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02.10.2016

TUSK (2014)

Der Aufhänger des Films klingt nach hartem Tobak, und so könnte man fälschlicher Weise vermuten „Tusk“ wäre eine Horror-Komödie oder würde in der Modewelle des Trashfilms mitschwimmen. Aber beides trifft nicht zu. „Tusk“ ist bizarr, „Tusk“ ist grotesk, humoristisch genug um ihn als Komödie zu sehen ist er jedoch nur zu Beginn in der Figur des Podcasters, eben weil dieser eine flinke Zunge besitzt und keine moralischen Grenzen zu kennen scheint. Aufgrund letztgenannter Eigenschaft kommt aber selbst dieser humoristische Aspekt recht bitter daher, lässt den Film aber dennoch recht locker flockig beginnen. Flotte Sprüche und freches Fehlverhalten wechseln sich ab oder paaren sich, so dass der Zuschauer mit Vorkenntnissen der Geschichte sich im Glauben bestärkt fühlt, es ginge immer so humoristisch weiter.

Doch weit gefehlt, „Tusk“ wird eine bittere Extremerfahrung für den zartbesaiteten Zuschauer, zumindest wenn er Filme wie „Blutgericht in Texas“ und „Calvaire - Tortur des Wahnsinns" nicht kennt, lenkt der ungewöhnliche Aufhänger von „Tusk“ den Kenner des Genres doch nicht davon ab, dass wir eigentlich lediglich der x-ten Version der Geschichte um einer von einem Wahnsinnigen festgehaltenen Person beiwohnen, was nun wahrlich nichts Neues im Horrorfilmbereich ist. Neu ist lediglich, dass der Stammzuschauer zunächst nicht vermutet einen solchen Film zu sichten, eben weil der Streifen so entspannt und humoristisch beginnt. Anders als in den meist anderen Werken dieser Thematik ist zudem die Konsequenz dessen was geschieht extremer, denn die Taten des Psychopathen neigen sich nur selten so stark der Vollendung dessen kranker Pläne, wie es in „Tusk“ der Fall ist.

Von daher lenkt die schräge Walross-Grundidee ein wenig von der tatsächlich vorhandenen Banalität ab. „Tusk“ ist anders und doch recht gewöhnlich ausgefallen. Die verrückte Grundidee birgt weitere mit ihr einhergehende skurrile Zusatzideen, dennoch bleibt die Geschichte an sich doch seinen Vorbildern arg treu. Während der aufgeschlossene Gelegenheitsgucker des Horror-Genres sicherlich die Leiden des Helden auf intensivere Art miterlebt, so wie auch „The Human Centipede“ dazu einlädt, schaut sich „Tusk“ für den erfahrenen Horror-Zuschauer jedoch nicht extrem beklemmend und unangenehm, zumindest nicht so stark wie meine vorhin geäußerte Formulierung Extremerfahrung suggeriert. Immerhin bleibt mit der Figur des erst spät in die Geschichte stoßenden Ermittlers und der ohnehin grotesken Grundidee immer eine Spur Resthumor zur Auflockerung der Verhältnisse enthalten, was dafür sorgt dass trotz der drastischen Bilder die man zu sehen kriegt man eher einer flotten, entspannten Geschichte beiwohnt als der Tortur eines „Calvaire“.

„Tusk“ ist anders und ist es doch wieder nicht. Er lockt mit etwas Neuem um Altbekanntes im neuen Gewand zu bieten, angereichert mit provokanten Eigenschaften und Erweiterungen der bislang gesetzten Regeln. „Tusk“ ist weder Partykracher, noch wird er mit seinen Neuerungen zum neuen Meilenstein an den sich künftige Werke messen müssen. Dank einer guten Grundstimmung und einer begrüßenswert gut ausgewählten Besetzung, in der jeder zu überzeugen weiß, ist Kevin Smiths Horrorbeitrag aber zumindest gut gourtierbar.

Hatte der gute Mann 3 Jahre zuvor noch mit „Zack and Miri Make a Porno“ aus einer gewagten Idee völlig überraschend und untypisch für den Regisseur Mainstream abgeliefert, so passiert ihm dies bei „Tusk“ trotz der gewöhnlicheren Ebene als vermutet nicht. Sein Film ist ungewöhnlich genug um zu locken und ungewöhnlich genug um bis zum Schluss die Neugierde aufrecht zu erhalten. Mittendrin ist er allerdings unerwartet banal, um es einmal sehr streng auszudrücken.

