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15.02.2025

YUMMY (2018)

Als Alison zusammen mit ihrem Freund und ihrer Mutter in Ost-Europa eine Schönheitsklinik aufsucht, um ihre Brust verkleinern zu lassen, ahnt sie noch nichts vom Ausbruch einer Zombieepidemie, die ihr Partner versehentlich auslösen wird...

Im Tode bleibt niemand schön...

Zombie-Komödien sind spätestens seit "Shaun of the Dead" wieder beliebt, und nur wenige schaffen es kompromisslos zu unterhalten. Selbst gelungene Exemplare wie "Zombieland" sind weit vom eben erwähnten ersten Teil der Cornetto-Trilogie entfernt, und Dutzendware folgte einem solchen Erfolg ebenfalls auf dem Fuß. Als es in den 90er Jahren still um die untoten Menschenfresser wurde, da wären Werke wie "Yummy" willkommen gewesen, man hätte sie vielleicht sogar richtig gut gefunden, aber in der Überschwemmung an ähnlichen Produkten auf dem Videomarkt, fallen sie kaum auf und wissen nur bedingt zu unterhalten. Zu oft schon wurden die hier präsentierten Späßchen in irgendeiner Variante zelebriert, die Methoden der Gefahr zu entkommen sogar noch mehr, da man sie auch in den ernsten Beiträgen rund um Zombies antrifft. Auch das Herkunftsland Belgien, das zunächst etwas Hoffnung auf einen vielleicht anderen Umgang mit der Thematik macht, birgt keine nennenswerte Veränderung. Und der Handlungsspielort einer Schönheitsklinik mag auf den ersten Blick reizvoll klingen, doch die Satiremöglichkeiten, die dieser Ort geradezu herauf provoziert, sind auch nicht gerade selten im Horrorsektor vorzufinden, ebenso wie die morbiden Szenen voll Schadenfreude, wenn oberflächliche, eitle Menschen zu leiden haben. Am ehesten funktioniert noch das ungute Gefühl eine eher nicht zu empfehlende Klinik präsentiert zu bekommen, in welcher Arbeitsmoral, Hygiene, geschweige denn Ethik nicht wirklich zu Hause sind. Freilich kreuzt sich diese Entscheidung mit dem Thema Geiz und einem, sofern man in einer bizarren Komödie überhaupt darauf setzt, Ort der Glaubwürdigkeit, bezogen auf den Ursprung der Epidemie und dem leichten Entfachen dieser, bei solch geringen Sicherheitsvorkehrungen. "Yummy" ist nicht billig herunter gedreht, man war bemüht treffsichere Späßchen zu präsentieren. Verspielt geht man mit sämtlichen Themen um. Er wird sicherlich seine Anhänger finden, wo er doch gar nicht so verkehrt umgesetzt ist. Ich bin jedoch übersättigt, wenn reizvoll scheinende Figurenzeichnungen oberflächlich bleiben und ab einem gewissen Punkt fast nur noch der Splatstick zelebriert wird. Das ein oder andere Mal müde schmunzeln musste ich in dieser Dutzendware aber dann doch.  Wiki

02.11.2024

ZOMBIES FROM SECTOR 9 (2020)

Ein durch Aliens verursachtes Reaktorunglück in Critters-Ville hat eine Zombieepidemie zur Folge, in welcher ein Horrorfilm-Fan zunächst als Retter seiner Familie, schließlich nur noch als Zombie-Killer, umher schlendert...

Auf dem Weg nach Tremors-Ville...

War "Christmas Bloody Christmas" ein professionell produzierter Horrorfilm, der deutlich sichtbar der Metalszene entstammt, so ist der zwei Jahre zuvor entstandene, belgische "Zombies from Sector 9" ein Undergroundfilm aus selbiger Subkultur, mit simplen Mitteln von Amateuren umgesetzt. Deswegen kann man ihm so einiges verzeihen, aber nicht alles, bei all der sympathischen Konkurrenz, die man gelegentlich in diesem Bereich vorfindet. Die gute Nachricht: technisch ist der Film auf qualitativ gutem Niveau. Ton und Hintergrundmusik bilden eine Einheit, letzteres sorgt ab und an für Stimmung, die Bildqualität ist nur dann geringer, wenn die Verantwortlichen es auch so wollten, und die Darsteller sind für ein Amateurprodukt ebenfalls nicht von schlechten Eltern. So unsensibel der Film meist erscheinen mag, kurze Augenblicke spürbarer und verstandener Dramaturgie blitzen immer mal auf. Neben allerhand geglückter Gore-Effekte, die leider wieder einmal die Hauptaufmerksamkeit dieser Art Filmschaffender waren, bietet der von Rob Ceus inszenierte Streifen auch manch nackte Tatsachen als Schauwert, scheu waren die Mimen nicht. Dies betrifft in härteren Blutszenen auch minderjährig Beteiligte, die für Abwechslung sorgen inmitten einer Filmgattung, die hier wie anderswo ansonsten von jungen Erwachsenen dominiert wird. Schauwerte, Spielorte und die Anzahl an Beteiligten wissen zu beeindrucken. Die Kenntnis der Materie zeigt sich im TV durch Ausschnitte aus "Die Nacht der lebenden Toten", durch im Film getragene T-Shirts von "Bad Taste" und "Angriff der Killertomaten" und durch VHS-Kassetten, sowie Postermaterial von "Basket Case" und Co. Der Verweis der Städtenamen auf "Critters" und "Tremors" (obwohl letztgenannter nach der hier anvisierten Zeit entstand) zeigen ebenfalls, dass man allerhand Titel aus dem Horrorbereich kannte, verdeutlichen gleichzeitig aber auch den augenzwinkernden Umgang des Ganzen.

Schon zu Beginn, wenn statt des Zombiefilms zuerst einmal ein Fake-Trailer über einen angeblichen Nekrophilen-Film startet, macht man uns deutlich nicht bierernst an die Sache heranzugehen. Eine Komödie ist "Zombies from Sector 9" jedoch nicht geworden, dabei hätte ihm etwas mehr lockerer Umgang gut getan, so monoton wie sich alles auf etwa 85 Minuten Laufzeit streckt. Der vom selben DVD-Label veröffentlichte "Blood Gorge" macht z.B. deutlich, was bei mehr Humor und weniger Laufzeit auch aus dem hier besprochenen Werk hätte werden können, das vielleicht keinen Intelligenzpreis gewinnen könnte, uns aber sympathische Menschen zeigt, die ihren eigenen Horrorfilm drehen. Etwas durchdachter hätte der Plot dennoch ausfallen können. Die Art, wie der Held seine Familie verliert, lässt ihn nicht gerade heldenhaft oder zumindest halbwegs um Schutz bedacht, geschweige denn als Zombiewelt-Kenner erscheinen. Warum er sich erst drei Jahre nach Ausbruch der Seuche auf die Suche nach Ex-Frau und Sohn macht, bleibt das Geheimnis der Autoren, ebenso der im Zaum gehaltene Ausbruch in all dieser Zeit, der nur in wenigen Zonen nach und nach ausgeweitet stattfindet. Klar, man wollte eine Welt zeigen, in welcher Plünderer unterwegs sind, Wissenschaftler verzweifelt und zweifelhaft (überdeutlich auf "Zombie 2"-Art) nach einer Lösung suchen, aber der Zeitraum von 3 Jahren wäre stattdessen mit einem von 3 Wochen glaubwürdiger gewesen. Wie auch immer, etwas arg schleppend geht der Film nach einem charmanten Start voran, meist den immer unsympathischer werdenden Helden dabei zeigend wie er fluchend und selbstgerecht Mensch und Zombie tötet, sich manchmal in seiner zerfahrenen Art aber auch auf Figuren konzentriert, die urplötzlich auftauchen, ohne eine Verbindung zum Helden herzustellen, nur um relativ flink aufgefuttert zu werden. 

Der Schluss verweist auf eine bald folgende Fortsetzung, zu der es bislang nicht kam. Ich habe keine Ahnung, ob die wer braucht, wenn sie so inhaltsarm verläuft, wie Teil 1. "Razor Blade Smile", ebenfalls innerhalb einer Subkultur entstanden, zeigte zumindest bei ähnlicher Laufzeit und ebenfalls nur aufblitzender augenzwinkernder Umsetzung, sowie mit weniger Blut und ähnlich viel nackter Haut, wie gut das Rezept funktionieren kann, wenn man dem Drehbuch auch etwas Kreativität gönnt. Dieser Vampirfilm ist dem hier besprochenen Zombie-Werk allein aufgrund dessen definitiv vorzuziehen.  OFDb

18.08.2024

THE NEW OPEN SEASON (2011)

Ein Polizist kommt eher zufällig einer Gruppe Jäger auf die Spur, die für das Verschwinden etlicher Leute verantwortlich sind...

Leg Dich nie mit einem Ex-Soldaten an...

"Open Season" erhielt nie eine Fortsetzung. Etliche Werke ähnlicher Thematik erhalten in Deutschland jedoch immer wieder Titel, die dies suggerieren. Einer davon ist "The Hunters" (Originaltitel), der aus der Zusammenkunft von Belgien, Frankreich und Luxemburg produziert wurde, inszeniert von Chris Briant, für den dieses Werk sein Erstling darstellte, arbeitete er zuvor doch lediglich mit anderen Regisseuren an einer Krimi-Serie namens "Profiling Paris". Zwar steht auch hier wieder einmal das Thema Menschenjagd auf dem Programm, jedoch auf merkwürdige, da eher umständliche und oftmals nicht glaubwürdig gewählte Art dargeboten. Normalerweise begrüße ich die andersartige Herangehensweise europäischem Kinos gegenüber dem was wir aus den USA standardmäßig gewöhnt sind, aber "Die Jäger - The New Open Season" (Alternativtitel) will einfach nicht richtig funktionieren. Zwar beleuchtet er Täter und Ermittler in seiner Vorphase gleichermaßen (wobei wir bei den Jägern zunächst nicht sicher sind, ob sie zukünftige Opfer oder Jäger sind), aber diese reizvoll klingende Herangehensweise wird eher des Laufzeitstreckens wegen angegangen, anstatt uns einen vielschichtigen Blick auf die Umstände werfen zu lassen. 

Hier wird nicht psychologisch clever beleuchtet, was Menschen dazu treibt andere zu jagen, man bedient sich stattdessen nicht tiefgründig genug herausgearbeiteter Klischees, wie dem Frust nerviger Kunden und böser Chefs in einem undankbaren Arbeitsumfeld z.B. Interessanter ist da schon die Arbeitswelt des Helden, der seinem Vorgesetzten zu engagiert daher kommt, aufgrund seiner gerade erst neu begonnenen Stelle an einem ihm unbekannten Ort trotz seiner Professionalität entsprechend auch Fehler macht, was zu gefallen weiß, um den Charakter nicht zu strahlend heldenhaft erscheinen zu lassen. Letztendlich belässt man seinen Konflikt mit dem übergeordneten Kriminalisten jedoch nicht als reizvolle Nebensache, sondern verwendet sie zudem billig als reißerischen Wendepunkt in der Hauptgeschichte, eine Idee die nicht nötig war, da sie die Gefahrenlage weder verstärkt, noch einen komplett anderen Blick auf die Umstände wirft. "The New Open Season" verschenkt etliche reizvolle Elemente für eine stumpfe, zerfahren erzählte Geschichte, in der es letzten Endes doch nur darum geht, dass der Held sich und andere gerettet bekommt, versehentlich hineingeraten in ein idiotisch und zu klein anmutendes Jagdrevier bescheuert begründet motivierter Killer. 

