Er kann es nicht zulassen, dass wer Unschuldiges sein Leben lassen muss, glaubt etwas erreichen zu können und wird in der letzten Phase dieses Krimi-Dramas auf bittere Art eines Besseren belehrt und muss die Konsequenzen tragen. Dies wirkt noch bitterer im Zusammenhang mit einer aufkeimenden Liebschaft, die darunter leidet. Dieser wichtige Rahmenaspekt spielt sich jedoch nie dominant ins Zentrum des hauptsächlich auf den Kriminalfall konzentrierenden Filmes und seiner politischen Auswirkungen. Das Zeitgefühl wird hervorragend eingefangen, oft weht ein authentischer Wind über dem Gezeigten, was mitunter an der natürlich wirkenden Besetzung liegt. Gesondert muss freilich Mario Adorf erwähnt werden, der in recht jungen Jahren bereits beweist wie talentiert er ist, wirkt sein unbeholfener, geistig überforderter Charakter doch nie zu stark zurückgeblieben, aber genügend um ihn und seine Motivation darin alles zu erzählen glaubwürdig erscheinen zu lassen. Robert Siodmak ist ein beeindruckendes Drama geglückt, welches fast sämtliche Klischees umschifft und sich auf jene Aspekte des Nazi-Regimes konzentriert, die relevant für die zu erzählende Geschichte sind. Damit wirkt sein Plädoyer für Freiheit und Gerechtigkeit weit ehrlicher als in vielen ideologisch überfrachteten Werken. OFDb
Von einem der daheim blieb, um die weiten Welten des Films zu entdecken...
Posts mit dem Label Werner Peters werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Werner Peters werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
19.09.2020
NACHTS, WENN DER TEUFEL KAM (1957)
Ähnlich wie in der brillanten Buchvorlage des filmisch missglückten "Vaterland" zeigt uns "Nachts, wenn der Teufel kam" keine Gesellschaft voll von klischeehafter Nazi-Monster, sondern normale Menschen innerhalb ihres Alltags, in dem es hauptsächlich nicht um die Ideologie der Machthaber geht, sondern um Alltäglichkeiten. Sie leben ihr Leben im Schatten des Nationalsozialismus, der auf diesem ehrlich gewählten Wege keineswegs verharmlost wird. Interessanter Weise besitzt der Film gerade darin auch seine erwähnenswerte Falle, denn unser Ermittler sucht seinen Serienkiller lediglich der Ambition seines Berufes und zum Schutz der Bürger wegen, hat also mit dem politischen Hintergrund persönlich nichts am Hut. Und genau dieser bricht plötzlich nach herausragender Arbeit hervor. Man mischt sich ein, verfälscht Wahrheiten um den Ruf des Nationalsozialismus zu wahren, und das missfällt dem Protagonisten, der somit nicht idealistisch zum Kämpfer gegen die Unterdrückung wird, sondern rein seiner Aufgabe der Aufklärung wegen.
02.01.2020
SCOTLAND YARD JAGT DR. MABUSE (1963)
Nachdem bislang jeder triviale Teil der 60er Jahre Mabuse-Reihe bei lockerer Herangehensweise zu unterhalten wusste, bekommt sie mit "Scotland Yard jagt Dr. Mabuse" erstmals einen Tiefpunkt beschert, keinen dessen Inhalt und Herangehensweise völlig uninteressant ausgefallen wäre, aber mit deutlicheren Schwächen versehen als zuvor - auch in der Inszenierung. Paul Mays maues Ergebnis kann man nicht einzig auf die offensichtlich vorhandene Geldknappheit zurück führen, die dem Film kaum tatsächliche Schauwerte bietet. Er setzt der mageren Chose zudem mit einer oft trägen Umsetzung noch eins drauf. Dialoge wirken wie aufgesagt, Walter Rilla mimt und spricht seinen Mabuse im Halbschlaf, ohne ihm dämonische Blicke zu gönnen, oft sitzen die Protagonisten lahm herum und redet trocken über Ereignisse und (viel zu schnell gewonnene) Erkenntnisse, die man auch auf flottere Art hätte einbringen können. Die jungen, weiblichen Figuren und der damit verbundene obligatorische romantische Part, sind nicht von Bedeutung für die Geschichte und dementsprechend auch austauschbar besetzt. Die Musik und der Plot mögen einen Teil der harten Welle suggerieren, "Dr. Mabuse vs. Scotland Yard" (Alternativtitel) kommt jedoch trotz gelegentlicher Schießereien zu brav für diese daher, oftmals sogar arg bieder anmutend, gerne dann wenn sich der Streifen äußerst locker gibt.
Um die Identität Mabuses wird diesmal kein Geheimnis gemacht, was ich für eine sinnvolle Entscheidung im x-ten Teil halte, von dem man damals sicher dachte, dass ihm noch etliche folgen würden. Leider agiert Mabuse jedoch ebenso offen vor seinen Untergebenen, sprich er ist nicht nur dem Zuschauer bekannt, er ist auch nicht mehr der anonyme, zu fürchtende Arbeitgeber. Oft wirkt er glatt wie ein Kumpel und fragt sogar in einer Szene einen Mitarbeiter nach einer Idee des weiteren Vorgehens. Nun gut, wir haben es ohnehin mit einem neuen Mabuse zu tun, der Irrenarzt aus dem Vorgänger "Das Testament des Dr. Mabuse" geht nun als dritter Kandidat heran die Herrschaft des Verbrechens zu errichten. Wie kurze Aufnahmen mit Wolfgang Preiss zeigen, ist er besessen vom toten Geist des zweiten Mabuse, dessen Kraft somit über seinen Tod hinaus reicht. Das beschert dem Film zusätzlich zur im Zentrum stehenden Erfindung einen übernatürlichen Touch. Scheinbar ist seine Macht vom Jenseits aus, die durch das Finale keine alternative Deutungsmöglichkeit erlaubt, nicht sonderlich stark, sonst würde der neue Mabuse wohl kaum eine Hypnosemaschine benötigen. Bislang konnte Mabuse die Leute noch höchst persönlich durch Gedankenkraft steuern, zumindest in den meisten Teil seit Langs Erstling von 1922.
Um Sinn und Unsinn braucht man gewohnter Maßen aber ohnehin nicht lamentieren. "Die scharlachrote Dschunke" (Alternativtitel) soll schlichtweg unterhaltsames Trivialkino sein, und mit weit herunter geschraubten Erwartungen geht das hier zu steril dargebotene Affentheater gerade noch in Ordnung. Schade ist es um die verheizte Besetzung, die mit Peter van Eyck, Klaus Kinski und Werner Peters (diesmal in einer Kommissarenrolle) besonders reizvoll ausgefallen ist. Der Drang sich erneut an der erfolgreicheren Wallace-Reihe zu bedienen fällt diesmal durch die Besetzung Kinskis auf, durch die Verlagerung der meisten Geschehnisse nach England und durch den erneuten Versuch Humor in die Reihe zu integrieren. Nachdem Eddi Arent-ähnliche Persönlichkeiten in den Vorgängern versagten, versuchte man es diesmal mit einer pseudo-sympathischen Mutter des ermittelnden Agenten. "Scotland Yard vs. Dr. Mabuse" (Alternativtitel) ist die Blaupause einer Blaupause und damit nur noch ganz treuen Fans der Reihe zu empfehlen. Zumindest kommt der Film nach einer etwas arg trägen ersten halben Stunde genug in Fahrt, um doch noch auf besonders schlichte Art unterhalten zu können. OFDb
Kategorien:
1960-1969,
annehmbar,
Bryan Edgar Wallace,
Deutschland,
Dieter Borsche,
Fantasy,
Filmbesprechung,
Klaus Kinski,
Kriminalfilm,
Peter van Eyck,
Science Fiction,
Thriller,
Werner Peters
30.12.2019
DIE UNSICHTBAREN KRALLEN DES DR. MABUSE (1962)
Ich weiß nicht ob 1962 zunächst "Die unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse" auf den Mark kam oder "Das Testament des Dr. Mabuse", ein Remake von Fritz Langs legendärem gleichnamigen Film, mit den Stamm-Stars der 60er Jahre-Reihe besetzt. Der Schluss des hier besprochenen Teils lässt vermuten, dass es ihn zuerst gab und Neuverfilmung und Fortsetzung zu eins werden. Das besäße einen skurrilen Reiz inmitten der herrlich wirr dargebotenen Reihe, ein Blick auf die nächsten Teile wird mir diesbezüglich Klarheit bescheren. Unabhängig davon ist in Harald Reinls zweiter Regie-Arbeit der Mabuse-Reihe noch mehr als im Vorgänger zu bemerken, dass die Rialto-Wallace-Reihe als finanziell stärkere Konkurrenz kopiert werden sollte. Nachdem Wallace-Regisseur Harald Reinl einen Teil zuvor Eintritt in die Welt des Mabuses fand, folgt ihm nun auch seine Ehefrau Karin Dor, die in einigen Werken der Konkurrenzreihe zu sehen war. Zudem spielen diverse Szenen in Schloss-artigen Gemäuern, ein weiteres Zugeständnis an das finanziell erfolgreichere Vorbild. Und als wäre dies an anbiedernden Nachahmungs-Versuchen nicht schon genug, stößt noch eine humoristische Nebenrolle, im Stile der Eddi Arent-Figuren aus dem Wallace-Universum, hinzu: der Kriminalbeamte Hase, gespielt von Walo Lüönd.
