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21.12.2024

4x4 (2019)

Ein Autoknacker kommt aus dem letzten Fahrzeug, das er aufbrach, nicht mehr hinaus. Ein Arzt, der schon oft beklaut wurde, hat eine Spezialanfertigung in Auftrag gegeben und hält in dem ausbruchssicheren, schalldichten und von außen uneinsehbaren Gefährt den reuelosen, jungen Mann gefangen. Per Autotelefon kommunizieren sie miteinander...

Das Snackversteck eines kranken Mannes...

Reizvoll klingt sie, die Idee eines Kammerspiels, mit der futuristischen Idee ein Auto derart zweckdienlich umzufunktionieren, dass ein frustrierter Verdienender sich an einem Kriminellen rächen darf. Umso schöner kommt die Idee herüber, als dass sie das verlockende Thema der Klassengesellschaft nicht einseitig betrachtet. Hier ist weder der Mann, der aus Armut kriminell handelt, ein Guter (zumal er keinerlei Reue aufblitzen lässt), noch der Reiche böse weil er reich ist. In Zeiten linken Gedankenguts, das Besitz zu etwas Bösem erklärt, hätte man gerade wegen dieser davon abgewandten, cleverer scheinenden Haltung ein intelligenteres Produkt vermutet. Dass der Stoff eher Kurzfilm-Niveau besitzt und entsprechend mit manch unnötiger Idee langgestreckt wird, bzw. mit manchen Gimmicks des Autobesitzers in die Länge gezogen werden muss, um den Gesundheitszustand des Eindringlings halbwegs glaubwürdig zu halten, verwundert nicht. Dass die Verantwortlichen des Streifens deshalb auch nicht der Versuchung nachgeben können, den Bereich des Kammerspiels irgendwann zu verlassen, ebenso wenig. Vielleicht ist es auch besser so, wenn auch nicht konsequent, denn das Spiel des Hauptdarstellers mag überzeugen, einen kompletten Film allein getragen bekommt er jedoch nicht. 

Der Hauptpart der Geschichte lebt ohnehin eher von Drehbuch und Umsetzung. Das Gefühl des Eingeschlossenseins und das der Abhängigkeit von einem Unbekannten, wahscheinlich sogar Irren, wird recht gut inszeniert und fällt mit all seinen Ausreden sogar recht glaubwürdig aus. Und freilich lebt der Stoff von der Erwartungshaltung des Zuschauers, der gespannt ist, worauf das Ganze hinaus laufen soll. Doch genau hier kann "4x4" nicht erfüllen, was an Ideen im Kopf des mintdenkenden Zuschauers umherschwirrt. Vielleicht muten auch deswegen die Diskussionsstoffe der Handlung, insbesondere gegen Ende, eher auf Bildzeitungs-Niveau an, anstatt über das Standardgeschimpfe beider Seiten von Reich und Arm hinauszuragen. Der mit Science Fiction-Elementen angereicherte Thriller ist eher für den schlicht denkenden Zuschauertyp konzipiert, schade. Zumal die eingebildete Flucht aus dem Auto in ein weit interessanteres Szenario hätte führen können, als der tatsächliche Austritt aus dem Auto, der zum eher banalen und zu lang gestreckten Straßenszenario führt, das gerne tiefgründiger wäre, als es ausgefallen ist. Nichtsdestotrotz überzeugen Darsteller, Spielort und Optik innerhalb eines Stoffes, den man eher als 45minüter hätte umsetzen sollen, so inkonsequent wie sich das fertige Produkt als Gesamtes anfühlt. Es ist schön, dass er trotz allem zu unterhalten weiß, je stumpfer man heran geht, desto mehr wahrscheinlich.  OFDb

20.05.2024

TERRIFIED (2017)

Als es in einer Wohnsiedlung zu mehreren tragischen, scheinbar unabhängigen Ereignissen kommt, beginnt sich eine Gruppe paranormaler Experten für die Geschehnisse zu interessieren und untersucht drei der Häuser...

Der Blutsauger aus dem Küchenschrank...

Der argentinische "Terrified", den man wegen des Titels und der Erscheinungszeit von 2016 mit dem in Genrekreisen populär gewordenen "Terrifier" verwechseln könnte, aufgrund der völlig anderen Orientierung aber nicht sollte, klingt mit dem Untersuchen paranormaler Ereignisse zunächst einmal nicht sonderlich kreativ, stattdessen sogar nach einem Produkt, das auf einer Erfolgswelle mitschwimmen möchte. Und oberflächlich betrachtet scheint die Geschichte selbst auch nicht gerade innovativ ausgefallen zu sein, wenn Experten des Übernatürlichen ein Gebäude nach Spukursachen untersuchen. Das spezielle Flair dieses Horrorfilmes beginnt jedoch bereits damit, wie die Forscher aufeinander stoßen, und dass sie, in Kontakt miteinander stehend, jeder für sich eines der drei Wohnhäuser parallel untersuchen. An diesen Punkt der Geschichte kommen wir aber erst etwa zur Hälfte der Laufzeit an. Zuvor wird uns in ellenlanger Geduld eine ereignisreiche Vorgeschichte präsentiert, in welcher die Identifikationsfiguren häufig wechseln, innerhalb eines Szenarios, in welchem der Zuschauer auch ohne diese absichtliche Orientierungsverweigerung ständig mit Unerwartetem auf Trab gehalten wird, so dass er jederzeit mit allem rechnen muss. 

