Dass man über den hier so fantastisch angewandten Filmstil der Verführung nicht nur fragwürdige Personen schmackhaft machen kann, sondern auch ein komplett fragwürdiges System, bewies anbei der völlig unterschätzte "Die Welle" von 2008. Wie nah "Extremely Wicked, Shockingly Evil und Vile" an den Tatsachen dran ist, zeigt ein Blick auf den Abspann, der uns die wirklichen medialen Aufnahmen auszugsweise von einst zeigt. Dennoch gibt es freilich interpretierte Momente, sowie angebliche Fakten, die nur durch Liz bezeugt werden können. Ob ihre Behauptung stimmt, Ted hätte ihr gegenüber, auf einer Glasscheibe geschrieben, Jahre später einen Mord gestanden, darf aber wohl angezweifelt werden, zumindest wenn die Situation wie hier im Film dargeboten stattfand. Sie wirkt, ist ein stark emotionaler Moment in diesem sehr geglückten Film, aber psychologisch will ein derartiges Verhalten nicht ins Muster eines Narzissten passen. Mit dieser wackeligen Szene hätten wir aber auch den einzigen Schwachpunkt des Filmes benannt - vielleicht noch mit Ausnahme der Besetzung des Staatsanwaltes Simpson, in welchem ich aufgrund des Mangels an optischer Entfremdung leider immer wieder nur Sheldon Cooper wahrnahm.  Wiki

17.12.2023

DER MANN, DER FRANKENSTEIN WEINEN SAH (2010)

Paul Naschy ist Kult. Er ist nur den eingefleischten Horrorfilm-Freunden ein Begriff. Er war der Horror-Star des spanischen Kinos schlechthin. Genre-Verehrer feierten seine Werke für manch harten Effekt damaliger Zeit und für das klassische Grusel-Feeling. Meist fielen seine Werke hoch-naiv aus, nah an der Lächerlichkeit angesiedelt, in hochgepuschter Theatralik und Gruselmomenten schwimmend, die schon damals nur die ängstlichsten Zuschauer schauern ließen. Und Naschy war, egal ob in seiner Position als Regisseur, Darsteller oder Autor, nicht wirklich talentiert zu nennen. Aber all das Gegenteilige behauptet der Dokumentarfilm "The Man Who Saw Frankenstein Cry" (Originaltitel), der sich mit der Beweihräucherung der zentral betrachteten Figur unsachlich gibt und mit dieser übertriebenen Ehrerbietung, zu der sich auch John Landis und Joe Dante gesellen, eher wie ein US-Produkt wirkt, so wie wir es aus den schrecklichen Making Ofs US-amerikanischer Produktionen kennt, in denen niemand frei Schnauze reden darf, und alles nur der Werbung dient. 

Gerade zu Beginn macht "Der Mann, der Frankenstein weinen sah" dadurch einen unangenehmen Eindruck, ist das doch sehr unprofessionell für den Bereich des Dokumentarfilms und lächerlich noch anbei, wenn man schon einige Werke Naschys gesichtet hat. Ich mag ihn, seine Filme besitzen einen eigenen Reiz, der auch für mich nicht einzig von unfreiwilliger Komik lebt. Und Naschy schien ein sympathischer Kerl zu sein. Aber in einer dokumentatorischen Biographie erwarte ich Fakten, und die muss man hier inmitten von Fan-Getue heraus picken. Nach der ersten viertel Stunde kommt der Film von Ángel Agudo auch gleich interessanter und sachlicher daher. Wir erfahren einiges über Leben und Werk Naschys, und erst in den letzten 20 Minuten wandelt sich der 80-Minüter erneut der zu schlechten Herangehensweise der ersten Phase zu und feiert erneut fast nur noch seinen Star. Viele sympathische Filmszenen bereichern den Streifen, da sie sinngemäß zum jeweiligen Thema eingesetzt werden, und der Großteil der Doku bietet genug Informationen und Anekdoten, so dass man nicht verstimmt auf dieses etwas ungar ausgefallene Projekt zurück blickt. 

Die beiden Söhne Naschys, sowie die Witwe kommentieren viel persönlich, der politische und wirtschaftliche Zeitgeist einzelner Dekaden wird beachtet, und auch die Spätwerke und öffentlichen Auftritte eines Mimen, der im Alter überrascht darüber war, wie bekannt er auch im Ausland im Laufe der Zeit wurde, bekommen genügend Aufmerksamkeit beschert. Ein Blick auf Naschys Einfluss in "Der Totenchor der Knochenmänner", in welchem er nur eine Nebenrolle besetzte, hätte mich noch interessiert, zumal er in ähnlicher Form agierend in "Dracula jagt Frankenstein" Erwähnung erhält. Beim Blick auf sein spätes Schaffen, wird leider "School Killer" nicht thematisiert, da hätte mich auch noch mancher Hintergrundblick drauf gereizt. Aber die bedeutenden Werke seiner Karriere finden freilich alle, wie es sich gehört, ihren Platz in dieser Liebeserklärung, die der Fanatiker unter den Horrorzuschauern besser finden wird als ich. Die am Schluss genannte Anekdote, die auch zur Titelgebung der Dokumentation führte, gefiel mir anbei wirklich gut. OFDb

30.10.2022

THE SOCIAL NETWORK (2010)

Wie toll der Vorteil einer Großproduktion in den richtigen Händen sein kann, zeigt "The Social Network", der als biographisches Drama das Geld nicht in einen Haufen Spezialeffekte stecken muss, sondern auf Ausstattung, ein durchdachtes Drehbuch und tatsächlich talentierte Mimen zurück greifen darf. Dass in einer Geschichte, um die Erfindung Facebooks, der biographische und der phantastische Aspekt vermischen und nicht immer klar auseinander gehalten werden können, ist klar. Dass Fincher die durchaus faszinierende Geschichte tückischer Taten nicht rein der Vorurteilsbestätigung inszeniert und aus "The Social Network" weder einen Pro- noch Contra-Zuckerberg-Film macht, ist ihm hoch anzurechnen. Ebenso, dass er trotz der Erzählebene über Rückblicke während zwei parallel laufender Anhörungen, das Gezeigte einfach verständlich umsetzt, während das Ergebnis dennoch anspruchsvoller Natur ist. 

Die flotte, meiner Meinung nach inszenatorisch ein wenig von "Trainspotting" abgeguckte, Umsetzung, kann nicht überspielen, dass das Drehbuch, trotz einiger Klischees im Mittelpunkt, ein durchdachtes ist, sowohl strukturell, als auch in psychologischen Bezügen von Ursache, Wirkung, Kenntnisstand und Begabung einzelner Charaktere, die Wichtigkeit jeweiliger Einflüsse, das Aufheben von Schwarz/Weiß-Zeichnungen innerhalb eines von Schurken bevölkerten Business, sowie analytischer Tiefgründigkeit. Mit Jesse Eisenberg ideal besetzt, in toller Videoästhetik-Optik umgesetzt und mit einem wunderbar funktionierenden Soundtrack untermalt, der mit Monotonie und aufkeimender Stimmung auf elektronischer Ebene gleichermaßen je nach Filmphase gekonnt spielt, lässt sich der perfekt anfühlende Streifen kurzweilig, poppig und doch erwachsen, da ernst genommen anmutend, schauen. Man fühlt sich nicht manipuliert, darf an Beobachtungen und Gedankengängen teilhaben, innerhalb eines Filmes verschiedener Blickwinkel. Momente, die sich nach Vorurteilen anfühlen, gehören in Wirklichkeit zu subjektiven Blickwinkeln einzelner Figuren, so z.B. die häufig aufkommende Verabscheuung Privilegierter. 