Es ist dem immer wahnwitziger werdenden, aber auch bekanntem Muster der Mabuse-Filme zu verdanken, dass "The Invisible Claws of Dr. Mabuse" (Alternativtitel) nicht nur eine lächerliche Kopie eines Wallace-Filmes wurde. Bekannte Gesichter aus den Vorgängern kehren wieder (inklusive Werner Peters in einer erneut anderen Schurkenrolle), Elemente, wie die Herrschaft des Verbrechens, werden erneut verarbeitet, und mit der Unsichtbaren-Thematik hatte man einen übernatürlichen Spielraum parat, der in die Konkurrenzreihe thematisch nicht gepasst hätte. Im Mabuse-Universum hingegen war mittlerweile alles möglich, was dem scheinbar unsterblichen Superverbrecher beim Erreichen seiner Ziele half. Wieder erweist sich die Kopie des Original-Genies als Stümper, auch hier bleibt sich die Reihe unfreiwillig treu. Die Fehler, die Mabuse begeht, seine verpassten Chancen, seine Gutmütigkeit an falscher Stelle und sein arg leicht zu durchkreuzender Plan, nachdem er ihn unachtsam ausgeplaudert hat, all das hat nichts mehr mit den Taten eines Genies zu tun, aber das war der selbsternannte zweite Dr. Mabuse (ein sehr früher Fall von unredlicher Aneignung eines Doktortitels), der seit "Die 1000 Augen des Dr. Mabuse" die Filmwelt unsicher machte, ohnehin nie.
Ebenso wenig war Harald Reinl ein Künstler, wie es Fritz Lang, der Regisseur der ersten drei Mabuse-Filme, war. Zwar schaffte er es einen amüsanten, kurzweiligen Kriminalfilm mit Science Fiction-Einfluss umzusetzen, "The Invisible Dr. Mabuse" (Alternativtitel) ist wahrlich kein Langweiler, die Chance ein wenig mehr den Horrorbereich auszukosten, der immerhin cineastisch gesehen der Ursprung der Unsichtbaren-Thematik ist, nutzt er jedoch kaum. Kurz vor dem viel zu simplen Schluss weht ein kurzer Hauch Grusel-Feeling, wenn die Polizei mit ihren urigen Methoden als Konkurrenz zu Mabuses moderner Errungenschaft, auf der Lauer liegt. Ansonsten konzentriert man sich lediglich auf den klassischen Krimi-Stil seiner Zeit mit leichtem Humoreinfluss. Das Drehbuch, das die ersten Taten des Unsichtbaren mit einer überraschenden, arg naiv begründeten, Auflösung erklärt, lässt durch eben solche Einfälle ohnehin kaum Raum für wahre Bedrohlichkeiten. Um Nervenkitzel sollte es hier leider ohnehin nie gehen. Plumpe Schauwerte wurden für einen reißerischen Stoff eingesetzt, eine geradezu typische Geschichte der harten Welle wurde erzählt, und das Unsichtbaren-Thema damit eigentlich verschenkt. Da man in der Regel aber bereits vor der Sichtung weiß, dass hier nur Trivialunterhaltung geboten werden soll, und da Reinl diese auch kurzweilig und sympathisch zu bieten weiß, ist man dem Film um seine vertanen Chancen nicht wirklich bös. Wie könnte ich einen Film auch nicht mögen, in welchen Siegfried Lowitz eine solch große Rolle beschert bekommen hat? OFDb
Kategorien:
1960-1969,
Deutschland,
Filmbesprechung,
Harald Reinl,
Karin Dor,
Kriminalfilm,
Lex Barker,
Science Fiction,
Siegfried Lowitz,
unterhaltsam,
Werner Peters
IM STAHLNETZ DES DR. MABUSE (1961)
Nach drei Mabuse-Filmen Langs geht die Figur des Superverbrechers nun unter anderer Regie als direkter Konkurrent der erfolgreichen Wallace-Reihe in Serie, vom Unterhaltungswert her so leicht angelegt, wie der Vorgänger "Die 1000 Augen des Dr. Mabuse". Unter der Regie Reinls, der auch den Nachfolger "Die unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse" ein Jahr später inszenieren sollte, ist das Ganze nicht derart überzeugend umgesetzt wie der erste reine Trivialfilm um das Verbrechergenie. Über hypnotische Fähigkeiten braucht der wandlungsfähige Mabuse mittlerweile nicht mehr verfügen. Mit "Im Stahlnetz des Dr. Mabuse" beginnt die Spielerei um irre Erfindungen, die der Verbrecher zum Erlangen seiner Herrschaft nun von Film zu Film variiert einsetzt. Den Beginn macht eine synthetische Droge, die Menschen willenlos macht und quasi fremd-programmiert. Das macht zwar keinen Unterschied zur Hypnosekunst des Originals, aber um Sinn und Verstand geht es hier ohnehin nicht mehr, ist das Buch doch gespickt mit Unsinnigkeiten und Widersprüchen, ganz besonders im Verhalten Mabuses, dessen Identität wieder einmal erraten werden darf.
Dass er nicht mehr über die hochgradige Intelligenz des Täters der ersten beiden Filme "Dr. Mabuse, der Spieler" und "Das Testament des Dr. Mabuse" verfügt, braucht nicht zu verwundern, steckt hinter der Tarnidentität doch nicht ein ins Leben zurück gekehrter Dr. Mabuse, sondern jener Mann, der sich in "Die 1000 Augen des Dr. Mabuse" dessen Namen und Verbrechen entliehen hat und lediglich tot geglaubt war. Dass "The FBI vs. Dr. Mabuse" (Alternativtitel) auf ähnliche Weise endet wie der Vorgänger, gereicht ihm zum Vorteil, eben weil nun die eigentliche 60er Jahre-Reihe losgeht, und da spielt die Brauner-Produktion am Schluss mit offenen Karten, mittels einer Aufnahme einer Menschenmasse, um zu suggerieren, dass Mabuse, sofern er noch lebt, jeder von ihnen sein kann. Es ist dieser verspielte Ton, der auch die schwächere Variante des Stoffs noch immer unterhaltsam werden lässt. Zudem hat man die Idee aus "Das Testament des Dr. Mabuse" zurück entdeckt, dass der Verbrecher nicht offen mit seinen Kumpanen arbeitet, sondern wieder als Phantomchef fungiert, dessen Identität auch seinen Untergebenen nicht bekannt ist. Derartige Bezüge zu Langs Ideen wissen zu gefallen.