Dieser Zustand im ruhig erzählten Stil entfacht zusammen mit hervorragenden Darstellern, die natürlich wirkende Figuren verkörpern, die reflektieren können, was um sie herum passiert, ein Filmerlebnis der besonderen Art. Dank der gekonnten Regie, stimmiger Farbfilter, passender Musikuntermalung und interessant gehaltener, schlicht scheinender Kameraeinstellungen entwickelt sich eine spannungsgeladene, aber auch tragisch anmutende Atmosphäre, die den Gruselzustand streift, und dieser wird nicht trotz ständiger Schauwerte geschaffen, sondern interessanterweise auch durch diese. Und das erstaunt umso mehr, wenn man den ein oder anderen Effekt zu sehr aus dem Computer entstanden bemerkt. Andere hingegen, wie die Puppe, welche das wieder auferstandene Kind darstellt, sind derart erstklassig umgesetzt, dass sie auch minutenlang im Bild nichts von ihrer unheimlichen Wirkung verlieren. 

Regisseur Demián Rugna nutzt Elemente seines Debut-Kurzfilmes "Tiene miedo" und erschafft mit "Aterrados" (Originaltitel) einen sehenswerten Horrorfilm, der uns in der menschlichen Welt derart viel Echtheit und Reflexion bietet, dass es völlig in Ordnung ist, dass die paranormale Welt uns in ihren Taten willkürlich erscheint. Der ruhige, sachliche Umgang sorgt dafür, dass wir den hier erzählten Ereignissen zutrauen, dass es Regeln in der uns unbekannten Welt geben wird, die zu den Ereignissen führen, denen wir beiwohnen. Wir selbst bekommen nur eine kurz gehaltene Hypothese genannt, was es mit den Vorkommnissen auf sich haben könnte, und dies erst spät und definitiv nur als Theorie angekündigt. Letztendlich werden wir mit den Geschehnissen, die sogar selbsternannte Experten überfordern, ungeklärt allein gelassen. Lediglich bestätigte Entdeckungen bieten eine Hilfe, um zu verstehen wie man sich in etwa verhalten muss, wenn man etwas entdecken, oder sich schützen möchte, und diese erfahren wir über den Blickwinkel der Figur des Polizisten, der paranormal nicht bewandert ist und trotz seines Erscheinens nach etwa 20 Minuten, erst zur zweiten Filmhälfte zu der besagten Identifikationsfigur wird, welche uns zuvor verwehrt wurde. 

Wer glaubt dass das Tempo sich in dieser zweiten Hälfte nun steigern würde, der irrt. Rugna bleibt dem Prinzip treu uns in aller Ruhe erzählt nonstop auf Trab zu halten, denn jederzeit könnte etwas passieren, und wenn es soweit ist, ist es meist etwas, mit dem wir nicht rechnen. Dementsprechend unsanft geht die Geschichte, ebenso wie in der ersten Hälfte des Films, mit ihren empathisch, aber subtil beleuchteten Figuren um, packt uns also nicht in Watte, und fordert auch was Menschenschicksale betrifft den Zuschauer heraus. "Terrified" mag relativ offen enden, aber er setzt einen gekonnten Schlussstrich, bevor er uns mit unseren offenen Fragen allein lässt. Bei ähnlich professioneller Herangehensweise wäre unter gleicher Regie eine Fortsetzung tatsächlich reizvoll, da es dem Stoff in einer solchen nicht schaden würde, leicht entmystifiziert zu werden. Zu einer solchen ist es bislang nicht gekommen, und für den Zustand als Einzelfilm ist es gut, dass uns das Mysterium bislang nicht erklärt wird. Dass es Rugnas drei weitere Langfilm-Horrorbeiträge bislang nicht nach Deutschland geschafft haben, ebenso wie seine Krimi-Komödie "You Don't Know Who You're Talking To", ist schade, hätte ich doch gerne mehr von seinem Schaffen gesichtet. Zumindest in den USA wurde man nach dem heimischen Erfolg von "Terrified" auf den Regisseur aufmerksam, produzierte man dort doch seine beiden folgenden Werke mit.  Wiki

08.04.2024

TIENE MIEDO (2003)

Ein Mann erwacht des nachts und erlebt unheimliche Dinge...

Ich-Verfolger...

Was "Within the Woods" für "Tanz der Teufel" werden sollte, ist "Tiene muedo" für den zu unrecht unbekannten "Terrified". Zwar ist dieser nicht die Langfilmversion des hier besprochenen 7-Minüters, das macht die Schlusspointe des Streifens deutlich, die eher Richtung "Frankenstein" aus dem Jahre 1910 tendiert. Etliche Elemente, die auch im Spukgeschehen des argentinischen Streifens von 2017 enthalten sind, verarbeitet der Regisseur beider Werke, Demián Rugna, aber bereits hier, wenn auch weit weniger gekonnt eingesetzt als dort. Auch diesbezüglich entspricht der Vergleich des Kurzfilmes von Sam Raimi aus dem Jahre 1978. Die beunruhigende Wirkung des 14 Jahre später nachgerückten Gruslers weiß "Tiene miedo" noch so gar nicht zu entfachen. Weder die Regie weiß zu überzeugen, noch der Hauptdarsteller. 