Dem ganzen noch Horrorelemente hinzuzufügen, wenn es zur ersten richtigen Konfrontation mit einem der Jäger am Ort seiner Trophäen kommt, indem dieser sich als lupenreiner Psychopath a la Leatherface entpuppt (während der Rest "normale" Menschenjäger sind), will psychologisch so gar nicht glaubwürdig erscheinen, dient also auch nur dem reißerischen Erzählwert einer schlichtweg zu orientierungslos angegangenen Geschichte. Eben weil sie so stichprobenartig bei verschiedenen Figuren beider Seiten zu Beginn ansetzt, hätte man eher etwas Durchstrukturiertes erwartet. Leider will der Streifen auch auf trivialer Ebene nicht wirklich überzeugen, er hangelt sich zwar von Moment zu Moment, von dem der ein oder andere immer mal unterhaltsam ausfällt, Hauptmotivator das Ganze zu Ende zu gucken war bei mir jedoch die Frage, was als nächstes kommt und was sich die Verantwortlichen beim Dreh dieses Films wohl gedacht haben könnten. Die wollten wahrscheinlich einfach nur völlig undurchdacht bekannte Erzählmuster durchbrechen und drehten ein Irgendwas. Dies ist nicht völlig ohne Reiz, aber da auch ohne Empathie und Psychologieverständnis angegangen, hätte es als Amateurfilm in seiner scheiternden Art mehr Charme geerntet, da hätte man einfach mehr entschuldigt.  OFDb

30.07.2023

EXTRA ORDINARY - GEISTERJAGD FÜR ANFÄNGER (2019)

"Extra Ordinary" ist eine Komödie, die nicht auf eine zu aufregende Geschichte, geschweige denn auf übermäßig viele Schauwerte setzt, sondern stattdessen auf seine Figuren und die Interaktionen zwischen diesen. Das ist lobenswert, funktioniert aber nur bedingt, da die Figuren/Darsteller nicht halb so charmant herüber kommen, wie gewollt. Und auf diesen Charme setzt man. Halbwegs funktioniert diese Fantasy-Komödie dennoch, denn sie hat einen durchaus lustigen Gegner zu bieten, ebenso manch herrlich lustige Idee und einen Aufhänger, der definitiv zu funktionieren weiß. Und dies tut er trotz etlicher Fehlentscheidungen. Der schnelle Glaube zum flotten Fortschreiten der Geschichte ist mir beispielsweise ein Dorn im Auge. Der von Geistern Geplagte glaubt direkt an die Fähigkeit der Geisterjägerin (die im Gegensatz zu dem, was der deutsche Beititel uns weiß machen will, sehr wohl erfahren ist), und sie glaubt direkt an den Spuk, anstatt ihn zunächst für einen Spinner zu halten. 

Zumindest dass man dem Bösewicht glaubt, reizt, ist seine comichaft offensichtlich bösartige Art und Erscheinung doch nur in einem solch comicartigen Film ein Geheimnis. Ebenso skurril mutet seine Begleitung an, die zwar den Luxus liebt, den er ihr zu bieten hat, aber keinen Zugang zu den Methoden und dem Ziel hat, denen er nachgeht, damit der bröckelnde Luxus erhalten bleiben kann. Stattdessen setzt sie stets Banalitäten ins Zentrum ihres Tuns, und damit immer zu unpassenden Zeitpunkten auch inmitten seines Tuns. Das ist witzig, insgesamt aber etwas zu gewollt und nicht pointensicher eingebracht. Der Schlussgag sie betreffend zieht trotzdem. Ebenso eine absichtlich lahme Verfolgungsjagd, die Lehrvideos des Papas der Anti-Heldin, sowie das soziale Unvermögen dieser, insbesondere Männern gegenüber. Manch andere nette Idee, wie das eklige Auskotzen übernatürlicher Segmente, wird zu überreizt ausgekostet. So schwankt "Extra Ordinary - Geisterjagd für Anfänger" immer zwischen dem Erkennen guter und dem Nichterkennen schlechter Witze, Entscheidungen und Herangehensweisen. Halbwegs amüsant ist er zumindest ausgefallen, und da er nicht auf zu schrille Komik setzt, ist er trotz zu plumpem Ergebnis definitiv erträglich ausgefallen.  Wiki

31.07.2021

DER VORNAME (2012)

Mag die titelgebende Diskussion um den Namen Adolph auch nur der Auslöser innerhalb eines Kammerspiels sein, das sich irgendwann von diesem entfernt, so ist doch gerade diese erste Phase das Hoch eines hervorragend gespielten Filmes. Interessant und amüsant gezeichnete Charaktere führen ein reflektiertes und pointensicheres Wortgefecht. Pro und contra begeistern gleichermaßen, stets orientiert an den Eigenschaften der jeweiligen Figur. Da darf man fast schon enttäuscht sein, den wahren Grund dieser Diskussion irgendwann zu erfahren, der dem Zuschauer zunächst einen Perspektivwechsel innerhalb der gleich bleibenden Situation ermöglicht und schließlich einen überraschenden Übergang losgelöst von diesem Streitpunkt schafft. Mit jeder neu aufgeworfenen Wahrheit, die bislang schweigend geduldet oder ignoriert wurde, wird aus der bislang vorhandenen Harmonie in gern gelebter Streitkultur ein Entlarven des eigentlichen Charakters eines jeden und damit die Offenbarung wie wenig liberal das Denken der sich für unglaublich liberal haltenden Menschen tatsächlich ist. So kommt "Le Prénom" (Originaltitel) dem ein Jahr zuvor gedrehten "Der Gott des Gemetzels" thematisch sehr nah, der das zivilisierende Gewandt im Streit unter sich Fremden allmählich entblätterte. Hier geschieht ähnliches unter Freunden und Verwandten. 

So sehr diverse Typen Mensch auch vorgeführt werden und so sehr der Off-Kommentar auch schelmisch einen auf typisch französische Komödie macht, so authentisch wirkt doch hier letztendlich alles. Die Glaubwürdigkeit der hier gelebten Freundschaften ist ebenso spürbar, wie jene der heruntergeschluckten Wahrheiten, die nun ans Tageslicht geraten. Egal wie laut "Der Vorname" dabei wird, er wird nie reißerisch, nie rein des Hochschaukelns wegen stets eine Spur extremer ausfallend in immer unbehaglich werdender Gemeinsamkeit. Er bleibt gekonnt reflektiert und seinen Figuren stets treu und kommt dabei selbst in entlarvenden Momenten nie moralisch oder Partei ergreifend daher. Er versteht seine Figuren sowohl im intellektuellen Sinne, als auch im emotionalen. Fruchtend auf dem sich natürlich anfühlenden Miteinander untereinander entsteht eine sich ebenso echt anfühlende Eigendynamik, in welcher aus amüsant verspielten Streit verletzender wird, ohne dass sich dieser unangenehme Prozess aufhalten lässt. Im Gegensatz zu Polanskis Vergleichsfilm muss sich "Der Vorname" nichts beweisen, so unverkrampft wie er mit starken Dialogen unglaubliche Gefühle bei den Protagonisten und dem Publikum freizusetzen versteht. 

Somit würde man einem sehenswerten Werk beiwohnen, wenn die Tragikomödie nicht irgendwann umschwenken würde zu einem Gefühlsdilemma, das zwar ebenfalls die mangelnde Bereitschaft des Akzeptierens alternativen Denkens und Lebens unter Liberalen offenbart, dies diesmal jedoch auf persönlicherer, körperlicher Ebene, und somit nicht rein dem Stolz und der Arroganz geschult wie zuvor. Mit dieser Fehlentscheidung, die den Rest des Films zentrales Thema bleibt, verläuft sich alles zuvor gekonnt Fixiertes im Sand, "Der Vorname" verliert seine Zielsicherheit und wird fahrig und willkürlich und verliert damit enorm an Biss. Mag sich dieser Schwachpunkt auch erst etwa zur zweiten Hälfte des letzten Drittels auftun, er schadet dem Ergebnis immens, was man bei so viel bislang dargebotener Professionalität kaum glauben kann. Sechs Jahre später folgte anbei konsequenter Weise, passend zum Aufhänger, eine deutsche Neuverfilmung gleichen Titels.  OFDb

12.05.2021

RAW (2016)

"Raw" fordert heraus. Er ist intellektuelles und blutiges Kino zugleich, in seinen Interpretationsmöglichkeiten vielschichtig, seine oberflächliche Geschichte dennoch vordergründig abarbeitend. Er ist trockenes Kino, aber auch gewagt und verstörend. In erster Linie aber ist er anders, gerade wenn man ihn mit ähnlichen Stoffen vergleicht, in welchen das sexuelle Erwachen durch ein Horrorelement ersetzt oder ergänzt wird. Der Blutgier wegen muss sich eine junge Frau heutzutage nicht mehr in ein Tier verwandeln, wie es in den 40er Jahren noch bei "Katzenmenschen" der Fall war. Der reine, nicht weiter erklärbare, Zwang zum Kannibalismus reicht aus. Und wo andere Werke von diesem Punkt an Begründungen liefern würden, während sie die Geschichte klassisch ablaufen lassen würden, stellt sich "Grave" (Originaltitel) der Herausforderung Konsequenzen in den Eventualitäten zu suchen, welche die Grundlage vorgibt. Verzicht und Heimlichtuerei fordern ihre Tribute. In der Schwester, welche die selbige Uni besucht und unter selbigem, und somit vererbbarem, Laster leidet, findet sie eine Verbündete und Konkurrentin gleicher Maßen. Der schwule Mitbewohner steht ihr nur langsam verstehend stets bei, und selbst dieser Nebenstrang verläuft äußerst individuell erzählt. 

Während sich abscheuliche Ekelszenen überraschender Weise häufig außerhalb der klassischen Splatterszenen finden, fordert die Geschichte inhaltlich mit aufwühlenden Einzelsituationen heraus. Ob es Justines Qualen durch Verzicht unter der Bettdecke sind, ein offen vor allen Studenten dargebotenes Beißduell unter Geschwistern, oder das bittersüße, blutige und überraschende Ableben eines Verbündeten, "Crudo" (Alternativtitel) bietet nie was man erwartet. Da wird beim Tanz erotisch am Augapfel geleckt, ein Intimwaxing schmerzt auf andere Art als erwartet, Cybermobbing findet auf eine Art besoffener Hundedressur statt, und Gefühlskälte zeigt sich am Desinteresse einer Hundeeinschläferung, die nur stattfand, da das der Familie stets treue Tier als Alibi-Täter herhalten musste. Und obwohl Julia Ducournau in ihrem ersten und bislang letzten Langfilm derartig viele Schauwerte packt (von den blutigen Szenarien, die sich zum Ende hin mehren, ganz zu schweigen), ruht sich "Freaking" (Alternativtitel) doch nie auf derartigem aus, sondern bietet eine analytische Charakterstudie einer ganzen Generation, deren Aussagen und Tiefgang man selbst entdecken muss. In seiner schlüssigen (und somit stimmigen) Psychologie beweist sich der Film diesbezüglich nicht als Blender, in "Raw" passt so ziemlich alles zusammen. 