Lex Barker ist in Sachen Charisma nicht Peter van Eick, darunter leidet die obligatorische Liebesgeschichte. Aber zumindest weiß die Hauptrollen-Besetzung mit Gert Fröbe zu versöhnen, der diesmal nicht als Kommissar Krass, sondern stattdessen als Kommissar Lohmann unterwegs ist, jener Polizist, der in Langs zweitem Film den Fall löste. In eben dieser Rolle sollte Fröbe auch ein Jahr später in der Neuverfilmung "Das Testament des Dr. Mabuse" zurück kehren, also im selben Jahr, in welchem Reinl seine Fortsetzung zum hier besprochenen Teil nachreichte. "Im Stahlnetz des Dr. Mabuse" heißt auch Werner Peters aus dem Vorgänger wieder willkommen, in einer anderen Rolle besetzt, aber freilich zwielichtig wie eh und je charakterisiert. Dieser und andere Trümpfe lassen aus "Phantom Fiend" (Alternativtitel) ein unterhaltsames Vergnügen werden, dem es nicht an Tempo mangelt. Im Vergleich zum Vorgänger kommt der Film jedoch unausgegorener und unsinniger daher, und ihn mit einem der ersten beiden Lang-Mabuses zu vergleichen wäre lediglich unfair, will Reinl doch nichts weiter abliefern als unterhaltsames Trivial-Kino. OFDb
Kategorien:
1960-1969,
Deutschland,
Filmbesprechung,
Frankreich,
Gert Fröbe,
Harald Reinl,
Italien,
Kriminalfilm,
Lex Barker,
Science Fiction,
unterhaltsam,
Werner Peters
DIE 1000 AUGEN DES DR. MABUSE (1960)
Langs Rückkehr zurück nach Deutschland bescherte uns u.a. den dritten und letzten Teil seiner Mabuse-Trilogie, der, so unterhaltsam er auch sein mag, nicht mehr an die Klasse der beiden vorangegangenen Filme "Dr. Mabuse, der Spieler" und "Das Testament des Dr. Mabuse" heran reicht. Bargen die beiden Vorgänger hinter all der künstlerisch wertvollen Herangehensweise bereits den Bereich des Trivialfilms, so bricht er nun in Zeiten der harten Kinowelle Deutschlands unübersehbar hervor. Ob es eine im Kitsch endende Liebelei zwischen zwei wichtigen Figuren ist, die so dargeboten wird, dass sie nur in der Popkornkino-Realität zu überzeugen weiß, oder ob plump choreographierte Prügeleien stattfinden, selbst die Auflösungen am Schluss, die allerlei Wahrheiten über die Figuren freilegt, wirken derart übertrieben, dass man nicht mehr wirklich von einem bodenständigen Werk reden kann. Selbiger niveauloserer Umgang trifft auf den Namen Mabuse zu, der nun frei von einem Nachfolger benutzt werden kann, dessen einzige Legitimation darin besteht das Verwenden alter Pläne des Verbrecher-Genies zu nutzen. Er mag sich so gut tarnen und verwandeln können, wie das Original, er mag über eine Verbrecherorganisation verfügen, der wichtigste Punkt des echten Mabuse, fehlt ihm jedoch komplett: dessen überragende Intelligenz.
Da wir erst am Schluss erfahren wer er ist und erst dann auch auf seine Defizite stoßen, ist dieser Aspekt nicht so schlimm ausgefallen, schließlich konzentriert sich "Die 1000 Augen des Dr. Mabuse" hauptsächlich auf das Rätselraten wer denn nun Mabuse ist. Das interessierte mich persönlich nur halbwegs, da man auf der einen Seite schnell die richtige Vermutung hat, auf der anderen Seite einem das geglückte Drehbuch anderweitig stets an der Nase herum führt. Die Geschichte ist interessant verstrickt und verwoben erzählt, trumpft mit ebenso interessanten Figuren, so dass eine Dynamik ins Laufen gebracht wird, welche der Regisseur in der entspannt dargebotenen, sich rein dem Unterhaltungsfilm verpflichtenden Art, bis zum Schluss des Streifens aufrecht erhält. Hintersinnig in Bezug auf die Symbolik der vorangegangenen Teile fällt lediglich auf, dass der Täter nicht nur persönlich das Erbe Mabuses antritt, auch die Räumlichkeiten und Maschinerien die er nutzt sind ein Erbe. Sie sind das Erbe der Nazis, welche in Teil 1 gesät und in Teil 2 geerntet wurden, womit die versteckte Symbolik im letzten Teil der Trilogie nun ihr Ende findet. Sie hat keine tief gehende Bedeutung mehr, analytisch ist da wenig heraus zu holen, dennoch ist es schön mit anzusehen, dass innerhalb eines reinen Trivialfilms ein solcher Gedanke zu Ende gedacht wird.
Mag "The Shadow vs. the Thousand Eyes of Dr. Mabuse" (Alternativtitel) auch nicht mehr die Klasse der beiden Vorgänger besitzen, er ist dennoch ein sympathischer Abschluss, der unter der Regie anderer jedoch zum Startschuss einer trivialen Dr. Mabuse-Reihe wurde, welche der zeitgleich laufenden Rialto-Wallace-Reihe versuchte Konkurrenz zu machen. Kompatibel zu den Vorgängern erscheint im hier besprochenen Film die Besetzung des Kommissar Krass mit Gert Fröbe, der von der Statur und von seiner Art her wie ein Spiegelbild von Otto Wernicke erscheint, der in "Das Testament des Dr. Mabuse" Kommissar Lohmann spielte. Dementsprechend erfreut es, dass in der gleichnamigen Neuverfilmung von 1962 erneut Gert Fröbe für die Rolle des Gesetzeshüters engagiert wurde, freilich diesmal als Lohmann anstatt als Krass agierend. Da "Die 1000 Augen des Dr. Mabuse" sehr leichtfüßig inszeniert ist, weiß die zusätzliche Besetzung mit Peter van Eyck, Werner Peters, Dawn Addams und Wolfgang Preiss so sympathisch zu wirken, die sich alle kein Bein ausreißen müssen, um zu überzeugen, sondern rein von ihrem Charisma her wirken dürfen, auch wenn einige von ihnen mehr auf dem Kasten haben, als hier von ihnen gefordert wird. Wer nicht auf einen Abschluss gleicher Qualität hofft, der kann mit Langs Finale dieser Thematik gut unterhalten werden, ist die rätselhafte Geschichte doch flott und sympathisch umgesetzt, und badet der Film doch noch nicht in solch plumpen Gefilden, wie es die letzten Mabuse-Filme der 60er Jahre taten. OFDb
05.03.2017
DIE TÜR MIT DEN SIEBEN SCHLÖSSERN (1962)
In dem relativ frühen Beitrag der Rialto-Wallace-Reihe findet noch einiges anders statt als man es später mit dem Wachsen von Standards innerhalb der Serie gewohnt ist. So ermittelt Heinz Drache noch weit weniger konservativ und bekommt sogar eine erheiternde Note zu seinem Charakter zugeschrieben, wenn der Kommissar ständig nebenbei Zaubertricks zelebriert, sehr zum Neid seines tolpatschigen Assistenten Holms (!!!), gespielt von Eddi Arent. Auch die Inszenierung Alfred Vohrers kommt noch reichlich unverspielt daher und beschränkt sich auf einige wenige Gimmicks, wie seiner auch aus späteren Beiträgen bekannte optische Spielerei mit Lupen.
Zumindest das versteckte Maschinengewehr in einer Armprotese braucht sich nicht vor ähnlichen Spielereien, wie dem mit Waffen versehenen Rollstuhl in „Wartezimmer zum Jenseits“ (kein Wallace, aber ein Vohrer), verstecken. Aber da befinden wir uns schon am Ende des Streifens, und dies ist weit schräger ausgefallen als der komplette Restfilm, gesellen sich nun zu den Krimielementen mit der Anwesenheit eines verrückten Wissenschaftlers doch auch Elemente der Science Fiction hinzu, auch wenn man nie so ganz erklärt bekommt, welch ungewöhnliche Experimente der Durchgeknallte da eigentlich durchführt.
Zu gefallen weiß genau in diesem Punkt die verspielte Art des Streifens. Nicht nur dass im Geheimversteck des Mad Scientist Reagenzgläser und ähnliches geheimnisvoll wirkend vor sich hinkochen, immerhin an einem Ort an dem der Irre auch Gefangene nimmt, auch das Halten eines Gorillas in einer der Zellen sorgt für schräge Ambiente. Wenn der Gefangenen dann auch noch die Flucht gelingen kann, weil der Geisteskranke sein Ego gerade streichelt, indem er seinem Opfer erklärt wie genial er sich selber findet, dann haben wir endgültig den augenzwinkernden Bereich der Darstellung eines geistig entrückten Wissenschaftlers erreicht, das nur noch dadurch getoppt wird, dass der verrückte Mensch schließlich dadurch gestoppt werden kann, dass er mit der Tatsache konfrontiert wird, gar kein Wissenschaftler zu sein. Vohrer versteht es einen Wahnsinnigen wirklich verrückt erscheinen zu lassen.
