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06.08.2022

DAS SIEBENTE SIEGEL (1957)

Im Gegensatz zu meinen bisherigen Erfahrungen mit Filmen von Ingmar Bergman fiel "Det sjunde Inseglet" (Originaltitel) weit entspannter erzählt aus, als erwartet. Zwar fordert er, wie typisch für seine sehr erwachsenen und kunstbetonten Werke, trotzdem Aufmerksamkeit vom Zuschauer, da dieser selbst entdecken muss, anstatt alles gesagt zu bekommen, aber diese geforderte Konzentration fällt leicht bei einem derart unverkrampft ausgefallenen Streifen, der sich als recht humorvoll inszeniert dafür schaut, dass er vordergründig keine Komödie sein möchte. Ein wenig hat mich das Ergebnis, wenn auch in einem anderen Jahrhundert spielend, an die fast zeitgleich erschienene "Schinderhannes"-Version mit Curd Jürgens erinnert. Der gewährte einem ebenfalls einen unverkrampften, sich in seiner Menschlichkeit authentisch anfühlenden Blick auf die Lebenswelt der Bürger ihrer Zeit, hier jene des Mittelalters, in welcher die Pest um sich greift und Kreuzzüge beendet werden.
 
Es gibt also genug schwerwiegende Probleme, mit denen man sich herum plagen muss, was das Volk nicht davon abhält kleinkariert auch unnötige innerhalb eines Blickwinkles nur bis zum eigenen Tellerrand zu provozieren. Dieser Blick fällt nie bitter oder moralisch aus, sondern schwankt irgendwo zwischen verstehen und augenzwinkernd akzeptieren, frei nach dem Motto: so sind die Menschen eben - eine entspannte Haltung, die man sich in heutigen Zeiten der Prinzipempörung geradezu zurück wünscht. Der populäre Aspekt von "The Seventh Seal" (Alternativtitel), dass ein Ritter gegen den Sensenmann Schach spielt, um sein Schicksal hinauszuzögern, fällt überraschend beiläufig aus, wenn es um die direkte Aktion geht. Wie sehr dieser Aspekt tatsächlich mit all den anderen Geschehnissen zu tun hat, die sich auch oftmals um andere Personen kümmern, bemerkt man eher unterschwellig, spätestens aber mit der Auflösung der Geschichte. 
 
Diese hält zudem einen schönen Seitenhieb auf eine Mutter Maria-Situation, die ziemlich zu Beginn mitzuerleben war, bereit. Sie gehört mit zu den besagten augenzwinkernden, humorvollen Momenten, die Auflösung diesbezüglich ist aber auch ein tolles Beispiel für die Täuschung, die "Das siebente Siegel" gerne für den mitdenkenden Zuschauer bereit hält, der oft anderes vermutet als schließlich geschieht. Dass der Tod gerne mal unfaire Methoden auffährt, oder der Ritter auch gerne mal trotzig die Figuren umwirft, in der Hoffnung sein Gegner hätte vergessen auf welchem Feld welche standen, macht ebenfalls das humorvolle Gewandt dieser Nicht-Komödie deutlich und den sanften Umgang mit dem Akzeptieren von menschlichem Fehlverhalten (von dem sich selbst der Tod nicht los sagen kann, wie man sieht). 
 
Inmitten dieses leichten und dennoch spürbar und mitempfindbaren dramatischen Treibens schleichen sich auch immer wieder mal mehr, mal weniger gut funktionierende philosophische Gedanken mit ein. Besonders gut gefallen hat mir die Andeutung (die aber auch Trick oder Lüge gewesen sein kann), dass selbst der Tod nicht weiß was nach dem Ableben kommt und somit auch nicht was Gott bewegt zu handeln wie er es tut, bzw. die Frage ob dieser überhaupt existiert. "Das siebente Siegel" ist ein überraschend kurzweilig zu schauender, unterhaltsamer Ingmar Bergman-Film in gewohnt guter Besetzung und wie so oft sehenswert durch seine reichhaltig ausgefallenen Dialoge. Wieder einmal wird deutlich, dass der Regisseur hier selbst zum Genre wird. Welche er tatsächlichen für seine Erzählung benötigt, scheint nicht wirklich wichtig.  OFDb

27.06.2020

FANNY UND ALEXANDER (1982)