Auch mit Blick auf das was der Film ist, ein Undergroundfilm, gewinnt er bei mir keinen zusätzlichen Respekt. Die Handlung ist oberflächlich, der Aggressor uninteressant, der Verlauf der Bedrohung zu banal und willkürlich, und wie erwähnt so gar nicht gruselig, alternativ auch nicht augenzwinkernd, wild oder bedrohlich ausgefallen. Spezialeffekte bietet der kurze Ausflug ins Horror-Genre nicht, die konnte man somit nicht vermasseln. Einziger tatsächlicher Pluspunkt ist die Hintergrundmusik. Und mit Blick auf "Terrified" ist "Tiene miedo" zumindest theoretisch etwas interessant. Als Bonusmaterial auf der Bluray seines großen Bruders enthalten, wurde er leider nicht digital aufgepeppt, so dass man einer schlecht gepixelten Optik beiwohnt. Dieser technische Mangel ruiniert leider eine der Szenen, die durchaus Potential hatte, und das ist der Vergleichsblick zwischen einem leerem Zimmer und einem Blick auf einen besagtes Zimmer zeigenden Monitor, auf dem gerade ein Wesen zu sehen ist. In dieser nicht nachbearbeiteten Version ist dieser unheimliche Besucher nur leider kaum zu erkennen, bzw zunächst so gut wie nicht wahrzunehmen. Das müsste aber auch die einzige Stelle sein, in welcher die Aufnahmequalität dem eigentlichen Film ein Beinchen stellt, die restliche mangelnde Wirkung liegt tatsächlich in der Umsetzung. Das Potential des Regisseurs ist hier entsprechend noch nicht zu erkennen - ebenso wie damals im Kurzfilm Raimis.  OFDb

13.08.2023

NINE MEALS FROM CHAOS (2018)

"The Tutor" war ein intelligenter Film, der gekonnt Schwächen der Gesellschaft reflektierte, und ein emanzipiertes Publikum intellektuell geprägt zu verstören und zu verwirren wusste. Zwei Jahre danach (dazwischen entstand der von mir bislang nicht gesichtete Kurzfilm "La Carrera") folgte Iván Noels nächster Langfilm, und der schien nichts von den Eigenschaften zu besitzen, die ich am Vorgänger zu schätzen wusste. Zwar bietet er eine interessante Geschichte, wenn er von einer Gruppe Kindern erzählt, die nach einer Katastrophe, welche die Zivilisation zerstörte, hungrig und auf sich gestellt durch die Gegend ziehen, auf der Suche nach einem Ort, wo es ihnen besser geht. Im Gegensatz zu "Herr der Fliegen" konzentriert er sich nicht auf Machtstreitigkeiten untereinander, die Kinder sind abgesehen von kleinen Zwischenfällen ein Team, müssen gegen kannibalistische und gewaltbereite Erwachsene in dieser Endzeitwelt kämpfen, in welcher die Kinder als Parasiten gelten, anstatt als etwas, das beschützt gehört. Lebensmittel sind knapp, die Werte von einst vergessen, blase Erinnerungen an das gute Leben kommen im Kampf ums Überleben kaum noch auf. 

Was spannend klingt, wird in jeglicher Szene, in welcher es zum Kampf kommt, mit einer Wackeloptik zerstört, die es nicht zulässt etwas zu erkennen. Es ermöglicht Noel die harten Szenen optisch zu umgehen, wahrscheinlich um den jungen Darstellern nicht psychisch zu schaden. Aber das wäre auch anders zu regeln gewesen. Zudem begleitet das eigentlich spanisch gesprochene Szenario ein englischer Off-Kommentar, so als habe man diese Produktion im Ausland mit einem Sprecher ergänzt, der das subtile Treiben zusätzlich für Dümmere noch einmal plump erklärt. Dass vieles von dem was er redet plakativ ist, manchmal am Thema vorbei oder überinterpretiert, vor allem aber pseudo-philosophisch ist, geht jedes Mal auf den Senkel. Das ist schade, denn wenn mit der Zeit dank immer wenig werdender Kämpfe alles optisch gut und interessant zu begleiten ist, und damit eine echte Identifikation mit den Kindern aufkommen kann, gewinnt "Nine Meals from Chaos" seine erzählerischen Stärken, die immer wieder von besagtem Sprecher unterbrochen werden. 

Hinterher ist man immer schlauer, denn wenn man es schafft trotz dieser Negativpunkte, die dem Intellekt des Vorgängerfilms zu widersprechen scheinen, dran zu bleiben, erlebt man gegen Ende eine Wendung, die das meiste von dem was verärgerte, zu einer intelligenten Gesellschaftskritik werden lassen. In dieser Auflösung wird zwar auch das Verwenden der Wackeloptik entschuldigt, aber die ist im Nachhinein nicht wiedergutzumachen, im Gegensatz zu den so plump wirkenden Off-Kommentaren. Dass nicht jedes Szenario glaubwürdig mit dieser herrlich geglückten Auflösung zu erklären ist, reduziert das Niveau des Streifens dennoch in Bezug auf seine Möglichkeiten. Und da dem ein Film voraus ging, der zu großen Teilen nervte, kann man trotz der doch vorhandenen Intelligenz und der treffsicheren Pointe nicht von einem sehenswerten Werk sprechen - nicht in der ersten Sichtung. Eine zweite wird hingegen weit angenehmer ausfallen, so dass man die Gesellschaftssatire dort in vollen Zügen eingeweiht genießen kann. In seiner Kritik deutlich an "Nackt und zerfleischt" erinnernd, bietet uns der Schluss nach dieser Auflösung noch eine besonders bitterböse Zusatzpointe, welche den Menschen hinter der Aktion, der wir unbewusst beiwohnten, noch verachtenswerter macht, als ohnehin schon. 

