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15.12.2018

DAS CABINET DES DR. CALIGARI (1919)

Dass ein Stummfilm auch jenseits nostalgischer Wirkung und unabhängig von seinem ihm Stil bescherenden Kunstverständnisses als zeitlos gelten kann, beweist er wenn seine Geschichte noch immer zu packen weiß und den Zuschauer aufgrund der spannenden Umsetzung in seinen Bann zu ziehen weiß. "Das Cabinet des Dr. Caligari" ist meiner Meinung nach ein solcher Fall. Sein Einfluss auf Werke wie "Halloween", "Nosferatu", "The Sixth Sense", "I'm a Cyborg, But That's Okay" und hunderte andere Werke, ist unverkennbar, beschert dem Original aber aufgrund des heutzutage erlangten Blicks auf überraschende Wendungen gefasster, bzw. weniger überrascht zu reagieren keinen distanzierten Blick aufgrund nicht mehr funktionierender neuer Erkenntnisse innerhalb des Handlungsverlaufs. Trotz gut gesetzter Hinweise muss man nicht zwingend die Wahrheit hinter der hier erzählten Geschichte erkennen. Ihre Auflösung überrennt den Zuschauer nach wie vor, und der Weg dorthin lenkt gekonnt tückisch ab und ist dabei nicht nur Leerlauf Richtung großes Finale.

Der von Künstlern konzipierte "Das Cabinet des Dr. Caligari" überlässt nichts dem Zufall. Nichts ist einzig des Schauwertes und des Effektes eingefangen, alles greift ineinander inmitten eines analytischen Gesamtverständnisses, das nur selten Logiklücken wie jene hinterlässt, dass jemand der eine geheime Identität wahren möchte, sich wohl kaum in aller Öffentlichkeit als Meister einer Sensation auf dem Jahrmarkt präsentieren würde, nicht weit entfernt vom Arbeitsplatz und Wohnort seiner bürgerlichen Rolle. Aufgrund der Auflösung kann aber selbst dieser Widerspruch als nicht störendes Element bestehen. Nicht dass sich mit dieser jedweder Unsinn wieder gut machen ließe, das was der niveauvoll inszenierte Film von Robert Wiene zu erzählen hat aber sehr wohl. Selbst der Aufhänger das Werk ganz bewusst offensichtlich im künstlerischen Stil des Expressionismus zu kleiden, erhält einen greifbaren Realismus aufgrund der Auflösung und erklärt auch warum vor und nach dem Rückblick der Einsatz dieser Kunstrichtung nur ganz leicht zu erkennen ist, inmitten von diesem hingegen gar alles andere dominierend.

Ein enorm wirksamer Inszenierungsstil, Schauspieler, die ihr Talent auch inmitten des theatergeprägten Spiels trotz des Überagierens aufgrund des stummen Mediums unter Beweis stellen können, ein durchdachtes Drehbuch, künstlerisch beeindruckende Bilder und eine interessant erzählte Geschichte machen aus dem ersten tatsächlichen Horrorlangfilm der Filmgeschichte ("Der Student von Prag" fällt meiner Meinung nach eher unter das Genre Fantasy) eine Pflichtsichtung für vielseitig interessierte Cineasten. "Das Cabinet des Dr. Caligari" ist nicht nur aufgrund seines Status ein Kunstwerk zu sein einen Blick wert, sondern auch aufgrund dessen beeindruckend zu schauen, dass er unglaublich gut gealtert ist, so zeitlos wie er vom Unterhaltungsgrad her ausgefallen ist, so intensiv wie die Geschichte noch immer zu packen und zu faszinieren weiß und so spannend wie das Ganze noch immer auf den Zuschauer wirkt.  OFDb

13.08.2018

ALICE IM WUNDERLAND (1915)

Bevor 1933 die erste Tonfilmversion als dritte Verfilmung namens "Alice im Wunderland" erschien, fertigte W.W. Young 18 Jahre zuvor eine interessante Stummfilmversion an. Diese kann man als eigentliche erste Verfilmung betrachten. Zwar gab es bereits schon im Jahr 1903 den britischen Stummfilm "Alice im Wunderland", der lief jedoch nur unter 10 Minuten, was ihm wenig Möglichkeiten bot der ohnehin schon schwer umzusetzenden Buchvorlage gerecht zu werden, und er war eigentlich nur ein Stück abgefilmtes Theater.

Youngs Version hingegen ist allein schon wegen seiner Außenaufnahmen ein anderes Kaliber Film, das mit seinen fast 45 Minuten Laufzeit sicherlich auch nicht der Buchvorlage Lewis Carrolls komplett gerecht werden kann, aber schon tiefer in die Materie hinein blicken kann als der nur 1/4 so lang laufende Vorgänger. Hingucker der hier besprochenen Verfilmung sind definitiv die Tierkostüme, die zwar noch stark am jeweiligen Tiervorbild orientiert sind, auf ihre Art aber schon einen leicht schrägen Touch beinhalten, um zur skurrilen Thematik der Geschichte zu passen. Von der Maus, zum Greif, bis hin zur Raupe ist jegliches Kostüm nett anzuschauen, einzig die Herzkönigin fand ich etwas enttäuschend gekleidet, ein Empfinden an dem man sich jedoch nicht aufhängen muss.