Dass ich mit dieser Äußerung nicht wirklich übertreibe, zeigt sich in der Psychologie des Bösewichts, der zwar stets gewollt pseudo-philosophisch über die Menschheit herzieht (eine wundervolle Idee), dabei aber nicht zum Nachdenken anregt oder Gut und Böse vermischt oder gar vertauscht. Innen verbirgt sich nichts was es Außen nicht zu entdecken gibt. Die Psychologie bleibt banal. Wo andere Filme aus dem Opfer und mit ihm aus der kompletten Gattung Mensch das Monster machen und aus dem Vorleben des Psychopathen das Opfer, da bleibt „Tusk“ trotz diesbezüglich möglicher Grundlagen der äußeren, oberflächlichen Linie treu. Zu grotesk ist die Weltsicht des Seemanns und zu bizarr seine Vorgeschichte, als dass man sich in sie einfühlen könnte, um das Leid dahinter zu verstehen. Dies klingt lediglich kurz in den sehr direkten Worten über seine Kindheit im Heim an. Alles was auf See folgen soll, sprengt den empathischen Rahmen und lässt es nicht zu, dass „Tusk“ psychologische Tiefe erlangt.

Damit bleibt das Opfer Opfer und der Täter Täter, ganz schlicht gehalten, was erneut eine untypische Eigenschaft in einem sonst überraschend typischen Film ist. Da Kevin Smiths Werk aber nie den Eindruck macht den von mir vermissten Aspekt zu wollen, geht das auch in Ordnung. Mehr noch, dieser Verzicht wirkt sogar gewagt in einer Welt, in der jeder Cineast geil drauf ist die Tiefen eines Filmes analytisch herauszufischen und in einer Review intellektuell angehaucht zur Diskussion zu stellen. „Tusk“ ist flach und steht dazu, und gewinnt damit ironischer Weise mehr Tiefe als vermutet.

Das ist so bizarr wie der Film selbst, mag vielleicht sogar raffiniert sein, sofern es beabsichtigt ist, immerhin zeigt der Film an vielen Stellen auf, dass er keinesfalls geistfrei umgesetzt ist. Allerdings ist der Effekt des Tiefegewinns durch psychologische Oberflächlichkeit nun kein nennenswerter Eckpfeiler, der das Genre zukünftig verändern wird. Somit bekommt diese ungewöhnliche Eigenschaft damit eine direkte Verwandschaft zur grotesken Grundidee der Geschichte: sie ändert nichts daran, dass „Tusk“ überraschend gewöhnlich ausgefallen ist - zumindest für einen Film um einen Mann, der in ein Walross verwandelt wird.  OFDb

Nachtrag:

Beim zweiten Gucken hat mir "Tusk" wesentlich besser gefallen, konnte ich mich doch mehr auf die leisen Töne konzentrieren, und die haben es in sich. Eine tolle Kameraführung, eine wesentlich gewitztere Psychologie als nach dem ersten Gucken bemerkt und jede noch so kleine Rolle so hervorragend besetzt, dass selbst jede kleinste Szene großartig gemeistert wurde, kurzum: was der Geschichte an mancher Stelle an Innovation fehlt, macht der Film durch Professionalität und treffsicherem Augenzwinkern wieder wett.

16.07.2012

ZACK AND MIRI MAKE A PORNO (2008)

Zack und Miri leben zusammen in einer Wohngemeinschaft und sind Freunde seit der Grundschule. Da sie ihre Schulden nicht bezahlen können, beschließen sie einen Pornofilm zu drehen und entdecken dabei die Gefühle zueinander...

Kevin Smith Make Mainstream...
 
Da ich zur Zeit mit Vergnügen Filme mit Seth Rogen sichte, im Zuge dessen auch den beim ersten Gucken für mittelmäßig befundenen „Beim ersten Mal“ eine zweite Chance gab, der sich dann doch als toller Film entpuppte, kamen so einige Leute an mich herangetreten und empfahlen mir „Zack and Miri Make a Porno“, der sei besonders gut. Manch einer betitelte ihn gar als den bislang besten Streifen mit Rogen. Da er die Thematik eines Pornofilmdrehs mit einer romantischen Komödie mischen sollte, war ich auch recht neugierig und guter Dinge. Doch nun nach Sichten des Streifens weiß ich wirklich nicht, warum so oft so gut über diese Komödie geurteilt wird.

Die ersten 10 - 15 Minuten nerven komplett mit krampfhaft aufgedrückten, teilweise infantilen bis überraschend konservativen Sprachprovokationen, wobei Variationen des Wortes Ficken mit am meisten verwendet werden. Nichtsdestotrotz kann man sich recht schnell mit den Hauptfiguren identifizieren, teilweise sogar Sympathie zu ihnen aufbauen, und, man soll es nicht meinen, spätestens wenn es zur Planung eines Pornofilmes kommt steigt auch das Niveau des Streifens. Warum die beiden Helden diesen Weg an Geld zu kommen für den besten halten, wird zwar nicht ganz klar, aber realitätsorientiert ist der Streifen ohnehin nicht erzählt, dafür arbeitet er situativ dann doch zu überzogen. Die Hauptfiguren hingegen bleiben greifbar, während sie, je mehr der Film voranschreitet, von immer mehr Comicfiguren umgeben sind, deren schräge Besonderheiten gerne auf die Spitze getrieben werden.

