2018/06/17

UZUMAKI (2000 Higuchinsky)


Die junge Kirie entdeckt zusammen mit ihrem langjährigem Freund Saitou, dass eine ominöse Spiralsucht, die dessen Vater völlig für sich eingenommen hat, nur der Anfang eines Spiralfluchs ist, der die komplette Stadt betrifft und gerade erst seinen Anfang nimmt...


Spiralnudeln außen vor...

Nur wenige Jahre nach "Pi" entdeckten auch die Japaner ihre Faszination der Spiralen für den Bereich des phantastischen Films. Was so kurz nach dem Welterfolg von "Ring" einer von etlichen billigen Nachfolgern hätte werden können, erhält im Gegensatz zu "The Call" und Co ein eigenes Gesicht. Zwar beginnen beide Geschichten mit einer rätselhaften Ausgangslage, die es zu lösen gilt, allerdings sorgen die mysteriösen Ereignisse in "Uzumaki" dafür, dass die Recherchen nicht bis zu ihrem Ursprung gelangen, wie im berühmten Vergleichsfilm, sondern dieser ein übernatürliches Mysterium bleibt, der sich spiralartig auf den Ort des Fluchs ausbreitet und in einer Zeitspirale gefangen hält.

Bis "Spiral" (Alternativtitel) seine Andersartigkeit offenbart dauert einige Zeit. Der in Kapitel unterteilte Film beginnt geradezu klassisch ruhig, erzählt als rätselhafter Gruselfilm, der die Dramaturgie und Charakterisierung seiner Protagonisten zunächst gekonnt in den Vordergrund stellt und über diese überhaupt erst den Bogen zum Mysterium schlägt, dargestellt durch eine ominös anmutende Sammelleidenschaft, die den Menschen im näheren Umfeld des Sammlers unheimlich vorkommt. Erst mit Beendigung des ersten Kapitels erfahren wir, dass diese Furcht vor dem skurrilen Hobby berechtigt ist, wird man doch mit einem Spezialeffekt aus dem bislang gezeigten Realismus hinaus katapultiert, aufgrund der Bodenständigkeit zuvor nicht wissend ob man das zuletzt Gesichtete für filmeigene Realität halten soll oder nicht.

Zwar dauert es von nun an noch immer, bis sich "Vortex" (Alternativtitel) zur völlig stileigenen Groteske hoch schaukelt, schließlich hält noch lange Zeit das klassische Gruselfilm-Szenario an, aber so nach und nach wird die Schraube der schrägen Zutaten passend zur Spiralsymbolik hochgeschraubt, bis wir uns in einem irrwitzigen Szenario wiederfinden, das uns auf überraschend nüchterne Art wahnwitzige Bilder vor die Augen setzt. Das Mysterium des Spiralfluchs wird nicht ansatzweise gelöst. Den Verantwortlichen des Streifens geht es einzig darum uns in diese andere Bewusstseinsebene zu entführen, indem man uns die Übergangszeit vom ursprünglichen Normalzustand zum zukünftig, uns grotesk erscheinenden, offenbart.

Das ist interessant erzählt, gut gespielt, toll fotografiert und hervorragend getrickst, ist andererseits aber auch nicht so spannungsgeladen ausgefallen wie manch anderer Horrorbeitrag Japans. Das Mysterium wird weniger über Gruselmomente erzeugt, als viel mehr über den Weg der Überrumpelung, dem Spiel mit dem Grotesken. Und so sehr das auch zu faszinieren weiß und zu keinem Zeitpunkt für Desinteresse sorgt, komplett einnehmen konnte mich der Film bei aller Sympathie trotzdem nicht für seine herrlich abgedrehte Idee. Der letzte Kniff Raffinesse fehlte mir, um "Uzumaki" als das große Werk zu sehen, das er mancher Orts für Cineasten geworden ist. Ein Individualitätsbonus steht dem Streifen definitiv zu, aufgrund seines etwas zu gewöhnlichen dicken Rahmens, in welches das Groteske getaucht ist, aber auch nur ein kleiner.


Weitere Besprechungen zu Uzumaki: 


TAMALA 2010 - A Punk Cat in Space (Tamala 2010 2002 Trees of Life)


Das junge Kätzchen Tamala von Katzenerde ist auf dem Weg zum Orion, als sie auf dem Planeten Q notlanden muss. Dort lernt sie den Kater Michelangelo kennen, der noch nicht ahnt welches Geheimnis Tamala umhüllt und wie folgenschwer seine Freundschaft zu dem Kätzchen sein wird...


Wiedergeburt zu Werbezwecken...

"Tamala 2010" ist ein äußerst merkwürdig geratener Film. Zu Beginn wirft er lediglich Rätsel darüber auf, ob er überhaupt etwas zu erzählen hat, wenn er wirr aneinandergereiht scheinende Szenarien in schräger Optik präsentiert. Der Stil ist zu linear geraten, um dem Film vollends den Stempel Experimentalfilm aufdrücken zu können, einen wahrhaft zugänglichen Erzählstil hält der Streifen jedoch auch nicht bereit. Der wie einem Drogentrip entsprungen scheinende Bilderrausch gibt sich inhaltlich schwer zugänglich, während die Faszination des Gezeigten definitiv zu packen und nach einer Zeit der Orientierung zu gefallen weiß. Das an Hello Kitty erinnernde Kitschkätzchen widerspricht auf wundervolle Art ihrem dreckigen, chaotischen und anarchistisch scheinendem, jedoch vom Kapitalismus geprägtem, Umfeld. "Betty Boop" trifft auf "Yellow Submarine", verschiedene Zeichenstile und Trickfilmtechniken werden wild durcheinander gewirbelt, selbst die schlichten Varianten effektiv, da ironisch, eingesetzt.

Während vom anrüchigen Umfeld her einem unweigerlich "Fritz the Cat" in den Sinn kommt, schaut sich das zunächst wirre Chaos wie die schrägen Sequenzen aus "Paprika" gemixt mit einer positiven Variante des missglückten "The Congress"-Themas. Humor hilft beim Verarbeiten der sich nicht zwingend kompatibel anfühlenden Zutaten, und dieser pure Wahnsinn weiß ein experimentelles Publikum wahrlich zu packen. Der Musikstil wechselt so oft wie die Orientierung des Filmes, komponiert von TOL, der/die auch als Zuständige/r der Regie genannt werden. TOL steht für Trees of Life. Eine Musikband? Eine ominöse Namensgebung eines Einzelnen? Ich weiß es nicht, habe auf die Schnelle keine Antwort dazu im Internet gefunden, so dass selbst die Namensgebung der Regie, die auch das Drehbuch zu "Punk Cat in Space" (Alternativtitel) beigetragen hat, Rätsel aufwirft. Wie auch immer, neben besagter filmischer Verwandtschaft zu eben genannten cineastischen Beiträgen arbeitet "Tamala 2010" des öfteren mit optischen Zitaten aus populären Kultfilmen wie "Shining" oder "Metropolis", während auf groteske Art freilich unübersehbar unsere Welt in eine Tieralternativwelt umgedeutet wird, um nicht nur popkulturell arbeiten zu können, sondern auch Gesellschaftskritik an unserer Wirklichkeit ausüben zu können, dies zunächst nur erkennbar in kurzen Anflügen einer solchen, da sich der Film zunächst, wie erwähnt, rätselhaft und relativ zusammenhanglos gibt.

Mehr Einblick ins Geschehen gibt die zweite Filmhälfte, die, nachdem die erste immer mehr den Eindruck erweckte doch eine zusammenhängende Geschichte erzählen zu wollen, nun versucht die Fäden zusammenzufügen, um dem wilden Ritt eine übergeordnete Logik zu bescheren. Leider fällt die zweite Hälfte bei diesem Versuch weit weniger schwunghaft aus als die zudem humorvoller ausgefallene erste Hälfte. Endlos scheinende Monologe eines zufällig dazu gewordenen Geschichtsforschers hemmen die bislang gelebte lockerflockige Art des Streifens, auch wenn sie stets durch gut funktionierende Augenzwinkereien unterbrochen werden. Die Monologe selbst dienen lediglich der Identifikationsfindung allem Gesehenen und bieten einzig trockenen Humor, der bis zu jenem Zeitpunkt nicht wirklich zünden will, bis wir erfahren, dass alles sachlich vorgetragene aufgrund der Geschwätzigkeit des Phantasten doch nicht so sachlich geartet ist, wie bislang vermutet. Somit wird jegliche errungene Information ad absurdum geführt, was wiederum zu gefallen weiß, zumal der Zuschauer, sofern er sich überhaupt in der Lage sieht der filmeigenen Logikversuche zu folgen, auf sich selbst gestellt ist, um zu begreifen oder zu erahnen was in der Welt Tamalas Wahrheit und Realität ist und ob es eine solche überhaupt in dem wirren Wust an Schwachsinn und intellektuellem Getue zu geben scheint. Hat sich z.B. 2010 die einst fiktive Roboterwelt endgültig in die Realität eingeschlichen, oder ist dies nur ein Trugschluss inmitten von vielen, der lediglich dazu dient dem Film einem zusätzlichen Sehwert zu bescheren?

Ob man Antworten auf diese, ähnliche, oder ganz andere Fragen findet oder auch nicht, ist im Sinne des Unterhaltungswertes egal, funktioniert "Tamala 2010" doch auch dann, wenn man nur dumm aus der Wäsche guckt, nicht nur weil er ein optisches Fest voll von absurdem Humor ist, sondern auch weil zumindest kurzfristig aufblitzende, und somit zu begreifende, Seitenhiebe auf die Gesellschaft bereits zu gefallen wissen. Werbezeilen, Denkweisen von Randgruppen, Perversionen im Spießeralltag, egal ob banale oder extremistische Entdeckungen im Alltag, sie werden hier wundervoll auf eine völlig eigene Art kritisch aufgegriffen, sich nichtig und bedeutend zugleich anfühlend und dabei die Frage aufwerfend inwieweit ein Problem tatsächlich ein Problem darstellt, oder ganz im Gegenteil gefragt inwiefern das Ignorieren eines solchen großen Schaden nach sich ziehen kann. Ist am Ende alles egal? Ist es legitim am Ende Dinge die einen verwirren als schlichtweg unbegreiflich abzutun, so wie es Kater Michelangelo stets mit seiner Mimik kommentiert, wenn Tamala Unsinn zu reden scheint oder wunderliche Dinge um ihn herum passieren? 

