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20.03.2022

YOUTH IN REVOLT (2009)

Michael Cera greift sich gern interessante Rollen, die etwas Ausgeflipptes in ernst zu nehmenden, humoristischen Stoffen, beinhalten. So klingt es auch in "Youth in Revolt", und umso mehr darf man überrascht sein, dass die neue Persönlichkeit, die der Held des Streifens über sich selbst erfindet, um den Aufgaben gewachsen zu sein, die er erfüllen muss, doch relativ zurückhaltend präsentiert wird. Sowohl äußerlich lediglich durch einen Schnurrbart und leichten Zuhälterzügen in Szene gesetzt, als auch im eher zurückhaltenden Spiel Ceras, wird kein lauter Schurke aus dem überforderten, an sich stets braven Teenager. Dementsprechend überrumpelt ist man von den extremen Taten der zweiten Persönlichkeit, die zwar nicht inflationär in ihrer Anzahl sind, die Geschichte aber stets entscheidend in eine andere Richtung lenken. Doch auch derart radikale Richtungswechsel erleben eine relativ bodenständige und zurückhaltende Erzählung, so dass der Stoff zwar lobenswert unaufgeregt daher kommt, während er sich trotz seiner Übertreibungen ernsthaft mit der Lebenswelt von Teenagern befasst, mir persönlich aufgrund der fehlenden Comicmentalität aber immer ein bisschen zu theoretisch vorkam. Ähnlich erging es mir mit der eigentlich recht süßen Romanze zwischen zwei interessant charakterisierten jungen Menschen. Ich konnte in deren Gefühlswelt nicht wirklich aufgehen, folgte der Geschichte zwar interessiert, aber immer zu theoretisch und damit außen vor. Das ist mein Problem und nicht das des Filmes, so dass es durchaus sein kann, das jemand mit diesem ungewöhnlich für einen ungewöhnlichen Stoff umgesetzten Spektakel mehr anfangen kann als ich. Dann bekommt man ein besonderes Seherlebnis beschert. Das denke ich mir zumindest, da "Youth in Revolt" in seiner auf mich distanziert wirkenden Art trotzdem noch genügend Sympathie und Wirkung besaß, dass ich ihn zumindest kurzweilig fand und er stets die Neugierde bei mir aufrecht erhielt, wie es wohl weiter gehen mag. Passend zur Konsequenz die Geschichte stilistisch und inhaltlich anders zu erzählen, als man erwartet, kommt auch der Schluss daher, und weiß dementsprechend zu gefallen, selbst dann wenn die Romantik, wie in meinem Falle, stets zu nüchtern vorgetragen vor sich hin dümpelte.  OFDb

23.11.2019

THE DEAD DON'T DIE (2019)

Wenn man hört, dass sich Jim Jarmusch, seines Zeichens eher im Gebiet des Arthouse unterwegs, an einen Zombiefilm versucht, dann wird man neugierig, fragt man sich doch was wer Geistreiches wie er, der gern zu stiller Komik greift, dem überlaufenen Sub-Genre Neues bieten kann, ist es doch ohnehin häufig Zielobjekt motivierter Autoren und Regisseure und somit nicht arm an Gesellschaftskritik und kreativen Variationen. Nach dem Vampirfilm "Only Lovers Left Alive" sind also nun die Zombies dran. Jarmuschs anderen Versuch aus dem Horrorbereich kenne ich nicht, ich kenne ohnehin bislang nur "Broken Flowers" und "Down By Law", die mir beide gut gefallen haben, stelle aber bereits anhand mit Kenntnis dieser fest, dass "The Dead Don't Die" etwas zu bemüht, wenn nicht sogar zu bequem, den typisch reduzierten Stil des Regisseurs verwendet. Die hier gezeigten Geschehnisse sind derart zurückgeschraubt worden, dass der Film weit gehaltloser daher kommt, als man es zuvor vermutet hätte. Pseudo-subtil wird alles mit dem Holzhammer präsentiert, jegliche Gelassenheit der Protagonisten, jedes Augenzwinkern, jedes Verbeugen vor den Vorbildern, jedes Andersseinwollen als der Mainstream. Das kommt alles derart verkrampft gekünstelt daher, dass man geradezu erschlagen wird von der Passivität, die der Streifen ausstrahlt.