Zuckerberg beim Aufbau seines berüchtigten Zugpferdes zuzusehen, funktioniert auf verschiedenen Gefühlsebenen zwischen Mitleid, Scham, Schadenfreude und menschlicher Enttäuschung. Das zeigt wie wichtig dem Film die Figuren sind, wie wichtig es war sie persönlich zu zeichnen, anstatt sie auf Stereotypen zu reduzieren. Dass derartige dennoch immer irgendwie aufblitzen, lässt sich aber wohl in einem US-amerikanischen Werk nicht verhindern. Vielleicht muss man in den USA leben, um es nicht wie ein Europäer zu empfinden.  OFDb

18.04.2020

THE DISASTER ARTIST (2017)

Bei der Kombination Franco und Rogen denkt man zunächst an die Party-Komödien "Ananas Express", "The Interview" und "Das ist das Ende". Wie schon manch andere Regiearbeit von James Franco, so ist "The Disaster Artist" jedoch eine Tragikomödie und somit etwas ganz anderes als die Gemeinschaftsarbeiten der beiden zuvor. Allerdings ist der hier besprochene Film, dem die gemeinsame Tragikomödie "Zeroville" zwei Jahre später folgen sollte, ohnehin kein Seth Rogen-Film, auch wenn dieser an dritter Stelle genannt wird. Der Mit-Produzent spielt eine Nebenrolle, die erst zum zweiten Drittel ins Geschehen tritt und spielt diese angenehm zurückhaltend. Im Zentrum stehen James Franco und sein Bruder Dave, die uns zeigen wie es zu dem Film "The Room" kam, der in den USA aufgrund seines schlechten Ergebnisses zu alternativem Ruhm kam, während er hierzulande nicht einmal den meisten Cineasten ein Begriff ist.

Bis jetzt zumindest, denn durch "The Disaster Artist" könnte sich das ändern, ist er doch interessant genug ausgefallen, um aufzufallen. Zumindest ist er ungewöhnlich genug umgesetzt, um dies zu tun. Zwar folgt Franco dem klassischen Handlungsablauf einer solch biographischen Geschichte und hält sich großteils überraschend stark an die Norm, die im eher konservativen Hollywood herrscht, nicht aber ohne subtil im Unterton bereits jenen alternativ verschmitzten Stil atmen zu lassen, der in gelegentlichen lauteren Szenen schließlich überdeutlich hervor bricht. Franco war nie der angepasste Filmemacher im Stil eines Adam Sandlers, er "provozierte" in seinen eigenen Werken schon immer und ließ sie eine Mündigkeit atmen, die sich gegen verbohrte Standards richtete. Wo es in wilderen Filmen gerne auch mal um körperliche Tabus, Drogenkonsum und lockere Lebensarten ging, da leuchten in "The Disaster Artist" diese Aspekte nur kurz auf, um im erwachsener geratenen Rahmen alternativen Denk- und Lebensweisen einen Appell um Akzeptanz zu gewähren. Diese Botschaft kommt unterschwellig und frei von Moral daher, wird noch weit weniger bedeutungsschwanger integriert als im diesbezüglich bereits wunderbar funktionierendem "Adams Äpfel", und wer Franco kennt, weiß dass auch ein erwachsenes Ergebnis in seinen Händen noch genügend charmant unreife Momente beherbergen wird, aber letztendlich ist der Respekt und die Toleranz vor alternativen Menschen der Kernpunkt des Streifens.

Freilich ist er auch eine Erfolgsgeschichte, zumindest wenn man dem Film glauben kann, dass "The Room" heutzutage tatsächlich derart gefeiert wird. Aber wie eine solche fühlt er sich erst zum Schluss an, wenn aus einem sehenswerten Film für einen kurzen Zeitpunkt ein unglaubwürdiger wird, kann ich mir doch nicht vorstellen, dass der unermüdliche Tommy bei so viel Herzblut so schnell und leicht akzeptieren kann, dass sein Film anders gemocht wird, als er gedacht war. Und kam dieses Party-Feeling tatsächlich bereits während der Premiere auf? Wie unglaubwürdig sich dieses, wahrscheinlich aus dramaturgischen Gründen veränderte, Szenario auch anfühlen mag, der exzentrische Charakter, den der Regisseur hier verkörpern darf, überzeugt umso mehr. Das darf schon verwundern, so grotesk er doch manchmal angelegt ist (überzeugend und mutig dargeboten von einem wie immer überargierenden, aber nicht minder talentierten James Franco), aber der Film lebt hauptsächlich von ihm. Dave Franco mag die Hauptrolle als Identifikationsfigur einnehmen, aber er ist ein Normalo, der die Geschichte nicht in Bewegung bringt, nicht einmal durch sein Empfinden der Ereignisse.

Der sich selbst überschätzende und untalentierte Tommy sorgt für das besondere Etwas, eingebettet in eine psychologisch durchdachte und somit funktionierende Dynamik, versteht das Drehbuch doch den Motor, der die ganzen Ereignisse zum laufen bringt und im weiteren Verlauf die entscheidenden Wendungen beeinflusst. Dass man sich als Zuschauer während der fiktiven Dreharbeiten ebenso wie das Publikum des Originalfilms fragt, worum es in "The Room" eigentlich gehen soll, ist nur ein Beweis dafür, dass "The Masterpiece" (Alternativtitel) erreicht was er will und somit zu funktionieren weiß. Mag sich die Geschichte in der Theorie auch ein wenig wie Burtons "Ed Wood" anhören, er ist völlig anders geartet, allein schon weil er die Figur des Tommy nicht feiert und sie absichtlich nie durchleuchtet oder hinterfragt. Denn Tommy soll ein Rätsel bleiben, das Werk über ihn soll keine Sozialstudie sein, in der wir lernen die Psyche des ungewöhnlichen Mannes zu verstehen. Wir sollen nur kurz jene Luft atmen, die man in seinem Radius abbekommt. Dank eines passiven und dennoch aufdringlichen, sensiblen aber nicht empathischen und reflektierenden aber fehlerhaft selbst-reflektierendem Charakters ist das auch gar nicht anders möglich, wenn man erst einmal in Kontakt zu ihm steht.  OFDb

06.08.2019

THE PEOPLE V. O.J. SIMPSON (2016)

"American Crime Story" ist eine TV-Serie, die von echten Kriminalfällen erzählt. Und in der ersten Staffel der von John Travolta mitproduzierten Reihe, konzentrierte man sich auf den Fall O.J. Simpson, der seinesgleichen sucht. Nicht nur dass der Gerichtsprozess und die vergebliche Suche nach der Wahrheit eine hoch spannende Geschichte bereithält, weswegen bis auf die Vorgeschichte und ein kurzer Nachklang sich die komplette Verfilmung auf die Monate der Gerichtsverhandlung konzentriert, die Geschehnisse in diesem muten teilweise derart grotesk und reißerisch wendungsreich an, dass man sich immer wieder bewusst machen muss, es hier mit einem tatsächlichen Fall zu tun zu haben, wie er wirklich stattfand. Sicherlich findet "The People v. O.J. Simpson" auch Raum für Spekulationen, was in den Kanzleien tatsächlich stattfand lässt sich oftmals nur vermuten, bedenkt man aber dass mit Ausnahme des Richters noch jeder wichtige Beteiligte des Prozesses ein Buch zu diesem Thema abgeliefert hat, sind die nicht authentischen Graubereiche doch eng gesteckt. In einer gut recherchierten und flott inszenierten Serie (mit Ausnahme der lahmarschig ausgefallenen zweiten Folge, die sich leider komplett auf die legendäre Verfolgungsjagd konzentriert), erfahren wir gut zusammengefasst was den zunächst glasklar erscheinenden Fall so unglaublich schwierig werden ließ, und das hat verschiedenste Gründe.