Die Schlusssequenz überzeugt zwar nicht in seiner Vererbungsaufdeckung (ohne diesen Aspekt hätte alles Vorangegangene nie viel Sinn gemacht, so dass es überraschen darf, wie sehr das Einweihen in ein Geheimnis für Justine unvorbereitet daher kommt), aber das eigentliche, augenzwinkernde Anliegen dieser Szene liegt ohnehin in der Aufgabe, welche die junge Frau zur Problemlösung gestellt bekommt. Im Gegensatz zur Schwester war sie schon immer die klügere. Das wird in dieser Schlusssequenz, wie in so vielen anderen vorausgegangenen Situationen, eine wichtige Charaktereigenschaft, sofern man die Zusammenhänge diesbezüglich als Zuschauer selbstständig entdecken kann. In seiner arg nüchternen, unterkühlt intellektuellen Art war mir der in der Hauptrolle lobenswert natürlich besetzte "Raw" zunächst eine Spur zu anstrengend, was aber an meiner Tagesform lag. Die Zweitsichtung genoss ich entspannt, vom Regisseur ernst genommen und künstlerisch intellektuell angefixt um so mehr. "Raw" ist außergewöhnliches, andersartiges Kino mit effektiver Musikuntermalung und überzeugenden Spezialeffekten. In seiner reflektierten Art ist er Cineasten- anstatt reine Horror-Kost, so oder so benötigt man aber einen starken Magen. Die FSK 16 täuscht diesbezüglich gewaltig.  OFDb

04.05.2021

THE ROOM (2019)

Manch ein Filmemacher hätte die an "Twilight Zone" und Co erinnernde Chose permanent für den mahnenden, moralischen Aspekt genutzt, der sich freilich nie komplett ausblenden lässt. Das Gemeinschaftsprojekt aus Luxemburg, Belgien und Frankreich macht mit einer Reduzierung dieses Aspekts jedoch seine europäische Herkunft deutlich und schafft es mittels eines recht geistreichen Drehbuchs stets neue Wege zu finden, die grundlegende Idee auszuloten. So macht die Geschichte weder Halt im moralischen Aspekt, noch im Erwachen aus der obligatorisch aufkommenden  Dekadenz. Ebenso wenig schließt sie mit der an "Gate 2" erinnernden Idee, dass alles Herbeigewünschte nach einiger Zeit wertlos wird. Mit einem atmenden, denkenden Wesen aus Fleisch und Blut wird eine tragische Komponente dem Geschehen hinzugefügt, die vielfältig ausgeleuchtet werden kann. Das Drama um das Eingeschlossensein wird dadurch ebenso thematisiert, wie das Traumata der Mutter, die das eine mit diesem Wunsch umgehen wollte und sich nun einem anderen ausgesetzt sieht. Der Alterungsprozess außerhalb des Hauses wird ebenso Teil der Gedankenspiele rund um den Jungen, wie auch seine frankensteinische Kunsterschaffung. Ist er Mensch oder nicht? Hier finden sich einige Parallelen zum völlig anders gearteten, im selben Jahr entstandenen, "Vivarium" (teilweise auch zu "Splice - Das Genexperiment"), den Entzweiungsprozess des Paares um Mitgefühl, Vernunft und Machtverhältnisse hier etwas näher beleuchtend als dort.

Und selbst mit dem Aspekt des Kindes hören die Überraschungen der wendungsreichen Geschichte beileibe nicht auf. Denn durch die Intelligenz des Jungen kann nun etwas nachgeholt werden, das man in der Einfallslosigkeit des zentralen Ehepaares zuvor vermisst hat: die vielen Wunschmöglichkeiten, die sich durch den Raum anbieten. Irgendwann befinden wir uns in einer an "House 2" erinnernden Phase, in welcher der Junge, langsam sein Schicksal begreifend, sich seine eigene Welt in diesem Raum kreiert, um das Draußensein endlich einmal erleben zu können. Auch hier ruht sich das Drehbuch nicht einfach auf dem fantastischen Aspekt aus, sondern nutzt diesen Bereich erneut zum Ausloten zwischenmenschlicher Auseinandersetzungen, in welcher die Mutter sich geradezu klassisch auf die Seite ihres Kindes schlägt. Zwar geht die Geschichte überraschend erfreulich so weit die Wahrnehmung derart auf den Kopf zu stellen, dass man sich an "eXistenZ" erinnernd nicht mehr sicher ist in welcher Wirklichkeit man sich nun tatsächlich befindet (gleiches gilt dank der krankhaften Entwicklung des sprunghaft Herangereiften auch für Persönlichkeiten), letztendlich führt man in dieser wilden Phase den Zuschauer jedoch zu brav an der Hand, macht immer zu schnell deutlich wo wir uns mit wem tatsächlich befinden, anstatt uns komplett im Labyrinth aus Wahn, Illusion und Täuschung allein zu lassen. 

Dementsprechend kann genau diese Phase nicht konsequent genug umgesetzt werden, was schade ist, wenn man bedenkt, dass sich "The Room" überhaupt bis zu derartigen Sphären entwickeln durfte. Da Christian Volckman (der ansonsten im Langfilmbereich bislang nur den Animationsfilm "Renaissance" inszenierte) seinen Film aber ohnehin stets in einer Kinorealität spielen lässt und sich kaum um authentisches Flair und reifes Kino bemüht, fühlt sich dieses Eingeständnis für den Mainstream nicht ganz so enttäuschend an, wie in einem erwachsen reflektiertem Produkt. "The Room" ist somit einfallsreiches Kino für die Zeit in der er entstand und für das Publikum, das er anvisiert, ist in seinen Möglichkeiten aber eingeschränkt für das mündige, mitdenkende Publikum. Umso schöner ist es, dass er als massentauglicher Film in einem relativ weiten Radius eingeschränkt ist, sprich sich im phantastischen Bereich weite Grenzen setzt, bevor er deren letzte Hürden meidet zu überwinden. Warum man gerade in der letzten Phase einer krankhaften Rollenübernahme angekommen so schnell nicht nur den Zuschauer, sondern auch die getäuschte Figur einweiht, anstatt bei dieser unpraktischen Entscheidung wenigstens nur den unpassend plötzlich zum Helden umfunktionierten Ehemann klar sehen zu lassen, und dies nur um das Ganze in einem geradezu klassischem Errettungsszenario enden zu lassen, will sich mir, nach all den anderen Möglichkeiten, die das Drehbuch genüsslich auskostete, nicht erschließen. Was hier an Potential für weitere interessante 30 Minuten für einen schnellen Schuss verschenkt wird, wird vielleicht aber nur den Kreativen unter den Zuschauern bewusst sein.  OFDb

14.02.2021

VIVARIUM (2019)

Ob es nötig war das kommende Gleichnis mit dem Kuckucksnest in einer der ersten Szenen zu erklären, sei einmal dahin gestellt. So schön das gnadenlose Spiel der Natur im Vorspann auch eingefangen wird, es benennt etwas, das es eigentlich selbst zu entdecken geben sollte, was mich vermuten lässt, dass wir diese Ausnahme innerhalb eines Filmes, der ansonsten von seinen Rätseln und manch nicht gelöster Mystik lebt, dem amerikanischen Einfluss verdanken. Ansonsten schaut sich "Vivarium" angenehm europäisch und damit unter stärkerem Einfluss der Teilnehmer-Länder Belgien, Dänemark und Irland stehend. Ohne trivial-oberflächliche Spielereien ziehen die Verantwortlichen des Streifens ihre Ausgangsidee gnadenlos durch, ohne auf das Wohl des Zuschauers zu schielen. Ob diesem die Chose zu zäh, unaufgeregt oder zu codiert erscheint, ist den Autoren ziemlich egal, zu denen auch Regisseur Lorcan Finnegan gehört, für den dieses Projekt nach dem Mystery-Drama "Without Name" seine zweite Langfilm-Arbeit darstellt. 

Die an "Twilight Zone" und Co erinnernde Geschichte wird in schlichten Kameraaufnahmen eingefangen, die sich den herrlich künstlich anzusehenden, an die "Teletubbie"-Welt erinnernden, Spielorten unterordnen. Als Gegenpol dazu sind Imogen Poots und Jesse Eisenberg sehr natürlich agierend besetzt. Diese psychologische Raffinesse hilft zudem dabei zu erkennen, dass das Ding, welches die beiden großziehen sollen, nicht aus einem miesen Charakter oder aus einer ethischen Fehlleistung heraus von den beiden verachtend behandelt wird, sondern der Situation entsprechend aus einem natürlichen Instinkt heraus. In seiner konsequenten Art zeigt der unpassend in Deutschland alternativ betitelte "Vivarium - Das Haus ihrer (Alp)Träume" in einer entsprechend passenden Phase der Geschichte, wie wenig effektiv ein alternativ kindgerechter Umgang mit dem kleinen Wesen ist, das auf befremdliche Art seine Umwelt nachahmt, sehr schnell wächst und nichts Menschliches an sich hat. Derartige Konsequenzen finden sich ohnehin auch in jedem anderen Bereich, und versteht man erst einmal was "Vivarium" erzählt, bemerkt man wie durchdacht das komplette Konstrukt ist, das hier kreiert wurde, begonnen mit dem späten Verstehen des skurrilen Verhaltens des Maklers, der Frage warum die Siedlung/die Inneneinrichtung so künstlich gestaltet ist, bishin zur Fremderziehung eines Unbekannten betreffend, der sich den beiden Hauptfiguren nicht zeigt, sowie der Konsequenz in der alles endet und die Rolle der beiden Menschen in diesem Prozess betreffend. 

Selbst wenn man uns per Lehrbuch und TV-Programm aus einer anderen Welt, und später auch mit einem Blick hinter die Kulissen, nach und nach mehr über die Hintergründe erfahren lässt, so bleibt jedoch alles was die Strippenzieher betrifft rätselhaft und unbeantwortet. Das wenige das man aufgrund des Gesichteten über diese Spezies erfährt, folgt einem durchdachten System, das sich, ebenso wie das Gesamtkonzept des Streifens, keine Widersprüche leistet. Die Verantwortlichen von "Vivarium" schaffen sogar etwas, das ich in den meisten Science Fiction-Filmen der letzten 20 - 30 Jahre immer wieder vermisst habe: sie schaffen es eine uns fremde Kultur zu entwickeln, ohne dass diese zu stark an die unsere, oder eine alternativ wirklich existierende auf unserem Planeten erinnert. "Vivarium" wirkt auf angenehme Art unangenehm und befremdlich auf uns, trifft mit seiner bitteren Witzigkeit den Nerv des interessierten Publikums und den seiner Geschichte, durchdenkt Szenarien und Reaktionen, auch wenn man sicherlich an vielen Punkten anders gehandelt/reagiert hätte. Alles folgt einer logischen Reihenfolge und Konsequenz. Und dennoch kann man meist nicht erahnen was als nächstes passiert. Der Wunsch des Enträtselns der Situation bleibt, neben der Neugierde was uns als nächstes Groteskes erwartet, stets ein wichtiger Motor für das Funktionieren des Unterhaltungswertes. 