Also! Bleibt tapfer bis zum Schluss dran, dann lohnt sich dieses Endzeit(aber trotzdem nicht Science Fiction)-Drama. Mit dem Vorwissen meiner Worte ahnt man jedoch woher der Hase läuft und kann den Schluss erahnen. Das hat den Nachteil als geduldiger Zuschauer, der es bis zum Schluss schaffte, nicht mehr derart von der Wendung überrumpelt zu werden. Es hat aber zumindest den Vorteil den Hauptteil des Streifens genießen zu können, ein Zustand der den Unwissenden hingegen erst, wie erwähnt, beim zweiten Sichten bevorsteht - vorausgesetzt man kann mit nüchtern dargebotenen, erwachsenen Stoffen, die einen selbst entdecken lassen und die trostlos, monoton und dialogarm ausgefallen sind, etwas anfangen.  OFDb

18.05.2023

THE TUTOR (2016)

Selbsternannte Anwälte für angeblich hilfsbedürftige Randgruppen, die mit ihrer Halbbildung durch Fehlinterpretationen (im Film nicht nur) sprichwörtlich Geister sehen, gebildete Experten, die sich in ihrem Tunnelblick nicht reinreden lassen, sie treffen in diesem argentinischen Drama um verwahrloste Kinder, die kurz vor der Jugend stehen, aufeinander, eingepackt in eine durch die Abgeschiedenheit des Spielortes surreale Atmosphäre. Die Direktheit des Stoffes, die weder Scheu vor Provokation, Natürlichkeit und unangenehme Themen hat, und deswegen löblicher Weise auch keine Kindernacktheit umgeht, bietet dem mündigen, mitdenkenden Zuschauer ein authentisches, wie bizarr anmutendes Werk. Völlig anders als in "Privatunterricht" angegangen, zeigt man uns wie Beschützende unbewusst zu Misshandelnden werden können. Während im Vergleichsfilm die Liberalen ihr Fett wegbekommen, zeigt uns "La Tutora" (Originaltitel) den Fall einer moralisch geprägten Frau, die ihre Mission darin sieht zwei verwahrlosten Kindern, die zwei Jahre nach dem Tod ihrer Eltern selbstbestimmt und orientierungslos auf dem großen Anwesen zusammen mit der Haushälterin zurückgezogen in der Einöde lebten, den Weg zum Anstand zu zeigen. Wie planlos sie vorgeht mit ständigen Kurswechseln, rein aus der Verzweiflung heraus, ohne dabei über ein Improvisationsvermögen zu verfügen, gelenkt von ihrem Irrglauben sie beherrsche Empathie, während sie eigentlich über den eigenen Tellerrand nicht hinweg gucken kann, zeigt schnell dass ihr guter Wille nicht zu einer Lösung führen kann. 

Da "The Tutor" mitten in der realistischen Welt bezüglich Ursache und Wirkung, Psychologie und feinsinnigen gesellschaftlichen Beobachtungen angesiedelt ist, gibt es freilich kein Richtig oder Falsch. Viele Ansätze der Lehrerin sind verständlich, die Zustände vor Ort sind katastrophal, das Benehmen der Kinder bedenklich, ihre Lebensweise nicht gut für ihre ohnehin schon gestörte Entwicklung. Das Leben der Kinder ist andererseits von einer Natürlichkeit umgeben, welche die Zivilisation verlernt hat zu leben, zu entdecken und zu schätzen. Welten stoßen aufeinander, die voneinander lernen könnten. Und wie das so ist, wenn man jemanden der glaubt Experte zu sein einen Job überlässt, der einen Experten benötigen würde: er macht alles nur noch schlimmer. Zu entdecken gibt es viel in diesem Psycho-Drama, zu verarbeiten auch, so schonungslos wie der Zuschauer mit den Geschehnissen konfrontiert wird. Aber Jugendstoff-Experte Iván Noel reibt uns die Erkenntnisse nicht unter die Nase, die gilt es selbst zu entdecken. Die direktesten Worte findet man am Ende, aber selbst dann stammen sie nur aus dem Blickfeld von wem Ungebildetes, Worte voll Wahrheit und Fehler zugleich, selbst hier muss der Zuschauer selbst heraus picken was es tatsächlich zu erfahren gibt. Dem aufmerksamen Publikum wird am Ende das meiste dieser rätselhaft anmutenden Geschichte klar sein, mit Ausnahme des zukünftigen Schicksals der beiden Kinder, die weiter unter dem fragwürdigen Einfluss ihrer Bezugspersonen leben müssen.  Wiki