Im Schatten der noch immer kochenden Rassenthematik, aufgrund polizeilicher Gewalttaten einige Jahre zuvor auf ein neues, trauriges Niveau gehievt, wurde der Fall O.J. Simpson von Gefühlen und nur bedingt von Fakten beeinflusst. Menschenrechtler, Heuchler und Karrieristen bevölkerten nicht nur den medialen Schauplatz rund um den Fall, auch im Gerichtssaal selbst waren sie vertreten, sich als Anwälte O.J.s selbst zerfleischend, untereinander konkurrierend. Im Gegenzug standen auf der Seite der Staatsanwaltschaft medienungeeignete Idealisten im Raum, die mit ihrer Strategie trotz unwiderlegbar geglaubter Beweise nicht weiter kamen und dementsprechend aus Verzweiflung ihre eigenen Fehler begangen haben. Sie hatten es aber auch schwer, aufgrund gravierender Fehler die andernorts vorgefallen sind, wie die unsachgemäße Lagerung von Beweisen im privaten Umfeld, oder ein rassistischer Polizist im Zentrum der Ermittlungen, von dem bekannt ist, dass er gerne Beweise manipuliert. Das Feld rund um die wahnwitzigen Ereignisse, die den Fall erschwerten, ist breit gefächert und lädt immer wieder zum Staunen ein. Wie gesagt muss man sich beim Sichten der Serie stets bewusst machen, es hier mit einem Fall zu tun zu haben, der sich ziemlich genau so abgespielt hat, und das kann man bei den unfassbaren Ereignissen, die da teilweise stattfinden, kaum glauben. Und da sprechen wir noch nicht von den Aufständen der Jury aufgrund ausgetauschtem Wachpersonals im untergebrachten Hotel, die ausufernde Schlacht um den Ausschluss von Jurymitgliedern aufgrund deren angeblich fragwürdigen Privatlebens, oder von der wahnwitzigen Verfolgungsjagd Wochen vor der Verhandlung, die medial begleitet wurde mit einem sich eine Pistole an den Kopf haltenden O.J. Und da reden wir auch noch nicht von Zufällen, wie jenem, dass urplötzlich die Ehefrau des Richters am Rande mit ins Spiel kommt und die Unparteilichkeit des Richters gefährdet, alles Punkte, die den ohnehin schon unglaublichen Fall noch unglaublicher gestalten.

Während ich mit der Beweislage um die beinah exakte DNA-Übereinstimmung im Hinterkopf immer wieder die Windmühlen im Kopf hatte, gegen welche die Staatsanwaltschaft kämpfen musste, empfand eine Bekannte von mir, welche die Serie unabhängig von mir ebenfalls geguckt hatte, den Kampf der Verteidigung einen Unschuldigen herauszuboxen als mühseliges Unterfangen. Hätte man mich nach dem Sichten gefragt ob "The Run of His Life: The People V. O.J. Simpson" (Alternativtitel) unparteiisch erzählt ist, ich hätte nein gesagt, so sehr wie vieles aus der Perspektive der Staatsanwaltschaft gezeigt wird und so sehr wie manipulative Ablenkungsmanöver und Fehler, die nicht hätten geschehen dürfen, der Wahrheitsfindung im Weg standen. Ein Gespräch mit meiner Bekannten zeigte mir jedoch, wie anders man die in der Serie gezeigten Ereignisse wahrnehmen kann, und dass das Ganze somit tatsächlich objektiv thematisiert wurde, ohne Partei für eine Seite zu ergreifen. In der Tat weiß einen zumindest der Strudel aus Inkompetenz, zusätzlicher Umstände und diversen Wendungen an der eigens erhaltenen Position zu dieser Thematik zweifeln. Nie ist man sich einer Seite wirklich sicher, selbst wenn man von der gern verwendeten Gefühlsduselei innerhalb des Prozesses (nicht hervorgerufen durch die Inszenierung der Serie (!!!), sondern bewusst als Kampfmittel vor Gericht eingesetzt) sich nicht hat anstecken lassen.

"The People V. O.J. Simpson: American Crime Story" (Alternativtitel) ist eine wahrlich spannend ausgefallene Zusammenfassung eines unglaublichen Ereignisses, hervorragend erzählt, in allen Rollen gut verkörpert (wenn auch mit einem zu klein geratenen Cuba Gooding Jr. in der Rolle Simpsons besetzt) und spannungsgeladen, wie dramatisch ergreifend erzählt. X Blickwinkel werden eingenommen, und für das enorme Spektrum an Einflüssen nimmt man sich genügend Zeit. In Staffel 2 sollte es mit einem anderen wahren Kriminalfall weiter gehen, O.J. Simpsons Geschichte ist mit Ende der ersten Staffel zu Ende erzählt - oder auch nicht. Kurz nach dem Prozess blendet sie die Geschichte aus. Ich persönlich hätte es interessant gefunden zu erfahren, wie es zum zweiten Prozess kommen konnte, in welchem der Ex-Footballer dann doch noch zu jenem Fall schuldig gesprochen werden konnte, für den er zunächst freigesprochen wurde - eigentlich ein Unding in der amerikanischen Rechtsprechung. Hier hätte man gerne noch drauf eingehen können, gehört es doch als wesentlicher und umstrittener Bestandteil mit zur erzählten Geschichte. Zumindest zeigt dieses Beispiel, dass der ungelöste Fall O.J. Simpson auch nach der Gerichtsverhandlung noch hoch interessant bleiben sollte. Und die Serie bereichert ihn in der von ihr eingegrenzten Phase zusätzlich durch das Mitbeachten des menschlichen Faktors. Eigene Tragödien der Beteiligten, die hinter den Kulissen stattfanden, werden stets mit ins Geschehen eingebunden, frei von Kitsch, sachlich genutzt, anstatt zu Manipulationszwecken eingebracht. Und da finden sich so interessante Aspekte wieder, wie der Glaube O.J.s nach der Freisprechung ginge sein Leben so weiter wie zuvor. An Reichhaltigkeit mangelt es der Serie keineswegs. Und dank einer guten Umsetzung verliert sie auch nie den Überblick.  OFDb

06.08.2018

THE FOUNDER (2016)

Die Hamburger bei McDonalds schmecken besonders gut. Das System, mit welchem die Bestellung von 30 Minuten Wartezeit auf 30 Sekunden heruntergefahren wird, ist genial. Die Gründer McDonalds sind Ehrenmänner. Bereits der Name McDonalds weiß zu verzaubern. Man sollte meinen, dass ein Film der solche Aussagen tätigt, ein mehr oder weniger versteckter Werbefilm für die weltweit berühmte Systemgastronomie-Kette sein müsste, erst recht wenn man thematisch auf den Vorgängerfilm von Regisseur John Lee Hancock schielt, der mit "Saving Mr. Banks" die Entstehungsgeschichte des Filmes "Mary Poppins" mit Tom Hanks in der Rolle Walt Disneys erzählte. Ob dieser kritisch oder manipulativ ausgefallen ist, weiß ich nicht, "The Founder" ist jedoch ein Drama, das sich tatsächlich für die Methoden der Ausweitung einer Hamburgerbude zu einer landesweiten Kette interessiert und dafür wie die eigentlichen Gründer des Unternehmens trickreich von einem Gierlappen aus ihrem eigenen Betrieb herausgedrängt wurden.
 