Zwar spart man leider ausgerechnet die mittlerweile allseits beliebte Teeparty ein, manch andere herrliche Momente und Gimmicks finden jedoch ihren Platz im fertigen Film. Alice mag im Haus des Kaninchens nicht wachsen (was wohl tricktechnisch beim geringen Budget zu viel verlangt gewesen wäre), aber Flamingos als Krocketschläger oder eine mal komplett, mal teilweise unsichtbar werdende Grinsekatze hat auch dieser Stummfilm bereits zu bieten. Ziemlich zu Beginn liefert "Alice in Wonderland" (Originaltitel) seinen überraschendsten Spezialeffekt ab, da darf durch Überblende eine Phantomalice aus der schlafenden echten Alice auferstehen, um dem Kaninchen zu folgen.

Für einen Stummfilm lebt Youngs Version von "Alice im Wunderland" stark von Dialogen. Gerade in den Gesprächen mit der Raupe und der Grinsekatze gibt es füllige Texttafeln im gefühlten 20 Sekunden-Takt zu lesen, eben weil man dem Buch halbwegs gerecht werden wollte und so einige skurrile Monologe und Dialoge aus dem Buch ihren Platz im Film wiederfinden. Das wirkt etwas zu bemüht, weiß meiner Meinung nach aufgrund des Respekts vor der Printvorlage aber trotzdem zu gefallen. Allgemein fand ich diese frühe Umsetzung recht nett inszeniert und damit wesentlich besser ausgefallen als die müde 1903er-Verfilmung. Zudem ist Alice in der hier besprochenen Version unheimlich süß besetzt.  OFDb

26.03.2017

FANTÔMAS - IM SCHATTEN DER GUILLOTINE (1913)

Die Novelle um den Meisterdieb, der in allerlei Verkleidungen schlüpft, erfuhr in der Welt des Films sehr früh seine erste Umsetzung. 1913 startete die bis 1914 zum Fünfteiler herangewachsene Fantômas-Reihe, beginnend mit dem hier besprochenen „Fantômas - Im Schatten der Guillotine“. Was in den 60er Jahren auf herumalbernde Art eine Abrechnung mit dem Gebiet der Superschurken, wie wir sie aus den James Bond-Filmen kennen, werden sollte, ist in den Anfängen des Kinos noch ein schlichtes Katz- und Mausspiel zwischen Gesetz und Verbrechen, fällt doch selbst der Aspekt der Tarnung des Verbrechers noch schlicht aus, indem er falsche Bärte und Perrücken anstatt kunstvoll geformte Masken verwendet.

Es beginnt aber auch so schlicht, da wir uns am Anfang der Geschehnisse befinden. Fantômas ist zwar ein bekannter Verbrecher, aber einer dessen Grenzen man noch nicht kennt, lebt man hier doch tatsächlich noch im Glauben, mit der Festnahme des Schurken wäre der Spuk vorbei. Erst wenn Fantômas fliehen kann und Juve es haarscharf schafft jemand Unschuldiges vor der Guillotine zu bewahren, der wie Fantômas zurecht gemacht war, beginnt die Obsession für den Gesetzeshüter. Von nun an wird er einzig dafür leben Fantômas hinter Gittern zu kriegen, wissendlich es mit einem besonders gerissenen Gegner zu tun zu haben.

Ich kenne die literarische Vorlage nicht. Im hier besprochenen Film besitzt Fantômas kein kriminelles Netzwerk, wie in den 60er Jahre-Komödien mit Louis de Funès, zumindest kein sehr großes. Seine Helfer müssen Polizisten bestechen, damit Fantômas überhaupt erst fliehen kann. Was passiert wäre, wenn diese nicht bestechlich gewesen wären? Dann wäre es vorbei gewesen mit dem Superverbrecher ehe es wirklich begann. Ob er in Zukunft seine Mittelsleute bereits bei der Polizei eingeschleust hat, weiß ich nicht, das wäre aber ratsam, damit sein Tun nicht zu sehr nach Zufall aussieht wie jetzt noch im ersten Film.

Letztendlich ist „Fantômas“ (Alternativtitel) ein simpler Kriminalfilm mit einem Täter, der Visitenkarten mit Tricktinte hinterlässt (sein Name erscheint auf den Kärtchen erst nach einer kurzen Zeit) und der Verkleidungen benutzt, jedoch nicht wie in späteren Verfilmungen, um seine Identität zu wahren, die ist durch die Festnahme schließlich gelüftet, aber sehr wohl um zu täuschen.