19.09.2021

ABRAKADABRA (2018)

Während der Argentiner Luciano Onetti seinen Neo-Giallo "Francesca" noch allein inszenierte, steht ihm bei "Abrakadabra" Nicolás Onetti beiseite. Es ist nicht ihre erste Zusammenarbeit, und erneut ist das Ergebnis lediglich ganz nett ausgefallen. Aber im Gegensatz zum eher austauschbaren Vergleichsfilm aus dem Jahre 2015 ist die hier besprochene Co-Produktion von Argentinien und Neuseeland einen Blick mehr wert, zumindest wenn man mit jener Art Giallo etwas anfangen kann, die auf eine hypnotische Wirkung setzt. "Abrakadabra" ist wirr erzählt, stößt einen manchmal mit einer anderen Wahrnehmung als jener der im Film zu sehenden Figuren vor den Kopf und lässt auch mittels der gestörten Wahrnehmung des Protagonisten alles eine Spur surreal erscheinen. Unterstützt vom klassischen Farbspiel, der obligatorisch zur Ehrung des Genres Giallo dazu gehört, und einigen simplen, aber effektiven anderen optischen Tricks (so sticht z.B. ein ungewöhnlich gesetztes Bildersplitting faszinierend hervor) entführen uns die Onettis in einen von Geheimnissen umwehten Kriminalfilm, der uns am Schluss zwar keine Auflösung schuldig bleibt, aber eine psychologische Erklärung. 

Kann man mit der surrealen Stärke des Streifens etwas anfangen, geht das auch vollkommen in Ordnung, benötigt man doch herzlich wenig Logik bei solch faszinierenden Bildern und einem geheimnisvollen Szenario aus Magie, Mord und Okkultismus, getragen von charismatischen Mimen, allen voran German Baudino in der Hauptrolle besetzt. Eine überraschende Wendung 15 Minuten vor Schluss weiß alles Gesehene auf links zu drehen und erklärt sich erst vollends, wenn der nachgereichte Vorspann vor dem Abspann erscheint, um uns die fehlenden Wissenslücken zu füllen. Auch diese in Sachen Glaubwürdigkeit holprigen Momente werden aufgefangen durch die kunstvoll eingefangenen Bilder, dem Charisma der Darsteller, sowie einem stimmigen Soundtrack, der ohnehin zur Stärke des kompletten Werkes zählt. Sicherlich wird sich nicht jeder mit den simplen Zaubertricks des Regisseuren-Duos zufrieden geben und "Abrakadabra" eine Spur zu leer empfinden. Mir hat er jedoch gefallen, der mit sich reißende Sog aus Irrsinn und bunten Bildern, der in seiner ungekürzten Fassung mit gerade einmal 69 Minuten versehen zudem angenehm kurz ausgefallen ist. Weitere vier Minuten fallen für den sehr langsam ablaufenden Abspann weg. Langeweile kann da kaum aufkommen. "Abrakadabra" sieht man die Liebe zum 70er Jahre Giallo deutlicher an, als dem zu bemühten Versuch "Francesca", der ebenfalls simpel zu gefallen wusste.  OFDb

22.05.2016

FRANCESCA (2015)

„Francesca“ guckt sich wie eine sich vor den Klassikern verbeugende moderne Version des Giallos. Das ist definitiv reizvoll, eben weil er nicht nur vergangene Großtaten dieser eigentlich fast ausgestorbenen Filmgattung nachahmt, sondern auch eigene Akzente setzt, gern provozierender Art, aber doch immer den Stil und das Niveau beibehaltend, welches die guten Werke dieser Gattung Thriller ausmachte. Die klassischen Schwächen einer dünnen Story, die eher mit gekonnter Bildkomposition und Brutalitäten trumpft anstatt mit inhaltlicher Raffinesse, ist ebenso vorhanden wie einst, gehört meiner Meinung nach aber auch einfach zu einem typischen Giallo dazu.

Luciano Onettis Werk, an dem seine halbe Familie beteiligt zu sein scheint bei dem inflationärem Aufblitzen seines Nachnamens im Vor- und Abspann, wird recht wortkarg erzählt. Onetti lässt sich viel Zeit für künstlerisch wertvoll eingefangene Bilder, die manches Mal ruhig ein wenig subtiler hätten ausfallen können. Aber letztendlich weiß dieser geduldige Stil zu gefallen. Minutenlanges Schweigen wird untermalt mit wundervollen Melodien, von denen so einige aus der Feder von Argentos bevorzugter Band Goblin hätten stammen können. Auch hier herrscht Verbeugung vor den wichtigen Werken des Giallos.

Interessant ist die Herangehensweise entgegen dem was man vom Genre gewohnt ist viele Momente in strahlender Helligkeit stattfinden zu lassen und nur sehr wenige Szenen in Dunkelheit. Leider übertreibt es Ornetti diesbezüglich jedoch, so dass so manches Bild eher fehlerhaft hell wirkt, was durch das digitale Drehverfahren verstärkt wird, so dass die zu hell geratenen Aufnahmen nicht künstlerisch wertvoll wirken wie der Rest, sondern billig digital abgefilmt, ein Zustand der sich so gar nicht vereinen will mit der an sich liebevollen und Detail-verliebten optischen Umsetzung.