In dem ansonsten relativ gewöhnlich laufenden Kriminalfall taucht als ungewöhnliches Element sonst noch ein monströser Glatzkopf auf, der eher wie ein Monster als wie ein Mensch agiert (was herrlich bescheuert kurz vor dem Finale erklärt wird). Obwohl mit Schürenberg, Arent und Drache auch humoristische Elemente mit ins Geschehen treten und mit besagter Wissenschaftsthematik auch augenzwinkernde, kann man „Die Tür mit den sieben Schlössern“ nicht wirklich als Krimi-Komödie bezeichnen. Das macht die trottelige Art mit welcher das kriminelle Ehepaar vorgeht, von welchem Werner Peters den männlichen Part übernimmt, um so merkwürdiger, ist deren tolpatschiges Verhalten doch ebenfalls maximal augenzwinkernd gemeint.
Wie auch immer, „The Door with Seven Locks“ (Alternativtitel) weiß als sympathisches Produkt seiner Reihe zu funktionieren, ohne dass Vohrers Beitrag ein früher Höhepunkt wäre. Etwas enttäuscht darf man über das frühe Ausscheiden Klaus Kinskis Rolle sein, zumal er mal wieder bravourös spielt. Die Geschichte selbst verläuft für solch ein simples Geschehen ziemlich wackelig, allein wie die weibliche Hauptrolle in das Geschehen integriert wird, und mit welchen Methoden die Verbrecher vorgehen, ist völlig unsinniger Natur, wird in einem verspielten Wallace-Krimi aber freilich nicht hinterfragt, da es zu den üblichen Spinnereien der Reihe gehört, die man als Fan nicht missen möchte. „Die Tür mit den 7 Schlössern“ (Alternativtitel) ist somit solide Routinekost innerhalb der Reihe, was doch ein passables Ergebnis für einen solch unbekannten Film innerhalb der Frühphase ist. OFDb
Kategorien:
1960-1969,
Alfred Vohrer,
Deutschland,
Eddi Arent,
Edgar Wallace,
Filmbesprechung,
Heinz Drache,
Klaus Kinski,
Kriminalfilm,
Science Fiction,
Siegfried Schürenberg,
unterhaltsam,
Werner Peters
01.03.2017
DER SCHWARZE ABT (1963)
Ich hatte Franz Josef Gottliebs „Der schwarze Abt“ als sehr schwachen Beitrag der Rialto-Wallace-Reihe in Erinnerung und muss gestehen, nun bei meiner erneuten Sichtung recht gut unterhalten worden zu sein. In dem Plot, der kaum einer ist, werden Irrungen, Wirrungen, Irrglaube, Irrsinn, Geheimnisse und Wendungen so extrem aneinandergereiht, dass allein dies fast reicht eine Geschichte zu ersetzen. Wie Schurken sich gegenseitig, meist durch Erpressung, das Leben zur Hölle machen, wie die Autoren (u.a. Gottlieb selbst) es trotzdem schaffen noch ein Familiengeheimnis zum Thema Geisteskrankheit mit in die Geschichte zu integrieren, das hat schon meinen Respekt erlangt.
Da stört es auch gar nicht weiter, dass der schwarze Abt eher Gast im eigenen Film ist, gar nicht so wichtig ist wie der Titel vermuten lässt, so dass der Film sich am Ende sogar selbst einen Spaß daraus macht damit zu spielen, dass wir es mit mehr als einer Person bei der titelgebenden Figur zu tun zu haben. Ohnehin wird die Identität des eigentlichen, echten schwarzen Abtes relativ früh gelüftet, während die Fälschung bereits 25 Minuten vor Schluss das Zeitliche segnet. Spätestens ab dann ist der Kuttenträger endgültig uninteressant für die weiteren Vorkommnisse und wird nur noch am Rande erwähnt, damit die Person, die den Originalen mimte, erfährt, dass die Polizei längst wusste wer er war.
Viel aufregender ist aber ohnehin die zentrale Geschichte um eine Erpressung ausgefallen, in welcher Werner Peters es wieder einmal schafft den hinterlistigen Schurkentypen perfekt zu verkörpern, inklusive eines minimalistischen Gehaltes Unsicherheit. „Der schwarze Abt“ lebt viel von seiner Figur, auch wenn die zweite Filmhälfte ihm weit weniger Beachtung schenkt als die erste. Schwerpunktmäßig wechselt die Bedeutung einzelner Personen ohnehin immer wieder. Die Frauen werden trotz zentraler Eckpfeiler der Geschichte niemals wichtig, Charles Regnier, der den Kommissar treffsicher mimt und in seiner Darstellung ein Unikum innerhalb der Wallace-Kommissare darstellt, darf aufgrund nicht gezeigter Ermittlungen in London auch mal für längere Zeit pausieren, während die zwielichtige, aber doch recht sympathisch gestaltete Rolle Joachim Fuchsbergers immer mit kurzen Unterbrechungen versehen wichtig für das Komplettgeschehen ist.
Das Finale wiederum kümmert sich neben der Ermittler hauptsächlich um Lord Chelford, dessen Szenen die Geduld des Zuschauers einen Hauch zu sehr auf die Probe stellen. In der Schlussphase habe ich mir dann doch gewünscht, dass das Treiben endlich ein Ende findet. Aber bis es soweit ist wird man solide unterhalten. Die Schloss-Location wirkt, der Pseudo-Handlungs-Mix aus Schatzsuche, Erpressung und Geisteskrankheit weiß zu gefallen, und Kinski und Arent dürfen ihre Stärken erneut in Nebenrollen beweisen und werden damit zu wirksamen Randerscheinungen des Filmes (bis auf einige wenige Arent-Ausrutscher, die dann doch zu viel des Guten sind).
Das führt alles nicht zu einem großen Ergebnis, aber definitiv zu einem unterhaltsamen Beitrag der Reihe, vorausgesetzt man kann sich mit Irrungen und Wirrungen begnügen und auf eine tatsächliche Handlung verzichten. Meiner Meinung nach funktioniert dies aufgrund der interessanten Figurenkonstellation recht gut, so dass die gelungenen Charaktere den Film bis zum Schluss stemmen können, ohne dass es zu einer uninteressanten Phase käme. Ob man am Ende noch durchblickt, hängt von der Konzentration des Zuschauers ab. Wer nur mit halber Backe hin geschaut hat, hat trotzdem seinen Spaß, geht es doch nicht wirklich um einen Sinn, sondern lediglich um einen abenteuerlichen Kriminalfall - oder um zwei, oder drei. OFDb
Kategorien:
1960-1969,
Deutschland,
Dieter Borsche,
Eddi Arent,
Edgar Wallace,
Filmbesprechung,
Franz Josef Gottlieb,
Harry Wüstenhagen,
Joachim Fuchsberger,
Klaus Kinski,
Kriminalfilm,
unterhaltsam,
Werner Peters
27.05.2016
DIE TOTE AUS DER THEMSE (1971)
„Die Tote aus der Themse“ war der letzte klassisch erzählte und rein in deutschen Händen umgesetzte Beitrag der langlebigen Wallace-Reihe aus dem Hause Rialto, bevor die Italiener zwei Giallos unter dem Label nachschoben. Peter Thomas steuert wie zu guten alten Zeiten den Soundtrack bei, und auch Siegfried Schürenberg kehrte in die Rolle des Sir John zurück, die er das letzte Mal 1968 in „Der Hund von Blackwood Castle“ verkörperte, als er einen Kriminalfall im Alleingang lösen durfte. Ihn wieder zurückzuholen sollte wohl ein Schritt zurück in die alte Richtung signalisieren, ging das Publikumsinteresse an der Reihe doch immer weiter zurück. Scheinbar schaffte es nicht einmal Alfred Vohrer als einer der besten Regisseure der Reihe mit dem Vorgänger „Der Mann mit dem Glasauge“ besagtes Interesse wieder aufleben zu lassen.