Wie ein Phantom sieht der Täter dann erst in einer Traumsequenz des Kommissars aus, innerhalb einer Schlussszene, welche den einzigen wirklichen Spezialeffekt des Streifens präsentiert. Juve rennt auf Fantômas zu, ergreift ihn, aber der Körper Fantômas‘ verpufft, da er nur Einbildung war, so dass der Kommissar plötzlich niemanden mehr im Griff hält. Fandor, Juves Partner aus dem Zeitungswesen, wird hier noch sehr klein gehalten, ist für den Ablauf der Geschichte nicht sonderlich von Bedeutung, aber zumindest ist er bereits mit dabei. Insgesamt ist „Fantômas - In the Shadow of the Guillotine“ (Alternativtitel) ein recht gewöhnlicher Kriminalfilm geworden, aber auch einer der zu unterhalten weiß. Nicht jeder Stummfilm muss gleich ein legendärer Meilenstein des Kinos sein.  OFDb

05.04.2015

UNHEIMLICHE GESCHICHTEN (1919)

„Unheimliche Geschichten“ hat mittlerweile fast 100 Jahre auf dem Buckel und schaut sich dementsprechend nicht mehr so unheimlich wie sein Titel verspricht, aber das wird zum einen damals zur Entstehungszeit trotz aller Verspieltheit etwas anders gewesen sein und zum anderen wird das heutzutage wohl auch kaum wer noch erwarten. Einen Stummfilm schaut man aus anderen Gründen, und als solcher weiß Richard Oswalds Werk auch zu überzeugen, allein schon aufgrund der durchdachten und beeindruckenden Einsätze von Licht und Schatten. Nur ein einziges mal ist das Licht falsch eingesetzt und überblendet das Gesicht eines der Protagonisten, ansonsten herrscht Professionalität in einem Film, in dem Oswald immerhin schon 5 Jahre Erfahrungen als Regisseur im Bereich der laufenden Bilder sammeln konnte.

Oswald hat sich nie auf ein bestimmtes Genre versteift, drehte bis in die 40er Jahre hinein Filme und war für so manche Früh-, wenn nicht sogar Erstverfilmungen klassischer Stoffe verantwortlich. So setzte er bereits zu Stummfilmzeiten 1929 Arthur Conan Doyles „Der Hund von Baskerville“ um, drehte 1926 „Im weißen Rössl“ und 1931 „Der Hauptmann von Köpenick“. Und dies ist nur ein kurzer Ausschnitt aus einer Regie-Karriere von über 100 Filmen.

„Unheimliche Geschichten“ besticht durch die sympathische Idee, dass die Darsteller von Tod, Teufel und Dirne jeweils die Hauptrollen aller fünf erzählten Geschichten einnehmen, so dass Schauspieler und Maske beweisen dürfen was in ihnen steckt, und das weiß aufgrund der andersartigen Wirkung der Personen in ihren verschiedenen Rollen schon zu beeindrucken. Hier waren Profis am Werk, die wie für den Stummfilm typisch überagieren mussten, was manch Unerfahrener vielleicht orientiert an den heutigen Zeiten und Anforderungen als Schwäche im Schauspiel interpretieren würde. Aber wer sich gerne mit Stummfilmen beschäftigt weiß freilich wie naiv ein solcher Blick auf die Dinge ist und wie gekonnt die in ihrem Fach gelernten Menschen sich an dem noch recht frischem Medium beteiligten.

Man merkt in solch frühen Zeiten wie sehr das Medium des Films noch seine eigene Handschrift und seinen eigenen Schwerpunkt suchte, orientiert man sich doch sowohl stark an die Gesetzmäßigkeiten des Theaters, wie auch an jenen des geschriebenen Wortes in einem Genre welches in solch früher Zeit noch recht selten filmisch umgesetzt wurde. Dementsprechend sticht auch die fünfte und meiner Meinung nach schlechteste Episode traditionell als der humoristische Ausklang des Gesamtwerkes hervor, eine Tradition die sich innerhalb des Medium Films in Sachen Episoden-Horror nicht weiter durchgesetzt hat.

Ohnehin ist der Streifen mit seinen für einen Episodenfilm untypischen fünf Geschichten ein wenig überladen, was wohl auch der Grund sein könnte, warum Oswald sein eigenes Werk ebenfalls unter dem Titel „Unheimliche Geschichten“ 1932 zur Tonfilm-Zeit noch einmal verfilmte, diesmal jedoch nur mit drei Geschichten versehen, wovon lediglich zwei des Originalfilms übrig blieben. Nur wenige Episoden-Horrorfilme überschreiten heutzutage die Zahl der drei Geschichten, auch dies musste erst experimentell in den jungen Jahren der laufenden Bilder herausgefunden werden.

„Unheimliche Geschichten“ fasziniert zum einen aufgrund der Spielfreude seiner drei Hauptdarsteller, zum anderen aufgrund des Abwechslungsreichtums der wahrlich sehr unterschiedlichen Geschichten und manch einen Filmfreund sicherlich auch aufgrund dessen, dass Poes oft verfilmte Geschichte „Die schwarze Katze“ ebenfalls mit enthalten ist, so dass man einer sehr frühen Verfilmung dieses Klassikers beiwohnen darf, von der man wohl behaupten darf, dass sich mancher Schauspieler späterer Verfilmungen am Agieren der Darsteller aus „Unheimliche Geschichten“ orientiert hat bzw. inspiriert haben dürfte.