"Tamala 2010" erzielt mit seinen wahnwitzig scheinenden Stilmitteln diese wundervolle Wirkung aus Wichtigkeit und Belanglosigkeit zugleich, gibt diesbezüglich keine Antworten, sondern versetzt den Zuschauer in einen Zustand der Verwunderung, Überforderung und Faszination, so als würde die Antwort auf die übergeordnete Frage von Sinn und Unsinn in dieser Welt, demonstriert an dem hier völlig grotesken Treiben einer Zeichentrickrealität, für jeden Menschen eine andere sein. Philosophisch gesehen ist dies äußerst raffiniert angegangen. Theoretisch gesehen ist mit "Tamala 2010" somit etwas äußerst Geglücktes entstanden. Aufgrund der sich etwas zu dröge anfühlenden zweiten Hälfte ist das Ergebnis praktisch gesehen jedoch nur ganz nett ausgefallen. Schade eigentlich, aber ohnehin nur mein subjektives Urteil, das freilich nicht jeder teilt.


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HENTAI KAMEN - FORBIDDEN SUPER HERO (HK - HENTAI KAMEN 2013 Yûichi Fukuda)


Als der Schwächling Kysuke eines Tages mit ansehen muss, wie seine Mitschülerin Aiko, in die er heimlich verliebt ist, als Geisel genommen wird, beschließt er ihr zu helfen. Um unerkannt zu bleiben streift er sich ein Höschen über das Gesicht und entdeckt, dass ihm dies übernatürliche Kräfte verleiht. Von nun an streift er als Hentai Kamen umher, um Schutzsuchenden zu helfen...


Perversling! ...

Zu Beginn macht "Hentai Kamen" noch auf recht treffsichere Art den Eindruck auf seine sehr schräge Art eine Parodie auf die "Spider-Man"-Filme Sam Raimis zu sein, doch direkt mit der ersten Szene nach dem Vorspann verlässt man dieses Feld und geht eigenständige Wege. Mit einem hochgeschaukelten, albernen Humor, wie ihn in dieser Art auch nur die Japaner haben können, wird auch sogleich der Tiefschlag in Sachen Niveau und Anstand demonstriert, aber das dürfte niemanden schocken, der sich zu Unterhaltungszwecken eine Scheibe in den Player steckt, die einen Film über einen Schlüpfer im Gesicht tragenden, schwul gekleideten Superhelden enthält. "Hentai Kamen" hält was eine solche Inhaltsangabe verspricht, und so steht dem Freund schräger Japanfilme eine gute Portion Wahnsinn bevor, die sich amüsant schauen lässt.

Bereits der Übergang von der Einführung ins Geschehen zu der eigentlichen Hauptperson des Streifens ist ein gut gesetzter Lacher. Freilich bleibt "HK: Hentai Kamen" (Originaltitel) nicht immer so stilsicher wie dort und hat viel eher solch grenzwertiger Szenen zu bieten, wie jene die diesem Übergang voraus ging, aber meist kriegt der Film die Kurve zur unterhaltsamen Seite hin, Fremdschämen ist nicht wirklich angesagt bei so viel kreativem Umgang mit dem so herrlich plump scheinenden Aufhänger. Einzig das Entdecken der Superkräfte enttäuscht diesbezüglich ein wenig, da hätte ich mir mehr Einfallsreichtum gewünscht, aber der innere Konflikt Kysukes, der sich Sorgen macht pervers zu sein, entschädigt auch sogleich für diese gleichgültige Haltung, und verstärkt sich auf recht lustige Art, wenn der Schüler kurz darauf erfährt, dass es getragene Höschen sein müssen, um die stählerne Superkraft in ihm zu wecken.

Auf 90 Minuten wiederholt sich freilich viel und "Hentai Kamen - Forbidden Super Hero" geht ein wenig die Puste aus. Aber die meisten Running Gags gehen in Ordnung, mögen sie mit der Zeit auch blasser als zuvor wirken. Umso überraschter darf man jedoch am Schluss sein, wenn das Drehbuch urplötzlich eine sich zu Ende angefühlte Geschichte um einen weiteren Showdown erweitert, der in Sachen Wahnsinn noch einmal eine weitere Schippe drauf setzt, was schon was heißen will bei solch übertrieben albernen Herumgehampel, welches man 90 Minuten zuvor bereits mit angesehen hat. Dementsprechend frisch entlässt uns Yûichi Fukuda aus seinem manchmal zu monoton angegangenen Streifen, der drei Jahre später eine Fortsetzung nach sich zog.

Aufgrund vieler schräger Gegner, inklusive eines falschen zweiten Hentai Kamen, schafft es der Film meist diese Monotonie sich zu oft wiederholender Elemente in ein angenehmes Licht rücken zu können. Und auch die absichtlich kindliche Spielweise, mit welcher die Darsteller an das Projekt herangehen, weiß den Film ungemein aufzulockern. So kreischt Kysuke hell und schräg, während er davon läuft, wenn ihm etwas peinliches passiert ist, auf eine Art wie man sie verspielt in einem Amateurfilm oder auf einer Party demonstriert hätte, um derartige Szenarien zu veralbern. Und der Oberbösewicht darf siegessicher verspielt hüpfend aus dem Raum laufen, wie es ein kleines Mädchen üblicherweise verträumt machen würde. Solche Momente signalisieren den richtigen Umgang mit solch bescheuerter Thematik, und auch erste Reaktionen der Gegner mit dem Gesicht in private Regionen Hentai Kamens gesteckt können diesen Humor mit auffangen. Mit solchen Lendengegend-Momenten übertreibt es die Geschichte jedoch auf Dauer ein wenig zu sehr, so dass aus erfrischender Komik diesbezüglich mit der Zeit Achselzucken verursachende Provokationen werden, die keine mehr sind. 

Die Art unangenehmer infantiler Umgang mit der Thematik hält für verspielte, sich solchem Niveau nicht scheu gebende, Zuschauer jedoch weniger Einzug ins fertige Produkt, als die angenehm infantilen Elemente. Und es ist schön zu beobachten, dass sie nicht nur im perversen Sinne vorhanden sind. Selbst der Aufhänger warum der Oberbösewicht unbedingt die Karateschule übernehmen will, scheint aus einem Kinderbuch entnommen: unter der Schule soll ein Schatz vergraben sein. Freilich interessiert sich die Geschichte nie wirklich für diesen angeblichen Schatz, der soll nur ein herrlich alberner Aufhänger sein für Freunde bescheuerten Humors. Und da solch kleine harmlose Witzeleien ebenso gut zu funktionieren wissen wie die meisten obszön gearteten Humorelemente und auch das Spiel mit Gefühlsklischees von Superheldenstoffen, steht einem angenehmen Filmerlebnis für Freunde ungewöhnlicher, hochgradig schräger Asienstoffe eigentlich nichts im Weg. "Hentai Kamen" ist bei aller Sympathie nichts Großes geworden, aber das wird wohl auch kaum wer ernsthaft erwartet haben.


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2018/06/15

HIGH KICK GIRL! (Hai kikku gâru! 2009 Fuyuhiko Nishi)


Die junge Tsuchiya ist eine exzellente Kämpferin und bekommt die Chance bei der harten Kampfgruppe die Zerstörer Mitglied zu werden. Zu spät erkennt sie, dass diese Chance in Wirklichkeit eine Falle ist...


Einatmen Nase, Austreten Fuß...
  
Nachdem mich "Yo-Yo Girl Cop" überraschend angenehm unterhalten hat, dachte ich mir lasse ich noch einen weiteren Girlie-Action-Streifen aus Japan folgen, einen mit einem wesentlich schlichteren Aufhänger: das im Zentrum stehende Mädchen beherrscht, wie der Titel bereits verrät, hohe Bein-Kick-Methoden. Dass die Hauptdarstellerin Rina Takeda wesentlich mehr als diese olle Technik drauf hat, beweist der Film immer wieder, scheinbar ist es der erotische Reiz einem Schulmädchen unter den Rock zu gucken zu verdanken, dass sie im Titel auf die eine Technik reduziert wird. Die Kämpfe sind dementsprechend wahre Hingucker, zumal auf künstliche Zusatzhilfen verzichtet wird. Die Szenen leben einzig vom Können der Darsteller, und das ist im Kampfkunstbereich schon beträchtlich. 

Zwar wird im Film gelehrt die Kampfkunst sei nicht dafür da sich mit ihr zur Schau zu stellen, doch für nichts anderes ist dieser Streifen gedacht. Eine Handlung ist kaum auszumachen, ein Kampf jagt den nächsten. Und dass die Eitelkeit dessen was man kann hervorgehoben wird, beweisen die völlig unsinnigen und nervigen Zeitlupenwiederholungen der besten Momente und zusätzliche Schauwerte wie der Handkantenkampf mit Feuer im Spiel und ähnlichem (lustiger Weise gehört dieses Beispiel zu den wenigen Highlights, die nicht per Zeitlupe wiederholt werden). Allein in den ersten 10 Minuten darf man locker fünf oder mehr solcher Wiederholungsmomente sichten, und das nervt ungemein.

Da die Hauptdarstellerin zwar über beeindruckende Kampftechniken verfügt, der Charakter ihrer Figur aber absichtlich asozial geprägt ist, findet man sich nie richtig in die Geschichte ein, die davon erzählt, dass die junge Kämpferin sich darüber freut einer asozialen Kampftruppe beitreten zu dürfen, die im Auftrag von Geschäftsleuten Menschen vermöbelt oder gar tötet. Da dies, gefolgt vom Betrug besagter Aufnahmechance, die einzige Handlung des Filmes darstellt, stellt sich aufgrund der nervigen Zeitlupeninszenierung und der unzugänglichen Charakterzeichnung der Protagonistin schnell Ernüchterung ein, die ebenso schnell zum Desinteresse der ewigen Kloppereien führt. Freunde solch gut umgesetzter Kampfkunst sind im Sichten von Meisterschaften besser aufgehoben als in einem schlecht erzählten Film, und Filmfreunde bekommen hier kaum mehr geboten als die endlose Aneinanderreihung von Kampfszenen. 

Ein wenig Inhalt zwischen den Fights wäre wünschenswert gewesen. Trotz lobenswerter Kampfkünste sei somit jedem der eine Geschichte erzählt bekommen möchte von "Hai kikku gâru!" (Originaltitel) abgeraten. Regisseur Fuyuhiko Nishi hat bislang glücklicher Weise kein weiteres Werk diesem Debütfilm folgen lassen. Wollen wir einmal hoffen, dass es dabei bleibt.