Zunächst genießt man den ruhigen Stil noch, sowie die Anspielungen an Ignoranzen unserer Zeit. Im Laufe der Zeit bemerkt man jedoch, dass Jarmusch auf nichts weiter hinaus will, nichts versteckt oder offen thematisiert, was nicht längst schon einige andere Zombiefilme verarbeiteten. Da es an subtilem Humor ruhig noch einige Schippen mehr hätte geben können, verkommt das trostlose Treiben somit recht schnell zu Langeweile, anstatt zu einer Herausforderung des Publikums an einen mainstream-feindlichen, alternativen  Erzählstil, der einem zeigt zu was Kino sonst noch in der Lage ist. Metaebene durchbrechende Witzigkeiten fügen sich nicht dem Rest, die Geschichte läuft auf ihr vorhersehbares Ende hinaus, Bill Murray spielt mit halber Backe, und tolle Ideen, wie wiederkehrende Wortspiele, kann man an einer Hand abzählen. Der Witzversuch mit dem immergleichen Song, auf den man überall trifft, will nicht bis zum Schluss funktionieren, und dem Zombie-Genre an sich bietet "The Dead Don't Die" nichts, was es nicht schon zuvor gegeben hätte, sei es im humoristischen, als auch im Horrorbereich. Das ist schon schade, zumal Jarmusch endlich mal wieder Untote dem Erdboden entsteigen lässt, eine Zutat, die mittlerweile all zu selten die Zombiefilme heimsucht. Manch schöne Aufnahmen wie diese wissen kurzfristig zu versöhnen, ebenso das Verwenden der schleichenden Gattung Zombie, insgesamt gibt es jedoch nichts Positives zu berichten, was den kompletten Film halbwegs gerettet bekommt. Man weiß was Jarmusch will, man weiß was er ansonsten abliefert, letztendlich bekommt man jedoch das Gefühl, der Regisseur habe zwanghaft im gewohnten Stil gearbeitet, so als sei es seine Pflicht sein Stammpublikum auf diese Art zu bedienen. Was bei "Down By Law" frisch und entspannt jenseits dem Mainstream funktionierte, wirkt hier nur dröge und gewollt. Mit solch einem mauen Ergebnis habe ich so gar nicht gerechnet.  OFDb

02.11.2018

GESCHICHTEN AUS DER SCHATTENWELT (1990)

Sechs Jahre nachdem die Serie "Geschichten aus der Schattenwelt" startete, drehte John Harrison die Spielfilmvariante davon, die ebenfalls diverse Horrorepisoden beinhaltete. Zusammengehalten werden sie durch die Rahmenhandlung eines von einer Hexe gefangengehaltenen Jungen, der die drei Hauptgeschichten aus einem Buch vorliest. Sicherlich darf man sich fragen, ob ein solches Vorhaben Sinn macht, wenn bereits die TV-Serie nicht miteinander verbundene Horrorgeschichten präsentiert, aber vielleicht lag der Reiz im finanziellen Umfeld. Ich kenne die Serie nicht, auf welcher der hier besprochene Film beruht, aber an Geld für tolle Spezialeffekte schien es nicht zu mangeln, lassen diese doch nichts zu wünschen übrig. Mit John Harrison hatte man zudem jemanden für die Regie verpflichtet, der innerhalb der Serie bereits mehrfach tätig war, und sein Gespür für Stil ist es dann auch, der "Tales from the Darkside - The Movie" (Originaltitel) so wundervoll funktionieren lässt.

Denn auch mir als jemand, der sich mit Episodenfilmen ein wenig schwer tut, hat dieser Ausflug in harmlose, kleine Horrorideen durchaus gemundet. Wahre Highlights präsentiert uns der Film nicht, aber alle drei Geschichten sind eine wunderbare Ablenkung von der grauen Realität. Der fast schon familiengerechte Touch wird nie zu extrem zelebriert, als dass das Ergebnis zu harmlos ausfallen würde. "Geschichten aus der Schattenwelt" schwankt zwischen blutleer, aber morbide. Seine Geschichten umweht ein düsterer Touch. Und schwarzhumorige Pointen weiß jede der vier Erzählstränge aufzuweisen. Wie bei einem Episodenfilm üblich fehlt jeder Geschichte eine entscheidende Zutat, und so kann jede von ihnen aufgrund ihrer begrenzten Spielzeit nicht sein volles Potential ausschöpfen. Um so verwunderter darf man darüber sein, dass die sich oft halb anfühlenden Erzählungen gelungen genug umgesetzt wurden, selbst dann, wenn sie wie in Geschichte Nummer 1, so gut wie keine eigenen Ideen aufweisen, die es nicht anderswo bereits gegeben hätte.