Mir persönlich hat die Geschichte des Selbstmörderclubs am besten gefallen, allerdings finde ich es schade dass die an sich so positive DVD-Reihe der Filmjuwelen dessen Pointe bereits in der Inhaltsangabe auf dem DVD-Cover verraten hat, so dass ich froh war den Text erst nach der Sichtung durchgelesen zu haben. Der naive Charme wie die Uhr und ihr Pendel in die Kulisse eingebunden wurden weiß noch heute zu begeistern, zumal durch diese Anordnung die finale Wende um so spielerischer und augenzwinkernder umgesetzt werden konnte, was wohl der Höhepunkt des gesamten Filmes ist, zumindest wenn man wie ich eher auf verspielte und schlichte Aspekte achtet.

Insgesamt sei der im selben Jahr wie „Das Cabinet des Dr. Calligari“ entstandene „Unheimliche Geschichten“ jedem Freund von Horror und Stummfilm zu empfehlen. Von der letzten Episode einmal abgesehen sind alle weiteren Erzählungen trotz unterschiedlicher Schwerpunkte auf ähnlichem Niveau wie die von mir hervorgehobene Episode, und allein die unterschiedliche Wirkung der immer gleich besetzten Hauptdarsteller weiß in diesen gekonnten Aufnahmen mit Licht und Schatten zu beeindrucken. Anbei sind die recht selten eingesetzten Spezialeffekte auf ihre Zeit gesehen ebenfalls recht professionell eingefangen. Insgesamt waren sie für den Film aber noch nicht so wichtig, wie man für einen Horrorfilm meinen könnte. Aber das Ergebnis gibt Oswald recht. Letztendlich haben Stan und Ollie in den 20er Jahren für ihre Dick und Doof-Kurzfilme mehr Spezialeffekte benötigt als die großen Stummfilm-Klassiker des Horror-Genres. Der Gedanke daran ist schon recht amüsant.  OFDb

31.05.2013

DER STUDENT VON PRAG (1913)

Der arme Student Balduin lässt sich auf einen dubiosen Vertrag mit einem Fremden ein, der diesem gestattet sich im Austausch für sehr viel Geld aus dem schlichten Raum den der Student bewohnt sich mitnehmen zu können was auch immer er wolle. Der Fremde entscheidet sich für Balduins Spiegelbild. Nach anfänglicher Verwunderung ist es dem jungen Mann ziemlich egal ob er nun ein Spiegelbild besitzt oder nicht. Mit dem neuen Reichtum kauft er sich in die bessere Gesellschaft ein und verguckt sich in die Komtesse Margit. Alles könnte gut laufen, wenn sein Spiegelbild ihn nicht ständig verfolgen würde und gegen seinen Willen agieren würde...
 
Balduin X 2 = ?...
 
Nun ist es 100 Jahre her, dass „Der Student von Prag“ uraufgeführt wurde, für welchen Hanns Heinz Ewers seinen eigenen Roman zum Drehbuch umschrieb und sich einmalig in seinem Leben der Regiearbeit widmete, zusammen mit Stellan Rye, für den besagter Film ebenfalls ein Regie-Debut war. Mehr als fünf weitere Filme sollte er nicht fertiggestellt bekommen, starb er doch aufgrund des Krieges bereits 1914. Ewers hingegen arbeitete (mit großen Pausen versehen) bis in die 70er Jahre hinein als Drehbuchautor für das Medium Film.

Was damals gruselte geht heute eher als Fantasyfilm anstatt als Horrorfilm durch, was mit Blick auf die heute noch funktionierenden „Orlacs Hände“ und „Nosferatu“ nichts zwingend mit dem hohen Alter des Streifens zu tun haben muss. Diese beiden Werke wirken noch heute, „Der Student von Prag“ hingegen ist ein nostalgisches Werk, dem man nicht mehr ansieht, dass er mal viele Leute gegruselt hat.

Und wie er das hat. Aufgrund seiner Tricktechnik und der eigens für den Film komponierten Musik von Josef Weiss wurde die Romanverfilmung ein internationaler Erfolg und zählt heute zu jenen Filmen, die es erstmals schafften den Schritt von der Bühne ins eigenständige Medium zu betreten. Ganz richtig finde ich diesen Ruf nicht, erschuf doch bereits Georges Méliès 1902 mit „Die Reise zum Mond“ einen Special Effect-Movie, der mit der Bühne nur noch wenig am Hut hatte. Mag sein dass der Ruf von „Der Student von Prag“ darauf beruht, dass Méliès Werk lediglich ein Kurzfilm war, und „Der Student von Prag“ mehr als lediglich die Spezialeffekte benötigte um zu diesem Ruf zu gelangen.

Die Spezialeffekte können sich allerdings noch immer sehen lassen. Zwar weiß man heute als Zuschauer wie sie funktionieren, und Naturaufnahmen verraten sich im Schnitt durch leichte Veränderungen, die dem Wind zuzuschreiben sind (was bedeutet dass nicht nur im Studio gedreht wurde), aber die Wirkung bleibt bestehen, was neben besagter Effekte allerdings auch dem differenzierten Spiel Conrad Veidts zu verdanken ist, der das Spiegelbild wesentlich düsterer verkörpert als das schreckhafte Original.