Wer gelegentlich langsamere, subtilere Filme mit treffsicherem Satire-Touch konsumiert, ist in "Vivarium" bestens aufgehoben. Er weiß in seiner durchdachten, aber nicht verkopften Art weder zu unter- noch zu überfordern, intellektuell zu stimulieren, ohne sich dabei pseudo-intellektuell anzufühlen und Irreales und Groteskes zu präsentieren, das dennoch einer Gesetzmäßigkeit unterliegt. "Vivarium" macht keine Kompromisse für mehr Verständnis, für mehr Zugänglichkeit, zum Anbiedern an ein größeres Publikum, oder zum Einbringen quantitativer Schauwerte. Derartige Methoden liegen den Verantwortlichem und dem fertigen Endprodukt fern, und somit sei er allen Freunden alternativen Kinos herzlichst empfohlen. Dass man derartiges nicht gerade an einem müden Tag sichten sollte, sollte allein schon wegen der nüchternen, leicht monotonen Tonart selbstverständlich sein.  OFDb

08.08.2020

WHAT HAPPENED TO MONDAY? (2017)

Die absichtlich übersprungenen Schwierigkeiten in der Glaubwürdigkeit der Geschichte und die stets anwesenden Unlogiken sind ebenso wenig zu übersehen, wie manch nicht konsequent zu Ende gedachte Idee. "What Happened to Monday?" funktioniert aufgrund seiner lediglich als Popkornfilm konzipierten Eigenschaft dennoch, zumal er auf einer Idee aufbaut, die geradezu ein Selbstläufer ist. Die siebenfach agierende Hauptdarstellerin beeindruckt in ihrem von sehenswerten Spezialeffekten unterstützten Zusammenspiel mit sich selbst, dies trotz klischee-beladener Maskerade, und entwickelt zusammen mit den Autoren im Laufe der Zeit aus den Stereotypen funktionierende Individuen, zumindest auf jenem Niveau, welches ein actionreiches Szenario in einer Großproduktion zulässt. Egal ob man die Auflösung nun ahnt oder nicht, der Weg zu ihr ist schmerzvoll für die Heldinnen, bietet allerhand Kurzweile, Überraschungen und neue Erkenntnisse, und am Schluss angekommen bietet besagte Auflösung eine Zusatzerklärung, die ebenfalls trotz des Makels nicht konsequent zu Ende gedacht zu sein gut funktioniert.

Interessante Rückblicke, die für die Hauptgeschichte von wichtiger Bedeutung sind, werden gekonnt gesetzt eingestreut, ohne zu ausschweifend auszufallen. Das kurze Anreißen dessen, was diese Art Leben, bevor das Hauptszenario über die Siebenlinge herein bricht, für Herausforderungen und schmerzliche Entbehrungen mit sich bringt, hätte in seinen reichhaltigen Möglichkeiten einen eigenen Film füllen können, wird aber aus Rücksicht vor dem Action-Schwerpunkt nicht zu bedeutungsschwanger zelebriert. Das Gewicht aus minimalen Anflügen von Tiefsinn und dem Hauptaspekt der leichten, aber ereignisreichen Kost stimmt dementsprechend, zumindest dann, wenn man zuvor kein Kopfkino erwartet hat. Die Rolle von Glenn Close ist mir ein wenig zu klein ausgefallen, aber sie holt viel aus ihr heraus. Dass sowohl die Ausgangslage, die zu dem neuen Gesetz führt, als auch die schockierende, gesellschaftskritische Auflösung dessen, wie das Gesetz umgesetzt wurde, stark an "Jahr 2022... die überleben wollen" erinnert, stört nicht weiter, zumal man nicht wie dort auf Intellekt und Tiefgründigkeit setzt, sondern auf einen simpel zu konsumierenden Unterhaltungsfilm.  OFDb

27.10.2019

TIM UND STRUPPI - DER FALL BIENLEIN (1961)

Von einigen kurzen 5-Minütern von 1959 einmal abgesehen, war "Tim und Struppi - Der Fall Bienlein" die erste Zeichentrick-Produktion der beliebten "Tim und Struppi"-Comics und erschien im selben Jahr der ersten Realverfilmung "Tim und Struppi und das Geheimnis um das goldene Vlies". Tricktechnisch braucht man sicherlich nicht viel erwarten, das zeigt bereits ein Blick auf "Asterix - Der Gallier", den letzten Zeichentrickfilm, den Regisseur Ray Goossens inszenierte. Aber dort wie hier reicht die simple Animation aus, um einer geglückten Vorlage den Sprung ins Medium Film zu ermöglichen. Letztendlich geht es darum die auf dem Papier lieb gewonnenen Figuren in Bewegung zu erleben, und da hier wie dort die Figuren treffsicher vom Original übertragen wurden, weiß auch der Charme der Heftvorlagen trotz schlichter Umsetzung zu fruchten.

In der Asterix-Verfilmung funktioniert das noch ein klein wenig besser, war die dort erzählte Geschichte doch herzerfrischend und mit wundervollen Gags versehen. "The Calculus Case" (Alternativtitel) hingegen gleicht einer endlosen Verfolgungsjagd. Kurz nach der Einführung in die Geschehnisse müssen Tim und seine Gefolgschaft stets den feindlichen Agenten entkommen, eine wirklich nennenswerte Geschichte wird dabei nicht erzählt. Wie gesagt rettet der Charme der Vorlage, sprich die liebevollen Figuren und die hanebüchenen Wendungen, die völlig bewusst gesetzt alles andere als einfallsreich zu nennen sind, das Ergebnis, so dass trotzdem ein unterhaltsames Happening entstanden ist, das mit seiner Leichtfüßigkeit, dem augenzwinkernden Umgang und kurz eingestreuten Albernheiten die an sich brutalen Geschehnisse überspielt, die stets mit einwirken. Somit bleibt der Streifen trotzdem stets altersgerecht und ist somit für Jung und Alt konsumierbar. Mittlerweile schwebt freilich zusätzlich ein gewisser Retro-Reiz über dem Werk. Und eine geglückte, da verspielte und treffsicher besetzte, Synchronisation erleichtert den Zugang zu einem eigentlich recht simplen Werk.  OFDb

13.01.2019

BLAU IST EINE WARME FARBE (2013)

Wenn es etwas gibt, dass es an Abdella Kechiches Film "Blau ist eine warme Farbe" nicht zu diskutieren gibt, dann ist dies die Tatsache wie authentisch sich das Werk guckt. Filmklischees und cineastische Alternativwahrheiten gibt es hier nicht zu entdecken, gleiches gilt für Eitelkeit von Darstellern oder Theatralik in Dramaturgie und Musikuntermalung. Das Drama um eine junge Frau, die ihre Homosexualität entdeckt, ist weder kitschig, noch übermotiviert aufklärerisch ausgefallen. Was hier passiert ist so erzählenswert wie alltäglich, so interessant wie normal und dabei völlig unaufgeregt erzählt. So wunderbar das alles geschrieben und optisch eingefangen wurde, so stark lebt es doch hauptsächlich von seinen Schauspielern, die geradezu herausgefordert werden, was sie aufgrund ihres hohen Talentes schließlich auch zu meistern wissen. Der Film geht so subtil und holzhammerartig mit den Geschehnissen um, wie es auch das Leben tut. Stille Momente wechseln sich mit ekstatischen ab, Schönheiten werden ebenso ausgeleuchtet wie Abartigkeiten. Wenn hier jemand heftig weint, dann ist auch Schnodder mit im Spiel, wenn hier jemand Sex hat, dann streift dies die Grenze des Pornografischen aufgrund wahrhaftig ausgelebter Techniken vor der Kamera. 

Dennoch wird das Drama hier wie andernorts nie rein voyeuristisch, dafür ist er viel zu empathisch ausgefallen und lässt einen auch dann hervorragend mit der Hauptfigur und ihren Lebenssituationen identifizieren, wenn man ein mittelalter heterosexueller Mann ist. "Blau ist eine warme Farbe" zeigt nicht nur das Erwachsenwerden einer jungen Frau, sondern auch die Unsicherheit und Tolpatschigkeit dieser Lebensphase, die Überforderung, den Erfolg im nicht Perfekten, das Auseinandersetzen mit Nichtigkeiten und Wichtigkeiten, das Reagieren auf Unvorbereitetes, die Konfrontation mit Ungerechtigkeiten ebenso wie Ursache und Wirkung, Verantwortung und Konsequenzen, Lustigkeiten und Trauriges, Wahrheiten und Lügen, Fehlverhalten und Solidarität, Selbstbewusstsein und Selbstlüge, kurzum das facettenreiche Spektrum an Erlebnissen und Wahrnehmungen, welches das Leben tatsächlich zu bieten hat. Es ist aufregend Adèle bei ihren Banalitäten zu begleiten, eben weil sie weder strahlender Held noch natürliches Vorzeigemädchen ist, sondern charakterlich liebenswert, wie fragürdig ist, taff wie unsicher, klug wie dämlich. Auch die Art wie Jugendliche hier miteinander diskutieren und einen im wahren Leben in der U-Bahn genervt weghören lassen, wissen hier als Motor der Authentizität zu faszinieren und interessieren. Unangenehmes wird ebenso zum Hingucker wie Angenehmes.

"La vie d'Adèle - Chapitres 1 & 2" (Originaltitel) könnte also ganz großes Kino sein, wenn nicht, wie im Originaltitel bereits erwähnt, das Ganze aus zwei Kapiteln bestehen würde, welches aus einem Stoff für zwei Filme einen einzigen mit einer Lauflänge von 173 Minuten macht. Interessanter Weise wird nicht die Länge des Streifens zum Problem, sondern die Andersartigkeit der zweiten Hälfte, der man tatsächlich einen eigenen Film gewünscht hätte. Dann könnte man als Zuschauer die dort recht häufig angewendeten Zeitsprünge besser annehmen und dem Stoff verzeihen, dass er zuvor wichtige Personen einfach nicht mehr benötigt. Man könnte aber auch besser damit umgehen, dass das zweite Kapitel weit weniger erzählenswert ist, als es das erste war. Das beweist allein schon der Zeitpunkt mit welchem der Film schließlich endet. Der Abspann scheint völlig willkürlich zu erscheinen, ein Abschluss eines speziellen Lebensabschnitts oder das Erreichen eines höheren Entwicklungslevels der Hauptfigur lässt sich nicht erkennen, höchstens die Konsequenz Emmas. Aber ob die zu diesem Zeitpunkt ignorante Adèle diese akzeptiert, um sich von nun an anderen Träumen und Wünschen hinzugeben, bleibt anzuzweifeln, so dass die Gefühlsspirale, in der sie sich befindet, wohl nicht durchbrochen wird. So holprig die zweite Hälfte, noch immer hoch authentisch erzählt, von einer Nichtigkeit zur nächsten hüpft, dabei den Trennungsschmerz einer Partnerschaft thematisierend, deren Ende Adèle nicht überwunden hat, wirkt dieser lange Anhang unnötig und nicht mehr so engagiert erzählt wie die erste Hälfte, die sich mit dem Erwachen der Homosexualität beschäftigte.