Der einzige wirkliche Schwachpunkt des Streifens liegt in der Rahmenhandlung, die zwar eingangs, wenn der Vorspann läuft, liebevoll und augenzwinkernd umgesetzt ist, mit der Auflösung der Identität der Frau und ihrer Pläne jedoch die letzte schöne Idee dieser Zwischensequenzen präsentiert, da von da an nur noch stur vorgelesen wird. Und auch die Schlusssequenz lässt Einfallsreichtum kläglich vermissen. Manch nette Pointe steckt zumindest in den Dialogen zwischen Kind und Hexe, und da die Sequenzen recht kurz ausgefallen sind, macht es die angenehm routinierte Qualität des Restfilmes auch nicht kaputt. Während die Mumiengeschichte trotz ihres Mangels an Innovationen verspielt und düster ausgefallen ist, besetzt mit Christian Slater und Steve Buscemi, ist es ausgerechnet sie, die zum Höhepunkt des Streifens wird, obwohl sie die banalste Geschichte erzählt. Der sehr interessant klingende Aufhänger der zweiten Geschichte, dass ein reicher Mann einen Auftragskiller engagiert um eine angebliche Killerkatze zu töten, wird leider nicht vollends genutzt (hier gefiel mir die Katzenhorror-Kurzgeschichte aus "Der Makler" besser), aber bis man erkennt, dass aus der hervorragenden Grundidee zu wenig herausgeholt wurde, lebt sie immerhin von ihrer hervorragenden Grundidee (von den tollen Settings, die jede der drei Geschichten zu bieten hat, einmal ganz zu schweigen).

Die letzte der drei Geschichten, besetzt mit der kurzfristig berühmteren Rae Dawn Chong, fängt sehr interessant an, konzentriert sich aber zu sehr auf die Schlusspointe, als dass sie im Mittelfeld mit den stimmigen zwei Geschichten zuvor mithalten könnte. Das Monster hat mir optisch wenig zugesagt, die Charakterzeichnung des Künstlers war mir nicht interessant genug angegangen, aber die Schlusspointe gibt der Geschichte recht, und ein stimmiger Einstieg, in einer dunklen Gasse spielend, ist besonders düster inszeniert. So hat jede der hier erzählten Geschichten ihre Schwachpunkte, aber das Restergebnis weiß zu gefallen, so dass "Geschichten aus der Schattenwelt - mehr als ein Film" (Alternativtitel) dem neugierigen Horror-Fan für zwischendurch trotzdem schmecken müsste. Immerhin bietet er solides Grundlagenprogramm, in welchem die inszenatorischen Aspekte mehr beachtet wurden als die Innovation der Geschichten. Wirklich schade ist es aber eigentlich nur um den Katzenhorror, den ich gern woanders noch einmal neuverfilmt sichten möchte, das volle Potential ausschöpfend, welches in ihm schlummerte.  OFDb

29.07.2018

GHOST WORLD (2001)

"Ghost World" ist auf trockene, recht lebensnahe Art erzählt, bietet einen komödiantischen, wie auch tragischen Blick auf ein Teenagerleben während des Prozesses der Selbstfindung, der angenehmer Weise mit dem Schließen des Filmes nicht erreicht, bzw. beendet, ist, sondern gerade erst tatsächlich von der besagten Person erkannt wird. Ohne manipulative Gefühlsduselei erzählt muss Enid erkennen, dass man nicht rein der Freundschaft wegen alles gleich gut, gleich schlecht und gleich interessant finden muss wie die wichtigsten Personen im nahen Umfeld. Was in der Jugend aufgrund gleicher Sichtweisen und Empfindungen zusammenschweißt, muss während des Reifeprozesses kritisch überprüft werden. Es ist nicht mehr wichtig was die Gruppe sagt. Das Individuum bildet sich stärker heraus, ein zunächst unangenehmes Gefühl der Neuorientierung baut sich auf, die Stützpfeiler des bislang gelebten Weltbildes driften auseinander, so dass das bisherige Sicherheitsgefühl ins Schwanken gerät. Die Welt ist doch anders als vermutet und wahrgenommen. Das Leben ist komplexer.