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SAMEN DES BÖSEN (Inseminoid 1981 Norman J. Warren)


Während der Forschungsarbeiten auf einem fremden Planeten wird ein weibliches Mitglied der Crew von einem Außerirdischen vergewaltigt und läuft von nun an schwanger als mordende Bestie umher...


Rosemarys Space Baby Blood...

Während die ersten Aufnahmen einen weiteren "Alien"-Nachzügler in fremder Planetenkulisse vermuten lassen, haben andere Filme weit mehr Einfluss auf "Samen des Bösen" gehabt. So forscht die Weltraum-Crew zunächst auf ähnlichem Gebiet wie seinerzeit jene aus dem abenteuerlichen "Alarm im Weltall", und wenn recht spät die Alienbrut zum Einsatz kommt, dann erinnert das Outfit der Monsterbabys doch arg jenem aus dem kleinen Horror-Erfolgsfilm "Die Wiege des Bösen". Mit Blick auf "Baby Blood" und "Entity - Es gibt kein Entrinnen vor dem Unsichtbaren, das uns verfolgt" schien Warrens Werk wiederum inhaltlichen Einfluss auf andere Filmprojekte gehabt haben, was aber freilich auch alles nur Zufall sein kann.

Denn so wirklich berühmt, nicht einmal ansatzweise, ist "Inseminoid" (Originaltitel) eigentlich nicht geworden. Hierzulande kam er ohnehin nur geschnitten heraus, schaffte es aber seinerzeit zumindest in unsere Lichtspielhäuser. Von der extrem schundigen Qualität und skurrilen Machart seines "The Destructor" ist Warrens drei Jahre später entstandener Film weit entfernt, klassisch Mainstream ist aber auch der hier besprochene Science Fiction-Beitrag nicht ausgefallen, sind seine Effekte für die damalige Zeit doch recht extrem geartet, weswegen der Streifen auch von einem kleinen Randpublikum bemerkt wurde. Mit der Härte heutiger Streifen kann er aber selbstverständlich nicht mithalten.

Das muss er auch gar nicht, denn auch wenn hier Gedärme und mancherlei Blut zu sehen ist, so konzentriert sich "Horror Planet" (Alternativtitel) doch nicht sonderlich darauf, sondern viel mehr auf sein etwas zu monoton ausgefallenes Geschehen. Immer wieder gibt es Gründe, dass irgendwer aus der Crew sich der vom Bösen besessenen Person nähert. Der für alle Mitmenschen gefährliche Zustand des einst friedlichen Forscher-Team-Mitglieds ist immerhin eine Information, welche die Weltraumcrew überraschend schnell in Erfahrung bringt, was manche Teile ihres Handelns nicht gerade sinnvoll erscheinen lässt. Da die mordende Schwangere aber ohnehin erst nach der ersten Filmhälfte loslegen darf, ist dies trotzdem die bessere Entscheidung, um dem Treiben zur zweiten Hälfte hin das nötige Tempo verleihen zu können, welches die Wiederholungen in der Handlung ein wenig aufzufangen weiß.

"Horrorplanet" (Alternativtitel) ist recht kostengünstig ausgefallen, letztendlich versucht man aber mit simplen Mitteln recht brauchbar optisch dagegen zu halten. Das Alien wird wohldosiert im Halbdunkeln eingesetzt, die Höhlen des Planeten sind halbwegs atmosphärisch gestaltet. Erst wenn man eine marode Wand sichten darf, welche unübersehbar mit Alufolie beklebt wurde, gibt es am simpel getrickstem Spielort wirklich etwas zu spotten. Und wenn die weibliche Kreatur in einem Wutanfall mit links ein Objekt umwirft, das eigentlich ein schwerer, großer Computer sein soll, dann weiß aufgrund der fehlenden Kabel auch erstmals das Inventar Lacher auszulösen, vorausgesetzt man ist den klassischen Nonsens, den solche Filme üblicher Weise bereit halten, bereits gewöhnt. 

"Samen des Bösen" reißt nicht vom Hocker, ist aber interessant genug ausgefallen, um beim einmaligen Gucken ordentlich genug unterhalten zu werden. Leicht dröge ist das Ergebnis dennoch ausgefallen, und dass die vom Fötus besessene Frau nicht gerade gut den Amokläufer und die aggressive Bedrohung verkörpern kann, hilft auch nicht gerade dabei ein intensives Filmerlebnis zu sichten. Die weinerliche Blondine bekommt sie schon eher gespielt, was zumindest in jener Phase zu helfen weiß, in welcher die Wissenschaftler noch Mitleid mit der vergewaltigten Frau haben. Dass der Film gegen Ende nach dem eigentlichen Schluss noch zusätzliche Passagen einbringt, die der Geschichte bis auf die vorhersehbare Schluss-Pointe nichts neues beizufügen haben, hemmt den Sehwert gegen Ende ein wenig zu stark, zumal das dort auftauchende Rettungskommando nur aus jungen Milchgesichtern besteht und somit nicht gerade zu jener Gattung Mensch zählt, der man zutraut mit der Gefahr fertig zu werden. Nun, das wird sie auch nicht, was besagten Kritikpunkt nicht so wichtig erscheinen lässt und außerdem jene pessimistische Härte fortsetzt, mit der auch die im Zentrum stehende Weltraumcrew bis zum letzten Mann konfrontiert wurde.


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2018/06/14

YO-YO GIRL COP (Sukeban deka - Kôdo nêmu = Asamiya Saki 2006 Kenta Fukasaku)


Betreiber einer Internetseite benutzen frustrierte Schüler für terroristische Aktivitäten. Die aggressive Asamiya, die zwischen Knast und Teen-Cop wählen durfte, soll in einer Schule in Shibuya ermitteln, zu der alle bisherigen Spuren führen. Zum Lösen des Falls hat sie lediglich drei Tage Zeit...


Suizid Romeo und Cyber Julia...

Was sich aufgrund einer mit einem Yo-Yo bewaffneten Schülerin wie eine ausgeflippte, moderne Variante des "Nikita"-Themas liest, basiert auf einem älteren Manga, der bereits in den 80er Jahren per Kinofilme, Videoproduktionen und Fernsehserien mehrfach verfilmt wurde und mit "Yo-Yo Girl Cop" in den 00er Jahren eine Neuverfilmung beschert bekam. Scheinbar lief diese nicht so gut wie erhofft, kam es doch seit dem zu keiner Fortsetzung mehr. Ich persönlich finde das schade und kann es auch nicht verstehen, hat sich der so aufgepeppt klingende Film für einen Japan-Girlie-Action doch angenehm zurückhaltend angeschaut, sprich man verließ sich darauf dass der Aufhänger gepaart mit einer simplen Story, in welcher die Charaktere von Bedeutung sind, bereits ausreicht um gute Unterhaltung zu bieten. Dementsprechend verzichtet man auf groteske Übertreibungen a la "Vampire Girl vs. Frankenstein Girl", setzte nicht auf einen völlig undurchdachten, stumpfen Plot wie in "Persona - Die Macht hinter den Masken", sondern wählte den Mittelweg des simplen, nicht dummen, aber auch nicht cleveren Actionfilms, angereichert mit Teenie-Mentalität, moderner Optik, klassischem Coolness-Faktor und mittelmäßig hohem Tempo.

Die Zutaten schauen sich neben besagtem französischem Vergleich wie ein Mix aus "Heathers" und "21 Jump Street", eingepackt in eine typische Japan-Mentalität, jedoch ohne die Dramaturgie des Stoffes derart dick in Kitsch zu kleiden wie dort ansonsten üblich ist. Ohnehin wirkt alles einen Schritt reduziert inszeniert. Die alberne Japan-Komik, diesmal demonstriert anhand zweier Chemie-Nerds, findet nur kurz Platz in "Sukeban deka: Kôdo nêmu = Asamiya Saki" (Originaltitel), Actionszenen sind relativ rar gesät, selbst das Yo-Yo kommt weit weniger oft vor als erwartet. Letztendlich erkannten die Verantwortlichen des Streifens welche Gewichtung ideal für den funktionieren Sehwert für zwischendurch ist. Der Film will weder Kunst noch der nächste "Matrix" sein, er soll lediglich Spaß bereiten, irgendwo zwischen Irrsinn, Familien-Drama und Girlie-Action angelegt, und scheinbar war das dem Stammpublikum dieser Art Film zu schlicht angegangen, die sind immerhin ganz andere Kaliber aus diesen Breitengraden gewohnt, als Ausnahmezuschauer, der nur gelegentlich das asiatische Kino aufsucht, bin ich hingegen keineswegs abgeneigt vom Ergebnis.

Mehr noch, das Sichten dieses äußerst sympathischen Streifens, der weder vom Gewaltgrad her extrem ausgefallen ist, noch die Schülerinnenthematik für Erotikzwecke ausnutzt, hat mich neugierig auf die 80er Jahre-Version des Stoffes gemacht, die ich mir demnächst ebenfalls einmal zu Gemüte führen werde. Eben weil "Yo-Yo Girl Cop" trotz seiner Zutatenreduzierung ansonsten stilistisch und mental ein typisches Kind seiner Zeit ist, dürfte es spannend sein das Ganze im 80er-Stil Japans zu sichten. Mit dem nicht sonderlich aufregenden, aber funktionierendem Aufhänger der Geschichte ist alles wie nichts möglich, das macht so neugierig auf vergangene Produkte dieser Manga-Thematik. Wer nicht erst den Fuck-Off-Stempel der abgedrehten Provowerke Japans benötigt, der sollte ruhig einmal einen Blick auf den schlichter ausgefallenen "Yo-Yo Girl Cop" werfen. Wer noch nichts dergleichen aus Japan kennt, wird wahrscheinlich bereits das Treiben hier als äußerst schräg empfinden. Für Einsteiger scheint ein solches Werk von daher ideal zu sein, um zu erkennen ob man mit dieser Art Film überhaupt etwas anfangen kann oder nicht.


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2018/06/11

DARK STAR - FINSTERER STERN (Dark Star 1974 John Carpenter)


Seit 20 Jahren ist die Crew der Dark Star im Weltraum unterwegs, und seit Commander Powell verstorben ist steht es schlecht um die Moral an Bord. Als sich ein außerirdisches Maskottchen aus seiner Gefangenschaft befreien kann, verursacht es Schäden am Schiff, die zu weitreichenden Problemen führen...