"Fanny und Alexander" ist ein hochgradig gut gespieltes Drama, eine vergangene Zeit ebenso realitätsnah einfangend, wie die zwischenmenschlichen Situationen, gerade in sensibel intimen Bereichen, die aufgrund ihrer Ehrlichkeit sehr authentisch anmuten. Bergman zeigt beide Lebenswelten der Kinder detailgetreu und intensiv und lässt dabei die Kinder in der ersten zu Randfiguren verkommen, so wie ihre Position, nicht frei von Liebe, ganz im Gegenteil, innerhalb der großen Familie ist. Der Regisseur fängt die Herzlichkeit der ersten Heimat ebenso gekonnt ein, wie die Kargheit und Bitterkeit der zweiten, äußerlich wie innerlich. Keck strotzt Alexander der Strenge des Stiefvaters, um ihr schließlich doch zu erliegen. Hier sollen biographische Einflüsse des begabten Künstlers mit einfließen. So gekonnt alles Präsentierte auch theoretisch angegangen ist, so habe ich doch trotzdem Probleme mit diesem Film, konnte ich mich doch nie wirklich komplett in ihn einfühlen und betrachte ich manche Herangehensweise doch äußerst kritisch. So wichtig das Vorleben der Kinder, samt Mutter, für den Kontrast dessen was folgt auch sein mag, ich finde es zu ausschweifend dargeboten. Es dauert zu lange, bis der Bischof ins Geschehen tritt.

Tut er dies endlich, wird uns das Leben bei ihm zu sprunghaft präsentiert. Der Kampf zwischen Alexander und dem Bischof kocht bereits hoch, bevor der Zuschauer die Konsequenzen der Grausamkeit des Stiefvaters erfährt. Zunächst lediglich konservativ streng und seelisch leer mutet das Leben dort unangenehm an, aber nicht in letzter Instanz unterdrückt. Dieser Eindruck folgt später, bezogen auf Alexanders Gegenwehr jedoch zu spät. Erschwerend kommt der Richtung Finale plötzlich auftauchende, esoterisch anmutende Aspekt hinzu, der sich nicht wirklich greifen lässt und mir seinen Mehrwert und Zweck nicht wirklich deutlich machen wollte. Mittlerweile habe ich jedoch erfahren, dass ich statt der 180 Minuten-Version die 305minütige hätte gucken sollen. Dort wird freilich die zu lange Phase der ersten Heimat nicht kürzer angegangen, anscheinend aber auch nicht wesentlich länger. Die Sprunghaftigkeit des neuen Heims soll behoben sein, und der esoterische Aspekt käme schleichender und geheimnisvoller vor. Nach dem Sichten der Produzenten-Fassung kann ich mir durchaus vorstellen, dass die Langfassung, Ingrid Bergmans Version, weit schlüssiger und flüssiger zu schauen ist. Die Intelligenz und Sensibilität des Stoffes lässt sich schließlich bereits in der dreistündigen Kurzversion deutlich erkennen. Verständlicher Weise werde ich nach der für mich mittelmäßigen Sichtung eines hochkarätigen Stoffes jedoch nicht so schnell zur vermeintlich besseren Fassung greifen. Da müssen schon einige Jahre ins Land gehen, um dieser eine Chance zu geben - wahrscheinlich animiert nach dem Sichten diverser gelungener Stoffe dieses Regisseurs, von dem ich bislang nur zwei Filme kenne.  OFDb

19.01.2020

DIE STUNDE DES WOLFS (1968)

Mit "Die Stunde des Wolfs" hat der schwedische Regisseur Ingmar Bergman ein faszinierendes Werk kreiert, das sich zum großen Teil so guckt, als hätte er es geschafft einen realen Alptraum in Filmform einzufangen. Abgesehen vom üblichen plötzlichen Personenwechsel in Träumen, fühlt sich der Kunstfilm tatsächlich wie einer an, präsentiert dementsprechend ein irrationales Szenario, welches gerne mit Tricks, wie Überbelichtungen, weitere surreale Eindrücke beschert bekommt. Vorgetragen über ein fiktives Interview, angeblich angelehnt an wahren Begebenheiten, wohnen wir einer Erzählung bei, die man nicht eingeordnet bekommt, dies aber ohnehin im besten Fall am Ende des Films nur teilweise. Nie wird klar was Einbildung und Wirklichkeit ist. Die wirr und doch durchdacht scheinenden Abläufe lassen allerhand Deutungen und Analysen zu, von solch simplen, wie dem Vermuten des Abrutschens in den Wahnsinn, bishin zu solchen, welche die düsteren Abgründe der menschlichen Seele erforschen und die Umstände andeuten, durch welche sie entstehen und zum Ausbruch kommen können.

