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10.04.2014

DER MANN OHNE GESICHT (1973)

Wenn es um den Mix der Genres Krimi und Horror geht, war das muntere Treiben europäischer Filmschaffender recht einfallsreich zu nennen. Die Italiener hatten ihre harten Giallos und die Deutschen ihre Mabuse- und Edgar Wallace-Filme. Wenn etwas thematisch in das unsere Konzept passte, dann modellierten wir Deutschen auch gerne ausländische Filme um, so geschehen mit dem französischen Werk „L‘homme sans visage“ des Regisseurs Georges Franju, dem wir den zukunftsprägenden Meilenstein „Augen ohne Gesicht“ verdanken. Mit Blick auf „Der Mann ohne Gesicht“ (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Mel Gibson-Drama) könnte man meinen der Mann habe seine Gabe verloren, so trashig wie hier im Wallace-Stil bunt diverse Handlungsfragmente durcheinander gewürfelt werden.

Auf der von mir erstandenen DVD sind zum Film zwei Fassungen enthalten, die deutsche und die französische, und ein kurzer Blick in letztgenannte zeigt dass Franjus Werk stilistisch andere Wege geht. Seine Version wird mit ruhiger Musik eingeleitet, die Reihenfolge der Anfangsereignisse sind eine völlig andere als in der Deutschfassung, in welcher, wahrscheinlich um Gert Fröbe zentraler wirken zu lassen, alles mit einer Jahre zuvor misslungenen Jagd auf den Mann ohne Gesicht beginnt, untermalt mit Off-Kommentaren um dem Treiben verzweifelt einen Sinn zu geben, auffällig als Trashzutat zu erkennen, da der Off-Kommentar nach nur wenigen Minuten nie wieder auftauchen wird und ohnehin arg verzweifelt platziert wirkt.

Über die französische Fassung kann ich nicht wirklich viel schreiben, habe ich doch nur einen kurzen Blick auf sie geworfen, da mir die von mir gesichtete deutsche Version für einen Franju-Film zu konfus vorkam. Alles gleich von mir Berichtete ist also nur bedingt ihm zu verdanken, so stark wie an dem Film herumgepfuscht wurde.

Der titelgebende Gauner, dem mehr Beachtung geschenkt wird als den Ermittlern, weshalb sich der Film eher wie ein Gaunerfilm als wie ein Kriminalfilm schaut, wirkt wie ein Mix aus Dr.Mabuse und Fantomas. Er ist ein Meister der Maske, im Gegensatz zu Mabuse jedoch nur bedingt ein Genie, geht es ihm doch nur um persönlichen Reichtum und nicht um eine Veränderung der Gesellschaft, und fällt er doch aufgrund seiner Gier auf billige Fallen herein, auch wenn er nie persönlich durch solche Fehler geschnappt wird.

Die Geschichte mixt wild seine Pläne und die Ermittlung der Polizei mit Szenen eines noch immer existierenden geheimen Templerordens, der aber erst gegen Ende wirklich relevant wird und auch für den sehr plötzlichen und arg unbefriedigenden Schluss des Streifens verantwortlich ist. Zudem bietet uns der Film einen Schuss Science Fiction, in welchem ein Arzt, der dem Doktor aus „Augen ohne Gesicht“ sehr ähnlich sieht, für den Mann ohne Gesicht in einem geheimen Labor willenlose Verbrecher züchtet, die auf Kommando Morde begehen. Dies ist auch der Grund warum die Polizei in letzter Zeit auf Leichen stößt, denen das Gehirn abgezapft wurde.