Thematische Parallelen zu "The Social Network" sind also gegeben, es mag somit sein, dass erst dessen Erfolg das Projekt "The Founder" ermöglicht hat. An die Qualität des Vorbildes reicht der mit Michael Keaton so gekonnt besetzte Film jedoch nicht heran. Das muss er auch nicht um zu gefallen, denn bereits in seinem schlichteren Gewand mit seinen realistisch zurückgeholten 50er Jahren weiß das Ergebnis zu gefallen. Der nicht nur mit Keaten hervorragend besetzte Film, aber hauptsächlich von dessen Leistungen lebende, mag bei der Faszination des Ur-McDonalds die kritische Frage unter den Teppich fallen lassen, wie übel es mittels des perfektionierten Speedo-Systems gewesen sein muss für die beiden Geschäftsmänner innerhalb der Essenszubereitung gearbeitet zu haben, faszinierend ist diese Errungenschaft der höheren Produktivität jedoch trotzdem, eben weil sie aus dem Blickwinkel eines Kapitalisten wahrgenommen wird. Dessen sollte man sich beim Gucken des Filmes ohnehin immer bewusst sein, immerhin ist es Kroc der zur Identifikationsfigur wird, ein netter Trick wie ich finde, wenn auch ebenfalls beim Facebook-Film abgeguckt, denn letztendlich leiden wir mit wem mit, dessen Egoismus und Gier stets zu seinen trivialen Problemen führt.

Schaut man sich McDonalds von heute mit den Vorstellungen seiner Ur-Besitzer an, könnte die Kette nicht weiter von den Vorstellungen der prinzipientreuen Gründer entfernt sein. Es wird kein Geheimnis daraus gemacht, dass auch diese Idealisten Geschäftsmänner waren, denen es hauptsächlich um ein gut florierendes Geschäft ging. Aber sie waren moralisch gesteuert und gehen für Erfolg nicht über Leichen. In Milchshakes gehört echte Milch hinein. Coca Cola darf sich nicht in den Betrieb einkaufen, da McDonalds nicht zu deren Werbeträger werden soll. Die Gründer haben völlig andere Vorstellungen von der Qualität eines Betriebes als der Maximalgewinne schöpfen wollende Kroc. Dass Kroc ganz im Gegensatz zu den McDonalds-Brüdern jedes Mittel recht ist, verrät bereits schon der augenzwinkernde, eigentlich schwarzhumorig bittere, da wahrhaftige, Titel des Streifens, wird dort doch Kroc als Gründer genannt, was er im wirklichen Leben nach dem Ansichreißens des Unternehmens auch tatsächlich von sich behauptete. Nach dem Erklimmen des Machtgipfels des Betriebes, jener Zeitpunkt zu dem die Geschichte von "The Founder" zu Ende erzählt ist, dürfen die eigentlichen Gründer des Burgerladens ihre Ur-Bude nicht einmal mehr McDonalds nennen. Und schon lange vor diesem Ereignis pries Kroc seine erste Filiale als den ersten McDonalds-Laden an. Ein Film mit solch einem gierigen Kapitalisten im Zentrum ist wahrlich kein Werbevideo.

Und doch lebt "The Founder" nicht nur von der Bösartigkeit seines Protagonisten. Die Faszination McDonalds und der Weg zum Ziel spielen stets ebenfalls eine wichtige Rolle für den Sehwert des Streifens. Dass Kroc letztendlich mit seinem Unternehmen mehr zum Immobilienmakler als zum Essensanbieter wird, ist das eigentliche Geheimnis seiner Erfolgsgeschichte, und der Weg dorthin und die vielen Begründungen warum dieses Prinzip Kroc den Arsch gerettet hat, ist eine sehr interessante und dank der Stimmung die der Film zu entfachen weiß auch eine höchst unterhaltsame. Spätere kritische Punkte, wie die Umweltfrage aufgrund von Massentierhaltung und ähnliches, muss The Founder" nicht verarbeiten, eben weil er noch Jahrzehnte entfernt vom öffentlichen Interesse solcher Themen endet. Manch andere, bereits in den anvisierten Jahrzehnten aufkommende, kritischen Fragen hätte man sicherlich dennoch mit einbringen können, letztendlich lebt "The Founder" aber auch von seiner Leichtfüßigkeit, mit der er Krocs Dreistigkeiten präsentiert, da hätte zu viel Kritik das Projekt mental gedrückt. Zudem würde sich "The Founder" dann auch einer Seite zuordnen. So wie vorgelegt ist er neutral erzählt, ohne eine Position für oder gegen McDonalds einzunehmen, nicht einmal eine Position für oder gegen Kroc und somit für oder gegen Kapitalismus, wie ihn diese weltweite Systemgastronomiereihe lebt. Und ich denke dass diese Entscheidung dem sympathischen Film gut tut.  OFDb

18.03.2018

DIE ENTDECKUNG DER UNENDLICHKEIT (2014)

Sicherlich kann man darüber diskutieren, ob es einem Mann wie Stephen Hawkings gerecht wird keine möglichst objektive Biographie abzuliefern, sondern eine stark gefühlsorientierte, die trotz ihrer harten Thematik kleine Randbereiche zu verschönern weiß, indem einige der Unannehmlichkeiten, die mit der Krankheit einhergehen, nicht genannt werden, da der Erhalt der Hoffnung stark im Fokus des Filmes stehen soll. Aber nun war Hawkings, der im März diesen Jahres leider verstorben ist, zum einen kein rein intellektes Wesen, sondern ein Mann mit Gefühlen und viel Humor, und zum anderen basiert der von James Marsh inszenierte Film auf der Biographie Jane Hawkings, die lange Zeit an der Seite des Wissenschaftlers blieb und nach der Scheidung freundschaftlichen Kontakt zu ihrem Ex-Mann hielt.

Das Ergebnis ist ein wunderschöner Film über eine traurige Thematik, die tapfere Menschen zeigt, die sich gegenseitig Mut und Hoffnung schenken. Mag „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ auch etwas arg optimistisch daher kommen, meist ist die Erzählung ehrlich ausgefallen und macht keinen Hehl aus Wünschen, Gefühlen und Erlebnissen, die moralisch nicht immer vertretbar sind. Die Figuren in dieser Erzählung sind Menschen, wie soll es bei einer Biographie auch anders sein, und so erleben wir nicht nur Aufs und Abs der Krankheit und damit einhergehend Auf und Abs jener, die den Kranken durch das Leben begleiten, wir erleben auch manch andere Tücken des Alltags und selbstverständlich auch die ungewöhnliche Karriere eines intelligenten Mannes.

Der intelligenteste Mann der Welt, wie er gerne bezeichnet wird, wird er wohl kaum gewesen sein, dafür stand er zu sehr im Mittelpunkt und mochte Ruhm und Popularität zu sehr, die er auch in Fernsehserien wie „Die Simpsons“ und „Big Bang Theorie“, humorvoll wie er gestrickt war, auslebte. Kandidaten dieses Titels werden irgendwo still und unbeachtet auf diesem Planeten leben und nichts um eine solche Betitelung geben. Seine Brillanz, ob man den Theorien Hawkings nun zustimmt oder nicht, kann man dem Wissenschaftler jedoch nicht absprechen, das zeigen allein die vielen feinsinnigen bekannten Zitate dieses Mannes, die, ebenso wie die gezeigten Arbeiten im Film, immer wieder Wissen, Fühlen und Philosophie miteinander verbinden. Auch dies spricht für die Herangehensweise des Filmes, da genau diese drei Aspekte in diesem als Zentrum nebeneinander her laufen.

Wenn man diesen Mann im Rollstuhl mit seiner künstlichen Stimme in den Medien gesehen hat, reduzierte man ihn schnell zu diesem unter einer schweren Krankheit leidenden Genie. Es ist schön, dass „The Theory of Everything“ (Originaltitel) einem dabei hilft zu verstehen, dass Hawkings einst ein Mensch wie jeder andere war und durch schwere Zeiten gehen musste, ehe er die Person wurde, die wir aktuell immer mitbekommen haben. Theorie und Praxis gehen auch in diesem Bereich oft durcheinander, selbstverständlich weiß man dies auch ohne die Hilfe eines solchen Films, aber Marshs hervorragend besetztes Drama zeigt die vielen Facetten die mit dem Leben Hawkings einhergingen und macht es einem leichter zu verstehen.