"Die Stunde des Wolfes", welcher der erste Teil einer Ingmar Bergman Trilogie ist, dem noch "Schande" und "Passion" zur Vollendung folgen sollten, schwankt in der zwischenmenschlichen Realität des Paares immer zwischen Einsamkeit in der Zweisamkeit und dem Zusammengehörigkeitsgefühl und wechselt diese Momente mit den inneren Dämonen und dem erlebten Leid des jeweils Einzelnen ab, so dass die Außenwelt und das Kopfkino der Protagonisten zu einem rätselhaften Puzzle werden, das gelegentlich Antworten bietet, während gleichzeitig weitere Fragen aufgeworfen werden. Da wir durch das Verwenden von Interview und Tagebuch auf das vertrauen, was die Überlebende des Erlebten vorträgt, lässt alles Erzählte auch stets auf dieser Ebene trügerische Rückschlüsse zu, ob absichtlicher oder selbstverwirrter Art, so dass man auch den Bericht einer Täterin nicht ganz ausschließen kann, die sich als Opfer verkauft.

Aber diese Interpretation ist nur eine von vielen Möglichkeiten, da nicht nur die Wahrnehmung des Zuschauers durch den Wechsel von Tatsachen, Einbildung, persönlichen Erzählungen, irrationalen Erlebnissen und Rückblenden leidet, sondern auch die beider Hauptpersonen. Der Film wirft Fragen über die Dekadenz der Gesellschaft auf, über unterdrückte Gefühle. Es geht um Ungleichheit und zu viel Nähe in Partnerschaften, um die Naivität des einen, die vom andern ausgenutzt wird, um die Frage ob Einbildung/Wahnsinn ansteckend sind, wohin Kindheitserlebnisse führen können, insbesondere Bestrafungsmethoden. Es geht um zu viel Einsamkeit, um persönliches Empfinden wie Ekel, Angst und Lust. Es geht darum was alles in uns Menschen steckt und pocht, mal heraus bricht und mal nicht und um die Hilflosigkeit, in der man gefangen ist, durch Empfindungen wie diese gelenkt.

Bergman steigt schlicht ein, trägt nüchtern vor was es zu erzählen gibt und lässt zunächst beiläufig eine stetige Bedrohung über den Dingen schweben, die immer spürbarer wird. In der Hochphase dieses Filmerlebnisses werden selbst einfachste Dialogszenen zwischen dem Paar zu einem atmosphärisch dicht eingefangenen, spannenden Erlebnis. Vergangenheiten, wie ein verstörender Rückblick auf einen Angelausflug mit Johan und seinem Sohn, sowie einer schaurig üblen Kindheitserinnerung, an sich simpel mündlich vorgetragen, tragen entscheidend zum düsteren Flair des Streifens bei, während die Geschehnisse im Jetzt meist mehr der geistigen, wie emotionalen Verwirrung dienen. Die Schlussworte der Interviewten sind ein hoch interessanter Gedankengang, der lange nachhallt und ein wenig Klarheit beschert, sofern man der Wahrnehmung Almas traut.

Bis auf einige Bildbearbeitungen umgeht Bergman Spezialeffekte. Phantome, sofern sie denn welche sind, werden ganz simpel durch Personen dargeboten. Selbst eine der wenig offensichtlich realen Szenen, das Abfeuern einer Waffe, erfordert keinen Einschuss-Spezialeffekt oder ähnliches, nicht nur damit das Szenario zum Reststil passt und dem surrealen Zustand keinen Bruch beschert, auch weil dieser plötzlich abgebrochene Moment uns im Unklaren darüber lassen soll, was gerade passiert ist. Bergman ist ein kunstvoll inszeniertes Stück Kopfkino geglückt, dessen Orientierungslosigkeit man sich bei diesem intensiven Erlebnis und der Freude es zuzuordnen als Freund andersartigen Kinos nur all zu gerne hingibt. Das Bedürfnis hinterher über das Gesehene reden zu können, ist aufgrund der ungeklärten Begebenheiten sehr groß. Die Unklarheiten laden aufgrund des Wunsches der Beantwortung der Fragen des großen Ganzen ebenso zu einer weiteren Sichtung ein, wie das handwerklich intensive Seherlebnis, welches Bergman auf scheinbar simple Machart so packend und doch nüchtern vorgetragen zu entfachen vermag, hilfreich unterstützt durch zwei hervorragende Mimen in den Hauptrollen besetzt.  OFDb