Bis in die heutige Zeit hinein beeinflusst der Film noch immer die Geschichten, die erzählt werden. Die Tricktechnik wurde noch viele Jahre verwendet, Geschichten um eigenständige Spiegelbilder werden noch heute im Bereich des Horrorfilms erzählt (z.B. in „The Broken“ und “Poltergeist 3“), und vergleichbare Ideen werden mittlerweile selbst für den Jugendsektor verfilmt, so z.B. in den 80er Jahren mit der TV-Serie „Timm Thaler“, in welcher ein Junge sein Lachen an einen bösen Baron verkauft.

Da gruseln sich die Kinder ebenso wenig wie der erwachsene Zuschauer heutzutage beim „Student von Prag“. Und aufgrund seiner Laufzeit und der etwas monotonen Geschehnisse ist er damit keinesfalls gut gealtert, weswegen er tatsächlich nur Filmnostalgikern ans Herz gelegt sei, ist das Endergebnis doch etwas schleppend zu ertragen, so faszinierend es sich auf der anderen Seite heutzutage auch noch immer phasenweise guckt.

Mag sein dass es der zweiten, gleichnamigen Verfilmung von 1926 von Regisseur Henrik Galeen anders ergangen ist. Für diese verwendete man das Drehbuch der ersten Verfilmung von Ewers, bearbeitet von Henrik Galeen persönlich, und Conrad Veidt schlüpfte noch einmal in die Rolle des Balduin. 1935 wurde die Geschichte ein letztes mal verfilmt, unautorisiert und erstmals als Tonfilm umgesetzt, diesmal basierend auf dem von Galeen bearbeiteten Drehbuchs Ewers von der 2. Verfilmung und wieder den selben Titel wie seine Vorgänger tragend. Danach wurde es in den Kinos ruhig um den „Student von Prag“.

Mag man sich bei manchem Klassiker ärgern, dass nur noch so wenig Leute zu einem Stummfilm greifen und damit auch heute noch wirksame aufwühlende Filmmomente verpassen, so ist „Der Student von Prag“ mittlerweile nur noch ein theoretisches Stück Filmvergnügen, sicherlich ein großes Erlebnis für Interessierte des Mediums, aber eben keiner jener Filme, die man jemandem empfehlen würde, der sich lediglich unterhalten lassen möchte. Einen „Nosferatu“ könnte man einem solchen Konsumenten auch heute noch vorlegen. „Metropolis“ und „Die Puppe“ ebenso, um auch mal auf andere Genres zu verweisen. Aber der hier besprochene Film ist dafür nicht geeignet. Muss er auch nicht, aber etwas schade ist das schon.  OFDb

27.01.2013

DIE PUPPE (1919)

Um eine wahre Hochzeit zu umgehen, ehelicht der Neffe eines Barons eine neuartige, lebensechte Anfertigung eines Puppenmachers ohne zu ahnen, dass dieser ihm versehentlich seine Tochter mitgegeben hat, die Model für die Puppe stand...

Mit Puppen kann man nur spielen...
 
Auch am Drehbuch beteiligt, inszenierte Regisseur Ernst Lubitsch ein Jahr nach dem etwas bekannteren „Die Augen der Mumie Ma“ (anbei einer von acht gedrehten Langfilmen Lubitschs 1918) eine Komödie mit dem schlichten Titel „Die Puppe“, eine Namensgebung aus der Sicht der ahnungslosen Hauptfigur Lancelot, ist der Zuschauer im Gegensatz zu ihm doch von Anfang an eingeweiht, dass er es bei der Verlobten nicht mit einem künstlichen Objekt, sondern einem menschlichen Wesen zu tun hat.

Bis es zum eigentlichen Ziel-Thema kommt, wird in der Einleitung wahrlich nicht mit Ereignissen gespart. „Die Puppe“ hat immer etwas zu erzählen, und witzig wird es noch lange Zeit vor dem eigentlichen Star. Da darf auf geradezu klassische übertriebene Art der Neffe sich jammernd der Ehe verweigern, da wird auf typische Slapstick-Art seiner Zeit a la Charlie Chaplin der arme Kerl von einer Horde Frauen durch die Stadt gejagt, mit einer grotesk wirkenden laufenden Menschenschlange, die immer wieder die selbe Straße kreuzt, so dass ein Kameraschwenk oder gar ein Schnitt nie nötig werden.

Und da wird das Mönchsleben recht bösartig auf die Schippe genommen, in dem dicke Gläubige jammern dass es kaum mehr was zu Essen gibt, ordentlich gespeist wird, während dem Gast eine klägliche Scheibe Brot gereicht wird. Zu guter Letzt ist es gar die Idee der Mönche, aus einer Gier heraus, den Flüchtling zu überzeugen er möge eine Puppe heiraten. Ein unchristlicher Gedanke einer Bande Egomanen, kein Wunder dass die katholische Filmkritik seinerzeit keine positiven Worte für Lubitschs Werk übrig hatte.