Der Film schließt mit der Einladung der Queen. Dass Hawkings den Ritterschlag ablehnte erfahren wir nur per Schrifteinblendung, damit der Film ohne falsche Queen authentisch bleibt. Das einzige was ich in diesem gelungenen Stück Verbeugung vor einem Mann, der es so gar nicht leicht hatte, vermisst habe, war eine Vertiefung der Person, welche den Sprachcomputer für Hawkings entwickelt hat und eine genauere Erklärung dessen wie dieser funktioniert. Ansonsten gibt „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ einen detailreichen Einblick in ein, sowohl aus traurigen, wie auch aus ehrfürchtigen Gründen, ungewöhnliches Leben eines Mannes, der allen zerstörerischen Begebenheiten zum Trotz in mehrfacher Hinsicht gesiegt hat.  OFDb

20.09.2015

HITCHCOCK (2012)

Eine Biographie Hitchcocks, wenn auch nur aus der Phase in welcher der große Klassiker „Psycho“ entstand, und ein solches Projekt besetzt mit Talenten wie Anthony Hopkins, Scarlett Johansson und Kurtwood Smith, das muss doch eigentlich funktionieren. Aber „Hitchcock“ beweist, dass es nichts gibt was es nicht geben kann. Ich weiß nicht warum der Film vor einigen Jahren auf so viel Aufmerksamkeit stieß, denn er ist pure Zeitverschwendung, sowohl für jene Interessierte, die biographische Richtigkeit erwarten, als auch für jene, die rein zu Unterhaltungszwecken sich mit einer Interpretation dessen was einst passierte zufrieden geben würden.

Zunächst einmal ist Sacha Gervasis Film nicht nur reine Spekulation, und damit schon einmal nichts für Biographie-Interessierte, er ist zudem aus psychologischer wie auch aus gesellschaftlicher Sicht vollkommen blauäugig erzählt, wie ihn auch nur Realitätsverweigerer als echt ansehen könnten. Hitchcock wird zu einer fast unfehlbaren Ikone glorifiziert, die Wahl der Besetzung findet über billigste Frauenheftchen-Lebenshilfe-Psychologie statt, und die Dramaturgie ist so stark an Hollywood-Gewohnheiten orientiert, dass auch diesbezüglich jegliches Gefühl für Realitätsnähe verloren geht.

Zudem muss mir mal wer erklären, warum Hitchcock in den zähesten Szenen einen inneren Dialog mit Ed Gein hält, welche bemüht versuchen Parallelen von Hitchcocks aktuellen Gefühlsregungen zu Ed Geins vergangenen Taten herzustellen, die Geschichte damit aber keinesfalls weiterbringt oder anderweitig beeinflusst. So bleibt lediglich das Gefühl eines reißerichen Elements zurück, welches in seiner Lächerlichkeit zur vollen Blüte kommt, wenn die Mordszene unter der Dusche angeblich so gewalttätig ausfiel, weil Hitchcock während des Drehs selbst das Messer wetzte während eines erneuten Anfluges von Eifersucht.

Während James D‘Arcy als Anthony Perkins glänzt, aber leider nur einige wenige Male durchs Bild huschen darf, ist zumindest Helen Mirren einen Blick wert, wie sie die Rolle von Hitchcocks Ehefrau meistert. Die Frau ist wahrlich talentiert und reißt jede Szene in der sie auftaucht, und das sind nicht gerade wenige, an sich. Warum Anthony Hopkins neben ihr verblasst? Weil dieser während des Drehs wohl erkannt hat wie schlecht das Drehbuch ist und nur mit halber Backe spielt. Er ist das Reinschalten nicht wert. Selbst die mit so viel Talent gesegnete Scarlett Johansson bleibt in ihrer Rolle als Janet Leigh blass, aber das liegt weniger an ihr als an dieser lustlosen Inszenierung einer solch lächerlichen Interpretation dessen wie es damals gewesen sein könnte.

Ich hatte hohe Erwartungen an „Hitchcock“, hatte im Vorfeld auch keine Filmbesprechungen über Gervasis Werk gelesen und wurde bitter enttäuscht. Zwar weiß Helen Mirren einiges zu retten, lediglich sie wäre das Reinschalten wert, aber auch sie kämpft gegen Windmühlen in einem Film der weder realistisch, noch charmant spekulativ erzählt was einst geschah. „Hitchcock“ ist ein langatmiger, unreifer Streifen, der sich besonders dann quälend und peinlich guckt, wenn man sich auch nur ansatzweise mit Psychologie und Soziologie auskennt. Einziger Vorteil des Streifens: hinterher verspürte ich große Lust mir noch einmal „Psycho“ anzusehen.  OFDb

14.12.2013

GACY (2003)

„Gacy“ ist ein zusammengestückeltes Werk, das muss man leider so streng formulieren. Der Stil ist nicht gewöhnungsbedürftig, sondern sonderlich. Gewöhnen konnte ich mich daran nicht. Dem Zuschauer werden ständig Informations-Häppchen zugeworfen, dabei wird manch wichtiges kurz angedeutet, manches übersprungen und erst später deutlich, anderes wird niemals deutlich. Das könnte jetzt auch nach einem anspruchsvollen Film klingen, der den Zuschauer fordern soll. Man merkt aber schnell an der billig heruntergekurbelten Art, dass dies nicht der Fall ist. Von Schwächen im Drehbuch soll dies ablenken, vielleicht sogar von schauspielerische Schwächen.

Der Darsteller des Gacy spielt überzeugend, an dem gibt es nicht wirklich etwas zu meckern. An sich ist die Geschichte von Gacy ja auch eine recht interessante. Leider weiß man bei dieser Biographie allerdings nie was Lug und Trug ist und was sich wirklich so zugetragen hat. Ähnlich wie im besseren "Ed Gein", in dem es ebenfalls um einen Serienkiller geht der tatsächlich gelebt hat, wundert es etwas, dass der Mythos Massenmörder nicht zur Sensationsgier verkommt. Das ist ein durchaus lobenswerter Ansatz mit dem man eher nicht rechnet wenn man bedenkt wie viele Menschen diese Verbrecher kultig verehren.

Während man in "Ed Gein" versuchte den Mann hinter den Morden auszuleuchten und nebenbei auf sensible Art Spannung erzeugte, trumpft "Gacy" bloß durch Zurückhaltung, um den Effekt zu umgehen sich eigentlich einer reißerischen Thematik zu bedienen. Was nutzt das, wenn diese Zurückhaltung dazu führt, dass Beweggründe unbekannt sind und weitere Hintergründe für Nichtwissende der realen Ereignisse ebenso, so dass sich der fertige Streifen eher wie ein unkomplettes Filmpuzzle guckt, jedoch ohne dabei jenen Reiz auszuüben, den auf diese Art noch „Blair Witch 2“ zu versprühen wusste.

Etwas mehr hatte ich schon erwartet, eben weil ich über Gacy nicht wirklich etwas wusste. Andererseits ist es schön zu wissen, dass hier nicht unnötig mit Blut rumgespritzt wurde für die nimmersatten Horrorfreaks, die selbst vor wahren Begebenheiten und Mumpitz wie "Gesichter des Todes" keinen Halt machen. Diese werden sicherlich genug über "Gacy" zu maulen wissen.  OFDb

25.07.2012

ZUG UM ZUG IN DEN WAHNSINN (2010)

Mit 7 Jahren lernt Bobby Fischer das Schach spielen, mit 9 ist er bereits überdurchschnittlich gut darin. Nach dem erreichten US-Meister-Titel soll er in Zeiten des kalten Krieges in Island gegen den russischen Weltmeister antreten, was trotz einiger Macken Fischers auch gelingt. Dieser Moment soll der Höhepunkt im Leben des Schachgenies bleiben, denn so nach und nach entgleitet ihm der Sinn zur Wirklichkeit...