So gekonnt Schürenberg wieder einmal sympathisch humoristisch den Sir John spielt, so mager fällt die weitere Besetzung auf Seiten der Guten aus. Uschi Glas spielt hölzern und untalentiert wie eh und je, und der müde Hansjörg Felmy kommt nicht ansatzweise an den Charme von Heinz Drache und Joachim Fuchsberger heran, nicht einmal an das etwas zurückgeschraubte Niveau Horst Tapperts. Mit dieser Besetzung hat man sich keinen Vorteil verschafft, ganz im Gegenteil liebäugelte man lediglich noch mit der Popularität seiner Stars, was ein Spiegelbild dessen ist was die Wallace-Reihe selbst mit der Zeit wurde, eine Marke die so oder so konsumiert wurde und um die man sich von Produzentenseite aus als eine Art Selbstläufer aus Qualitätsgründen nicht mehr kümmern musste.
Wie auch immer, zumindest auf Seiten der Bösewichter sieht die Besetzung etwas besser aus. Allen voran ist der stets schurkisch wirkende Werner Peters als einer der Strippenzieher der Drogenszene mit dabei, was leider seine letzte Rolle sein sollte, ist er doch noch im selben Jahr der Fertigstellung von „Die Tote aus der Themse“ gestorben. Lustigerweise darf seine Rolle als eine Art Running Gag der Golfpartner des wie immer ahnungslosen Sir Johns sein, und dieser Witz weiß auch in der x-ten Wiederholung zu gefallen.
Wenn auch müde agierend, so kommt die Art des ermittelnden Kommissars von Drehbuchseite her doch recht gewitzt und unverschämt daher, was es allerdings um so trauriger macht, dass Felmy in dieser Rolle besetzt wurde. Andererseits besitzt „Die Tote aus der Themse“ ohnehin nur noch wenige Pluspunkte der Ur-Reihe. Stimmig und heruntergekommen sieht London längst nicht mehr aus. Ein wahrer Spannungsbogen oder eine anderweitig zum Mitfiebern anregende Handlung findet nicht statt. Einzig die Location des Hotels, das mit seiner Abhöranlage ganz leicht an „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“ erinnert, und der Spielort des Schlachthofes ragen als interessant heraus. Letztgenanntes ist zudem der Ort einer der bestialichsten Tode der Reihe, freilich weggeblendet umgesetzt, das Endergebnis mit ordentlich Blut im Bild trotzdem noch einmal deutlich eingefangen.
„Die Tote aus der Themse“ hat zwei Szenen zu bieten die blutiger als üblich ausgefallen sind, und allerhand Kopfschüsse gehören ebenfalls zum harten Bestandteil des Streifens. Letztendlich ist das aber alles recht zahm umgesetzt, so wie man es von der Reihe gewohnt ist. Wer wenig erwartet bekommt inhaltlich und inszenatorisch zumindest das Grundlagenprogramm der Reihe geboten, welches immerhin für seine 90 Minuten Laufzeit unterhaltsam genug umgesetzt ist. Da auch die Geschichte selbst nicht all zu hanebüchen ausgefallen ist, zumindest betrachtet innerhalb des stets vor Übertreibungen und Klischees nur so wimmelnde Wallace-Universums, und mit Unsinnigkeiten nicht inflationär umgegangen wird, kommt man sich beim Sichten des Streifens zumindest nicht geistig verarscht vor, so dass Harald Philipps Werk als durchschnittliches Stück Trivialfilm trotz fehlender nennenswerter Stärken durchaus konsumierbar ist. OFDb
Kategorien:
1970-1979,
Deutschland,
Edgar Wallace,
Filmbesprechung,
Hansjörg Felmy,
Ingrid Steeger,
Kriminalfilm,
Siegfried Schürenberg,
unterhaltsam,
Uschi Glas,
Werner Peters
15.11.2015
DER GREIFER (1958)
Trotz deutlicher Parallelen zu Fritz Langs „M“ und den im selben Jahr von „Der Greifer“ erschienenen „Es geschah am hellichten Tag“ interessiert sich der Film von Eugen York nur zweitrangig für den zentralen Kriminalfall. Es macht Sinn dass der Ermittler im Titel steht, denn die zwischenmenschliche Tragikomik des Hauptkommissars ist das Hauptaugenmerk des Streifens. Deswegen dauert es auch einige Zeit bis tatsächlich vor den Augen des Zuschauers Ermittlungen angegangen werden. Stattdessen dürfen wir zunächst dabei zusehen wie der alte Mann mit Ganoven feiert, ein Lied wird gesungen, und mit dieser Szene bricht der zuvor gesetzte biedere Blick auf die strenge Trennung Gut und Böse und das charakterlose Gesicht der Pflicht-bewussten Gesetzeshüter, die lediglich dafür gedacht war das starre Denken der Polizei zu kritisieren. Das nenne ich doch mal einen raffinierten Kniff, den ich einem 50er Jahre-Film mit Hans Albers nie zugetraut hätte.
So bieder „The Copper“ (Alternativtitel) aufgrund seiner Zeit manches Mal auch wirken mag, er ist ein moderner Film, frei von Vorurteilen und Klischees. Er gibt das Leben wieder wie es ist, und wirkt damit gerade in heutigen Zeiten, in denen man manche Wahrheit nur hinter vorgehaltener Hand zu äußern wagt, mutig und frisch. Zudem zeigt uns dieses Werk, dass sich die Zeiten letztendlich doch nie wirklich geändert haben. Die Angst vor Arbeitslosigkeit im Alter ist nur eines der Themen, die aktuell wie eh und je scheinen in einem Film, der immerhin fast 60 Jahre auf dem Buckel hat.
York schafft es Witz, Spannung und Dramatik gekonnt unter einen Hut zu bringen in einem Film, der sich viel Zeit und Ruhe für die Charaktere gönnt, in seinen harten Moment andererseits jedoch eine Extreme aufweist, die sogar schon manche Provokation des erst viel später erscheinenden „Dirty Harry“ bereit hält. Wenn der gesuchte Frauenmörder zum Lebensretter eines kleinen Kindes wird, dann darf man sich aufgewühlt und verwirrt fühlen, dann zeigt „Der Greifer“ wie vielschichtig das Leben ist und dass es voller Widersprüche steckt. Wenn aus dem Lebensretter eines Kindes ein Amokläufer wird, der viele Kinderleben in Gefahr bringt, wird das Bild wieder herumgeworfen, jedoch nicht damit der Zuschauer beruhigt in sein altes Weltbild zurück fallen kann, sondern um ihn erneut aufzuwühlen und zu verwirren. Es gibt nichts einfaches im Leben. Das Leben ist komplex. Und diese Wahrheit geht in Zeiten schlichtem politisch korrekten Denkens immer mehr verloren, was solche Werke wie „Der Greifer“ um so wertvoller macht.
Neben einem in der Titelrolle sympathisch agierenden Hans Albers (der trotz Sympathiefigur auch manch unangenehme Charaktereigenschaft zugeschrieben bekommen hat) agiert eine Vielzahl talentierter und liebenswerter Mimen, welche den Sehwert des Streifens zu unterstreichen wissen. Hervorgehoben sei ein fast 20 Jahre vor seiner Paraderolle in „Der Alte“ mitwirkender Siegfried Lowitz, der den hinterhältigen, da Karriere-geilen, Kollegen und Nachfolger Dennerts spielen darf. Und Horst Frank brilliert in der Rolle des Hauptverdächtigen und spielt in seinen besten Momenten so kühl, dass es einem kalt den Rücken herunter läuft.
Überraschend darf die Tätermotivation betreffend schon zu dieser Entstehungszeit psychologische Tiefe aufblitzen, wobei der Autor zu trennen weiß zwischen unausgesprochener Wahrheit und der versimpelten ausgesprochenen Version aus dem Munde des Täters. In diesen alten Zeiten, in denen der Zuschauer noch für mündig gehalten wurde, verzichtet man auf die weitere, korrektere Erklärung, traut man dem Zuschauer doch ein Mitdenken zu. Auch diesbezüglich guckt sich „Der Greifer“ widersprüchlich scheinend überholt modern. Lediglich mancher Kitschmoment kann sich dieses Etikett nicht anheften, aber genau diese Szenen sorgen dafür, dass der sich sonst so modern guckende „Der Greifer“ sich trotzdem eines Retro-Charmes erfreuen darf. OFDb
Kategorien:
1950-1959,
Deutschland,
Drama,
Filmbesprechung,
Hans Albers,
Hansjörg Felmy,
Horst Frank,
Komödie,
Kriminalfilm,
Liebe/Romantik,
sehenswert,
Siegfried Lowitz,
Werner Peters
26.03.2015
DER TEPPICH DES GRAUENS (1962)
Dieser recht früh zur harten Welle hinzugestoßene Konkurrenz-Beitrag der damals so erfolgreichen Edgar Wallace-Verfilmungen guckt sich wie ein Mix aus dieser und den 60er Jahre Mabuse-Filmen, beides Reihen für die Regisseur Harald Reinl tätig war. Mehr noch, mit Reinls „Der Frosch mit der Maske“ ging die komplette Welle überhaupt erst los. Dieser war, ebenso wie „Die Bande des Schreckens“, ein unterhaltsamer Beitrag. Doch an deren Qualität kommt „Der Teppich des Grauens“ nicht heran.