„Francesca“ ist eher ein Film der Sinne, der durchaus reizvoll ausgefallen ist, mich aus irgend einem Grund jedoch nie enorm genug packen konnte, als dass ich voll in ihm hätte aufgehen können. Das Werk blieb mir stets zu theoretisch, und ich weiß nicht ob es etwas mit der Tagesform zu tun hatte, oder ob sich mir der Film allgemein verschließt, vielleicht auch aufgrund der ärgerlich weiß ausgefallenen Ausnahmebilder, bei denen ich mich immer aus dem Film rausgeworfen fühlte. Die Antwort auf diese Frage kann erst eine Zweitsichtung ergeben, die aber auf sich warten lassen wird, da „Francesca“ trotz aller Sympathie keines jener Werke ist, die ich im Freundeskreis herumzeigen werde, so wie ich es beispielsweise bei Argentos legendärem „Profondo Rosso“ getan habe, der all meine Erwartungen übertraf.

„Francesca“ ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung den alten verloren gegangenen italienischen Stil wieder einzufangen, ohne einzig ein reines Retro-Produkt zu inszenieren. Und spätestens das sollte man bei aller Kritik zu würdigen wissen, haben die Onettis damit doch vielen Filmfreunden einen Gefallen getan, so dass der Film definitiv sein Publikum finden wird. Es ist schön dass er dies ohne jegliche Form der Anbiederung schafft. „Francesca“ wirkt ehrlich umgesetzt, ist ein ehrgeiziges Projekt, vielleicht in seiner künstlerischen Form ein wenig zu gewollt auf außergewöhnlich getrimmt, aber wer würde das Onetti je vorwerfen bei solch intensiv wirkenden Bildern?  OFDb

24.11.2013

LA ANTENA (2007)

Rein optisch ist Regisseur Esteban Sapir, der seit „La antena“ bislang keinen weiteren Film mehr fertiggestellt hat, ein recht ungewöhnliches Werk gelungen, ein echter Hingucker. Orientiert am Stil alter Stummfilme zaubert er fantasievolle Bilder mit mal schwierigeren und meist simplen Methoden, letztere gern wie ein Taschenspielertrick wirkend, den man nur all zu schnell durchschaut. Aber das raubt ihm keinesfalls die Magie. Ob sich ein Mädchen eine Pappbrille aufzieht auf dem Augen gemalt sind, oder ob eine Frau, deren Gesicht man unter dem dunklen Schatten werfenden Schleier nicht erkennen kann, sich ein trauriges Gesicht auf die Fensterscheibe malt, meist sind es die schlichten phantastischen Ideen, die „La antena“ zu etwas besonderem machen.

Auch der Aufhänger ist nicht von schlechten Eltern, lernen wir doch eine Stadt kennen, in der ein jeder seine Stimme verloren hat, was zwar durchaus politisch symbolisch gemeint ist, gleichzeitig aber auch wortwörtlich durchgezogen wird. Da wird ohne Stimme gesprochen, Buchstaben verteilen sich mal mehr und mal weniger einfallsreich im Bild, um uns die Sätze zu zeigen, die stumm gesprochen werden. Wer spanisch kann ist da klar im Vorteil, denn der deutsche Untertitel ist freilich so gesetzt wie jeder Untertitel, während mit der Schrift des Originals immer wieder gespielt wird, meist passend zur Situation.

Die Erzählung die sich hinter all dem Einfallsreichtum versteckt ist jedoch eher schlichter Natur. Die Geschichte um den Kampf gegen Unterdrückung wurde in all ihren Klischees so schon viele Male erzählt, und so werden Stereotype verarbeitet, vorgefasste Meinungen vertieft und eine längst bekannte Geschichte zelebriert, eine für die das visuelle Wunderpaket eigentlich viel zu schade ist. Klar, neben seinem politischen Anliegen ist „La antena“ drum bemüht ein gewisses Comic-Flair zu versprühen, da können Stereotype und Klischees auch förderlich sein, aber das hier gezeigte Geschlechterbild, eine Symbolik die sich mal wieder an der Nazi-Vergangenheit Deutschlands bedient und das zu rein gezeichnete Gut- und Böseschema, nehmen „La antena“ einiges von seinem Potential, zumal die Symbolik an mancher Stelle ruhig etwas subtiler hätte ausfallen können, wird sie teilweise doch unnötig mit dem Holzhammer präsentiert.

Dennoch weiß auch sie meist zu wirken, da sie gut durchdacht ist. Sie ist nicht nur mit dem Filmstil und seiner Erzählform kompatibel, nein, auch diese beiden Komponenten sind bereits Symbolik. Der Film ist eine gut durchdachte Einheit und versprüht damit eine künstlerische Intelligenz, die man gerne auch dem eigentlichen roten Faden gewünscht hätte. Immerhin schafft es Sapir Kritik der Unterdrückung im Medienzeitalter auszusprechen, und ist innerhalb dieser zeitlichen Begrenzung zeitlos. Was beklagt wird trifft auf das Heute ebenso zu wie auf die 40er Jahre, und gerade mit der Vertiefung, dass ein Volk ohne Stimme noch immer seine Worte hat, landet der Streifen einen gedanklichen Volltreffer, der nicht nur Hoffnung machen soll, sondern auch die Bereitwilligkeit kritisiert, mit welcher Völker durch den freiwilligen Verzicht auf wahre Bildung sich auch noch der Wörter freiwillig entledigen.