Zwar besitzt auch die zweite Filmhälfte hochgradig aufwühlende Momente, die einen staunen lassen wie authentisch Kino tatsächlich sein kann, aber die Ziellosigkeit des dort erzählten Plots stieß mir doch etwas arg sauer auf, ist doch weder die immergleiche Gefühlsspirale der sich allein fühlenden Adèle im Laufe der Zeitsprünge auf Dauer eine erzählenswerte Geschichte, noch ihre Erlebnisse in der Arbeitswelt. Zudem hätte sie auch als Erwachsene mal auf ehemalige Mitschüler oder ihre Eltern stoßen können, gerade um den Konflikt des Restkindes in der Erwachsenenwelt besser thematisieren zu können. Die zweite Hälfte zeigt eigentlich recht lobenswert die Unreife der Protagonistin und die erstaunliche Verweigerung an diesem Zustand ernsthaft etwas Entscheidendes ändern zu wollen. So wird die Nichtweiterentwicklung, die ich an der Erzählung kritisiert habe, im Bereich der Charakterentwicklung ein faszinierender Aspekt. Da aber das Umfeld stets gleich auf dieses Verhalten reagiert ändert dies nichts an Adèles Leben oder für uns an der uns erzählten Geschichte, so dass Chapitres 2, so gut wie möglich auch erzählt, auf der Stelle tritt ohne dem Publikum das Gefühl einer erzählenswerten Geschichte zu liefern, was damit zum kompletten Gegenteil von Chapitres 1 wird.

Aufgrund der starken ersten Hälfte mag manche kritische Äußerung bezüglich der zweiten Hälfte ungerecht wirken, aber das ist es, was ich mit der Äußerung meine, dass man beiden Kapiteln einen eigenen Film hätte bieten sollen. Im direkten Zusammenhang präsentiert geht "Blau ist eine warme Farbe" einfach die Luft aus und weiß damit nach einer derart aufregend unaufgeregten Geschichte der ersten Hälfte zu enttäuschen. Auf zwei Filme aufgeteilt würde man sich sicherlich mehr für die Nichtigkeiten der Erwachsenenwelt in der nicht vorwärts schreitenden Drehtür Adèles Charakterbildung interessieren, einfach weil man neugierig wäre was eigentlich aus der verwirrten, unbedarften Schülerin geworden ist. In direkter Konfrontation zu Teil 1, zunächst nicht deutlich ersichtlich wo das eine Kapitel überhaupt aufhört und das andere anfängt, leidet der Unterhaltungswert und auch das Interesse des Zuschauers, und dies, wie bereits erwähnt, aber ruhig noch einmal betont, nicht aufgrund der langen Laufzeit. 

Für das erste Kapitel, zu welcher Minute es auch immer aufhören mag, spreche ich eine ganz klare Empfehlung aus. Hier ist "Blau ist eine warme Farbe" großes Kino, sensibel und berührend, eine Pflicht für jeden Dramen-Freund, der authentische Geschehnisse erleben möchte, anstatt die Märchenwelt eines US-Dramas. Die zweite Hälfte kann man sich, trotz theoretisch großartiger Umsetzung, Darstellung und einiger sehr intensiver Momente, allein aufgrund des sich einzig als Nachzügler anfühlenden, ereignislosen Drehbuchs, eigentlich sparen. Andererseits sollte man ruhig auch dort mit heruntergefahrenen Erwartungen einen Blick riskieren, vielleicht aber an einem anderen Tag, oder zu einer späteren Stunde geguckt, und nicht wie von Regisseur Abdellatif Kechiche gewollt mit Kapitel 1 an einem Stück. In einer Zeit des Heimkinos kann man als mündiger Zuschauer derartiges von sich aus verändern, indem man aus einem Film selbstständig zwei macht, anstatt sich eine Fehlentscheidung diktieren zu lassen, die am Sehwert nagt.  OFDb

25.11.2018

EXORCISM (1974)

Der von Jess Franco 1974 fertiggestellte "Exorcism" existiert mittlerweile in den unterschiedlichsten Fassungen. Neben einer stärker erotisch betonten Version und einer Thrillerversion gibt es die 100minütige (fast) Ur-Version, die ich zu sehen bekam, und um deren Veröffentlichung Jess Franco viele Jahre später kämpfen musste, da er scheinbar nicht die Rechte besaß. Einige derbere Momente, wie die Ausweidung eines der weiblichen Opfer, soll erst später nachgedreht worden sein, ansonsten entspricht die Fassung, die hier besprochen wird, scheinbar der Vision ihres Schöpfers. Und wer diesen Vieldreher kennt, der weiß dass das nicht zwingend etwas Gutes bedeuten muss.

Der Schmuddelfilm beginnt recht stimmig, indem er von schöner Musik untermalt in Francos typischem, nicht authentisch ausschauendem Stil ein bizarres sadomasochistisches Ritual präsentiert, welches für Nichtkenner der Geschichte zu einem überraschenden Schluss führt, welcher die Erzählung in jene Richtung schuppst, in die sie sich zukünftig auch weiter begeben wird. Sensationsgeile Vorführungen für lüsterne Elitäre werden als Alternativszene jenseits dessen was der Alltag preis gibt präsentiert, und auch dieser Aspekt weiß trotz viel zu lang geratener Fummelszenen noch recht gut zu gefallen. Zwischen den Pseudo-Folter- und Sexszenen stolpert Jess Franco persönlich durchs Szenario, einen Ex-Priester spielend, der verkommene, weibliche Subjekte mordet, freilich ganz im Sinne Gottes. 

Die Polizei wird erst zur zweiten Hälfte des Films aktiv, aber da ist man kaum noch optimistisch, dass der Film noch einmal so atmosphärisch stark wird wie zu Beginn, bestand das bisherige Treiben bis dorthin doch aus leicht variierten Wiederholungen des bislang Gesehenen, sprich immer wieder wurde lustlos gefummelt, sensationsgeil gefoltert und lateinische Sprüche murmelnd getötet. Franco verlässt sich bei diesem monotonen Szenenkarussell einzig auf seinen ureigenen Stil, weder gekonnte Effekte, noch Schauspieltalent sind gefragt. Zumindest auf die Erotik kann er teilweise bauen, obwohl die meisten Körper nicht so schön anzuschauen sind. Das macht diese Szenen aber immerhin natürlich, hat also auch seinen Vorteil. Und immerhin schafft es Franco mit der damals noch süßen Romay deren stark behaarten Intimbereich mittels einer provozierenden Bekleidung während eines der Rituale erotisch einzufangen. Das muss man erst einmal schaffen.

Und doch braucht man nichts schön zu reden. So interessant, schmuddelig und pseudo-künstlerisch wertvoll sich das auch für 20 Minuten gucken mag, am Ende bleibt die Ernüchterung eines zu drögen Streifens, der mit immer gleichen Szenen zu nerven beginnt, bis die Langeweile schließlich penetrant nach oben schießt. Im Gesamtwerk des Schundfilm-Meisters ist das keine Seltenheit, braucht also nicht zu überraschen, heimlich hoffe ich jedoch immer wieder erneut eines seiner Ausnahmewerke wie "Vampyros Lesbos" oder "Die Säge des Todes" zu sichten. Zumindest die Covergestaltung der von mir erworbenen DVD macht sich sehr schön im Regal. Das ist immerhin ein kleines Trostpflaster.  OFDb

02.06.2018

VINYAN (2008)

Das Ungewisse, das über den Ereignissen von "Vinyan" steht, verleiht dem schwer in ein Genre einzugliedernden Film seine Magie. Ist es möglich dass der Bellmer-Junge noch lebt und auf dem Dokumentarfilm zu sehen war? Kann man den einheimischen Führern glauben, die immer wieder ihre Hilfsbereitschaft für unglaublich viel Geld beteuern? Nach einiger Zeit gesellt sich zu diesen Fragen auch die eine hinzu, ob Paul Jeanne irgendwann davon abbringen kann ihre scheinbar sinnlosen Hoffnungen loslassen zu können, um ins alte Leben zurückkehren zu können. Fabrice Du Welz, mit dessem "Calvaire - Tortur des Wahnsinns" ich trotz interessanter Ansätze nichts anfangen konnte, setzt in seinem selbst geschriebenen Werk hauptsächlich auf den Abenteueraspekt. Zwar vernachlässigt er nicht das Drama hinter den Geschehnissen, aber das Unbehagen dominiert deutlich über einem traurigen Empfinden beim Zuschauer, einzig verursacht durch das Fremde um einen herum, verstärkt dadurch fremden Helfern ausgeliefert zu sein, deren wahre Motivation man nicht kennt, abgeschottet von der einem heimisch vorkommenden Welt, irgendwo mitten im Nirgendwo steckend, bereits lange Zeit vor dem tatsächlichen Verlorengehen im Dschungel sich verloren gegangen anfühlend.

Großartige exotische Drehorte, eingefangen in wundervollen Bildern, helfen Du Welz dabei dieses Unbehagen derart stark wirken zu lassen wie geschehen, stets schwankend zwischen der Faszination der Fremde und der Hilflosigkeit inmitten dieser. Paul glaubt lange Zeit die Sache stets im Griff zu haben, dabei trifft dies nicht einmal auf seine Frau zu, die sich nie etwas von Paul sagen lässt, wie der Fremdenführer ihm bei einem vertraulichen Gespräch nahelegt; ein sexistisch klingender Spruch, der sich aufgrund der ungewöhnlichen Begebenheiten vor Ort als relativ weise entpuppt. Dies wird nicht das einzige Mal sein, dass "Vinyan" aus einer männlichen Perspektive eine Wahrheit ausspricht, die Feministen nicht gefallen wird. Gerade die Symbolik des Finales richtet sich insbesondere an das männliche Publikum, spricht es doch nicht nur die Wahrheit der Bevorzugung von Kindern gegen den Ehemann an, ein familiärer Aspekt der Mann und Frau von grund auf unterscheidet, sondern macht es doch auch die Selbstgerechtigkeit der Frau deutlich, welche die Opfer, die ihr Mann erbracht hat, nicht (an)erkennen kann, aufgrund ihrer anderen Sichtweise auf die Dinge. Es ist faszinierend wie Du Welz diese natürliche Diskrepanz fast ohne Worte zu verlieren eingefangen bekommt.

Leider ist der Weg dorthin nicht so positiv ausgefallen wie die eine Stunde Laufzeit zu Beginn, die uns besagte unbehagliche Reise präsentiert. Kurz vor dem Verlorengehen im Dschungel beginnt der Film immer öfter mit dem Blick auf die Realität zu spielen. "Vinyan" wird surreal. Oft weiß man nicht was Wahn, Traum und Wirklichkeit ist. Dieser Zustand ist zwar optisch und schauspielerisch hervorragend eingefangen, man bekommt von nun an jedoch keinen Zugriff mehr zu dem Stoff, zumal meist die Perspektive Pauls besagten surrealen Touch beschert bekommt, obwohl er derjenige ist, der von ein paar emotionalen Ausbrüchen einmal abgesehen rational bleibt. Jeanne hingegen driftet immer weiter in den Wahnsinn ab, so dass man die Entscheidung des Regisseurs, was auf realitätsentarteter Ebene abgefilmt wird, nicht verstehen kann, zumal vieles von dem Gezeigten keine Konsequenzen folgen lässt, von Erklärungen ganz zu schweigen. Leider guckt sich diese Phase nicht angenehm surreal wie die besseren Horrorfilme von Lucio Fulci, vielmehr ärgert man sich über den Rauswurf aus einer bislang sich herrlich unangenehm anfühlenden, nachvollziehbaren Hilflosigkeit, die zu einer willkürlichen und haltlosen wird, der man gezwungener Maßen beiwohnen muss, um seine Neugierde befriedigen zu können, wie die Geschichte enden wird.