Was an sich jeder mündige und reife Mensch irgendwann erlebt hat, schaut sich in Zwigoffs eigens verfassten Film nicht nur aufgrund der Sachlichkeit, sprich der Nähe zur Realität, so angenehm, es ist die Liebeserklärung an die Sonderlinge, die das Werk lange Zeit vor dem Nerd-Hype, der spätestens mit "The Big Bang Theory" zelebriert wird, zu einem solch besonderen Erlebnis macht. Nerds waren vor der 00er Jahre ungeliebte Individuen. Platten sammeln, wie im Falle von Seymour, gehörte nicht gerade zu den akzeptierten Hobbys der oberflächlichen Gesellschaft, gerade wenn man es auf alte Scheiben zu von der Masse längst vergessenen Musikrichtungen abgesehen hat. Dementsprechend von der Mentalität her meilenweit von "High Fidelity" entfernt, zeigt uns Zwigoff die Annäherung einer Zynikerin und eines sozial Abgedrifteten, der es gewohnt ist zum Spott von Menschen zu werden, die ihn nicht verstehen. Enid sieht es als ihre Mission an, den liebenswerten Menschen hinter der äußeren wie innerlich ungewöhnlichen Fassade zurück ins Liebesleben zu schuppsen und entdeckt sich dabei selbst.

Während Thora Birch mit "American Beauty" und "The Hole" ihre ersten Erfolge bereits hinter sich hatte, ebenso wie Steve Buscemi mit "Fargo", gehörte Scarlett Johansson zur Erscheinungszeit von "Ghost World" noch nicht zu den Berühmtheiten. Auch Regisseur Terry Zwigoff feierte erst zwei Jahre später mit "Bad Santa" einen größeren Erfolg, und dieser Mix aus unentdeckten wie bereits frisch entdeckten Talenten ihres Faches, verleiht dem Streifen das besondere Etwas. Wo die Inszenierung absichtlich auf Distanz geht, da verleiht das professionelle Spiel der Akteure dem manchmal zu zurückhaltenden Film die nötige Klasse, während der Regisseur ihnen bei der Figurennähe hilft und das Ganze optisch und stylisch gekonnt aussehen lässt, ohne sich je einem Massenpublikum anzubiedern. Das würde schließlich auch im Widerspruch zur Botschaft des Streifens stehen.

Etwas mehr Zugang zu den Figuren hätte ich mir dennoch gewünscht. So gut mir das schlichte Treiben in "Ghost World" auch gefallen hat, die emotionale Distanz zu den Figuren war mir dennoch zu groß, um vollends in den mal mehr mal weniger aufwühlenden Momenten Enids aufgehen zu können. Zudem ist Buscemi derart extrem auf Sonderling getrimmt, dass es einem schwer fällt eine derart intensive Nähe und Sympathie zu ihm aufzubauen, wie sein Wesen es in Enid auslöst. Schade ist freilich auch, dass Johansson weit weniger Auftritte hat, als es zunächst scheint, aber das schadet dem Film nicht, ist dessen Geschichte in seinen scheinbaren Banalitäten dafür doch viel zu interessant ausgefallen, zumal sie weiß wann sie die Rolle der Rebecca benötigt und wann nicht. "Ghost World" ist durchdacht, reflektiert, kein Film für Träumer, aber ein Plädoyer für Sonderlinge. Der herrlich arrogante, von mangelnden Lebenserfahrungen geprägte, spöttische Teenagerblick entdeckt die Realität, in einem seiner schönsten Momente im hier besprochenen Werk deutlich thematisiert, wenn wir dem alten Mann an der Bushaltestelle ein letztes Mal begegnen. Es ist nicht immer alles so wie es scheint. Und so einfach wie aus einem selbstgerechten Teenagerblick heraus, ist ohnehin nichts in dieser vielschichtigen Welt.  OFDb

10.05.2018

THE BOSS BABY (2017)