Verdienter Erfolg...
 
Das Phänomen Bobby Fischer weiß auch nach all den Jahren noch immer zu begeistern und zu packen - ebenso wie seine Spiele, die von vielen Menschen damals am Fernseher mitverfolgt wurden, ein Zustand den man sich heutzutage kaum vorstellen kann, so langsam und ruhig ein Schachturnier doch eigentlich vonstatten geht und so unterhaltungsüberflutet und flott wie heute ein Produkt sein muss um überhaupt die Aufmerksamkeit des Massenpublikums zu erlangen. Doch Fischer ist ein Künstler seines Fachs, überrascht immer wieder mit für ihn völlig untypischen Schachzügen und weiß auf diesem Weg auch den Weltmeisterschafts-Titel zu holen, eine Trophäe mit der Wochen zuvor keiner mehr rechnete.

Denn Bobby war ein schwieriger Mensch. Ohnehin schon menschenscheu und arrogant, stellte er sonderbare Regeln auf, die eingehalten werden mussten, damit er überhaupt spielt. Kameras summten zu laut, Preisgelder sollten angehoben werden, usw. Erst spät erscheint er in Island, dem Austragungsort der Weltmeisterschaft. Zum ersten Spiel erscheint er viel zu spät, zum zweiten schon gar nicht mehr. Zeitzeugen sind hin und her gerissen ob sein Verhalten Teil psychologischer Kriegsführung gegen den russischen Konkurrenten war, oder schlichtweg zur Natur des Sonderling Fischers gehörte, der sich (nicht nur zu Trainingszwecken) immer mehr von der Außenwelt abkapselte.

Was Bobby machte, machte er richtig. Körperliche Fitness schien ihm als Vorbereitung zur Weltmeisterschaft wichtig, also wurde sie auch gleich in einer Extreme studiert und ausgeführt. Als Kind verbrachte er seine Freizeit einzig vor dem Schachbrett. Die kluge Mutter, die dies nicht für gesund hielt, gab auf dagegen anzukämpfen, nachdem ein Psychiater bescheinigte Schach spielen könne nicht krank machen.

Heutige Experten sehen es anders. So werden in „Zug um Zug in den Wahnsinn“ genügend Beispiele aus der Vergangenheit genannt, in welcher Schachspieler den Bezug zur Realität verloren haben, eben weil sie im Spiel so abstrakt denken müssen und im wirklichen Leben damit manchmal nicht aufhören können. Im Extremfall kann es zu einer bestimmten Form der Schizophrenie kommen. Was es bei Fischer war, wird wohl ziemlich ungelöst bleiben, da er schon vor seiner Erkrankung ein Sonderling war, der auf Vorschriften und Werte geschissen hat.

Nach der Weltmeisterschaft hofften noch viele auf eine Rückkehr. Zu dieser ist es erst ganz spät für ein Altherrenspiel gegen den ehemaligen russischen Gegner gekommen, zu einer Zeit wo beide Genies nur noch Schatten ihrer Selbst waren. Fischer war zwischendurch gläubig geworden, kehrte der ihm zugetanen Sekte jedoch den Rücken nachdem er bemerkte dass alles Schwindel war. Trotz seiner nachweislich jüdischen Herkunft versteifte er sich immer mehr in den Antisemitismus und faselte, wenn er sich mal öffentlich oder vor Freunden äußerte, immer verstärkter von irgendwelchen Verschwörungstheorien, mit denen er sogar sein sonderliches Verhalten einst bei der Ankunft in Island entschuldigte. Die CIA habe damit zu tun. Er würde es ein andermal genauer erklären.

Ihm schwebte immer vor ein Buch zu schreiben, zu dem es nie kam. Freunde kehrten ihm den Rücken. Und als später die Familie starb, hielt gar keiner mehr zu einem Mann, welcher der Welt noch so vieles in seinem Sport hätte zeigen können. Im Film wird der Vergleich zu Picasso gezogen: Stellen sie sich vor er hätte nach 5 Jahren aufgehört zu malen. Welche Kunstwerke wären nie entstanden? So erging es der Schachwelt mit Bobby Fischer, nachdem er nicht mehr öffentlich spielte.

Der deutsche Titel setzt zu verstärkt auf das geistige Abdriften Fischers, was zwar ein sehr reizvolles Thema ist, jedoch nicht zum Zentrum von „Zug um Zug in den Wahnsinn“ wird. Die Regiearbeit der Dokumentarfilmerin Liz Garbus ist ein respektvoller Umgang mit dem Phänomen Bobby Fischer, angereichert mit allerhand Archivmaterial und Informationen von Menschen, die dem Sonderling sehr nahe standen. Es gibt allerhand Interviews, und in Spekulationen verfranst man sich nie, auch wenn man sie hin und wieder streift. Gelegentlich werden Vermutungen geäußert in Bereichen die nicht recherchiert werden konnten.

Der Originaltitel „Bobby Fischer Against the World“ wird dem Dokumentarfilm gerechter als die deutsche Namensgebung, da er bereits in der Rolle des Sonderlings ansetzt und nicht erst bei der geistigen Erkrankung des Weltmeisters. Dennoch ist auch sie ein wichtiger Teil des Phänomens Fischer und wird zu einem erstklassigen Beispiel zum Thema „Genie und Wahnsinn“. Mich würde es nicht wundern, wenn Fischer Pate stand für den Mathematiker aus „Pi“, dem es bezüglich seiner Paranoia ähnlich erging. Die Fähigkeit gegen sich selbst zu spielen ist hingegen ein Bereich, der an das sehr interessante Buch „Die Schachnovelle“ erinnert.

Es ist schön, dass „Zug um Zug in den Wahnsinn“ trotz aller Bewunderung für den im Zentrum stehenden Mann meist sachlich bleibt und Bobby Fischer seine Leistungen anerkennt, wie auch Respekt davor zeigt, dass er nun einmal nicht so leben wollte wie es die Masse als normal empfinden würde. Auch ein Sonderling hat das Recht ein solcher zu sein. Und da der mittlerweile verstorbene Schachweltmeister dank Archivmaterial auch immer wieder durch Interviews zu Wort kommen darf, darf der Zuschauer auch einen glaubwürdigen Blick auf das Phänomen Bobby Fischer werfen. Die guten und die schlechten Seiten, die erfolgreichen und die wunderlichen Phasen, und das ganze mit reichhaltig Informationsmaterial vollgestopft, so muss ein Portrait aussehen! „Zug um Zug in den Wahnsinn“ ist so fesselnd ausgefallen wie die Spiele die den Mann berühmt machten.  OFDb

06.05.2012

W. - EIN MISSVERSTANDENES LEBEN (2008)

Für den politisch erfolgreichen Papa war George Bush. Jr. mit seinem orientierungslosem Lebensstil immer wieder eine Enttäuschung. Doch er hat es dennoch bis zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika geschafft...

Wie die Mutter, so der Sohn...
 
Es stimmt schon etwas nachdenklich wie gut man in Deutschland über amerikanische Präsidenten und die Wahlen diesbezüglich informiert ist und wird. Andere ausländische Politiker sind uns in der Regel nie so bekannt wie die Obersten der USA. Manch einer kennt sich mit ihnen besser aus als mit deutschen Politikern. Wenn in meiner Generation (Jahrgang 1975) ein amerikanischer Präsident von Bedeutung war, dann war es definitiv George Bush, Jr.