Die philosophierende Bombe...

"Dark Star" ist die Filmhochschul-Abschlussarbeit des legendären John Carpenter ("Halloween - Die Nacht des Grauens"), der auch zusammen mit dem nicht minder cineastisch bedeutenden Dan O'Bannon ("The Return of the Living Dead") das Drehbuch schrieb. Der komödiantisch gehaltene Science Fiction-Film soll eine Antwort auf Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum" sein, quasi die Anarchoversion der Antwort auf die Frage wie sich die Menschheit dort oben im leeren Raum wohl anstellen wird. Aus Forscherdrang und gepflegtem Umgang sind im Laufe der Jahre Resignation und Unmut geworden. Aus Langeweile sprengt man instabile Planeten, oder geht depressiv im verträumten Umgang mit der Sternenunendlichkeit auf. Der Kontakt zur Erde ist abgebrochen, ein letzter Funkspruch zeigt den herrlich witzigen Kontrast der Moral und dem Engagement der Daheimgebliebenen, eingekleidet im feinen Anzug zur geschniegelten Frisur, im Vergleich zu jenen, die abgeschottet von ihrer Heimat so lange durchs All fliegen, dass sie gar ihre Vornamen vergessen haben. Sie sehen ungepflegt aus, mit langen Haaren und Vollbärten passend zu ihrem mentalen Zustand, und das weiß zu Zeiten kurz nach der Hippie-Bewegung, bzw. inmitten ihres Nachhalls zu amüsieren. Scheinbar mussten die Darsteller vor dem Dreh gar nicht in die Maske, lief man als junger Mensch damals doch nun einmal bei hier eingefangener Mentalität so herum.

Die Tricks sind herrlich billig ausgefallen, aber gerade deshalb ein Hingucker, zumal nicht schludrig gearbeitet wurde. Als Außerirdischer darf ein Wasserball mit angeklebten Füßchen herhalten. Allgemein weiß man Kostengünstigkeit über brauchbare Optik zwar nicht zu verstecken, aber endschuldbar, da visuell angenehm, zu demonstrieren. Die jungen Schauspieler machen ihre Arbeit gut. In einer der wichtigsten Rollen ist gar Dan O'Bannon höchstpersönlich zu erblicken. Warum er bei kompatiblem Berufsfeld andere Wege ging als Carpenter, weiß ich nicht, nach dem sympathischen Einstieg in die Welt der beiden cineastischen Geschichtenerzähler ist es aber zumindest schade zu nennen, dass es zu keiner weiteren Zusammenarbeit kam. Stattdessen steuerte O'Bannon Drehbücher für Tobe Hooper-Filme bei, was immerhin auch eine sympathische kreative Zusammenführung ist.

Früher wurde ich mit "Dark Star - Finsterer Stern" nicht warm, konnte ich ihm trotz der Sympathie zu dem Projekt doch wenig abgewinnen, und heute mit frischem, wie erfahrenen Blick etliche Jahre danach, erkenne ich auch woran das liegt, und das ist der etwas zu sperrig geratene Einstieg in die Geschichte. Klar, die Mannschaft ist lethargisch, das versucht man stilistisch in dröger Erzählform mit passiv gearteten Dialogen und anderen Methoden einzufangen (es wäre schließlich unsinnig eine solche Grundhaltung der Crew in flotter Umsetzung zu präsentieren), dennoch fand ich anfangs keinen Zugang, auch weil die Figuren zunächst austauschbar erscheinen. Es dauert bis der auf ruhige Art provokante Film sich diesbezüglich ändert. Und das Warten lohnt sich, werden doch nicht nur die Figuren zu greifbaren Charakteren, die herrlich irrsinnigen Situationen, denen sie sich selbst verschuldet stellen müssen, sind unglaublich unterhaltsam ausgefallen, allen voran freilich das philosophische Gespräch zwischen einem der Astronauten mit einer kurz vor der Detonation stehenden KI-Bombe.

Wenn einer der Astronauten zum Schluss auf einem Wrackteil zu Countrymusik seinem Ableben im All entgegen surft, dann ist das an anarchistischem Ton und als Gegenantwort zu Kubricks Ehrenmännern im All bei klassischer Musikuntermalung nicht zu überbieten, zumal dieser Gegenpol keine Rebellion darstellt, sondern trotzdem die Verbeugung und den Respekt vor dem Original deutlich macht, anstatt zur stumpfsinnigen Protestbewegung zu werden. Dafür ist "Der schwarze Stern" (Alternativtitel) zu subtil und gewitzt ausgefallen, und es ist schön zu wissen, dass die Verantwortlichen einer sich unerwartet eigenständig anfühlenden Veralberung der Gedanken eines angesehenen Meisterwerkes selbst im Laufe der Zeit zu Meistern ihres jeweiligen Faches wurden. Alles verdienter Maßen, wie ich finde, was schließlich keine Selbstverständlichkeit im US-Kino ist.


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PLAY - TÖDLICHES SPIEL (Mockingbird 2014 Bryan Bertino)


Ein Ehepaar, eine Studentin und ein Tagedieb bekommen eines Tages unabhängig voneinander eine Videokamera geschenkt, im Glauben bei einem Preisausschreiben gewonnen zu haben. Kurz darauf meldet sich ein Fremder per Videokassette, man möge weiter filmen und Aufgaben erfüllen, da man ansonsten sterben werde...


Die Angepassten, die Verschreckte und der Narr...

Mit "The Strangers" landete Bryan Bertino 2008 einen kleinen Hit, den ich persönlich trotz einiger atmosphärischer Spannungsmomente für überschätzt hielt. Aber zumindest war der Streifen ordentlich und mühevoll inszeniert, so dass man über das Ergebnis streiten konnte, bei "Play - Tödliches Spiel" sind sich die meisten mit Blick aufs Internet scheinbar jedoch einig, mit diesem im Found Footage-Stil gehaltenen Werk hat der gute Mann eine wahre Gurke abgedreht. Wer also glaubt sechs Jahre Pause zwischen einem Werk müssten zwingend für künstlerische Vorbereitungen stehen, der wird mit diesem Horrorbeitrag eines besseren belehrt, guckt sich der Streifen doch wie auf die Schnelle hingerotzt, so als habe man die The Asylum-Studios mal wieder einen Wackelkamerafilm drehen lassen. 

Den Mitarbeitern dort fehlt, ebenso wie Bertino hier, jegliches Gefühl mit Hilfe des Found Footage spannungsgeladene Momente einzufangen, ein Unterfangen das nur bei sehr sensibler Herangehensweise funktionieren kann, um Perlen wie "Die Höhle", "Paranormal Activity" und "The Blair Witch Project" hervorzubringen. Bertino scheitert gar noch viel früher, denn Zugang zu den Protagonisten über die gefaketen Privataufnahmen will der Zuschauer ebenso wenig finden, allein schon weil die Geschehnisse nicht erkennbar eingefangen werden. Man begreift nicht immer was gerade passiert. Man wird nicht Teil des Geschehens, was eigentlich mit der Methode der Handkamera nicht schwer zu erreichen ist, und somit interessiert man sich nicht für das was gerade kaum erkennbar passiert, auch da man mit den Menschen nicht warm wird.

Authentisch wirkt ohnehin nichts, so wie von Beginn an verzweifelt mit bescheuerten Methoden versucht wird die Personen stets im Bild zu halten. Zwar steuert das Drehbuch den Grund des unnötigen Weiterdrehens in eine halbwegs glaubwürdige Richtung, wenn es thematisiert, dass die Kameras nicht zu stoppen sind, seltsamer Weise brüllen sich die Ehepartner trotz dieses Wissens später gegenseitig an, sie mögen die Kamera stoppen und aufhören zu filmen. Bei dem bisschen Information, welche der Film bereit hält, hätte man als Regisseur und Autor diese Ungereimtheit locker korrigieren können. Warum die Figuren selbst in angespannten Situationen noch immer darauf achten, dass sie im Bild zu sehen sind, weiß sicher nur Bertino mit billiger Ausrede zu beantworten.

Allerdings fällt nicht erst hier auf, dass das Drehbuch nur so vor Ungereimtheiten, Unlogiken und anderweitigen Schwächen große Löcher im Plot beinhaltet. Nachvollziehbar ist das Gezeigte ohnehin nur für ein Publikum, das gedankenlos und pausenlos Gewinnspiele mitmacht, Gewinne nicht überprüft, nichts von dem was passiert reflektiert, sich ohnehin keine eigenen Gedanken macht und alles tut was einem gesagt wird. Denn nur so funktioniert "Mockingbird" (Originaltitel), der keinen der drei parallel Ungewöhnliches erlebenden Gewinner auf die Idee kommen lässt die Polizei zu rufen, nicht mit der Kamera zu filmen, sich keine Angst machen zu lassen, oder einfach bei großer Angst das Haus zu verlassen. Zudem glaubt Bryan Bertino, der nicht nur die maue Regie verbrochen hat, sondern auch für das unterirdische Drehbuch zu seiner eigenen miesen Idee verantwortlich ist, Fremde könnten jeden einzelnen Schritt vorausberechnen, damit am Ende alle Fäden so zusammenlaufen, wie es schließlich geschieht. Und warum am Ende jeder mindestens einmal von einer tödlichen Kugel getroffen wird, ein kaum möglicher Zufall, will sich mir ebenfalls nicht logisch erschließen.

"Play - Tödliches Spiel" ist reißerische Scheiße, die auf der Erfolgswelle des Found Footages und des Kinoerfolgs "Saw" aufspringt und dabei ein lustlos abgedrehtes, sich trotz aller Unsinnigkeiten viel zu ernst nehmendes, Filmchen abgeliefert hat, von dem man sich verspricht, dass es sich aufgrund seiner Aufhänger und des Stempels "vom Regisseur von The Strangers" von allein verkaufen wird. Heutzutage greift manch einer aufgrund des Clowns auf dem Cover zu, sind Killerclown-Streifen doch spätestens seit dem Kinofilm "Es" unglaublich angesagt. "Mockingbird" gehört dieser Kategorie jedoch nicht an, der Clown ist lediglich eines der besagten Opfer, aber zumindest eines, das trotz idiotischster Verhaltensweisen, also trotz jeglicher Möglichkeit zur Identifikation mit ihm, mit seinen Monologen halbwegs Schwung in die Bude bringt. Ohne ihn hätte ich wahrscheinlich irgendwann komplett gelangweilt zur Vorspultaste gegriffen.