Generell mag ich den Schluss, der irgendwo zwischen "Ein Kind zu töten", "Mondo Cannibale 2" und "Kinder des Zorns" schwebt. Insbesondere die letzte Einstellung, die zwischen sinnlich und verstörend pendelt und eine überraschend freizügige Sequenz offenbart (ein Hoch auf das Kino der Franzosen, das sich nie all zu sehr dem US-Kino angebiedert hat), weiß zu gefallen. Meiner Meinung nach hätte man den Weg zum Ziel aber auch über verständlichere Szenen gehen können. Sicherlich klingt es theoretisch reizvoll innerhalb einer Geschichte um das Sichverlorenfühlen die haltende Hand des Regisseurs urplötzlich verweigert zu bekommen und sich von ihm allein gelassen neu orientieren zu müssen. Aber Fabrice Du Welz lässt gar keine Neuorientierung zu und lässt uns stattdessen ewig zwischen einer Art Drogenrausch und klarem Blick hin und her pendeln, so dass man sich nur noch der Finalereignisse gewiss ist, nicht aber dem Weg dorthin. Ich bin enttäuscht darüber, dass ein solch stark erzählter Film in so wundervoll eingefangener exotischer Kulisse absolut gewollt derart penetrant nachlässt, kann ihm aber selbst in dieser Phase eine Stärke zugestehen, die eine schlechte Bewertung nicht gerecht erscheinen ließe, bei all den vorhandenen Pluspunkten. Von einem lohnenswerten Filmerlebnis kann man leider trotzdem nicht sprechen, gehört "Vinyan" doch einfach nicht zu jener Gattung Film, die man einfach geistlos erleben kann, um das Gezeigte einfach rein der Empfindung wegen auf sich einwirken zu lassen. Leider!  OFDb

04.02.2018

MEIN ENGEL (2016)

Zum Thema Unsichtbarkeit gibt es die verschiedensten Stoffe. Gerne wird die Idee des Nichtzusehenden im Horrorbereich umgesetzt, aber schon von früh an gab es Alternativen wie „Die unsichtbare Frau“, die sich durchaus des Humorpotentials dieser Gattung Fantasiewesen bewusst waren. Während das Unsichtbarsein mit all seinen Vorzügen meist schön gemalt wurde, thematisierte John Carpenter es in den 90er Jahren mit „Jagd auf einen Unsichtbaren“ humoristisch kritischer. Hier war es scheiße von Passanten nicht gesehen zu werden, oder beim Schließen der Augen trotzdem schwer einschlafen zu können, da man trotzdem etwas sehen kann. Bereits hier und in anderen Werken blitzt auch immer wieder kurz der Gedanke auf, sich wie ein Phantomwesen zu fühlen, das an seiner eigenen Existenz zweifelt. In „Mein Engel“ steht dieser Aspekt deutlicher denn je im Raum, auch wenn er nicht zum Hauptaspekt des Streifens wird.

„Mon Ange“ (Originaltitel) konzentriert sich auf den dramatischen Aspekt des Unsichtbarseins und auf den sinnlichen Aspekt der Zweisamkeit. Bereits die Zärtlichkeiten im Kindesalter, die gekonnt einer kindgerechten Perspektive nachempfunden werden, wissen eine kribbelnde Romantik entstehen zu lassen, jenes Genre, das in diesem Film über allen anderen steht. Zwar bietet die erste Filmhälfte allerhand Spezialeffekte um die Anwesenheit des Unsichtbaren deutlich zu machen, im Mittelpunkt steht hier jedoch die Sinnlichkeit zweier einsamer Kinder, die ihren Seelenverwandten ineinander gefunden haben und vorurteilsfrei und kompromisslos einander mögen, ja sogar lieben können, wie es dies im Erwachsenenalter kaum noch möglich ist. Der dramatische Aspekt der Isolation klingt nur am Rande immer wieder an, wird nicht sonderlich vertieft, zumal die Verantwortlichen der Geschichte ohnehin nicht daran interessiert sind die vielen Probleme, von denen man erzählen könnte, zu thematisieren. Wie Mein Engel ohne Mama, völlig unentdeckt vom Rest der Welt all die Jahre alleine überlebt, ehe das Mädchen als junge, sehende Erwachsene ins Elternhaus heimkehrt, wird nicht verraten. Solche Punkte werden ignoriert und lassen den Film absichtlich weltfremd wirken, was die bizarre Wahrheit von Mein Engel ebenso unterstreicht, so wie die schleichende, sanfte Kameraführung und ihr optisches Spiel mit Nähe und Unnahbarkeit das Phantomhafte des Titelhelden unterstreicht.

„Mein Engel“ ist ein sanfter Film, der die übernatürliche Ausgangslage innerhalb der nichts weiter zulassenden Liebesgeschichte lediglich als körperliches Hemmnis nutzt, so als würde man den Liebenden eine x-beliebige andere Krankheit andichten. Zwar steht das Unsichtbarsein stets im Raum, aber es sind nur wenige Momente, wie der traurige Aspekt einen Menschen den man liebt nicht in die Augen blicken zu können, welchen die grobe Story letztendlich von einer anderen „ich liebe einen Behinderten“-Geschichte unterscheiden würde. Letztendlich ist es lediglich ein Makel nicht gesehen zu werden, „Mein Engel“ stellt diese körperliche Eigenart der Titelfigur keineswegs als Behinderung dar, so wie ich es so eben in meinem Erklärungsansatz getan habe. Manch einer wird sich damit schwer tun jeglichen anderen Aspekt, außer dem Seelenleben und davon hauptsächlich die Sinnlichkeit, außen vor zu lassen und damit zwingend einhergehende Fragen nicht beantwortet zu kriegen. Auch physologische Aspekte, wie das vorhin erwähnte Beispiel mit den Augenlidern im Carpenterfilm, geht „Mein Engel“ nicht an. Der Film soll einem Liebesrausch gleichen, unterbrochen von Momenten der Angst, des Selbstzweifels, der Tragik und kurzfristig auch des Abschiedes von der Mutter.

Zwar funktioniert der Film auf dieser einseitigen  Ebene recht angenehm, dennoch konnte ich nie völlig in ihm eintauchen, wirkte mir die Geschichte doch eine Spur zu formelhaft abgearbeitet. Die Vernarrtheit Harry Clevens in die nackten Aspekte des Unsichtbarseins, z.B. dem Voyeurismus eines angeblich nicht Anwesenden, dem optischen Trick wenn wer Nichtzusehendes an einer Brustwarze saugt, all dies wirkt, obwohl es nicht dem Tabubruch dient, in seiner Vielfalt eine Spur zu aufgesetzt, zumal vergleichbare, verwandte Themengebiete nicht derart detailreich abgearbeitet werden, wie diese Lust an der Haut. Teilweise bleibt „Mein Engel“ in seiner Art zu theoretisch, und dies obwohl er mir, wie nur selten der Fall, eine rothaarige Love Interest des Helden präsentiert, jene Haarfarbe, die auch ich bei Frauen am sinnlichsten empfinde. „Mein Engel“ geht emotional tief und wirkt diesbezüglich doch zu kompakt. Die Geschichte verläuft wie im Schulbuch für Drehbuchautoren abgelesen. Dass man trotzdem so intensiv in diese Liebesgeschichte eintauchen kann, liegt an der naiven, bedingungslosen Lieben zweier Erwachsener, wie sie es als Kinder voneinander gelernt haben. Die vollkommene Naivität, das bedingungslose Vertrauen, das ist es was die Geschichte so mitreißend werden lässt und einen als Zuschauer unglücklich stimmt, weil eine solche reine Liebe als Erwachsener in der Wirklichkeit nicht mehr möglich scheint.

Manch anderer wird genau in diesem Bereich ein Hemmnis sehen nicht in die Geschichte eintauchen zu können. Das Treiben der beiden jungen Erwachsenen mag manchem zu blauäugig erscheinen, gerade in jener recht lang geratenen Phase, in welcher die Frau sich darauf einlässt bei ihren Treffen mit Mein Engel nicht hinzugucken. Meiner Meinung nach ist dies jedoch durch die intensive Vorgeschichte glaubwürdig erzählt, so nah wie sich beide als Kinder sind und voneinander Vertrauen, Liebe und Mitgefühl lernen. Dass im Umfeld des Nachbarsmädchen jegliche Erwachsene ausgeblendet werden und auch hier nie ein Erklärungsansatz darüber stattfindet, wie es die Kinder schaffen einander unerkannt zu begegnen, ist ein anderer Punkt den man einfach hinnehmen muss. Ob das Mädchen über ihren Freund spricht, so wie es der Junge auf der Gegenseite zu seiner Mutter tut, erfährt man nie. Dass, falls geschehen, die andere Elternseite eventuell mehr über den Spielkammeraden eines immerhin zu schützenden, da blinden, Mädchens erfahren will, wird somit ebenfalls ausgeblendet. So sehr ihr jeweiliges Leiden die Kinder vom Rest der Gesellschaft isoliert, so sehr wird uns dies in rein vollkommener Zweisamkeit präsentiert, was ebenfalls dem Gefühl des Zweifels dient ob man existent ist oder nicht.

Überraschend fällt „Mein Engel“ insofern aus, als dass er sich nicht all zu sehr als Sinnbild diverser analytischer Ansätze eignet, wie man meinen könnte, wenn die Mutter ihrem Kind doch solch einen bizarren Grund nennt, warum er unsichtbar ist, die gute Frau in einem Sanatorium lebt, da sie unter Depressionen, vielleicht gar psychisch unter noch anderen Krankheiten leidet. Einige Zeit glaubte ich der Fakt unsichtbar zu sein wäre eine Lüge, die mit dem Wiedersehenkönnens des Mädchens als solche entlarvt wird. Auch ist Mein Engel keine Einbildung, keine Geistergestalt, kein imaginäres Baby oder imaginärer Freund, hierfür müsste die Geschichte eine der beiden zentralen Frauen ausblenden. Dass Mein Engel existiert beweist der Kontakt zu zwei verschiedenen, sich gegenseitig nicht kennenden, Menschen. Gleiches beweist, dass bei beiden keine Halluzination stattfindet. Anders erzählt und solche Ideen zulassend, würde „Mein Engel“ tiefer greifen und bedeutender werden. Aber es ist wie es ist, letztendlich interessiert sich die Geschichte lediglich für die in vielerlei Hinsicht ungewöhnliche Liebesgeschichte, so dass der Film zur Lightversion dessen was er sein könnte degradiert wird. In dieser simpleren Form weiß er mir allerdings trotzdem zu gefallen, hauptsächlich aufgrund dieser aufregenden Art zu lieben, die ich in dieser bedingungslos naiven Form seit meiner Jugend nicht mehr erleben durfte.  OFDb

23.12.2017

MONSIEUR PIERRE GEHT ONLINE (2017)

Die Tage des Klamauks sind lange um. Während Tragikomödien in Pierre Richards prominentesten Zeiten mit „Eine Wolke zwischen den Zähnen“ zu den Ausnahmewerken zählten, zieht es ihn im Alter, ähnlich wie Dieter Hallervorden, zu den stilleren Komödien, was durchaus zu den geistreichen Hintergründen seiner damaligen Klamauk-orientierten Filme passt. Der Kopf hinter „Monsieur Pierre geht online“ ist jedoch Regisseur und Autor Stéphane Robelin, Pierre Richard weiß aber sich dessen Vorstellungen gekonnt zu stellen, ebenso wie der Rest der professionellen Besetzung, die keinerlei Wünsche offen lässt.