Wenn es Lancelot nach etwa 20 Minuten dann endlich zum Puppenmacher verschlägt, steht überraschender Weise zunächst sein junger Lehrling im Mittelpunkt, der auf Lausbuben-Art dem Meister den letzten Nerv raubt und so spielt, wie man es noch heute aus dem volkstümlichen Theater kennt. Ob Hansi Kraus als Lausbub, die Bubenrollen im Millowitsch-Theater, schon zu Zeiten von „Die Puppe“ war das Spiel des Jungen sicherlich längst klassische Komik.

Tochter Ossi, die zum Puppenersatz wird nachdem das verkaufte Produkt kaputt gemacht wurde, wird als verzogenes Gör präsentiert, immer den Schalk im Nacken und deswegen auch sofort bereit dem Lehrling den Rücken zu decken, indem sie sich als die Puppe ausgibt. Doch auch wenn ihr Part schon zu Beginn recht frech angelegt ist, so richtig in Fahrt kommt sie erst über die Rolle der Puppe, die sie nutzt um gegen Institutionen zu rebellieren, gegen die sie sonst keine Chance hätte. Hier darf sie nun Schabernack treiben, der sie als menschlicher Täter sofort ins Gefängnis gebracht hätte.

Sie spielt mit den Mönchen, die durch ihre Abstinenz das weibliche Wesen, und sei es auch nur künstlich, lüstern anstieren. Sie spielt auf der Hochzeit mit dem Adel und freilich erst recht mit dem Neffen des Barons, ihrem zukünftigen Gemahl, der von ihr immer wieder barsch zur Ordnung gerufen wird. „Die Puppe“ könnte diesbezüglich auch die Zuständigen von „Das Spielzeug“ mit Pierre Richard beeinflusst haben. Nur brauchte dieser in den 70er Jahren nicht mehr vorgeben eine Puppe zu sein um der Dekadenz höher gestellter Personen mit Provokation entgegen zu treten. Er musste sklavenartig lediglich ein menschliches Spielzeug sein.

Dieser Schritt wäre 1919 sicherlich der Provokation zu viel gewesen. Nicht dass Lubitsch („Sein oder Nichtsein“) seine Geschichte diesbezüglich zurückhaltend erzählen würde, was die von mir angerissenen Beispiele ja bereits deutlich machen, aber „Die Puppe“ soll nie ernsthaft Gesellschaftskritik sein. Die hier besprochene Komödie soll leichte, freche Unterhaltung sein, nicht mehr und nicht weniger.

Seinerzeit wurde Lubitsch selbst mit diesem simplen Anliegen von der Kritik vorgeworfen zu oft ins Possenhafte abzurutschen. Das kann man wahrlich nicht abstreiten. Andererseits ist es genau diese unverkrampfte Art des Klamauks, die Werke der frühen Filmtage immer wieder so sehenswert macht. Blödelt man heutzutage so hemmungslos in einem Werk fürs Massenpublikum, dann ist das ganze Werk auf einem solchen Stil gestützt („Der Schuh des Manitu“, „Police Academy“, ...), damals wendete man diese heute so verpöhnte Humorrichtung noch in ganz normalen Komödien an, und das noch lange Zeit nach dem Stummfilm („Die unsichtbare Frau“ 1940, „Eine Leiche zum Dessert“ 1976).

Nennenswert ist zudem noch die Musikuntermalung in der von mir gesehenen Fassung, in welcher Martin Smolka in unserem noch so frischen Jahrzehnt einen Hintergrundsound kreierte, der gewagt und gewöhnungsbedürftig ist, meiner Meinung nach aber auch treffsicher. Über so arg moderne Musik in einem solch klassischen Werk kann man sicherlich geteilter Meinung sein, aber sie passt sich einfach wunderbar der heute so grotesk wirkenden Überzeichnung von Schauspiel und Komik an. Mut macht sich im Bereich der laufenden Bilder halt immer wieder bezahlt.

Freunde des Stummfilms sollten sich „Die Puppe“ ruhig einmal zu Gemüte führen. Lubitsch selbst betonte mal, dass dieses Werk zu einem seiner liebsten in seinem Gesamtwerk gehöre. Ich würde das Ergebnis des hier besprochenen Streifens nun nicht als Meisterwerk bezeichnen, aber ein charmanter, treffsicherer Film ist dem guten Mann sehr wohl geglückt. Und dank der an sich zeitlosen Grundidee ist die Geschichte ohnehin selbst heute noch ein kleiner Selbstläufer.  OFDb

02.12.2012

THE WONDERFUL WIZARD OF OZ (1910)

Gerade spielt Farmerskind Dorothy noch mit ihrem Freund, der Vogelscheuche, da weht ein starker Wind sie ins zauberhafte Land Oz. Dort werden sie von einer bösen Hexe verfolgt, treffen während ihrer Wanderung aber auch neue Freunde...

Der Zauberer von Oz in 13 Minuten...
 