Das beginnt bereits mit der holprigen Einführung der Figuren und dem ungeschickten Einstieg in eine Geschichte, die viel zu bemüht verworren sein möchte, so dass es einen nach einem eher schwachen ersten Drittel schon wundern darf, dass der Film mit dem wohl bescheuertsten Titel innerhalb der harten Welle zumindest noch zu einem durchschnittlichen Ergebnis findet, wenn Figuren erst einmal an Sympathie gewonnen haben und das Interesse des Zuschauers für den laufenden Fall doch noch geweckt wird.
Freilich geschieht das alles zu spät um für Reinls Werk, das im selben Jahr wie sein „Die unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse“ erschien, eine Empfehlung auszusprechen, aber orientiert am besagten Mabuse-Film war das Filmjahr 1962 scheinbar ohnehin nicht Reinls bestes Jahr, sind doch beide Werke eher Light-Versionen der besseren Kriminalfilme dieser Zeit. Leider fehlt „Teppich des Grauens“ zudem auch der Bezug zum Sub-Genre Grusel-Krimi.
Trotz einer Verbrecherorganisation mit mystischem Gift und unbekanntem Hintermann ist der Streifen ein waschechter Kriminalfilm, wie er abgesehen von kurzen Action-Momenten klassischer kaum aussehen könnte, allein schon aufgrund der klaren Gut-Böse-Trennung, die man zwar scheinbar vermeiden wollte bei all den angeblich zwielichtigen Personen, die sich erst spät als Ermittler auf Seiten der Guten entpuppen. Aber aufgrund der Besetzung gehören sie nie zu den wahrlich verdächtigen Personen. Ihr guter Kern ist nie eine plötzliche Überraschung. Im Gegenzug entpuppt sich ein positiv gezeichneter Charakter nie urplötzlich als böse.
Es liegt an der guten Besetzung, dass „Der Teppich des Grauens“ sich in seiner Innovations-Armut noch brauchbar guckt. Neben Joachim Fuchsberger und Karin Dor gibt es noch manch anderes berühmtes Gesicht aus der Wallace-Reihe zu entdecken. Letztendlich sind die unbekannteren Gesichter auch die talentierteren. Aber die beiden Helden wissen zumindest über ihren Charme auf den Streifen zu wirken, das ist auch schon viel wert.
Die Auflösung ist meiner Meinung nach nicht sonderlich originell ausgefallen und lässt auch nach Reffolds angehangener Erklärung am Schluss noch einige Fragen offen. Aber letztendlich ist „Der Teppich des Grauens“ ohnehin nur die Trivialunterhaltung für den Schnellverzehr und deshalb nicht geeignet einer tieferen Analyse stand zu halten. Zum einmal Gucken ist er okay. An das Ergebnis von „Die weiße Spinne“, der ebenfalls vom Kriminalautor Louis Weinert-Wilton stammt, kommt er nicht heran, und selbst der war eher eine Blaupause der berühmten Wallace-Werke und damit keine ernstzunehmende Konkurrenz.
Im Internet liest man übrigens immer wieder wie rassistisch die Besetzung des Schwarzen in der lustigen Nebenrolle sei, die in einem Wallace-Film üblicher Weise mit Eddi Arent besetzt worden wäre. Ich vermutete bei solchen Artikeln immer, dass die übertriebene politische Korrektheit den Verfassern dieser Texte einen Streich in ihrer Wahrnehmung gespielt hätte, aber die Leute haben tatsächlich Recht. Der arme Kerl wird im Gegensatz zu den Spaßfiguren des Eddi Arent völlig würdelos eingesetzt, so dass man das geradezu penetrante Vorführen seiner Idiotie in Kombination mit seiner Unterwürfigkeit und dem herablassenden Ton der ihm stets entgegen gebracht wird definitiv als fragwürdig bezeichnen darf - von der idiotischen Stimme mit der er spricht einmal ganz zu schweigen. OFDb
26.12.2012
DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE (1970)
Der amerikanische Schriftsteller Dalmas wird Zeuge wie eine dunkle
Gestalt in einer Kunstgalerie eine junge Frau ersticht. Die Polizei
teilt ihm mit, dass dies nicht der einzige Mord der letzten Zeit war und
vermutet u.a. zunächst ihn als Serientäter. Dalmas macht sich selbst
auf die Suche. Er weiß, dass an der Beobachtung des Mordes irgend etwas
ungewöhnlich war. Aber was war das nur?...
Im Zeichen der Geometrie...
Hut ab! Die erste Regiearbeit des später hochgeachteten italienischen Meisters des Horrorgenres kann sich sehen lassen. Wie die meisten späteren Werke, so ist auch sein erster Film ein Giallo geworden. Ein Wort, das eigentlich nur für einen hart inszenierten Kriminalfilm steht, der sich mit Mördern beschäftigt. Die 1959 gestartete Edgar Wallace-Reihe wurde in den 70ern mit italienischer Beteiligung immer häufiger in diese inszenatorische Richtung geschuppst, und so wundert es nicht, dass auch eine Buchverfilmung nach Bryan Edgar Wallace folgte, wo doch stets mit dessen Name versucht wurde Erfolge des Herrn Papa zu wiederholen.
Die angebliche Bryan Edgar Wallace-Verfilmung war mit Argento als Regiewahl in besten Händen. Auch die Schauspieler waren nicht aus der untersten Schublade herausgewühlt. Und um dem ganzen noch eins drauf zu setzen engagierte man Ennio Morricone für die musikalische Untermalung, ein Garantietipp so kurz nach seinem legendären Soundtrack zu „Spiel mir das Lied vom Tod“.
All der Aufwand hat sich gelohnt, Argento ist ein atmosphärisch dichter Film gelungen, der in seiner Bösartigkeit immer wieder zwischen den Genres Krimi und Horror hin und her springt. Der Geschichte folgt man gebannt. Diese ist zwar eher schlichter Natur, ist aber rätselhaft verpackt, mit interessanten Figuren versehen und spannend umgesetzt.
Hin und wieder wird die dichte Atmosphäre unterbrochen, beispielsweise in der längeren Szene, in welcher der Schriftsteller einen Zeichner aufsucht. Völlig unnötig bekommt diese Sequenz sogar einen humoristischen Unterton. Leider passt das so gar nicht zum restlichen Film, soll aber in einer ersten Regiearbeit verziehen sein, erst recht wenn der Rest so professionell umgesetzt wurde, wie es in „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ nun einmal geschehen ist.
Von solchen Ausrutschern einmal abgesehen (ein weiterer wäre z.B. das Integrieren eines Auftragskillers in die Geschichte) weiß die Art der Erzählung ansonsten zu gefallen. Argento schafft die Gradwanderung zwischen Charakteraufbau- und vertiefung und flottem Erzähltempo. Betretene Pfade werden durch neue Erkenntnisse in der Ermittlung schnell wieder verlassen. So ist es positiv zu sehen, dass der Hauptdarsteller nicht den ganzen Film über für die Polizei verdächtig bleibt, mehr noch, der Kommissar vertraut dem Zeugen immer mehr. Beide scheinen am Beginn einer echten Männerfreundschaft zu stehen, in der Art und Weise wie sie miteinander umgehen.
Zudem punktet Argentos Umsetzung mit dem Beachten kleiner Details. Da wäre zum einen der Grund zu nennen, nach dem Dalmas so lange sucht. Was war ungewöhnlich an der Mordbeobachtung? Aber auch andere psychologische Kniffe wissen zu gefallen, wie beispielsweise die Idee, dass der Schriftsteller in Begleitung einer jungen Frau ist. Um diese macht man sich schon lange Sorgen, noch bevor der Täter am Telefon androht ihr etwas anzutun.