„#Flora63“ (Alternativtitel) ist eine Komödie der leisen Töne, läd also eher zum Schmunzeln als zum lauten Lachen ein und erntet seinen mitschwingenden Hauch Dramatik aus der romantischen Perspektive, ohne allzu große Wunden aufreißen zu müssen. Somit funktioniert das weniger ist mehr-Konzept in diesem wundervollen Werk auf vielschichtige Art. Lebensnah, ohne zwingend immer verbittert realitätsnah zu sein (gerade gegen Ende gönnt man sich eher ein Kino-orientiertes Entknoten aller Probleme), findet Robelin das richtige Gleichgewicht aus Fiktion und Leben, aus Kino und Realität, aus Humor und Ernst und verarbeitet recht vielschichtige Prozesse der aktuellen Gesellschaft, hauptsächlich jedoch den Generationenkonflikt mit seinen verschiedenen Ansichten zueinander, aufeinander und auf die Welt, ihre Regeln und dem was das Leben einfach geschehen lässt.

Pate stand überdeutlich der legendäre Cyrano de Bergerac. Kennt man sich ein wenig mit den Komödien Frankreichs aus entdeckt man aber auch Parallelen zum liebenswürdigen „Mein Vater, der Held“, am deutlichsten erkennbar in der Szene, in welcher Alex sich revangiert und dafür sorgt, dass nun auch Pierre die Angebetete belügen muss, indem er von abenteuerlichen Situation aus seiner angeblichen Vergangenheit berichten muss.

Trotz dieser Vergleiche ist „Mr. Stein Goes Online“ (Alternativtitel) ein eigenständiger Film, der den Freund stiller, stilsicherer und individueller Unterhaltung definitiv gefallen dürfte, zumal er frei irgendwelcher Längen ausgefallen ist. In jeder Filmphase gibt es etwas zu erzählen, oftmals bangt man als Zuschauer regelrecht mit, wenn sich eine neue Katastrophe anbahnt. Mal geht Robelin sanft mit den Figuren und somit mit dem Zuschauer um, manchmal lässt er sie ins blanke Messer laufen. Dass der damalige Stammkomponist der Pierre Richard-Filme, Vladimir Cosma, auch zu diesem Werk die Musik beisteuern durfte, rundet die angenehme Erfahrung liebevoll ab.

Somit steht nichts im Weg in diese schöne Geschichte eintauchen zu können, die einen verschiedenste Figuren und somit verschiedenste Blickwinkel auf die Welt so einfühlsam nahe bringt, wie es nur unverkrampftes, stilles Kino wahrlich zu meistern weiß. Von verkopftem Intellektkino ist „Un profil pour deux“ (Originaltitel) ebenso weit entfernt wie vom Gegenteil. Robelin zeigt eine eigene Handschrift auf und biedert sich somit keinem Zielpublikum an. Dies ist meiner Meinung nach der einzig wahre Weg an ein interessiertes und begeistertes Publikum zu geraten, wenn man Kino mit Köpfchen und Herz vereinen möchte.  OFDb

15.10.2017

CAMP EVIL (2014)

Was wirklich Originelles erzählt „Camp Evil“ nicht. Innovationen braucht man nicht zu erwarten, ganz im Gegenteil wird eigentlich nichts erzählt, was es nicht schon oft im Genre des Horrorfilms zu sehen gegeben hätte. Zwar mag die Eingangssequenz mit ihrem Elektronik-Gymmick und einige wenige weitere ähnliche Szenen im ersten Drittel der Story darüber hinwegtäuschen, dass man hier nur den ganz klassischen Backwood-Slasher erzählt - immerhin erwartet man eine Art „The Cabin in the Woods“-Kick, der das bereits Bekannte um eine Stufe erweitern soll - aber das bleibt Blende und lässt das klassisch Entartete, welches den Campern nach dem Leben trachtet, lediglich eine Spur moderner erscheinen als üblich. Warum sollte sich ein Hinterwäldler auch nicht mit Elektronik auskennen, wenn er doch vor dem Niedergang einer Busfabrik für gerade eben jene gearbeitet hat, zumindest wie es scheint, bestätigt wird das innerhalb der Geschichte freilich so nicht?

Es ist jedoch nicht nur der Zugang zur Technik, der den Bösewicht des Films anders wirken lässt als Leatherface, Jason und Konsorten. Trickreich ausgetüftelte Fallen zeugen von einem höheren Intelligenzgrad. Und dass sich trotz des strengen Einhaltens von Horrorfilmregeln, inklusive der moralischen Pflichttoten, „Welp“ (Originaltitel) trotz allem nicht so richtig wie „Freitag der 13.“ und Co anschaut, liegt am europäischen Herkunftsland, welches uns die Geschichte für unsere Augen realitätsnäher präsentiert, wenn auch nur im Verhalten der potentiellen Opfer zutreffend. Die Charaktere fühlen sich echter an, sie ersaufen nicht in Ami-Klischees. Mehr als Stereotype vertreten sie in der Regel zwar ebenfalls nicht, aber es sind uns bekannte Verhaltensmuster, die sie an den Tag legen, bemerkbar in den Nebensächlichkeiten die sie treiben und im authentisch wirkenden Umgang miteinander.

Das schaut sich erfrischend anders, ohne dass man das Ergebnis gleich über den grünen Klee loben muss. Im Kern erzählt Govaerts Werk die typisch stumpfe Horrorgeschichte wie jeder Genrebeitrag um Camper, die Hinterwäldlern in die Falle tappen. Es ist jedoch die Nähe zum Pfadfindergeschehen, welches das hohle Konstrukt mit mehr Leben füllt. Die Kindergruppe lernen wir ähnlich gut kennen, wie die Erwachsenen des Camps. Wir nehmen an ihrem Leben teil, lange bevor sie mit der lauernden Gefahr konfrontriert werden. Und diese schlägt zudem ziemlich spät zu, merkten die Verantwortlichen des Stoffes doch, dass es zunächst doch viel interessanter ist den Außenseiter der Kindergruppe einen Wolfsjungen in den Wäldern kennenlernen zu lassen. Erst wenn die beiden sich einander genähert haben, ist der Stoff reif für den Konflikt, der das eigentliche Horrorgeschehen in die Gänge bringt.

Für den ungeduldigen Teil Zuschauer werden anhand von Randfiguren trotzdem die ein oder anderen Morde zuvor gezeigt. Das ist ein ähnlicher Fehler wie das Zeigen der Ereignisse, die in der Eingangssequenz zu sehen sind. Die Geschichte wäre ohne diese Momente durch die Schwerpunkte der sonstigen Erzählung viel effektiver, eben weil man dann nicht schon von dem maskierten Jungen und einem bulligen Mann wüsste, die im Wald hausen. Das nimmt der Geschichte das geheimnisvolle, welches den Sehwert bei ansonsten gleicher Herangehensweise enorm erhöht hätte. Aber so ist das eben, wenn man sich einem Publikum anbiedert. Davor sind nun einmal leider auch europäische Filme nicht geimpft. Schade eigentlich!

Dank einer stimmigen Atmosphäre, einer wirkungsreichen Location und dank funktionierender Figuren ist „Cub“ (Alternativtitel) trotz bekannter Geschichte ein interessantes Stück Film geworden, welches erst im Finale ein wenig an Reiz verliert, wenn der Autor den Geschehnissen immer noch eins drauf setzen muss, in erster Linie um den Gorehound mit brutalen Bildern zu beglücken. So schön sich diese auch schauen, die erzählerische Stärke allem Vorangegangenen besitzt das Finale nicht mehr, eigentlich jene Phase im Horrorfilm, in der alles noch einmal hochbrodeln muss. Das tut es theoretisch auch, rein vom Horroraspekt her geht nun mehr denn je die Post ab. Aber die Geschichte verliert ihre Bodenständigkeit, und schneller als es dem Autor lieb ist, erkennt man auch warum dem so ist. Die vorhersehbare Schluss-Pointe muss eingeleitet werden und opfert das zuvor sympathisch Erzählte für (zugegebener Maßen nett anzuschauende) Horrorroutine. Ich wünschte Horrorfilme hätten wieder mehr Mut sich gegen die Mainstreamregeln und Horrorfanwünsche zu richten. Dann wäre sicherlich auch wieder mehr Sehenswertes darunter was es zu entdecken gäbe.  OFDb

09.07.2017

NUMBERS STATION (2013)

Mag der Aufhänger für den Laien auch ziemlich hanebüchen klingen, das simple Grundkonzept sich alleine gegen eine Belagerung zur Wehr setzen zu müssen, ist ein wirksames, das war es schon in anderen Werken wie „Assault - Anschlag bei Nacht“. Und da sich Regisseur Kasper Barfoed und Autor F. Scott Frazier hauptsächlich auf die Psyche der Eingeschlossenen konzentrieren, einzig deren Perspektive betrachtend und der Suspense den Vorzug geben, anstatt der Actionszenen, kann man über das Ergebnis von „Numbers Station“ eigentlich nicht klagen. Manch einem mag er etwas zu routiniert ausgefallen sein, ich persönlich mag jedoch seine direkte, Kammerspiel-artige Umsetzung, die ohne großen zusätzlichen Schnickschnack auskommt, der wahrscheinlich eher pseudohaft das simple Geschehen aufgewertet hätte.

Im Raum steht ohnehin ein zum Grundszenario passender zusätzlicher Aufhänger, und das ist der Irrtum der Mathematikerin zu glauben der Agent wäre zu ihrem Schutz auf dem Stützpunkt engagiert. Emerson steht vor dem selben Dilemma, wie er es zu Beginn des Streifens stand. Erneut soll er wen Unschuldiges umbringen, damit der Stützpunkt aufgelöst werden kann. Die Codedierein weiß einfach zu viel. Ob Emerson die Tat aufgrund des Parallelereignisses seiner Vergangenheit lediglich vor sich hinschiebt, oder ob er tatsächlich erneut handfeste Gewissensbisse hat, weiß man aufgrund seiner Ausbildung nicht konkret, die Vermutung zu Letzterem steht jedoch relativ klar im Raum, so dass man nicht wirklich mit großen Überraschungen am Schluss rechnen muss. Zumindest sorgt gegen Ende ein Dialog mit wem ähnlicher Ausbildung für einen kleinen Einblick in die traurige „Nikita“-ähnliche Welt Emersons, letztendlich ist „Numbers Station“ jedoch recht oberflächlich gezeichnet und geht psychologisch, wie analytisch nicht genügend eigene Weg, um ihn aufgrund solcher Momente als tiefsinnig bezeichnen zu können.