Wer kennt es nicht, „Das zauberhafte Land“, einen der wundervollsten Filme, die je in den Lichtspielhäusern aufgeführt wurden. Nur wenige wissen, dass es bereits 1925, zu Zeiten des Stummfilms, einen Langfilm zu dem Thema gab. Der hatte mit der Geschichte wie wir sie kennen jedoch nur wenig gemein, Parallelen waren aber durchaus gegeben. Doch schon „Der Zauberer von Oz“, in dem auch Oliver Hardy mitspielte, war nicht die erste Verfilmung.

1910 drehte Regisseur Otis Turner den 13-Minüter „The Wonderful Wizard Of Oz“, einen Fantasy-Kurzfilm, der sich des exakten Titels der Buchvorlage bedient. Im Gegensatz zu dem Werk, das 15 Jahre später erscheinen sollte, orientiert man sich stärker am Buch. Das zeigt mir persönlich jedoch nur der Vergleich mit dem berühmten Musical aus den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, denn ich kenne das Buch nicht. Deswegen kann ich im folgenden nur auf die besagte dritte Verfilmung verweisen.

Einen inhaltlichen Unterschied gibt es direkt zu Beginn, wenn eine lebendige Vogelscheuche mit der kleinen Dorothy herumhampelt, noch bevor sie überhaupt in Oz angekommen sind. Wieso lebt sie? Keine Ahnung! Sie werden gemeinsam ins Fantasie-Land herübergeweht und mit ihnen zwei Esel, gespielt von Menschen im Kostüm.

Die Geschehnisse um das Land Oz selbst sind auch anderer Natur, stehen der Zauberer von Oz und die böse Hexe doch in einem ganz anderen Bezug zueinander als in dem Musical. Hatte ich bei einem Film von etwas über 10 Minuten lediglich mit einem erheblich zusammengestrafften Werk gerechnet, so überrascht er doch mit einigen anderen Geschehnissen, während er anderes komplett unter den Teppich fallen lässt. Zauberschuhe gibt es nicht. Stattdessen verwandelt die gute Hexe den Hund Toto zu einem wahren Beschützer, so als habe He-Man seinen zahmen Tiger nun in Battle-Cat verwandelt.

Totos erste Reaktion auf seine Verwandlung ist das Jagen des erstmals auftretenden Löwen, der diesmal keinen feigen Eindruck macht, stattdessen einen sehr zahmen und lieben. An der Situation um den Blechmann wurde nichts verändert, lediglich dass man erst nach dem Löwen auf ihn stößt ist ein Unterschied. Ansonsten darf er, wie bekannt, eingerostet im Wald stehen, mit Öl wiederbelebt werden und sich dann den anderen Wandersleuten anschließen. Die Esel bleiben auf der Tour durch Oz übrigens weiterhin ganz normale Esel.

Was die Truppe merkwürdiger Gesellen eigentlich möchte, schafft der Film nicht herauszuarbeiten. Verstand? Mut? Ein Herz? Keine Ahnung! Nur eines ist sicher, sie wollen den Tod der bösen Hexe, und den erreicht Dorothy wie im Vergleichswerk durch einen Eimer Wasser. 1939 erreicht sie dies nur per Zufall, 1910 war es pure Absicht. Ein Schriftzug verrät uns kurz, dass Dorothy herausgefunden hat, dass Wasser die Hexe tötet, und schwupps ist die böse Dame auch schon nass und stirbt.

Auch wenn man ohne Kenntnisse der berühmteren Verfilmung wenig durchblickt, Otis ist damals ein netter Film gelungen. Das fängt bereits bei den hübsch gemalten Kulissen an (wie für das Erscheinungsjahr üblich, schaut sich der Film wie abgefilmtes Theater) und endet in den liebevoll gestalteten Kostümen. Sie erreichen zwar nur das Niveau heutiger Karnevalskostüme, aber die sind mittlerweile ja auch nicht ohne. Ob mutierter Toto, die Esel oder der Löwe, sie alle sehen toll aus und wirken trotz herumhüpfender Darsteller im Kostüm zu keinem Zeitpunkt lächerlich. Auch die Hexe wirkt recht düster, am besten gefallen hat mir jedoch der Blechmann, der seinem Ebenbild aus der späteren Verfilmung in nichts nachsteht.

„The Wonderful Wizard Of Oz“ arbeitet bereits mit filmischen Spezialeffekten, wie der Ausblendung der bösen Hexe aus dem Bild durch Dunkelheit. Dennoch kann es sein, dass das Stück selbst auch tatsächlich als Theaterstück aufgeführt wurde. Immerhin wird viel getanzt, und welchen Sinn sollte das in einem stummen Film haben, wenn es darüber hinausgeht pure Fröhlichkeit unter Freunden zeigen zu wollen?