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2018/06/10

DAS FLIEGENDE AUGE (Blue Thunder 1983 John Badham)


Während eines Testfluges mit einem Anti-Terror-Hubschrauber, der über sämtliche Überwachungsfunktionen verfügt, stößt Frank Murphy auf eine Verschwörung derer, die hinter der Einführung besagten Testhubschraubers stecken...


Unter der Ausrede der Verbrechensbekämpfung...

Bereits vor dem hohe Wellen schlagenden "Der Staatsfeind Nr. 1" gab es Filme über die Perversitäten von Überwachungssystemen und die zwangsläufig damit einhergehende Ausnutzung dieser Gerätschaften. Einer dieser Filme ist "Das fliegende Auge", der einem noch einmal bewusst macht wie lange bereits das aktueller denn je geratene Thema für Kopfzerbrechen sorgt und wie schon damals die heutige Lügenpropaganda der Terror- und Verbrechensbekämpfung als Vorwand vorgebracht wurde, um die Bürger eines angeblich freien Staates hemmungslos ausspionieren zu können. Die Selbstverständlichkeit mit der diese Gefahr ohne direkte Benennung in Dialogen im hier besprochenen Werk wahrgenommen wird, zeigt wie sensibler man einst auf das Verbrechen reagierte, zu versuchen die Privatsphäre eines jeden Mitmenschen zu durchbrechen. Heute, in Zeiten in denen Menschen zum Erhalt von Schutz regelrecht um jedes Verbot und jede Überwachung betteln, schaut sich ein solcher Film wesentlich subtiler, so dass man sich automatisch die kritische Grundhaltung der Mitbürger von einst zurückwünscht.

Das mag ein bitterer Beigeschmack sein, aber da "Blue Thunder" (Originaltitel) trotz seines Hauptaugenmerks auf Spannung und Action nicht einzig des Unterhaltungswertes wegen gedreht wurde, sondern auch zur Warnung (was die Texteinblendung zu Beginn des Streifens belegt) tut es gut dass es Werke wie ihn gibt, auch wenn sie einem die schrecklichen Zustände heutiger Tage ungewollt bewusst machen. John Badham, der mittlerweile nur noch für TV-Serien wie "12 Monkeys", "Nikita", "Psych" und "Heroes" arbeitet, inszeniert den Film mit einer Ernsthaftigkeit, die in diesem Genre irgendwann Ende der 80er Jahre fast endgültig verloren ging, zumindest in dieser mündigen Ausfertigung, die aus "Das fliegende Auge" weit mehr macht als eine olle geistfreie Rächerstory oder einen simplen Kampf um Verrat. Der in verschiedenen Genres tätige Regisseur ("Dracula '79", "Nummer 5 lebt", "Codename: Nina", ...) entfacht einen Spannungsbogen, der wahrhaft zu packen weiß. Wenn der Film in seinem mindestens über 20 Minuten laufenden Finale actionlastiger wird, dann steht doch stets trotzdem noch der Nervenkitzel im Zentrum, so gekonnt weiß Badham die endlos scheinende Verfolgungsjagd in der Luft und auf der Straße in Szene zu setzen. Hirnloses Herumgeballer findet hier nicht statt.

Ebenfalls zugute kommt dem Film sein langsamer Einstieg ins Geschehen, dauert es doch überraschend lange bis der Testhubschrauber überhaupt in die Story integriert wird, einfach weil man zuvor intensiv die Figuren und den seltenen Job, welchen der Protagonist leistet, beleuchtet. Und dies wird derart interessant erzählt, dass der Film auch wunderbar als simpler Polizeifilm ohne High Tech-Hubschrauber und Überwachungsthematik funktioniert hätte. Dieser Schritt erlaubt es der Geschichte in der zweiten Hälfte um so flotter erzählt werden zu können, so dass das Geschehen nicht nur ohne Umschweife erzählt wird, sondern auch zu erwartende Standardphasen überraschend über Bord geworfen werden, so dass man sich schneller im entscheidenden Prozess des Ganzen befindet, als man zuvor vermutet hätte. Dies beschert dem angenehm ruhig erzählten, aber stets spannungsgeladenen Film eine Energie, die man in dieser Art weder im ruhigen 70er Jahre-Kino, noch im oberflächlich flotten 80er Jahre-Kino all zu oft zu sichten bekam. Die leicht mit trockenem Humor angereicherte Perspektive aus einer unverfälschten Männermentalität beschert dem Streifen zudem seinen zweiten Sehwert, der einen die Gesellschaft von einst zurückwünschen lässt, so dass man es als Gewinn des Streifens erachten kann, dass er nicht zeitlos wirkt, sondern in seiner Entstehungszeit verankert ist.


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2010 - DAS JAHR, IN DEM WIR KONTAKT AUFNEHMEN (2010 1984 Peter Hyams)


Neun Jahre nach der missglückten Jupiterexpedition fliegen trotz des kalten Krieges zwischen den Russen und den US-Amerikanern Astronauten beider Länder zur Discovery, um offenen Fragen des Scheiterns zu klären. Noch ahnt niemand, dass bald etwas alles Veränderndes geschehen wird...


Versöhnung mit Hal...

Stanley Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum" war ein weitblickendes, durchdachtes und philosophisches Werk mit der Eigenschaft zur Demut, zur Reflexion und dem Mut inszenatorische Schritte zu gehen, die einem finanziellen Erfolg eventuell im Weg hätten stehen können, so sehr wie sich der 1968 veröffentlichte Film den massentauglichen Sehgewohnheiten verweigerte. Eine Fortsetzung hätte er nie nötig gehabt, so wundervoll wie offene Fragen nach der Sichtung im Raum schwebten, tiefgründigere Individuen dazu veranlassend über das Gesehene nachzugrübeln und der Fantasie freien Lauf zu lassen. Für derartige Interpretationen ist in Peter Hyams eigens verfasstem Teil 2 kein Platz. Er wurde gedreht um Fragen zu beantworten. Und besaß der Vorgänger noch den Mut zur Langsamkeit, bzw. war sich Kubrick dessen zwingender Notwendigkeit bewusst, um Ehrfurcht vor möglichen Errungenschaften zu erlangen und auch vor dem was die Geschichte über unseren Ursprung offenbart, die Fortsetzung pfeift drauf und beschleunigt ihre Geschichte wo es nur geht.

Hyams geht es in "2010 - Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen" aber auch nicht um wirklich tiefgründige, philosophische Dinge, er möchte in Zeiten des kalten Krieges einen Friedensappell an die Menschheit richten, ein ehrenwertes Vorhaben. Warum man dafür jedoch einen Film fortsetzt, der die heute scheinbar verloren gegangene Eigenschaft besaß losgelöst vom Entstehungszeitpunkt einen Blick in eine fremde Zukunft zu werfen, und dabei eine Welt präsentierte, in der so etwas wie der kalte Krieg kein Thema mehr war, darf zurecht als Frage im Raum stehen, zumal der Streifen eine komplett andere Mentalität ausstrahlt als sein Vorgänger. Schließlich ist Hyams als Mittel zum Zweck auch der Griff zur Esoterik als Ersatz für mangelndes Wissenschaftsverständnis recht, einen größeren Unterschied zum Vorgänger kann man wohl kaum ausmachen. Das passt zwar zum geistig schlichteren Zustand des 80er Jahre-US-Kinos, das im Gegensatz zu den 70er Jahren  in der Regel weit weniger durchdachte Filme zu großen Events hochschaukelte, verärgert aber insofern, als dass man den Respekt zu Kubricks Werk dadurch vermisst.

Gewöhnt man sich erst einmal an den Gedanken ein weit weniger geistreiches Werk in anderer Mentalität und Zielsetzung zu sichten, weiß "2010" (Originaltitel) zumindest zu unterhalten, gibt es technisch von der Inszenierung her doch nichts zu beklagen und sind doch professionelle Mimen mit an Bord, die das komplette Treiben so glaubwürdig wie möglich umgesetzt bekommen. Zwar setzt die Geschichte des Streifens stets auf eine penetrante Neugierde, die mir in diesem plumpen Zustand nicht innewohnte, so dass ich in dem reißerischen Versuch stets eine enorme Erwartungshaltung aufzubauen nicht vollends einsteigen konnte, aber spätestens am Schluss war auch ich neugierig was da Wundervolles auf die Menschheit zukommen sollte, prophezeit vom Geist des einstigen Kommandanten der Discovery. 

Wenn der für seine schlichten Stoffe berühmte Hyams, der sich mit "Unternehmen Capricorn" sieben Jahre zuvor bereits schon einmal mit kritischem Blick auf die Regierenden mit dem Denken von Astronauten auseinandersetzen durfte, seine Geschichte zu Ende erzählt hat, begeht er mittels eines schließenden Off-Kommentars die letzten Fehler der Geschichte, deutet der eigentlich für rationales Denken ausgebildete Wissenschaftler doch Dinge ins Geschehen hinein, die weder bewiesen noch naheliegend sind, was erneut beweist, dass der Film sich an ein Publikum orientiert, das aufnehmen soll anstatt mitzudenken. Da "2010" nicht vollends naiv umgesetzt ist, sondern einige interessante clevere Ansätze zu bieten hat, ist dieser Zustand etwas schade zu nennen, ändert aber nichts an der Tatsache, dass Hyams weit weniger visionäre Vision wundervoll zu unterhalten weiß - dank der Beantwortung der wichtigsten Fragen aber kein nachdenkliches Echo hinterlässt, wie das großartige Science Fiction-Werk auf dem er aufbaut.


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DER WACHSBLUMENSTRAUSS (Murder at the Gallop 1963 George Pollock)


Als Miss Marple gemeinsam mit ihrem Freund Mr. Stringer beim Sammeln für wohltätige Zwecke in das Haus des zurückgezogen lebenden Mr. Enderby gerät, erleben sie per Zufall dessen überraschendes Ableben mit, ausgelöst durch eine Katze, jene Gattung Tier vor welcher der reiche Mann eine große Angst hatte. Aus diesem Grund vermutet Miss Marple einen Mord. Inspector Craddock möchte von solchen Phantastereien nichts hören, also ermittelt die alte Dame auf eigene Faust und stößt dabei recht schnell auf eine weitere Leiche...


Alte Klatschtante und Schnüfflerin...