Ob das Treffen mit dieser Art Arbeitskollegen ein Nachdreh zum besseren Verständnis für das Publikum war, weiß ich nicht. Es wäre jedoch gut möglich, werden doch auch innerhalb des Restfilmes immer wieder Szenen unnötig eingestreut, die noch einmal das verdeutlichen sollen, was längst klar war. Tonaufnahmen werden unnötige Bildrückblicke für den Zuschauer beschert, welche unsere Protagonisten nicht miterleben, Backflashs sollen an bereits erlebte Szenarien erinnern, obwohl das Storygerüst wie bereits erwähnt nicht sonderlich kompliziert ausgefallen ist, ständig wird dem Zuschauer eine Orientierung geboten, die nicht nur nicht nötig gewesen wäre, sondern dem Geschehen auch ein gutes Stück Authentizität kostet.

Rein von der Stimmung her hätte es dem Streifen zudem gut getan nicht zu zeigen, was bildlich während der Tonaufnahmen passiert ist. Das kurz vor dem Eintreffen unserer Helden Geschehene ebenfalls nur akustisch mitzuerleben, hätte der Situation einen Suspensemoment beschert, welcher die angespannte Atmosphäre noch eine Spur konsequenter hätte erscheinen lassen, so dass man sich näher mit den beiden Hauptfiguren hätte identifizieren können. Aber dieser Gedanke scheint heutzutage zu mutig für einen Film dieses Genres zu sein, dessen Hauptpublikum nach Produzentendenken scheinbar für solche Stilmittel zu einfach gestrickt ist. Wahrscheinlich darf man schon dankbar dafür sein in „Numbers Station“ nur die eine Seite mitzuerleben, ohne die Pläne der Gegenseite vor die Nase gesetzt zu bekommen.

Atmosphärisch genug ist das fertige Werk jedoch dennoch ausgefallen. Zudem ist es mit John Cusack gut besetzt, der angenehm routiniert erneut wen spielen muss, dessen Arbeit das Töten ist. Im selben Jahr von „Numbers Station“ agierte er wesentlich lahmer im mauen „Frozen Ground“, so dass man über das bisschen Mehrengagement, welches er hier an den Tag legt, bereits dankbar sein kann. Es reicht, damit der hier besprochene Film funktionieren kann, zumal Cusack über eine Ausstrahlung verfügt, die bereits reicht um eine Rolle zu stemmen, die charakterlich nun wirklich nicht sehr tief geht. Seine Spielpartnerin Malin Akerman wirkt eher wie das zu beschützende Anhängsel und hat nicht wirklich etwas Großartiges zu leisten. Das mag ein wenig schade sein, zeigte sie doch beispielsweise in „Nach 7 Tagen ausgeflittert“ was für gute Arbeit sie leisten kann, aber auch sie weiß im zurückhaltenden Modus zu überzeugen und wirkt zudem immerhin sympathisch auf den Zuschauer.

Dieser Faktor ist auch nicht zu unterschätzen, eben weil man von der Identifikation her an den Agenten gebunden ist, und so den inneren Konflikt Emersons mitempfinden darf. Dies zwar oberflächlich gehalten wie alles im Film, ein besseres Drehbuch hätte einen richtig tiefgründiges Geschehen aus dem Psychospiel der kompletten Situation gemacht, gerade wenn man nur zwei Figuren im Fokus hat, letztendlich reicht das in seiner Lightversion Vorgetragene aufgrund einer stimmigenen Umsetzung aber bereits aus, um einem Publikum mit wenigen Erwartungen den kleinen Thriller für zwischendurch zu bieten.  OFDb

10.12.2016

THE PRODIGIES (2011)

„The Prodigies“ ist ein Zeichentrickfilm, der gerne ein besonderes Filmerlebnis sein möchte und an dem sechs Länder, meist europäischer Herkunft, mit herumgebastelt haben. Viele Köche verderben den Brei, und so ist aus dem Projekt ein eher gewöhnlicher Streifen geworden, was hauptsächlich daran liegt, dass man all das Präsentierte woanders schon einmal besser umgesetzt gesehen hat. Die Geschichte schaut sich wie ein Mix aus „Carrie“, "Krieg der Sterne" und den „X-Men“, die computeranimierten Zeichnungen können in ihrer zu versteiften Art weder mit der gleichen Animationstechnik der Konkurrenz a la „Appleseed“ mithalten, noch mit der klassischen Zeichentrick-Variante, und die Charakterzeichnung ist einfallslose Stereotypen-Art, äußerlich wie innerlich, angeführt von einem Helden, der den Eindruck eines einfallslosen erwachsenen Harry Potters macht.

Für den entwickelt man in seiner charakterlosen Art ebenso wenig Sympathie wie für den Rest, folgt „The Prodigies“ doch nicht nur einer zum x-ten mal wiedergekäuerten Handlung und besagtem Stereotypenmeer, selbst die ausgesprochenen Worte und die enthaltende Mentalität wiederholen bloß das was bereits oft unreflektiert im Mainstreambereich der Science Fiction und des Fantasyfilmes thematisiert wurde. Trotz seiner unterkühlten Art kann man der Geschichte zwar folgen, ohne den Zwang zu verspüren ausschalten zu müssen, aber letztendlich erreicht einen solch ein kalkuliertes, fast schon lustlos erzähltes Produkt nicht an jenem Punkt in uns, der für wahres Interesse sorgt.

Positiv bleibt jedoch zu vermerken, dass die Animation zwischendurch durchaus über Momente verfügt, die etwas mehr Engagement aufweisen als das Restprodukt. Der Perspektivwechsel in die Fantasiesicht der gerade leidenden telekinetisch Begabten weiß in seiner skizzenhaften Artbook-Art ebenso zu gefallen, wie mancher optischer Szenenübergang, wie jener ziemlich zu Anfang, der in einer Regenschirm-überfluteten Szene mündet, die während einer Beerdigung spielt.

Das junge jugendliche Publikum, welches noch nicht genügend Vergleichsstoffe kennt, wird mit seiner mangelnden Lebenserfahrung und den heruntergeschraubten Erwartungen sicherlich mehr mit „The Prodigies“ anfangen können als der erwachsene Zuschauer, aber die haben andererseits gerade im Anime-Bereich wesentlich bessere Quellen zur Auswahl als das was der hier besprochene Science Fiction-Animationsfilm zu bieten hat. Zwar ist „The Prodigies“ durch das Fehlen einer wahrlich aneckenden, fragwürdigen Ideologie nicht so übel ausgefallen wie der dänische „Princess“, an wahrlich erwachsene Animationswerke a la „Persepolis“ oder „Mary und Max“ kommt er rein intellektuell aber ebenso wenig heran wie an inhaltsverwandte Stoffe, wie die eingangs erwähnten Kinoerfolge oder der namhafte Bereich aus dem Animesektor, angeführt von Ur-Produkten wie „Akira“, „Patlabor“ und „Ghost in the Shell“. In seiner versteiften, unterkühlten Art erinnert "The Prodigies" noch am ehesten an den missglückten Versuch mit "War of the Worlds - Goliath" den Krieg der Welten-Stoff in den Zeichentricksektor zu integrieren.  OFDb

25.07.2016

BLUT AN DEN LIPPEN (1971)

Der Vampirismus ist je nach Blickwinkel Fluch und Segen zugleich, oftmals symbolisch auch in sexuellen Sinne. So könnte man „Blut an den Lippen“ trotz all seiner Freizügigkeit doch als Metapher gegen sexuelle Abnormitäten verstehen, gerät doch eine heterosexuelle Frau zwischen die Fronten von einem sadistisch veranlagten Mann und einer homosexuellen Frau, die dem armen Ding, dominant wie sie beide veranlagt sind, ihre Sexualität aufzwängen wollen. Deutet man den finalen Unfall nicht als Versehen, sondern als gut getarnte Ausflucht, so war die einzige Chance der devoten Rolle zu entkommen selbst ein dominanter Charakter zu werden, die Verzweiflungstat einer Frau die traditionelle Sexualiät nie kennen lernen durfte.

Man kann den subtilen Streifen, der meist nur mit Vampirsymbolik arbeitet, auch so betrachten, dass die andersartige Sexualität als Rettung aus dem moralisch vorgeschriebenem Beischlaf zu verstehen ist, innerhalb einer Beziehung in welcher sich traditionell gesehen die Frau dem Mann unterzuordnen hat. Aber wie auch immer man den meist angedeuteten Film deutet, in dem mehr nicht passiert als dass etwas passiert, so oder so handelt er von der Manipulation des Vampirs, der einen festen Plan verfolgt und die sich frei und selbstständig fühlenden Menschen dafür wie Marionetten benutzt. Es bleibt Deutungssache welche Taten des Pärchens oder auch der rechten Hand der Gräfin aus freien Stücken passieren und wann diese bereits fremdgelenkt sind.

„Solo für einen Vampir“ (Alternativtitel) ist sehr langsam inszeniert, in wunderschöne Bilder getaucht und weiß genau was er erzählen will. Er mag somit ein kleines Kunstwerk sein, welches zu Recht hohe Beachtung verdient, das entschuldigt jedoch nicht die zu lang gezogene erste Hälfte, die es zwar vortrefflich schafft Stimmung zu erzeugen, ein Gefühl für die grundlegende Situation zu vermitteln und mit scheinbaren Wichtigkeiten, die zu Nebensächlichkeiten verkommen, abzulenken, damit man erst spät merkt dass es die scheinbaren unbedeutenden Dinge des Films sind, die zu Wichtigkeiten werden. Ich verstehe also durchaus was Harry Kümel möchte und dass ihm nicht einzig an einem ollen Unterhaltungsfilm gelegen ist. Ich finde es jedoch nicht sehr aufregend wie Kümel vorgegangen ist und hätte mir zur Auflockerung tatsächlich einen sleazy Touch gewünscht, der „Les lèvres rouge“ (Originaltitel) zu einer Art Schundkunst anstatt zu Kunst macht. Trotz aller Faszination, die der Streifen auch in mir auslöst, fehlt mir etwas, etwas dass ich nicht beschreiben kann. Einfach ein Etwas welches die dennoch gefühlte Leere hätte ausfüllen müssen, welche der mir zu langgestreckte Film eindeutig besitzt.

Theoretisch bewundere ich dieses außergewöhnliche, mit Liebe für Feinheiten inszenierte Stück Film, praktisch wollte er sich mir emotional aber nicht erschließen. Er ließ mich außen vor, so dass ich zwar immer zu einem guten Teil erkannte was passiert, geglaubt werden soll und versteckt erzählt ist, „Daughters of Darkness“ (Alternativtitel) zog mich jedoch nicht in seinen Bann. Ich saß vor dem Bildschirm in einem Mix aus Bewunderung und Gleichgültigkeit und hätte mir gewünscht, dass dieses kultisch verehrte Werk auch mich ergriffen hätte. Aber seine Umsetzung war mir zu nüchterner Natur. Und einen gewissen Grad Unterhaltungswert benötige ich in jedem Film den ich liebe. „Blut auf den Lippen“ (Alternativtitel) liebe ich nicht. Ich mag und schätze ihn großteils nur theoretisch und intellektuell.  OFDb