DreamWorks fand ich immer die interessantere Alternative auf dem Markt der computeranimierten Zeichentrickfilme im Vergleich zu Pixar, deren Werken ich jedoch ebenso wenig abgeneigt war. Orientierten diese sich jedoch von je her mehr am typischen Disney-Stil einer Erzählung, herrschte in DreamWorks-Werken stets ein erwachsenerer und rebellischer Grundton, was sich deshalb nicht gegenseitig ausschloss, da man gegen die eingefahrene Erzählebene eines familienfreundlichen Animationfilmes rebellierte. Auch in Zeiten, in denen Pixar mit pseudo-reiferen Werken wie "Wall-E" große Aufmerksamkeit auf sich zog, präsentierte das Konkurrenzstudio mit "Drachenzähmen leicht gemacht" eine wesentlich unverkrampftere Variante aus dem zu fröhlich und kindlich gewordenen Standard des hart umkämpften Trickfilmmarktes auszubrechen. Mittlerweile sind interessante Stoffe rar gesät, das meiste kommt zu angepasst daher, soll besonders sanft und lieblich wirken, Innovation ist nicht mehr gefragt. Da wirkte die Idee von "The Boss Baby" doch erfrischend anders, so dass ich trotz der Ernüchterung, die sich seit einigen Jahren auf dem Animationssektor breit gemacht hat, mal wieder einen Blick in das damals so wundervolle Sub-Genre des Zeichentrickfilms warf.

Und was soll ich sagen? Auch "The Boss Bab" kann die massentauglich abgekurbelte Lethargie, in welcher sich die Trickfilm-Großproduktionen der USA befinden, nicht durchbrechen, besitzt die grundlegende Story zwar durchaus Potential, wird jedoch trotzdem nur der Standard aus diesem heraus gepresst, so dass sich selbst ein solch frisch wirkender Stoff schaut, als hätte man das alles schon etliche Male gesehen. Wie tief hätte man doch in die Eifersuchtsphase kindlichem Empfindens eintauchen können, um allein im Familienbereich dadurch eine interessante, im Emotionsbreich lebensnahe Story zu ernten? Und meine Güte, aber was bietet die herrlich schräge Idee eines Babys als BWLer doch für eine wunderbare Grundlage, um berechtigte Gesellschaftskritik am fragwürdigen, freiheitszerstörenden Treiben der Berufsgruppen um Kaufmänner, Banker und Unternehmensberater (und was es da sonst noch alles gibt, um Menschen ihrer beruflichen und finanziellen Existenz zu berauben) auszuüben. "The Boss Baby" signalisiert in beiden Bereichen das Erkennen dieser Themengebiete, indem es beide gelegentlich anstuppst, aber dann verlässt die Verantwortlichen der Story wieder der Mut und es wird wieder auf den unheimlich beliebten geistlosen, unkreativen und kritiklosen Standardkurs des Mainstreams umgeschwenkt, dabei noch weniger Tiefgang beweisend als es zumindest der eben erwähnte Roboterfilm der Konkurrenz seinerzeit gerade noch schaffte zu erreichen.

Zumindest mit Blick auf Regisseur Tom McGrath braucht das magere Ergebnis nicht zu überraschen, inszenierte er doch auch die "Madagascar"-Reihe, die neben "Happy Feet" doch die erste Welle weit weniger einfallsreicher Computeranimationsfilme auslöste, die schließlich im Standard um "Rio", "Hotel Transsilvanien" und Co mündete, und Werke wie "Rango", "Ralph reichts" "ParaNorman" und Co zu Ausnahmen im Meer der Erscheinungen machte (und selbst die erreichten meist nie ganz das Niveau eines "Antz", "Findet Nemo", "Die Unglaublichen", "Ice Age", "Shrek" und Co). Selbst sein recht sympathischer "Megamind" badete viel zu sehr im Mainstream, um mehr als seichte Unterhaltung aus der eigentlich so einfallsreichen Grundidee zu ernten. Da er jedoch nur an diversen "Madagascar"-Projekten am Drehbuch beteiligt war, kann es eigentlich nicht hauptsächlich an ihm liegen, dass ein solch interessant klingendes Projekt wie "The Boss Baby" im Sumpf an Mainstreamkrankheiten, wie zu viel Bravheit und Moral und ärgerlicher, da zu gewöhnlich und anbiedernd ausgefallener, Figurenzeichnungen (charakterlich und animationsbezogen), hängen bleibt. Mutlose Produzenten dürften ihn und die Autoren zu Auftragsarbeitern gemacht haben. Jeder andere Hintergrund würde zumindest noch mehr enttäuschen, als der Zustand der familienfreundlichen Zeichentrickfilme ohnehin schon auslöst. 