Seine Taten waren uns Warnungen in welch fragwürdige Richtungen Demokratie pervertieren kann, gerade in Hinblick der deutschen Nazi-Vergangenheit. Die Sympathie oder Distanz zu diesem Mann war ein wichtiger Entscheidungsfaktor der Wahlen im eigenen Land. Und obwohl man in Deutschland Parteien und nicht Bundeskanzler wählt, wurden die bekannten Rededuelle aus den USA mit einem Mal auch wichtig in Deutschland, eben weil man, so verschieden unsere Kulturen auch waren, von nun an immer wieder beide Länder verglich, u.a. aus Sorge auch Deutschland könne irgendwann auf dem sozial ungerechten Level der Vereinigten Staaten ankommen.

Die Einführung der Kosten beim Hausarzt, der Beginn von Hartz 4 und die Kürzung der Gehälter auf etwa die Hälfte des eigentlichen Wertes durch die Euroeinführung hatten die Menschen diesbezüglich sensibilisiert, die Angst war somit nicht unberechtigt. Und so schaffte es Michael Moore mit Buch und Film auch in Deutschland erfolgreich seine Medien an den Mann zu bringen. Neben der Welt der Nachrichten war er es der einem George Bush, Jr. näher brachte als jeden anderen amerikanischen Präsidenten zuvor. Wir lernten seine Vergangenheit kennen, die Widersprüche in seinem politischen Vorgehen und seine Leichtfüßigkeit, die in starkem Kontrast zu seiner eigentlich harten Politik stand.

Michael Moore brachte uns mit all den Hintergründen die er lieferte entweder dazu Bush zu hassen, oder Moore selbst. Ein Verständnis für die Taten des Sohnes George Bushs kam dabei niemals auf. Zu theoretisch war die Vergangenheit angerissen, zu bewusst erlebten wir die Veränderungen des selbstgepriesenen freien Landes auf dem anderen Kontinent.

Oliver Stone schafft es diese Lücke aufzuholen. Seine Biographie über George Bush, Jr., die nicht völlig satirefrei erzählt ist, schafft es den Privatmann hinter dem Amt zum Leben zu erwecken. Wir beginnen den Mann und seine Art der Politik zu verstehen. Das verändert nicht die mögliche Antipathie zu dieser Person, doch darf man nun im Falle dieser einen Mann nicht mögen anstatt eines unmenschlichen Präsidenten. Letzten Endes macht Stone aus Bush das was Hirschbiegel aus Hitler mit „Der Untergang" machte: er zeigt uns den Mensch hinter dem Monster, welches uns die Medien immer wieder präsentiert haben.

Stone erzielt diese Wirkung aus recht simplen Methoden. Er orientiert sich am Gefühlsleben George Bush Juniors und zieht diesen roten Faden durch bis hin zu seiner Position im theoretisch höchstem Amt Amerikas. Er legitimiert dieses Vorgehen durch den Grundcharakter Bushs und unterstreicht es mit der Ähnlichkeit des Charakters dessen Mutters. Stone lässt Vater Bush nicht zu einer kleinen Nebenrolle verkommen und verstärkt durch dessen völlig andere Charaktereigenschaften noch einmal die der Hauptfigur des Films.

Eine Wertung ergibt sich dabei erst in zweiter Reihe, geht es eigentlich doch schlichtweg dabei um den Unterschied, dass der eine Prinzipien folgt und wohlüberlegt handelt und der andere nie wahre Werte entwickelt hat und aus dem Bauch heraus handelt. Dass letztere Eigenschaften nicht gerade positiv für ein politisches Amt sind, ist nicht von der Hand zu weisen. Zumindest entsprechen sie nicht dem Bild eines Politikers in den Köpfen der meisten Menschen. Hier kann nun die Wertung Fuß fassen, etwas dass in einer Biographie eigentlich nichts zu suchen hat.

Allein deswegen ist die Ironisierung so wichtig, in welche Oliver Stone seinen Film packt. Das gibt der ganzen Problematik ein wenig Rückendeckung. So kann man trotz der fehlenden Neutralität Gefallen an „W.“ finden. Trotzdem ist qualitativ ein Unterschied zu erkennen zu dem faktenreichen „Nixon“, ein weiterer Film Stones über einen Präsidenten der USA.

War dieser ein komplexer Film, dem man nur hochkonzentriert folgen konnte, so ist „W.“ trotz nicht chronologischer Erzählung ein leichtfüßiger Unterhaltungsfilm geworden, dem man zwar seinen Hang zur faktenreichen Recherche nicht abstreiten kann, aber aufgrund des Familiendramas im Mittelpunkt nicht so anspruchsvoll daher kommt wie „Nixon“, ja nicht einmal wie „JFK“, der eher Kriminal-Drama anstatt Biographie war und der ebenfalls trotz faktenreicher Erzählung keine Neutralität aufwies. Als Film über eine Morduntersuchung musste er dies auch nicht.

Vielleicht liegt es daran, dass man Bush Junior bereits durch Moore viel zu gut kannte. Wo viele Fakten bereits bekannt sind, da rückt die triviale Familiendramatik der Bushs und der hinein interpretierte Teil Stones in den Vordergrund des Bewusstseins des Zuschauers. Dadurch kann ein ungerechtes Bild entstehen. Andererseits lässt es sich nicht von der Hand weisen, dass man „W.“ nicht gerade konzentriert folgen muss, und dass er in seiner Erzählung ebenso leichtfüßig daher kommt wie der Präsident von dem er berichtet.

Es ist psychologisch betrachtet somit eigentlich richtig den Film so zu erzählen, wie er erzählt wurde. Leichtfüßig, Hintergründe über das Gefühlsleben des Präsidenten erklärend - was der Film richtig macht, lässt ihn ungerecht betrachtend plumper daher kommen. Dabei besitzt das Werk nur einen wahren Tiefpunkt, und das ist eine (logischer Weise) erfundene Alptraumsequenz Bushs, die nun gar nichts mehr mit Fakten zu tun hat.

Über das Ergebnis kann man dennoch nicht jammern. „W.“ ist hochkarätig besetzt, faktennah und baut immer wieder eine Brücke zur Politik des Herrn Papa, was allein wegen der Anwesenheit gleicher Mitarbeiter bei beiden Präsidenten auch absolut sinnvoll ist. Stone lässt sich viel Zeit für die Vergangenheit Juniors. Dennoch wäre so manche fehlende Vertiefung sinnvoll gewesen, die er Richard Nixon gegönnt hätte. Die verschiedenen Berufe werden nur angeschnitten, über die Freundschaft des Vaters und des Sohnes zu den Bin Ladens wird überhaupt nichts berichtet, vieles wird schlichtweg nur erwähnt anstatt es auch wirklich zu thematisieren.

Scheinbar wollte Stone nicht schon wieder eine Biographie mit der Laufzeit von 3 Stunden abliefern. Der lockerflockigen Inszenierung hätte das sicherlich auch nicht gut getan. Und solch wichtige Elemente wie Bushs Religionsleben und seine politische Passivität, die ihn zum Spielball anderer Menschen machte, werden um so deutlicher eingebaut, so dass man unterm Strich trotz mancher Lücke und fehlender Distanz durchaus von einem interessanten Film sprechen kann. Wie oben bereits erwähnt hat Stone uns den Menschen Bush zumindest näher gebracht als es Moore je konnte und wollte. Dabei hätte Moore davor gar keine Angst haben müssen. Den Menschen den man nicht mag zu verstehen hilft dabei ihn nicht völlig aus dem Affekt heraus unsympathisch zu finden.