Morricones Musik weiß Argentos Arbeit hervorragend zu unterstützen. Ähnlich experimentell wie in seinem Soundtrack zu „Zwei glorreiche Halunken“ überrascht er mit allerlei ungewohnten Melodien, die teilweise sogar an spätere Werke von Goblin erinnern, einer Band mit der Argento später viel zusammenarbeiten sollte. Morricone bietet ruhige Musik, lässt diese ins psychotische herübergleiten mit einer dem Gebiet des Kinder-Schlafliedes entliehenen, flüsternden Stimme, die statt eines Textes nur den Lückenfüller Lalala singen darf. In den schnelleren Szenen ist es auch musikalisch mit der Ruhe vorbei, und der Komponist fährt alles auf, was er benötigt um den Zuschauer zu verwirren oder gar zu verstören, auf jeden Fall aber um ihn zu packen und das Spannungspotential Argentos Bilder zu unterstützen.
Und diese sind, wie man es später von diesem Herren auf dem Regiestuhl auch gewohnt sein sollte, hervorragender Natur. Argento beweist sich als echter Künstler, noch nicht so farbenfroh wie in späteren Werken (Höhepunkt in diesem Gebiet dürfte „Suspiria“ gewesen sein), aber in anderer Richtung interessant. So spielt er z.B. in einigen Szenen mit Licht und Dunkelheit, z.B. wenn er einem weißen Treppenhaus im oberen Stockwerk das Licht nimmt, und der obere Bildschirmteil damit stockdüster und bedrohlich wirkt, eben weil das Schwarz das Weiß so schnell verschluckt.
Ebenso gibt es eine hervorragende Aufnahme, in der ein dunkler Raum ein im weiß strahlendes Viereck beschert bekommt, durch das Öffnen einer Tür im unbeleuchteten Raum. In dieser Sequenz erleben wir auch am allerdeutlichsten Argentos Beachtung des Bereiches der Geometrie, ein Schwerpunkt seiner künstlerischen Herangehensweise in „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“.
Wandmuster versucht er meist komplett einzufangen, Tapeten- und Bodenmuster ebenso. Große Gegenstände versucht er möglichst komplett ins Bild zu bekommen. Gelingt ihm dies nicht, so lässt er die Kamera vom Gegenstand festgelegten Linien entlang gleiten, z.B. bei Außenaufnahmen mit Häusern. Situationsbedingt geschieht dies auch mit Linien leichter einzufangender Gegenstände in ihrer Gesamtheit, z.B. wenn die Kamera einer wandernden Person folgen muss. Interessant ist bei dieser Herangehensweise die Position der Kamera, die häufig solche Aufnahmen bewusst zweidimensional versucht einzufangen, damit das Gesehene in seiner Form schlichter, geometrisch simpler, wirkt.
Auffällig ist dies z.B. in der Schluss-Szene, in der die Kamera ein startendes Flugzeug begleitet, dabei aber immer sehr seitlich bleibt, so dass man den Flieger tatsächlich nur zweidimensional, wie von einer Schablone gezeichnet, begleiten kann. Selbst in der Szene, in welcher Dalmas den Mord beobachtet, wirkt etwas zweidimensional. Vielleicht ist hier der Begriff auch zu übertrieben, aber zumindest wirkt die Beobachtung des Schriftstellers wie der Blick auf ein Theaterstück, dessen Perspektive man nicht einfach ändern kann.
Neben den oben erwähnten Brüchen in der sonst so dichten Atmosphäre, kann man höchstens noch ein wenig enttäuscht über die Auflösung sein. Die Täteraufdeckung selber geht in Ordnung, wird in späteren Argento-Filmen auch noch einige Male wiederholt werden. Unangenehm ist jedoch die angehangene psychologische Erklärung, die damit an die einzige Schwäche von Hitchcocks „Psycho“ erinnert.
Ob das aus der Sicht eines professionellen Arztes nun Sinn macht oder nicht, sei einmal dahingestellt. Ich frage mich nur, warum diese Erklärung so unsauber in die Erzählung eingeführt werden musste. Hätte man das nicht im Fluss der Geschichte irgendwie integrieren können? So wirkt die Szene nicht wie ein Teil der Story, sondern viel mehr wie ein Nachwort, um dem ganzen nun noch einen Sinn zu bescheren und damit auch manchen Kleinigkeiten in der Geschichte selbst (dem gekauften Bild z.B.).
Was wiederum positiv an der Auflösung ist, ist das Spiel mit dem Zuschauer und der Polizeiarbeit. Argento zeigt uns, dass erkannte Muster immer nur Theorien sind, die uns schnell den Stinkefinger des Irrtums zeigen können. Ähnlich wie Verschwörungstheorien scheinen sie in der Beweislage Sinn zu ergeben und erweisen sich dann doch nur als dumme Zufälle aus einer Perspektive von Halbwissen. Im Finale wird der Zuschauer trickreich an der Nase herumgeführt, und der weiß es der Regie zu danken, so wie allen anderen Beteiligten, die scheinbar mit wirklich viel Interesse an „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ beteiligt waren. OFDb
Kategorien:
1970-1979,
Bryan Edgar Wallace,
Dario Argento,
Deutschland,
Filmbesprechung,
Horror,
Italien,
Kriminalfilm,
Mario Adorf,
sehenswert,
Thriller,
Werner Peters
23.11.2012
DAS PHANTOM VON SOHO (1964)
In London geht ein Mörder um, der stets in der Nähe der Sansibar in
Soho zuschlägt, einem Etablissement für einsame Herren. Die Opfer werden
erstochen und nach der Tat steckt das Phantom von Soho, wie die Presse
den unbekannten Killer nennt, den Ermordeten einen Briefumschlag mit
Geld zu. Chefinspektor Patton geht gemeinsam mit einem Gehilfen und dem
Chef von Scottland Yard persönlich der Mordserie auf den Grund. Auch
eine Kriminalautorin versucht sich an der Aufdeckung des unbekannten
Straftäters. Die Polizei findet heraus, dass die Opfer etwas verband,
etwas das mit einem untergegangenem Schiff zusammenhängt...
Erst Oper, später Paradies, mittendrin Londons Reeperbahn...
In den 60er Jahren war in Deutschland die harte Welle eine der wenigen Alternativen zur grausamen Fröhlichkeit anderer Kinoproduktionen unseres Landes. Neben den Mabuse-Filmen und jenen nach Edgar Wallace machten auch die Verfilmungen nach den Büchern dessen Sohnes Bryan Edgar Wallace scheinbar gut Kohle.
1964, in einer Zeit in der die Wallace-Filme mittlerweile so eingeleitet wurden, wie es heute Kult ist, nämlich mit Wallace’s Stimme aus der tropfenden Totengruft, leitete man auch diesen Film von Sohnemann Bryan ähnlich ein. Nur dass dieser persönlich abgefilmt werden konnte, während eine grimmige Stimme seinen Namen erwähnt.
Die selbe Wirkung hat das nicht, aber der trashige Versuch auf einen Erfolg aufzuspringen, innerhalb eines Bereiches, wo man auf einen Erfolg aufspringt, hat unfreiwillig komischen Charme und erinnert ein wenig an die Geschäftspolitik von Sat 1, die jeden Erfolg anderer Sender nachäfft.
„Das Phantom von Soho“ hat dann auch bei näherer Betrachtung kaum eigene Ideen. Aber inmitten trivialster Krimikost, die ohnehin nicht so ernst gemeint ist, ist das auch nicht weiter wild. Zwar kann aus dieser Saat kein Glanzstück wie „Das indische Tuch“ oder „Das Gasthaus an der Themse“ werden, aber immerhin netter Durchschnitt für den Nimmersatten dieser Genregattung. Und genau das ist dieser Beitrag von Franz Josef Gottlieb auch geworden.
Mit „Der Fluch der gelben Schlange“ drehte Gottlieb zuvor einen Kriminalfilm nach Vater Wallace, in einer Besetzung wie sie für dessen Filme in den 60er Jahren geradezu typisch war, jedoch für eine Konkurrenzfirma. Ein solches Imitat wurde für die Zukunft unterbunden, in dem Dauerstars wie Fuchsberger und Arent unterschreiben mussten nur noch in der Hausfirma bei Wallace-Filmen mitzuspielen.