Nachdem Miss Marple in ihrem ersten Abenteuer "16 Uhr 50 ab Paddington" noch einen Fall basierend auf ihren eigenen Romanen klären durfte, bediente man sich für die Fortsetzung an einer Buchvorlage, in welcher eigentlich Poirot auf Mördersuche war. Aufgrund der starken Veränderung der von Margaret Rutherford dargestellten Kriminalistin im Vergleich zur Roman-Miss Marple ist dies auch gar keine schlechte Idee, und so ist dem Team des Vorgängers mit "Der Wachsblumenstrauß" eine Fortsetzung gelungen, die dem Vorgänger kaum in etwas nachsteht. In jüngeren Jahren bevorzugte ich gar das Sequel, hat es doch die extremeren Morde zu bieten, eine etwas größere Portion Humor mit an Bord, und mit wenig Seherfahrung wusste einen auch die Auflösung zu überrumpeln. Mit geschulterem Blick weiß man, dass man heute nicht mehr so überrascht über die Täteraufdeckung wäre, so oft wie besagte Person für ihre eigentliche Nebensächlichkeit ins Geschehen gerückt wird. Aber der Moment der Aufdeckung selbst bleibt Highlight genug, streift diese Szene doch den Gruselbereich, was gerade mit jüngeren Jahren zu funktionieren weiß. Zudem ist der Gesamtfilm trotz erhöhtem Humorpotentials düsterer ausgefallen, auch das wusste mich einst zu begeistern.

Heutzutage gefällt es mir am Vorgänger, dass er diesbezüglich schlichter daher kommt und vieles von dem was die Fortsetzung lauter präsentiert subtiler beinhaltet. Aber das ist ein Qualitätsunterschied, der sich nur im sehr strengen direkten Vergleich ausfindig macht, reicht "Der Mörder sitzt am Tisch" (Alternativtitel) doch fast nahtlos an das Niveau des ersten Teils heran und ist inmitten einer vierteiligen Reihe, in der jeglicher Teil hochwertig ausgefallen ist, noch jener der am ehesten mit dem Erstling konkurrieren kann. In manchen Punkten hat er gar von beiden Werken die Nase vorn, sind doch diesmal die ebenfalls verdächtigen Randfiguren intensiver charakterisiert und interessanter besetzt, so dass man tatsächlich im Gegensatz zum Vorgängerfilm in Versuchung kommt einem von ihnen den Mord zuzutrauen. Aber wie gesagt ahnt man eigentlich recht schnell wer tatsächlich die Erben über die Klinge springen lässt. Dennoch hält die zu erwartende Finalaufdeckung eine Überraschung bereit, die nicht jeder voraussieht, befindet sich in der Vorphase zu den Hauptgeschehnissen doch ein alles veränderndes Geheimnis, das noch einmal betont wie tückisch der Mörder von Anfang an vorgegangen ist.

In der Besetzung sticht neben den üblichen Mimen der Reihe Robert Morley als Hector Enderby hervor, der den Humor wie so oft auf seiner Seite hat. Seine ohnehin schon originelle Figur ist in der Deutschvertonung mit einer unglaublich charakterlichen Stimme gesegnet, so dass diese erneut eine ernstzunehmende Konkurrenz zum Originalton darstellt. Trotz der Anhäufung größerer Schauwerte, wie besagter Gruselaufdeckung, dem bestialischen Mord in welcher ein Pferd als Tatwerkzeug dient, dem herrlich modernen Tanz von Miss Marple und Mr. Stringer, oder dem etwas reißerisch geratenen Aufhänger um eine Katze als Methode jemanden zu Tode zu erschrecken, weiß auch "Murder at the Gallop" (Originaltitel) zusätzlich in seinen stillen Tönen und dem psychologischen Verständnis seiner Figuren zu trumpfen. "Der Wachsblumenstrauß" ist ähnlich raffiniert und clever erzählt, wie es bereits der erste Kriminalfall Miss Marples war. Aufgrund seiner flotteren Umsetzung wird ein ungeduldigeres Publikum gar mehr Gefallen an der Fortsetzung finden können, als am ruhiger angegangenen Erstling. Welchen Teil auch immer man bevorzugt, beide Filme gehören zu den absoluten Highlights des britischen Kriminalfilms und erscheinen mir tadellos inszeniert. Ich wüsste nicht wie man einen von beiden Film aufbessern könnte, so genial wie beide ausgefallen sind. Glücklicher Weise behielt man auch den erfolgreichen Soundtrack des Vorgängers bei, so dass wirklich so ziemlich alles was man in Teil 1 liebgewonnen hat, hier erneut seinen Platz oder gar eine Erweiterung findet.


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2018/06/09

DRIVE THRU - FAST FOOD KILLS! (Drive-Thru 2007 Brendan Cowles u.a.)


Diverse Teenager werden von einem unheimlichen Clown getötet. Die junge MacKenzie erhält vor jeder Tat übernatürliche Botschaften und erkennt anhand eines sich mit der Zeit abzeichnenden Musters, dass sie das letzte Opfer auf der Liste des Killerclowns sein wird...


Und viele hielten Freddy für einen Clown...

"Drive-Thru" ist ein etwas ungewöhnlicher Horror-Beitrag. Zwar bedient er untermalt zu Hardrock-Musik typisch das Slasher-Genre nach bewährtem inhaltlichen, schlichten Muster, aber an die Auftritte des Aggressors musste ich mich erst einmal gewöhnen. Seine hektischen, künstlich beschleunigten Bewegungen verursachen keine spannenden, oder gar mystischen Momente, seine Stimme wirkt penetrant, und seine Sprüche kommen zu asozial daher, als dass eine Art Kultstatus mit ihm möglich wäre wie mit Chucky und Co. Da der Einstieg ins Geschehen recht proletenhaft mit ebenso billigen Asi-Sprüchen von unsympathischen Mimen angereichert angegangen wird, stand erst einmal Ernüchterung auf dem Programm, hatte ich doch eher eine lockerleichte Standard-Inszenierung erwartet, die vielleicht ein wenig Full Moon-Luft atmet. Das Proletengetue zu möchtegern-harter Musik ging mir dementsprechend gewaltig auf den Keks.

Wenn nun noch ein übernatürlicher Faktor mit ins Spiel kommt, ist das Dezimieren der Erwartungen fast vervollständigt. Es fehlte nur noch das etwas arg Bitch-artige Verhalten der Heldin, das inmitten dieser mir unangenehm scheinenden Rezeptur schließlich zunächst dafür sorgte, dass ich nach etwa 20 Minuten abschaltete. Glücklicher Weise habe ich den Streifen nach einem Mittagsschläfchen aber trotzdem bei frischer Wahrnehmung weiter geschaut, denn mit anderer Einstellung wusste er schließlich doch zu gefallen. Freilich ist keine überraschende Offenbarung aus dem klassisch erzählten wilden Treiben geworden, aber ein unterhaltsames Stück Fast Food-Unterhaltung (hohoho) für zwischendurch wurde erfreulicher Weise trotzdem noch aus dem sich weit provokanter gebenden Film, als er eigentlich ist.

Inhaltlich einen Mix aus "Es", "Die Todesparty" und "Nightmare - Mörderische Träume" bauend, weiß die flotte, keinesfalls um einen echten Spannungsbogen bemühte, Inszenierung doch noch bei frech asozialem Ton zu gefallen, sofern man dem hektischen Clown und seinem gewöhnungsbedürftigem Aussehen etwas abgewinnen kann. Hilfreich steht der Chose ein recht gering eingefügter Humor zur Seite, der mal pseudo-subtil Horror-Klassiker wie "Shining" zitiert und mal besonders albern daher kommt, so z.B. in der Figur des dicklichen Gehilfen der Ermittlerin. All diese Pluspunkte sind aufgrund ihrer stillosen Art mehr denn je Geschmackssache, man muss schon relativ plump zufrieden zu stellen sein, aber da es sich hier lediglich um einen unter tausenden Slashern handelt, einem Genre von dem man in der Regel keinen hohen Anspruch erwartet, geht das simple Rezept bei geringer Erwartungshaltung in Ordnung.

Ob "Burger Kill" (Alternativtitel) den Gore Hounds unter den Horror-Fans gefallen wird, lässt sich schwer beantworten. Zwar wird ein Körper halbiert, ein Kopf in einer Mikrowelle zum Platzen gebracht und anderweitige vergleichbare Taten eingebaut, die Spezialeffekte lassen aber zu wünschen übrig, schließen sie sich doch dem beschleunigten und schnell geschnittenen Stil der Clownauftritte an, so dass sie nicht auf gewohnte Weise zu wirken wissen. Was dieser hektische Stil rund um die Effekte und den Killerclown soll, will sich mir ohnehin nicht erschließen, würde sich "Death Burger" (Alternativtitel) doch noch eine Spur besser schauen, wenn auch diese Bereiche klassisch erzählt wären, immerhin erfindet der Streifen sämtliche andere Zutaten ebenfalls nicht neu, sondern orientiert sich ansonsten brav an den Standards des Slashers.

Überrascht hat mich nach meiner ersten Ernüchterung, dass gerade die anfangs zu asozial wirkende Hauptfigur der MacKenzie zu einer halbwegs interessanten Frontfrau wird. Dies nicht weil sie doch noch Charme aufbauen würde, tiefer charakterisiert wäre als erwartet oder ihre Darstellerin so toll schauspielern würde, sondern einfach weil ihre weit weniger als zunächst vermutete proletenhafte Art eine mündige Bürgerin hervorbringt, die sich von keiner Staatsgewalt oder diversen Autoritätspersonen den Mund verbieten lässt, oder sich einreden lässt phantasiert zu haben. Letztendlich stellt sie jene Art Staatsbürger dar, den man sich als liberaler Freigeist vermehrt in dieser Gesellschaft wünschen würde, eben auch weil sie mit dieser Eigenschaft nicht den übertriebenen Schritt zur Anarchistin darstellt. 


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16 UHR 50 AB PADDINGTON (Murder She Said 1961 George Pollock)


Die alte Dame Miss Marple beobachtet von ihrem Abteil aus einen Mord in einem vorbeifahrenden Zug. Als ihr ihre Beobachtung niemand glaubt, nimmt sie als belesener Kriminalroman-Fan den Fall selbst in die Hand und nimmt aufgrund erster Spuren eine Stelle als Wirtschafterin im Haus des mürrischen Ackenthorpe an...


Und es war doch kein knutschendes Paar...