Leider ist „Zack and Miri Make a Porno“ viel zu ideenarm erzählt, verweigert sich nennenswerter Pointen und geglückter Witzchen und leider auch einer innovativen Geschichte. Brav spult er das übliche Muster der so beliebten romantischen Komödien ab, mit der Thematik ein wenig blendend dies nicht zu tun. Mögen direkte Worte und das Grundthema auch frech und provokativ wirken, der Kern des Filmes ist konservativ und sein Verlauf recht bieder.

Ich selbst konsumiere die modern als RomComs bezeichneten Filme gerne, somit hätte „Zack and Miri Make a Porno“ mit Abstrichen bei mir dennoch funktionieren können. Aber leider will trotz der niedlichen Miri und eines sympathischen, wenn auch recht blass spielenden, Seth Rogen die Romantik kein bisschen übersprudeln. So sehr ich auch mit der Idee sympathisiere, dass die beiden die Liebe zueinander ausgerechnet während ihres ersten Aktes vor der Kamera entdecken, die Szene funktioniert nicht. Geradezu euphorisch legt Smith die mitreißen wollende Musik über diese Szene, aber sie bleibt zu unterkühlt und gewollt und steckte mich nicht an.

Inhaltlich mit einem Provo-Thema so blendend und doch fast so brav wie ein ebenfalls im anzüglichen Milieu spielender „Pretty Woman“ und „Taschengeld“, konnte der Streifen die Gefühlswelt dieser arg biederen Vergleichsfilme so gar nicht treffen, so dass sie tatsächlich die weit besseren Komödien geworden sind, und das obwohl „Zack and Miri Make a Porno“ im Gegensatz zu diesen gerne unverkrampft und locker wäre. Oberflächlich betrachtet ist er dies sogar, aber der brave vorhersehbare Verlauf der Geschichte beweist das Gegenteil.

Guten Werken mit Rogen wie „Ananas Express“ und „Shopping-Center King“ ging es nicht anders. Auch sie waren in der oberflächlichen Handlung vorhersehbar und innovationsfrei. Aber auf die speziellen jeweiligen Situationen der Streifen traf das nie zu. Da wurde mit Erwartungen von Durchschnittswaren gespielt, Filmtabus wurden gebrochen und es wurde mal albern und mal niveauvoller gewitzelt. Smiths Streifen ist gerade diesbezüglich eine Gähnnummer. Fans dieses Regisseurs, der spätestens mit dem provokanten „Dogma“ auf sich aufmerksam machte, werden es ebenso kaum fassen können: pointen- und provokationsarm, das ist nicht der Kevin Smith den sie kennen. Erwachsener ist sein neuer Stil auch nicht. Also was soll der Mist?

Auf ganz flacher Ebene weiß „Zack and Miri Make a Porno“ gerade noch zu funktionieren. Aber da muss man sich schon mit wenig zufrieden geben, um am Ende von einer geglückten Unterhaltung zu sprechen. Der Film plätschert überraschungsarm vor sich hin, wird gegen Ende noch einmal besonders schlecht, wenn er das Finale völlig unnötig drei Monate später spielen lässt und ständig den Versuch unternimmt überraschende Wendungen mittels Missverständnissen zu präsentieren, die so vorhersehbar sind wie die Handlung des kompletten Streifens. Das hätte noch funktioniert, wenn Rogen mal wieder den Kiffer gespielt hätte. Ein dröger Kopf wäre sicher überrascht was das Finale für Neubetrachtungen eines bislang geglaubten Zustandes bereit hält, ein klarer Kopf jedoch nicht.

Es ist schade um die eigentlich so sympathische Idee, und noch mehr schade ist es um diesen wundervollen Filmtitel. Außerdem ist es schade um die Haltung der verantwortlichen Personen Pornos gegenüber. Weder sie noch die Umgebung und Umstände unter denen sie entstehen werden dämonisiert. Das Thema wird geradezu menschlich angegangen. Inhaltlich verharmlost wird auch nichts, wenn doch recht offen über Analsex gesprochen wird, der heutzutage zu fast jedem Pornofilm dazu zu gehören scheint. Aber das allein reicht nicht um sich von gängigen Romantikkomödien zu unterscheiden oder gar distanzieren zu wollen. Wahrscheinlich reicht dies nicht einmal im sex- und genitalfeindlichen Amerika. Dem hat „Shopping-Center King“ mit nur einer Szene viel mehr den Stinkefinger gezeigt, als es der komplette hier besprochene Streifen je könnte.  OFDb