Auch Gottlieb wechselte daraufhin dort hin und drehte für die klassische Wallace-Reihe, die mit „Der Frosch mit der Maske“ begann. Doch sein Beitrag „Der schwarze Abt“ war schlicht und damit weit entfernt von der dichten Erzählung seines „Der Fluch der gelben Schlange“. Mehr noch, in der Zeit bevor sich Briten und Italiener in die Wallace-Produktion einmischten, war „Der schwarze Abt“ gar eine der schwächsten Umsetzungen.
Ähnlich mittelmäßig, aber wenigstens atmosphärischer umgesetzt, geht es nun in diesem Bryan Edgar Wallace-Streifen zu. Die Musik lieferte Martin Böttcher, der sich hier stark an seinen Ohrwurm aus dem zwei Jahre zuvor gedrehten „Das Gasthaus an der Themse“ orientiert, leider ohne den Charme des Liedes dort zu erreichen (Mittelmaß, wie der komplette „Das Phantom von Soho“). Auch dass zu seiner Melodie gesungen wird, erinnert an den Themse-Film, doch auch hier schaut die Kopie blasser aus, allein weil der Text des Songs hier arg plump, ja sogar leicht lächerlich wirkt.
Zum Glück ist immerhin die Restinszenierung nicht ähnlich lächerlich, sie ist nur ein wenig zu gewöhnlich und überraschungsarm ausgefallen. Unterhaltsam ist das ganze dennoch, sind doch die Schauspieler mit Spaß an der Sache dabei, wirken auch nicht so untalentiert wie in dem im gleichen Jahr entstandenen Bryan Edgar Wallace-Krimi „Das Ungeheuer von London-City“. Ihre Charaktere erinnern stark an das typische Konzept der Filme seiner Zeit, etwas negativ fällt lediglich der lustige Part auf, ein Eddi Arent-Ersatz mit bierernstem Aussehen und der nicht immer richtigen Betonung beim Sprechen, aufgrund seiner Nebensächlichkeit aber auch kein echtes Manko.
Etwas negativer fällt da schon die mangelnde Anzahl an Verdächtigen auf. Die meisten zwielichtigen Figuren stehen auf der Liste des Phantoms, lediglich vier Personen sind verdächtig, zwei davon von der Liste. Diese Zwei sind im letzten Drittel zu offensichtlich Opfer statt Täter, bleiben nur noch zwei, von denen einer aufgrund seiner Position in der Geschichte viel zu unwahrscheinlich wäre, so dass die Mörderauflösung am Schluss zwar einen passablen Hintergrund liefert, die Person selbst jedoch bereits zu erwarten war. Spätestens wenn der starke Kapitän stirbt, ohne sich zu wehren, ist klar was Sache ist.
Dank atmosphärischer Locations, für seine Zeit harte Mordszenen, gut aufgelegter Stars und einem engen Festhalten an die gewohnten Regeln des Genres Grusel-Krimi, weiß „Das Phantom von Soho“ als eine Art Light-Version der bekannteren Wallace-Filme zu gefallen, zumindest dem Stammpublikum dieser Filme.
Franz Josef Gottlieb lieferte uns im selben Jahr noch den Wallace-Film „Die Gruft mit dem Rätselschloss“ und den Bryan Edgar Wallace-Film „Das siebente Opfer“, bevor er sich von diesem Subgenre entfernte. Eigentlich schade, denn auch wenn keiner seiner Streifen ein Meisterwerk geworden ist, so ist doch meist immerhin sympathischer Durchschnitt entstanden. OFDb
Kategorien:
1960-1969,
Bryan Edgar Wallace,
Deutschland,
Dieter Borsche,
Elisabeth Flickenschildt,
Filmbesprechung,
Franz Josef Gottlieb,
Kriminalfilm,
unterhaltsam,
Werner Peters
15.11.2012
DAS SONNTAGSKIND (1956)
Im Nachkriegs-Deutschland freundet sich Schneider Wibbel mit dem
schottischen Soldaten Bosty an. Gemeinsam gehen sie Karneval feiern.
Wibbel geht in der Uniform von Bosty. Deswegen muss der Schneider für
drei Wochen ins Gefängnis gehen, überredet jedoch einen Mitarbeiter dies
für ihn zu tun. Dummerweise stirbt der während „seiner“ Haft, und von
nun an gilt Schneider Wibbel als tot...
Ein Schneider im Schottenrock...
„Schneider Wibbel“ (Alternativtitel) ist schon über ein halbes Dutzend mal verfilmt worden, nur das eine Mal mit Heinz Rühmann unter einem anderen Titel, nämlich „Das Sonntagskind“. Die Geschichte ist gar nicht mal uninteressant, deswegen denke ich dass die ein oder andere Verfilmung etwas taugen mag. Ich kenne nur diese, und die hat die charmante Idee in den Sand gesetzt.
Über Gesang in einer Komödie kann man streiten. Ich sehe dies nicht so gerne, es macht mir einen guten Film aber auch nicht kaputt. „Das Sonntagskind“ weist leider auch an anderer Stelle deutliche Schwächen auf, diesmal auch im sonst so guten Spiel des Schauspielers Rühmann, der seine Figur mit seiner deutschen Fröhlichkeit viel zu überzeichnet. Wibbel ist ein derart fröhlicher Mensch, dass es nervt. Selbst die kritischen, politischen Sprüche, welche die Handschrift eines Ekel Alfred hätten haben können, werden mit solcher Fröhlichkeit ausgesprochen, dass es fast wundert, dass die Frohnatur später daheim eingesperrt und für tot gehalten mürrisch und depressiv wird. Aber selbst diese Phase weiß Rühmann nicht überzeugend darzustellen, macht sein Spiel doch viel mehr den Eindruck eines beleidigten Schulkindes, als den eines aus der Bahn geratenen Erwachsenen.
Auf die Frage was man mit einem für tot geglaubten Leben anfangen kann, weiß die Geschichte keine wirklich interessante Antwort zu geben. Umziehen ist nicht drin, zunächst muss der Tote einen selbstauferlegten Stubenarrest absitzen. Später gibt er sich als sein eigener Zwillingsbruder aus mit einem Lügenmeer, das selbst in einer locker flockig gemeinten Komödie viel zu naiv wirkt, als dass wer glaubhaft darauf hereinfallen kann. Im Film selbst bedarf es aber erst eines gewieften Polizisten hinter die Wahrheit zu kommen, auf die selbst engste Bekannte nicht gestoßen sind.
Wibbels Freunde und Bekannte sind viel mehr damit beschäftigt die Witwe zu umwerben, bevor die Dame den angeblichen Bruder heiratet. In all dem Trubel ist die kurze Trauer um den wirklich umgekommenen Arbeitskollegen Wibbels schnell vergessen, was in enormen Widerspruch steht zur restlichen Figurenzeichnung, die bemüht ist Wibbel als angenehmen Menschen darzustellen, der wegen eines kleinen Verstoßes in ein für ihn untypisches Lügenmeer geraten ist. Immerhin könnte sich dadurch der simple Kern seiner Lügen erklären lassen. Der Mann hat einfach keine Übung darin.
Dennoch hagelt es Widersprüche in magerer Umsetzung. Ein Rühmann-Tipp ist „Das Sonntagskind“ bei weitem nicht. Vor seinem Totalabsturz wird der Film lediglich durch kleine Elemente gerettet, wie der verfressenen Rolle seines zwielichtigen Untergebenen und kleinen Momenten, wie der Gerichtsverhandlung, die zu besagtem Gefängnisaufenthalt führt. Das ist für eine an sich nette Grundidee relativ wenig. Ob man die Schluss-Pointe zu den positiven Dingen zählen kann, ist schwer zu beurteilen. Wirklich geglückt fand ich diese Überraschung nicht.
Wer Rühmann in Uniform sehen will, sollte lieber zu seinem berühmten Klassiker „Der Hauptmann von Köpenik“ greifen, der meiner Meinung nach zwar auch nicht zu seinen Sternstunden zählt, aber unterhaltsamer ist als diese x-te Verfilmung eines bekannten Stoffes. Wer Rühmann in ähnlicher Situation erleben will wie hier, dem sei zu „Mein Schulfreund“ geraten, einer Tragikomödie mit Schwerpunkt Drama, die davon erzählt, wie ein durch einen Trick für geistig behindert erklärter Mann diese Notlüge aus Kriegszeiten nicht mehr los wird. OFDb
Abonnieren
Posts (Atom)