Liebhaber des berühmten „Das zauberhafte Land“ sollten mal 13 Minuten Zeit opfern und einen Blick riskieren. Der Mix aus inhaltlichen Unterschieden und erstaunlichen Parallelen (das Spiel der Vogelscheuchen-Darsteller gleicht sich überraschend stark) macht den Film auch heute noch zu einem Hingucker. Dass die Geschichte an sich bei solch kurzer Laufzeit wackelt, sollte jedem jedoch vorher klar sein.  OFDb

19.11.2012

FRANKENSTEIN (1910)

Ein Wissenschaftler reanimiert den Körper eines Toten. Gewissensbisse plagen ihn derart am Heiligtum des Lebens herumgepfuscht zu haben. Er will sich bessern und heiratet seine Verlobte, die er bisher hat warten lassen. In der Hochzeitsnacht wird die Braut von dem Untoten attackiert. Als dem Forscher seine Kreatur allerdings im Spiegel als sein Ebenbild erscheint, scheint alles anders zu sein als zunächst vermutet...

20 Jahre vor Karloff...
 
Da hat der Film nun über 100 Jahre auf dem Buckel, und er kommt immer noch mit einer sehr schönen Bildqualität daher. Die Musik untermalt den Kurzfilm sanft und ist somit weder aufdringlich noch nervig wie in manch anderem Werk der filmischen Frühgeschichte.

Dass man in 13 Minuten inhaltlich einige Sprünge machen muss, dürfte jedem klar sein. Und so konzentriert man sich nur auf das nötigste. Die Erschaffung der Kreatur ist mitunter das interessanteste an dieser Verfilmung. Hier gibt es keinen Blitzschlag oder ähnliches. Nicht weil dies zu schwer zu realisieren gewesen wäre, nein, denn die Erschaffung des Untoten, wie wir sie in diesem Film erleben, entpuppt sich als zu seiner Zeit wesentlich schwieriger zu tricksen, und so ist es ein wahrer Augenschmaus der toten Kreatur dabei zuzusehen, wie sie aus dem scheinbaren Nichts entsteht.

Die Kreatur an sich erinnert optisch etwas an die typischen Leutchen auf Rock am Ring in ähnlich lumpigen Klamotten wie sie „Pippi Langstrumpf“ später tragen sollte und mit einer hohen Stirn, wie wir sie später auch an Karloff in der Rolle des Monsters von „Frankenstein“ erleben dürfen. In seiner Gesamtheit wirkt das Monster eher wie ein Mr. Hyde oder vielleicht noch wie eine sanfte, fast haarlose, Werwolfvariante.

Der Film hat so seine Sprünge, und so ist es etwas verwunderlich, wie sich das Monster zwischen den verschiedenen räumlich getrennten Szenarien fortbewegt ohne von irgendwem erkannt zu werden. Aber wie erwähnt sind solche Lücken nicht wirklich schlimm, und außerdem beantwortet sich dies von selbst in der etwas verschlüsselten Auflösung des Films. Wenn das Monster nach Sichtung seiner Selbst im Spiegel zum Nichts zerfällt, könnte man meinen es habe sich selbst zerstört, aus Verzweiflung und/oder der eiskalten Isolierung unserer Gesellschaft.

Wenn dem so wäre, gäbe es jedoch eine Lücke in der Logik: das Monster bleibt im Spiegelbild erhalten, dann betritt Frankenstein das Zimmer, guckt in den Spiegel, und das Monster darin verwandelt sich zum Ebenbild Frankensteins. Dieser Sachverhalt lässt viel eher vermuten, dass die Erschaffung der Kreatur eine geistige Krankheit war, eine Einbildung, was auch erklären würde warum nur Frankenstein den Untoten je sah.

Leider kenne ich weder das Buch noch die Hintergründe dieses Kurzfilmes. In den späteren Filmen erweckt Frankenstein ganz klar eine Kreatur. Nun wird aber nicht jeder Film gleich interpretiert, wie auch der Vergleich „Der Zauberer von Oz“ von 1925 zu „Das zauberhafte Land“ zeigt. Film und Buch gehen ebenso häufig getrennte Wege. Mit seiner Idee nimmt Regisseur Dawley den Clou von "Das Cabinet des Dr. Caligari" vorweg, der fast ein Jahrzehnt später entstand.

“Frankenstein“ von 1910 ist kurz, dadurch niemals langweilig, interessant erzählt, typisch für seine Zeit gespielt, und ähnlich wie im Theater gibt es pro Szene nur eine Einstellung. Die Kamera ruht und Schnitte gibt es erst im Szenenwechsel. Der Schriftzug zwischen den Sequenzen ist keine Übersetzung der gefallenen stummen Worte wie in vielen anderen Frühwerken, sondern der Lückenfüller der in dieser kurzen Laufzeit nicht möglichen Szenen (die Erwähnung eines 2-Jahre-Zeitsprungs, räumliche Veränderungen,...). Die Texttafeln nehmen dabei auch das ein oder andere Mal etwas von der Szene vorweg, beispielsweise in der ersten Spiegelszene der Kreatur.

Dawleys Werk ist filmhistorisch interessant und mit Sicherheit auch ein wertvolles Stück Zeitgeschichte durch die Herangehensweise an den Stoff (erst recht dank der Vergleichsmöglichkeiten zu den x anderen Verfilmungen).  OFDb