Hat man durch beide Filme beide Präsidenten kennen gelernt, zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen Richard Nixon und George Bush, Jr., die immerhin beides unbeliebte ehemalige Präsidenten der USA waren. Der eine handelte aus Überzeugung heraus (so wie Papa Bush). Man lernte ihn zu verstehen und konnte Taten, zu denen man kritisch steht, zumindest aufgrund seiner Sichtweise respektieren. Bush Junior war lediglich ein unreifer Egomane, der nie wirklich wusste was er tat. Ihn verstehen zu lernen ist nicht gleich zu setzen damit, dass man einen gewissen Respekt zu seiner Sichtweise bekäme. Der Blick hinter die Kulissen hilft lediglich dabei ihn weiterhin nicht zu mögen, wenn man dies bereits vorher tat.  OFDb

05.05.2012

NIXON (1995)

In bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, beschreitet Nixon mit allerlei Hindernissen eine Politkarriere bis hin zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Er sollte der erste Präsident werden, der von diesem Amt zurück treten muss...

Ein Buhmann mit Format...
 
Oliver Stone widmete sich im Laufe seiner Karriere als Regisseur in zwei Filmen den zwei unbeliebtesten Präsidenten der USA. Während sein Werk über George Bush, Jr. mit dem kurzen Titel „W.“ eher leichtfüßig daher kommt und den Bereich der Satire streift, ist sein Werk über Richard Nixon, welches den Nachnamen der zu behandelnden Person trägt, sehr dramatisch, schwermütig und teilweise recht düster angelegt. Das trifft inszenatorisch beides den Kern der Psychologie seiner Hauptfiguren und führt in beiden Fällen zu einem interessanten Ergebnis. Zeigte uns Stone mit „W.“ später einen Film der Verständnis für Bushs Taten wecken kann ohne den Präsidenten dabei in Schutz zu nehmen, so wird in „Nixon“ Stones Zwiespalt zwischen Anklage und Anerkennung deutlich.

Für Stone schien Nixon nicht schlichtweg der böse Mann zu sein zu den ihm die Medien zu seiner Zeit und hinterher gemacht haben. Das darf schon ein wenig verwundern, kann man es doch als Provokation ansehen, dass gerade einmal vier Jahre nach „Das Schweigen der Lämmer“ ausgerechnet Anthony Hopkins für die Rolle des Richard Nixon besetzt wurde, ein Mann der mit seiner Darbietung als Hannibal Lector immer wieder in Verbindung gebracht wird und einen Filmbösewicht kreierte der unheimlich und in gewisser Weise sympathisch zugleich war. Es würde den Ruf Stones nicht entsprechen, aber mit Hopkins in der Hauptrolle hatte ich eher mit Schwarzmalerei gerechnet als mit einer objektiven Berichterstattung.

Von objektiv kann man sicherlich nur bedingt sprechen, ist doch vieles im Werk spekulativ, allein schon weil es sich viel mit den inneren Dämonen Nixons beschäftigt, und wie der mit diesen umgegangen ist lässt sich kaum nachweisen. Oliver Stone macht jedoch kein Geheimnis daraus, beginnt den Film mit einer Texteinblendung die darauf verweist, dass der Film eine Interpretation dessen ist was passiert ist. Fakten und Vermutungen vereinen sich, lassen sich jedoch, so denke ich zumindest, recht gut auseinander halten, trennen sich beide Bereiche versimpelt ausgedrückt doch meist mit der Aufteilung Privatmensch und Politiker.

Stone neigt oft dazu ein wenig zu dick aufzutragen. Eine Symbolik wie ein besonders blutiges Steak während einer Diskussion über Vietnam, oder Ab- und Überblendungen während ein wütendes Gesicht im Bild zu sehen ist, das verletzt gerne mal den Ruf einer anspruchsvollen Biographie und zeigt, dass man in Amerika im Unterhaltungskino zu Hause ist, selbst wenn man es nicht sein möchte.

Inhaltlich zeigt der Film aber um so mehr, dass es Stone ernst ist möglichst faktengetreu zu berichten und nicht in Einseitigkeit zu verfallen. Nixon werden seine großen Taten wie das Verhindern eines Bürgerkrieges, die Öffnung nach China hin, das Beenden des Vietnamkrieges und seine Versöhnungsarbeiten mit der Sowjetunion anerkannt, und dies nie ohne die Zwiespältigkeit zu vergessen die Nixons Aktionen umwehten besagte Ziele zu erreichen. Ebenso wenig wird jedoch auch nicht vergessen in welch schwieriger Lage sich der Präsident oft befand in einer Zeit eines selbstgerechten gesellschaftlichen Wandels, der mitunter wegen der damals so schwierigen Zeit aufkam.

In gewisser Weise kann man dies gerecht nennen, war Nixon selbst doch ebenso selbstgerecht, und dass er nicht verstanden wurde, hat er laut Stone stets als Bestätigung seiner Selbstgerechtigkeit gesehen, ein Prozess der sich hochgeschaukelt hat bis zu dem Zeitpunkt an dem ein Mann mit ehrbaren Motiven immer ungesetzlicher gehandelt hat. Dass es Nixon selbst so nie gesehen hat, offenbarte er allerspätestens Jahre nach seiner Karriere in dem berühmten Interview mit Frost, welches im hier besprochenen Film nicht thematisiert wird, aber von Regisseur Ron Howard in „Frost/Nixon“ zum eigenen Thema wurde.

„Nixon“ ist recht komplex erzählt, und damit wesentlich schwierigere Kost als „W.“. Das beginnt mit seiner Laufzeit von 180 Minuten und zeigt sich des weiteren in seinem wilden Zeiten-Cocktail. Ebenso wie sein Werk über Bush Junior ist Stones Werk über Richard Nixon nicht chronologisch erzählt. Vergangenheit, die Endphase der Regierung und das Mittendrin dieser und der politische Aufstieg werden immer wieder durcheinander gewirbelt. Und da wir es zudem mit einer großen Menge an wichtigen Figuren zu tun haben, wird es für Nichtkenner der Materie schon ein wenig schwierig folgen zu können.
 
Dem Unterhaltungswert macht das keinen Abbruch. „Nixon“ ist spannend erzählt und konzentriert sich meiner Meinung nach auf den ultimativen Leckerbissen seiner Geschichte: der Zerrissenheit von Nixons Charakter, dem größten Drama welches diese Thematik zulässt. Was wäre der Film für ein zu theoretisches Werk geworden, wenn man sich der äußeren Dramatik wie dem Watergate-Skandal und der Unbeliebtheit bei der amerikanischen Hippie-Jugend zugewandt hätte, ohne dabei die missverstandene Seite Nixons zu thematisieren, die ihn in etwas verwandelt hat, was er zu jungen Zeiten sicherlich nie werden wollte?

Trotz zu dickem Auftragen und zu extremen Baden in düsteren Bildern wird „Nixon“ nicht zu einer Politversion von „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“. Das hätte durchaus passieren können. Immer wenn das Werk droht in diese zu primitive Richtung hineinzusteuern, schafft es Stone das Steuer herumzureißen und wieder auf faktischem Kurs zu fahren. Aber das ist eben das Risiko wenn man einen Film über jemanden erzählt, der im öffentlichen Leben stand, dies aber über einen Blickwinkel erzählt der nur spekulativ aufgegriffen werden kann. Stones Werk ist mit diesem Vorhaben um so mutiger zu nennen, das macht es aber nicht immun gegen berechtigte Kritik zu viel in die Materie hinein zu dichten. Meiner Meinung nach ist Stone jedoch ein recht interessanter Film geglückt, den man sich ruhig einmal zu Gemüte führen kann.  OFDb