Das im Film demonstrierte Medienverhalten und die damit einhergehende Gleichschaltung der Gesellschaft führt wiederum zu einem Mangel an Phantasie, der nur einem kleinen Kreis Menschen erhalten bleibt, was auch erklärt warum „La antena“ so fantasievoll erzählt ist. Wie gesagt: hier passt alles zusammen.

Während die Holzhammersymbolik gegen das eigentlich hohe Niveau des Streifens arbeitet, schafft es die relativ kleine Rolle eines Jungen ohne Augen gegen Ende dem künstlerisch wertvollen Experimentalfilm an anderer Stelle zu schaden, gehört dieser doch zu den wenigen Menschen in der Stadt ohne Stimme, die sprechen kann, nur dass Sapir ihn leider immer wieder die selben wenigen Worte sagen lässt, so lange, so penetrant und so nervig, dass es dem Fluss der Erzählung erheblich schadet.

Somit ist „La antena“ rein optisch, in seiner Kritik und in der Konsequenz in der er diese äußert ein durchaus gelungener Film geworden, aber die in der Review geäußerten Negativpunkte rauben ihm das Potential zur wahren Empfehlung. „La antena“ ist etwas besonderes, ein Einzelstück und mit viel Liebe fertiggestellt. Zudem funktioniert er nicht nur theoretisch, er entführt einen tatsächlich in eine fremde Welt, die uns vor den Fehlern der unseren warnt. Aber er ist plump in seiner Figurenzeichnung, zu grobschlächtig in einem großen Anteil seiner an anderer Stelle sonst so gelungenen Symbolik, und er ist viel zu sehr darauf aus dem Volk der Juden die ewige Opferrolle zuzuschreiben. 

In diesem Punkt hätte man meiner Meinung nach anonymer vorgehen sollen, erzählt der Film doch eigentlich im Kindergeschichten-Stil für Erwachsene gedacht von einem Ort den es nicht gibt, in dem oberflächlich betrachtet etwas passiert, dass so nicht passieren kann, da es nicht den Naturgesetzen entspricht. Warum muss ein Film, der von einer wunderlichen fremden Welt erzählt, sich an konkreten Opfer- und Täterrollen aus der Realität bedienen? Als Deutscher ist man einfach viel zu genervt das ewige Paradebeispiel einer Kritik von etwas zu sein, das es überall auf der Welt zu fast jedem Zeitpunkt schon immer gab und immer wieder geben wird: ein Volk das durch irgend eine Weise von einem kleinen Teil der Bevölkerung unterdrückt wird. Der Zeigefinger auf uns Deutsche wäre nicht nötig gewesen, mehr noch: er wirkt unangebracht.  OFDb

24.11.2012

MERCANO, DER MARSMENSCH (2002)

Marsbewohner Mercano kam auf die Erde, um mit den Menschen ein Hühnchen zu rupfen, sind die es mit ihrem blöden Weltraumschrott doch schuld, dass sein Haustier starb. Bei der Erde angekommen streikt das Raumschiff, und so strandet er auf unserem Planeten. Auf seinem Heimatplaneten ist man sich uneins, ob er gerettet werden soll oder nicht, also bastelt Mercano aus Langeweile am Computer an einer virtuellen Welt herum. Die weckt das Interesse einer globalen Firma. Mercano wird manipuliert, und seine Erfindung, die nur gedacht war um Spaß zu haben, wird weltweit vermarktet, um die Menschen zu immer mehr Konsum anzuregen...

Die Globalisierung und ein Marsmensch...
 
Wenn Captain Kirk früher Planeten aufgesucht hat, war man schon ein wenig verwundert, dass es auf dem jeweiligen Himmelskörper immer nur eine Kultur gab und nicht wie auf der Erde mehrere. 40 Jahre später wird diese Idee von Regisseur Juan Antin umgedreht präsentiert, auch wenn der Marsmensch Mercano nicht freiwillig auf unserem Heimatplaneten festsitzt. Aus der Sicht seiner Gesellschaftskritik haben wir längst den Zustand der fremden Kulturen aus „Raumschiff Enterprise“ erreicht. Dank der Globalisierung und ihrer weltweit agierenden Firmen, ist eine Einheit entstanden, die in der Geschichte für die komplette Erde steht.

Übertreibung und ein zu naiver Blick? Ja und nein! „Mecano, der Marsmensch“ übt unübersehbar Kritik, versteckt diese nicht gekonnt, sondern drückt sie dem Zuschauer auf die Nase. Mit Übertreibung arbeitet er, wie es jede Satire tut, und der naive Blick der Sache ist Stil des kompletten Filmes. Dessen Freiwilligkeit sieht man ja bereits am Titel. Mercano ist ein Marsmensch, und dieser landet nicht im Amerika der 50er Jahre, wo Wesen noch vom roten Nachbarsplaneten stammen durften, sondern in Argentinien heutiger Zeit. In Zeiten der Globalisierung ist das Land, in dem eine solche Geschichte spielt, wegen Angleichung egal geworden, und der Mars ist im groben erforscht.