Es gibt oft Diskussionen darüber, ob es eine gute Wahl war Romanstoffe für ihre Verfilmung stark zu verändern. Freunde der Bücher sind schnell verärgert, oft wirken Veränderungen trotz des Wechsels auf ein völlig anders funktionierendes Medium nicht angebracht. Allerdings dürfte es nur bei den wenigsten Cineasten die Meinung geben "16 Uhr 50 ab Paddington" hätte romangetreu umgesetzt werden sollen, findet die wichtigste Veränderung doch in der Charakterisierung der Miss Marple an, hervorragend verkörpert von Margaret Rutherford, und die möchte man weder anders besetzt, noch ursprünglich charakterisiert erleben, wenn man erst einmal die vier 60er Jahre-Filme um die berühmte Kriminalistin gesehen hat. Agatha Christie sah das anders, sie mochte die Verfälschung des Originals nicht, aber der Erfolg gibt Pollock und seinem Team recht. Auch für mich gehören die mit Rutherford besetzten Kriminalfilme zu meinen persönlichen Evergreens, die ich mir immer wieder ansehen kann, und den hier besprochenen ersten Teil mag ich von ihnen allen am liebsten.

Das liegt weniger am Kriminalfall selbst, der zwar interessant konstruiert ist, aufgrund zu weniger Personen im Fokus aber zu früh erahnen lässt wer als Täter in Frage kommt. Zwar werden durch mögliche Verbrüderungen auch das Kind und die Frau verdächtig, aber der erfahrene Krimi-Freund lässt sich durch solche Möglichkeiten nicht von der naheliegendsten Vermutung abbringen. Schlimm ist das ohnehin nicht, ist es doch der Weg zum Ziel der zu gefallen weiß, und da "Meet Miss Marple" (Alternativtitel) mit britischem Charme daher kommt und ihm ganz besonders die treffsicheren Charaktere wichtig sind, weiß der Film, eingekleidet in einem humoristischen Unterton, bestens zu unterhalten. Das von drei Autoren verfasste Drehbuch beweist nicht nur inmitten der goldigen Wortgefechte der neugierigen und stets beleidigten alten Dame mit jedermann seinen Sinn für Raffinesse, ohnehin ist das Werk mit Liebe zum Detail und cleveren Nebensächlichkeiten angereichert, inmitten eines trotz fruchtsamer Übertreibungen glaubwürdigen Plots, der die Psychologie der einzelnen Figuren versteht.

Miss Marple bringt einen zum Schmunzeln, der Film lädt zum Mitraten ein, und gelegentlich hat sich gar ein düsterer Moment eingeschlichen, meist wenn die Protagonistin nachts durchs düstere Haus schleicht. "Murder, She Said" (Alternativtitel) gehört für mich zu den wenigen Filmen meines intensiven Cineasten-Hobbys, die ich als perfekt umgesetzt bezeichnen würde. Schwachpunkte lassen sich von mir nicht ausfindig machen. Jede Kameraeinstellung, jeglicher Dialog, jede darstellerische Leistung, und der Gesamteindruck des Werkes an sich, fühlen sich rund an, in einem kurzweilig und keineswegs geistlos ausgefallenen Film. Und selbstverständlich sorgt auch der geniale Soundtrack für das gewisse Feeling, das einen immer wieder zu Miss Marples ersten Kriminalfall zurückkehren lässt. Dabei ist es egal ob man den Streifen im Originalton oder in der deutschen Synchronfassung sichtet. Beide Versionen sind vorzüglich ausgefallen. Und wer den Kriminalfall einmal doch in der ursprünglich von Christie gedachten Fassung sehen möchte, der kann zu dem 1987 erschienenen "16 Uhr 50 ab Paddington" greifen.


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2018/06/08

DIE SCHRECKENSKAMMER DES DR. THOSTI (The Black Sleep 1956 Reginald Le Borg)


Ein irrer Wissenschaftler nutzt ein Geheimmittel, welches einen Scheintod auslöst, um am menschlichen Gehirn zu forschen...


Im Geiste Ed Woods...

In "Die Schreckenskammer des Dr. Thosti" treffen etliche namhafte Darsteller des Horror-Genres aufeinander. Mit von der Partie sind John Carradine, Basil Rathbone, Lon Chaney Jr. und Bela Lugosi. Letztgenannter hatte erst ein Jahr zuvor und lange Zeit nachdem Hollywood nichts mehr mit dem damaligen "Dracula"-Star zu tun haben wollte, mit dem berühmten Trash-Filmer Edward D. Wood, Jr. "Die Rache des Würgers" abgedreht, ein Film weit unter dem künstlerischen Niveau angesiedelt, als es für den ehemaligen Theater-Mimen üblich war, aber eine Chance für den mittlerweile drogensüchtigen Mann, der nur noch begrenzt fähig war zu agieren. Mit dem hier besprochenen Werk von Reginald Le Borg, hat er eine nur minimalst professionellere Produktion erwischt, letztendlich ist seine Rolle aber ohnehin eine der unbedeutendsten des Streifens und langweilig noch dazu. Dennoch wirkt die zurückhaltende Darbietung Lugosis hier einen Deut würdevoller als in seiner comicartigen Rolle in besagtem Trashfilm.

Auch John Carradine ist hier bereits in die Kategorie "unwichtige Nebenrollen" abgedriftet, so wie er dies auch später in "Überfall im Wandschrank" und etlichen weiteren Produktionen als Vieldreher geblieben ist. Le Borg arbeitete bereits in "The Mummy's Ghost", der dritten von insgesamt vier Fortsetzungen von Karloffs "Die Mumie", mit Carradine zusammen, seine Rolle ist in "Dr. Cadman's Secret" (Alternativtitel) jedoch viel zu klamaukig ausgefallen, als dass sie zu wirken wüsste. Wenn er an der Seite des ehemaligen Catchers Tor Johnson, der ebenfalls in einigen Edward D. Wood,Jr.-Filmen mitwirkte, die Revolution gegen seinen Peiniger auslöst, dann hat das eher etwas von den "Three Stooges", wie "Gremlins"-Regisseur Joe Dante in einem Trailer-Kommentar einst so schön sagte, als von einer gefährlichen Bande geistig Gestörter, die für gruseliges Unbehagen sorgen sollen.

Aber wie bereits erwähnt ist "The Black Sleep" (Originaltitel) ohnehin nicht weit vom Niveau eines Filmes des legendären Billigfilmers Edward D. Wood, Jr. entfernt. Mag es ihm auch an den völlig dilettantischen Fehlern des Schnellabfilmers mangeln, die Geschichte ist ebenso unsinnig ausgefallen wie dessen Werke, auch wenn sie bereits vier Jahre zuvor Elemente des qualitativ überdurchschnittlichen "Augen ohne Gesicht" vorwegnimmt. Auch hier begeht ein Wissenschaftler Verbrechen an der Menschheit um per Operation einen liebgewonnenen Menschen zu retten. Le Borgs Film kommt jedoch weit naiver und unsinniger daher. Ihm ist keinesfalls ein ernstzunehmender, vergleichbarer Horrorbeitrag gelungen, aber ein unterhaltsamer durchaus. Nah orientiert an den weit uninspirierter umgesetzten Jess Franco-Filmen ähnlicher Thematik, gelingt es Le Borg im Gegensatz zu diesen das an sich bereits bekannte, da übliche Treiben dieser Art Film nicht einmal in die Nähe eines Langeweilegefühls zu bringen. Dies verhindert die flotte, wie charmante Umsetzung des Streifens, die trotz häufiger Dialoge den Film nicht mittels dieser in die Länge zieht, sondern im Gegenteil aufgrund dieser und dem richtigen Mix zusätzlicher Geschehnisse weiß Interesse für die eigentlich dünne Story zu wecken.

Während sich die Innenaufnahmen als Pappmaschee-Steinwände in schlichter Optik entpuppen und die Außenaufnahmen des Schlosses ihre Künstlichkeit zu keinem Zeitpunkt verbergen können, sind es im Gegenzug die wichtigsten Darsteller, welche die Leidenschaft Le Borgs zu diesem Projekt positiv zu unterstützen wissen. Während die meisten anderen eingekauften Stars aufgrund ihrer Unterforderung eher blass wirken, auch der recht ansehnlich minderbemittelt spielende Lon Chaney, Jr., den ich in "Der Wolfsmensch" als zu versteift empfand, spielt Basil Rathbone seine eigentlich völlig unsinnige Rolle derart respektabel, dass er damit einen guten Teil des Gesamtwerkes gestemmt bekommt. Aber auch Hauptakteur Herbert Rudley weiß seine schlichte Figur wirkungsreich genug zu verkörpern, ohne sich gleich ein Bein ausreißen zu müssen. Die interessanteste Nebenfigur ist schließlich der humorvoll angereicherte Odo, gespielt von Akim Tamiroff, die einzig wahre Konkurrenz Rathbones in diesem Grusler.

So ergibt sich am Ende ein Film, der sich letztendlich aufgrund seines Charmes und des Engagements der Crew vor und hinter der Kamera weit besser guckt, als er theoretisch ausgefallen ist. Erst gegen Ende kann die entstandene Sympathie nicht mehr gegen die dünnen Produktionsverhältnisse und gegen die Schwachpunkte der Geschichte ankämpfen, schaut sich der dominante Part der Ereignisse im Finale doch zu klamaukig ausgefallen und die eigentlich wichtigen Aspekte zu nebensächlich angegangen. Zu ereignislos wird auf die Schnelle ein Schluss gezaubert, der dem Restfilm nicht gerecht wird. Es ist schade, dass man sich nach der recht ordentlichen Vorbereitung auf die Finalereignisse nicht noch genügend Zeit genommen hat die Fäden etwas liebevoller zusammenzufügen. Der Schluss guckt sich weit mehr wie ein Ed Wood-Film, als der Reststreifen ohnehin schon. Aber selbst das zu hingeschluderte Ende ändert nichts am sympathischen Schundfilm-Feeling, welches "Die Schreckenskammer des Dr. Thosti" über seine restliche Laufzeit zu versprühen weiß.


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2018/06/03

2001 - ODYSSEE IM WELTRAUM (2001 - A Space Odyssey 1968 Stanley Kubrick)


Auf einem der Jupitermonde wird ein Monolith entdeckt, der nicht menschlichen Ursprungs ist. Als 18 Monate nach dessen Entdeckung eine Weltraum-Crew unterwegs ist um das Objekt näher zu erforschen, gibt es Probleme mit dem angeblich tadellos funktionierenden Computer HAL-9000...