Wer alle von mir als mau bis schlecht bezeichneten Konkurrenzprodukte mochte, wird freilich auch mit "The Boss Baby" zufrieden sein, man erfüllt schließlich was der Allesfresser des Genres zu begehren wünscht. Aber für Cineasten mit einem gewissen Anspruch an Filmen ist das Werk, das ein Jahr später bereits mit einer Web-Serie fortgesetzt wurde, nur ein weiterer unbedeutender Beitrag ohne eigenes Gesicht in der Masse. Sicherlich kann man mal gelangweilt einen Blick riskieren, aber das zu überraschungsfreie Ergebnis holt einen nicht wirklich aus dieser Langeweile heraus.  OFDb

25.03.2018

FARGO (1996)

"Fargo" war das Werk mit welchem die Coen-Brüder berühmt werden sollten, und kaum ein Film könnte diesem Status gerechter werden als dieser liebevoll erzählte Kriminalfilm, der die Perspektive zwischen Täter und Opfer ständig wechselt, um den Rahmen grotesker Geschehnisse, ihrer Zusammenhänge und ihrer Vielfalt einen größeren Rahmen zu bescheren. Verlierertypen und Alltagsmenschen geben sich hier die Hand, bilden alle zusammen ein Sammelsurium griffiger Charaktere, egal wie klein die jeweilige Rolle auch ausgefallen sein mag, so dass jeder mit seinen Schrullen glänzt. Da kommt es mal zu hoch geschaukelten Situationen subtil in bitterbösem schwarzen Humor gekleidet und manchmal zu Banalitäten am Rande, die sich als geheimer Höhepunkt einer Szene herausstellen.

An "Fargo" stimmt einfach alles: das gemütliche Tempo trotz ereignisreicher Geschehnisse spiegelt das Alltagstreiben der wortkargen Durchschnittsbürger wieder. Die Schneelandschaft dominiert in wunderschönem Weiß, so dass die Kamera manch künstlerisch wertvolles Bild einer erbarmungslosen Region einzufangen weiß, welche in seiner Schönheit viel harmloser wirkt, als die bissige Kälte einen spüren lässt. Durch diese stampfen großartige Mimen, die wortkarge, treffsichere Dialoge aufsagen dürfen, für welche man die Regisseure und Autoren Coen umarmen möchte. Selten stand in einem Film um Blut und Verrat die Menschlichkeit derart im Raum. Hier mag man jeden, Schurken ebenso wie alltäglich gehaltene Helden, ohne dass sich dadurch das Gut/Böse-Bild verschieben würde.

"Fargo" ist ein schrulliges Werk, durch seinen dauerhaft durchgezogenen subtilen Humor weit mehr Komödie als Kriminalfilm oder Thriller, weitaus lustiger als dramatisch ausgefallen, und doch nie die Ursachen, Taten und Folgen verharmlosend, die angeblich auf wahren Begebenheiten beruhen sollen. "Fargo" guckt sich grotesk und authentisch zugleich, liefert überspitzte Situationen ebenso ab wie bodenständige Alltäglichkeiten, die irgendwo zwischen Langeweile und Glückseligkeit pendeln. Und das ist alles derart angenehm unterhaltsam eingefangen, dass mir die Geschichte fast schon egal war, so toll wie sich die Figurenzeichnung und ihr Interagieren untereinander schaut, so gern wie ich ihren kümmerlichen Dialogen beiwohne, die sicherlich auch einem Loriot Spaß gemacht hätten.

Dass das Ganze in dieser Andersartigkeit trotzdem zudem eine gute Geschichte mit interessanten Wendungen beschert bekommen hat, macht das Ergebnis um so reizvoller, so dass man "Fargo" wahrlich als Pflichtfilm für Cineasten bezeichnen muss, ein Geheim-Tipp ist er ja nun schon seit seiner Entstehungszeit nicht, so berühmt wie er zurecht beide Autoren machte. Nicht immer konnten die Coens an diesen Erfolg anschließen, maue wie sehenswerte Werke gaben sich immer wieder die Hand. An "Fargo" reicht meiner Meinung nach bislang kein weiterer Film der beiden heran, zu bemüht guckt sich mancher Nachfolger in seiner Andersartigkeit, zu sehr war man auf den grotesken Touch des Erfolges des hier besprochenen Werkes aus, zu sehr vernachlässigte man die Natürlichkeit des hier Gezeigten, ein gleichrangiger Aspekt, welcher dem grotesken Anteil überhaupt erst die nötige Grundlage bescherte. So bleibt "Fargo" auch inmitten der Vielzahl an Coen-Filmen eine einzigartige Besonderheit, die es in dieser Art so nicht noch einmal gab.  OFDb