Es ist gerade diese Naivität, vielleicht kann man es auch Leichtfüßigkeit nennen, die dem Film die nötige Sympathie beschert. Mercano murmelt sein außerirdisches (äußerst witziges) Gebrabbel, und jeder Mensch versteht ihn. Das Alien wandert auf unseren Straßen entlang, und kaum wer sagt was. Seine Cyberwelt ist derart versimpelt, dass eine Kommunikation zwischen zwei Usern direkt durch Reden stattfindet, so als würde man sich im selben Zimmer befinden. Alles wurde versimpelt, egal ob es das Internet ist oder die Vermarktung von Mercanos Erfindung. Selbst die Grundzüge der Globalisierung werden so stark versimpelt, dass z.B. Wirtschaft, Pharmazie und Genetik von jeweils einer Person vertreten werden, die auch gleich so heißen.

„Mercano, der Marsmensch“ spielt in einem Mini-Universum, um seine Geschichte zu vereinfachen. Ein guter Trick für den Gesamtstil des Films, ein anzuzweifelnder wenn es um besagten Kritikpunkt geht. Kann man die Globalisierung glaubhaft anfechten, wenn man sie derart versimpelt und sie damit auch simpel aufzuhalten ist? Geht ihre Gefahr, wenn man denn so empfindet, nicht viel eher von ihrer Undurchsichtigkeit aus? Andererseits zeigt uns Antin, wie der Normalbürger in den Zustand der Undurchsichtigkeit getrieben wird, obwohl es eine Minderheit ist, die das System lenkt.Verkehrt ist das alles nicht.

Wie auch immer, dieser kleine Film wäre kein Kunstwerk, wenn er sich zeichnerisch nicht ebenfalls am Stil der Erzählung orientieren dürfte. So ist er auf dem ersten Blick schlicht gezeichnet, ja sogar geradezu anarchisch. So nennt man ja heute leider demokratische Herangehensweisen. An „Mercano, der Marsmensch“ ist eigentlich gar nichts anarchisch. Er arbeitet nur inhaltlich und äußerlich mit dem Wunsch, dass nicht alles angepasst sein soll, und dass man auch ein Auge für weniger Typisches haben sollte. Das ist Demokratie und nicht Anarchie, aber es wird nur all zu gern vertauscht, seit Demokratien zum Spielball der Globalisierung wurden.

Wie man es also dreht und wendet, so naiv und schlicht „Mercano, el marciano“ (Originaltitel) auch erscheinen mag, er ist wohldurchdacht. Und so ist es auch sehr schön anzusehen, ja geradezu lobenswert, dass er nicht nur auf jenen Individuen herumhackt, denen die Globalisierung von Vorteil ist. Gnadenlos rechnet der Regisseur, der mit diesem Zeichentrickfilm sein Debüt ablieferte, auch mit jenen ab, welche die Zustände verändern wollen und doch immer wieder den Tricks des Feindes verfallen. Irgendeine Ausrede findet sich immer die dunkle Wirtschaft zu unterstützen, und die meiste Zeit trinkt man doch lieber Bier und fängt hirnlos an zu pogen.

Hin und wieder switcht Antin auf Mercanos Heimatplaneten. Doch auch diese Bereicherung kann nicht davon ablenken, dass dem Film im letzten Drittel langsam die Puste ausgeht. Wirklich flott war „Mercano, der Marsmensch“ nie erzählt, im Gegenteil, man durfte seine sehr langsame Erzählweise bewundern. Aber inhaltlich verwöhnt er den Zuschauer nie. Alles wogegen die Protagonisten ankämpfen, ist bereits bekannt. Und nach einem cleveren Blick auf das Weltgeschehen, bietet er am Ende keine sinnvolle Lösung des Problems.

Mercano löst sein eigenes Problem auf eine technisch dem Menschen überlegene Art. Ein paar Hirnlos-Gegner des Systems folgen ihrem Anführer. Und all das passiert, damit es am Ende eine kleine schwarze Pointe gibt. Da kann man nun rätseln ob die komplette actionreiche Finalsituation für einen schnellen Schluss steht, oder Kritik an der Mitläuferschaft eines falschen Führers ist, der zum Problem eine Alternativlösung anbietet, die nicht wirklich besser ist (gibt es in der Realität z.B. durch Religionen und den „Zeitgeist“-Produzenten). Aber selbst wenn letzteres gemeint ist, so lässt sich dadurch nicht verhindern, dass der Film inhaltlich zu leer und zu schnell beendet wirkt.

Das mag erneut zum simplen Stil des kompletten Filmes passen. Und in all seinen vorherigen Phasen war die Geschichte selbst nicht gehaltvoller. Aber ein ungewöhnlicher Zeichenstil und eine sympathische Umsetzung lenkten von dieser Leere ab, durch die auf anderer Seite so förderliche Versimplung entstand. Im letzten Drittel erwarte ich als Zuschauer jedoch etwas mehr. Und so war ich enttäuscht, womit man schlussendlich abgespeist wurde. Schade, denn ansonsten ist dieses Argentinische Stück Animationsfilm ein gelungenes und pfiffiges Ausnahmewerk, das zwar den Bereich des Trashs streift, aber eigentlich nicht in die Arte-Trash-Reihe hineingehörte.  OFDb