Ein kosmisches Rätsel...

Ich traue mich kaum es zuzugeben, nach all den Jahren des Filmeguckens, auch intensiv im Science Fiction-Genre, habe ich mich erstmals an Stanley Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum" heran gewagt, jenes Stück Film, das als Meisterwerk und Mutter aller erwachsenen und philosophischen Filme besagten Genres zählt, so dass es eigentlich ein Unding ist, diesen das Medium stark beeinflussenden Film bislang vor sich hergeschoben zu haben. Ich wartete stets auf den richtigen Augenblick, wurde mir doch mitgeteilt wie langsam und wortkarg inszeniert Kubricks Beitrag zur Science Fiction ausgefallen wäre, zwischendurch geriet er mir immer wieder in Vergessenheit, und nun nach etlichen Jahren in meinem Besitz, habe ich diese wertvolle Lücke, die einem einen anderen Blick auf später entstandene Genre-Werke gibt, endlich gefüllt. Ich erwähne diesen Fakt eigentlich nur, um deutlich zu machen, dass ich mich in meinen Überlegungen zum Film noch am Anfang befinde und nicht den geschulten Blick der x-ten Sichtung besitze, wie manch anderer Filmfreund. Man möge also nicht all zu streng mit den spekulierenden Worten von mir umgehen, deren Überlegungen sicherlich weit hinter denen jener zurückliegen, die Kubricks vorausblickenden Film schon auswendig mitsprechen können.

Beeindruckt hat mich bereits der Mut zur ersten Einstellung. Ein in schwarz gehaltenes Bild, untermalt von einer wirksamen, dumpfen Geräuschkulisse, weckt Erwartungen - heutzutage wahrscheinlich mehr denn je, eilt der Ruf dem Film doch voraus und ist man bei einer Erstsichtung doch nun auf das kommende angeblich Großartige neugierig, was das lang anhaltende schwarze Bild hervorragend auszunutzen weiß. Zu epischer Musik erscheint im Vorspann glorreich eingebracht die Titeleinblendung, die reißerisch als Selbstbeweihräucherung wirken könnte, wenn sie nicht so unglaublich wirksam ausfallen würde und somit Respekt anstatt Spott aufgrund angeblicher Überheblichkeit erntet. Bereits kurz darauf beweist das Werk seine Demut, anstatt eine mögliche Überheblichkeit, so dass der Eindruck der Titeleinblendung nicht trügt, sondern lediglich einen emotionalen Effekt erzielen soll. Denn bevor der Film in die Zukunft der Menschheit einsteigt, wirft er einen Blick auf deren Ursprung, was nicht nur ähnlich gut zu funktionieren weiß wie der komplett auf diese Idee aufbauende "Am Anfang war das Feuer" und uns überraschend überzeugende Affenkostüme präsentiert, sondern auch Ehrfurcht vor den Anfängen der Menschheit und seiner ausgewogenen Position in der Natur zu vermitteln weiß, eben weil er einen Blick vor der Entdeckung des Feuers und anderer Errungenschaften wirft, einen Blick in dem wir fast noch mehr Affe als Mensch sind.

Diese Ehrfurcht, dieses Bewusstsein des Ursprungs, ging dem Menschen irgendwann fast gänzlich verloren, kein Wunder bei dem ehrlichen Blick, den Kubrick auf dessen gewaltbereite Natur wirft. Der Umgang mit dieser Thematik wird satirisch angegangen, was der Übergang vom Knochen auf das Raumschiff zeigt, der beides als Werkzeug, wie auch als Waffe symbolisiert, und uns nur weiterentwickelt innerhalb von Möglichkeiten zeigt, denen wir geistig nicht gewachsen sind. Wenn Kubrick die ersten beeindruckenden Weltraumaufnahmen der menschlichen technischen Errungenschaften mit klassischer Musik untermalt, tut er dies nicht willkürlich, auch hier spiegelt sich der Satiregehalt wieder, zeigt er uns doch eine Art kosmisches Ballett, Spielzeuge der Menschen, pervertiert gewachsen, Fremdkörper im natürlichen Raum, tanzend im All, trotz allem aber respektvoll anzusehen, allein schon weil die Tricktechnik nichts zu wünschen übrig lässt und Kubricks Film nie seines Entstehungsjahrzehnts entlarvt. Das besorgen leider Frisuren und Moden. Die Spezialeffekte sind jedoch bis kurz vor Schluss derart gelungen, dass es nichts zu meckern gibt. Nie sieht irgendetwas nach Miniatur aus. Man glaubt echte Aufnahmen tatsächlicher Maschinen zu sichten.

Interessanter Weise setzt Kubrick überhaupt nicht auf die von mir vermutete Deutung des für seine Technik zu unreifen Menschen, wie es zunächst scheint. Ganz im Gegenteil geht man rational, ohne kindische Streitereien an die Erforschung des Weltraumes heran. Und der inmitten von professionellen Schauspielern hervorragend agierende Schauspieler Keir Dullea, der erst relativ spät ins Geschehen tritt, weiß diese Sachlichkeit und Professionalität glaubwürdig zu verkörpern. Zwar wird ein gewisser dekadenter Luxus angedeutet, wenn Bowman Hal für seine Bequemlichkeit nutzt, um die ideale Liegeposition beim Abhören einer Videobotschaft einzunehmen, generell ist bei ihm aber so wenig von charakterlichem, wie moralischem Verfall zu erkennen, wie bei jedem anderen auch; ganz im Gegenteil wird anhand der Figur Bowmans recht detailliert innerhalb nervenzermürbender Spannungsmomente demonstriert, wie geduldig und rational ein Astronaut auch in Extremsituationen vorgehen muss, bei all der Langsamkeit im All. Da Kubrick realitätsbezogen auf Geräusche in den tiefen des Weltraums verzichtet, unterstützt die Stille diesen Spannungsbogen. Bei Szenen anderweitiger Schwerpunkte legt der Regisseur jedoch stets Musik über die eigentliche Stille.

"Journey Beyond the Stars" (Alternativtitel) ist sehr philosophisch und vielseitig interpretierbar erzählt, und dies nicht erst bei seinen finalen, wortlosen Ereignissen, die zu Beginn ein wenig an überholte Bildschirmschoner erinnern und die Geduld des Zuschauers, nicht nur aufgrund der einzig veralteten Spezialeffekte, etwas zu sehr auf die Probe stellen. Das verzerrte Bild bietet im Laufe der Zeit Parallelen zu den Aufnahmen vor der Menschwerdung, danach wirft Bowman stets einen Blick auf einen weiter in der Zukunft lebenden Bowman. Alles wird nur angedeutet, alles bleibt Spekulation. Vereinen sich Zukunft und Vergangenheit aufgrund nur eines existierenden Monolithen? Steht Bowman symbolisch Pate für die komplette Menschheit oder geht es um ihn als Individuum? Aber was hat der Blick in dieses sterile Heim zu bedeuten? Ist der Astronaut doch irgendwann nach Hause gekommen? Befruchtet seine Reise erst das Menschsein? Und geht es dann im Raum-Zeit-Paradoxum überhaupt um eine fremde Intelligenz? Oder ist sie ein Zufall im kosmischen Spiel ohne fremde Herkunft des Monolithen? Man liest es heraus, aus den Schlussgeschehnissen werde ich (noch) nicht schlau, sie lassen sich in zu viele Richtungen deuten.

Wesentlich interessanter fand ich beim ersten Sichten aber ohnehin den weit weniger eindeutigen Handlungsverlauf um Computer HAL-9000, als es zunächst scheint, so viele Interpretationsmöglichkeiten wie dieser offen legt. Da Hal auf das Imitieren menschlicher Emotionen programmiert ist und scheinbar die menschliche Psyche als selbstlernende künstliche Intelligenz untersucht, bleiben Zweifel daran bestehen, ob nicht doch nur menschliches Versagen der Grund für die angeblichen Systemfehler des angeblich unfehlbaren Computers ist. Vielleicht funktioniert Hal nach wie vor tadellos und muss aufgrund seines Mehrwissens handeln wie er es tut. Erst seine letzten Bewusstseinsminuten sprechen dagegen, aber auch hier könnten Taktik und Manipulation nur ein rationaler Weg sein Herr über das Gelingen der Mission zu erlangen. Auch ein Empfangen der entfernten Signale des Monolithen sind denkbar, oder weitreichende, uns nicht begreiflich werdende, Schlussfolgerungen aufgrund Hals Mehrwissen als die Crew und seiner Fähigkeit schneller und intensiver als ein Mensch denken zu können. Es macht Spaß über die verschiedenen Möglichkeiten zu spekulieren, auch über die naheliegenden Gegenmöglichkeiten eines kranken, sich selbst überschätzenden Systems. Das Anregende des letztgenannten Gedanken wird bereits durch die Betonung Hals Stimme verspielt geweckt, und das rote Auge der Maschine lässt Kubrick tatsächlich wie eine mal niedliche, mal bedrohliche Mimik wirken. Ich habe keine Ahnung wie er das geschafft hat.

Wie auch immer man "2001 - A Space Odyssey" (Originaltitel) auslegt und interpretiert, was auch immer man in ihm zu entdecken glaubt, oder welche Denkanstöße er auch immer in einem auslösen mag, so oder so ist der Film meiner Meinung nach zu recht ein gefeierter Meilenstein der Kinogeschichte, so konsequent und durchdacht wie er auf vielerlei Ebenen zu funktionieren weiß, auch in oberflächlich scheinenden Elementen, wie z.B. dem Weitblick beim Funktionieren zukünftiger Elektronik, oder dem konsequenten Gedanken, dass es in der Schwerelosigkeit nicht einzig ein Unten geben muss, an dem sich räumlich ein von Menschenhand gebautes Objekt für die Raumfahrt orientieren muss. Es sind diese scheinbaren Nebensächlichkeiten, die gut überlegt sind, aber auch sie sind nur Teil eines professionellen Ganzen, an dem lange Zeit mit Hilfe von Experten herumgebastelt wurde. Das sieht man dem fertigen Werk an, dem man aufgrund des geistig ebenso vorzüglichen Ergebnisses tatsächlich nur jenen Respekt innerhalb der cineastischen Geschichte entgegenbringen kann, den auch die Affensequenz bezüglich der Natur und der menschlichen Ursprünge zu vermitteln weiß.


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