Wirklich relevant sind diese ganzen Gymmicks zur Bereicherung einer kaum vorhandenen Handlung kaum. Und doch mischen sie mit in den entscheidendsten Wendungen der Geschichte, was dem Film damit erst recht ein angenehmes Trash-Flair beschert. Dass zudem eine Frau im Catwoman-Outfit auf den Dächern der Stadt in einer Szene umherschleicht, die man zu den gelungendsten des Streifens zählen kann, und der Film auch nicht vor Ideen mit ferngelenkten Autos samt Fahrerpuppe und dem für eine einzige Szene urplötzlichem Überraschungstalent der Stimmenimitation beim Verbrecherboss Halt macht, beschert dem Werk trotz komplett steif konstruiertem Ablauf eine Leichtigkeit, die den Film dadurch erst wirklich sehenswert macht und ihn auch in kein Genre stecken lässt. 

Dass der reißerische Soundtrack zudem dreist von einem bekannten Rock-Sound klaut, rundet die ganze Sache ab. Fragt nicht nach Handlung, genießt einfach das muntere Treiben einer völlig sinnfreien Geschichte um Verbrecherorganisationen, Geheimbünde und Schatzsuche, wahrscheinlich weit entfernt von der Vision Franjus. Beizeiten, wenn genügend Zeit verstrichen ist, werde ich auch seine Fassung einmal unter die Lupe nehmen und dann berichten. Mag sein dass mich bei solch einer Geschichte auch dort nur charmanter Trash erwartet. Vielleicht hat er aber auch etwas mehr aus dem Ganzen gezaubert, als der wild zusammengeschnittene Haufen Filmszenen, der uns Deutschen vorgesetzt wurde.  OFDb

04.09.2012

AUGEN OHNE GESICHT (1959)

Ein Arzt entführt junge Frauen und nimmt ihnen ihre Gesichtshaut ab, da er seiner durch einen Unfall verunstalteten Tochter mit einer Gesichtstransplantation helfen will...

Erwachsenenkino mit künstlerischem Wert...
 
„Augen ohne Gesicht“ ist ein Horrorfilmerlebnis, in dem alle wichtigen Genredekaden aufeinander stoßen, sogar jene die zur Entstehungszeit noch Zukunftsmusik waren. Das allein würde den Film schon sehenswert machen, aber auch die Inszenierung ist von einem solch künstlerisch wertvollem Niveau, dass spätestens diese zum Einschalten verführen sollte, auch bei Cineasten, die Horror nur als Ausnahmekost verzehren. Denn „Das Schreckenshaus des Dr. Rasanoff“ (Alternativtitel) ist eben genau jene Ausnahme.

Dabei klingt die Geschichte selbst gar nicht sonderlich aufregend. Sie ist schlichter Natur, bietet zwar auch für den Unwissenden tolle Überraschungsmomente, doch gerade Richtung Finale gibt es davon keine mehr, ab da verläuft der Film inhaltlich wie zu erwarten.

Bei all den Pluspunkten des Streifens ist dies auch gar nicht schlimm. Die Musik bietet in ihrem Hauptthema eine Jahrmarkt-ähnliche Melodie, die dennoch eine unheilvolle Wirkung ausstrahlt. Die Darsteller sind allesamt hervorragend besetzt, insbesondere der Schauspieler des Dr. Genessier, der mit ernster Mine und mit dauerhafter emotionaler Zurückhaltung sehr diabolisch wirkt. Die Kamera fängt tollste Bilder ein. Das Drehbuch, von der Schlichtheit seiner Story einmal abgesehen, baut keine Schnitzer. Und die Regie überrascht mit einer stimmigen Umsetzung, einer Inszenierung die nie einen atmosphärischen Einbruch erfährt. Kurzum erschafft Regisseur Georges Franju hier ein kleines Wunder.

Dieses Wunder tritt, wie eingangs erwähnt, auch in einem völlig anderen Bereich ein. Hier treffen verschiedene Generationen Horrorfilm aufeinander, auch zukünftige. Mitunter weil häufig nur das nötigste gesprochen wird, und es längere Passagen komplett ohne Text gibt, erscheint „Augen ohne Gesicht“ häufig wie ein Stummfilm. Die tollen Bilder in schwarz/weiß, das klassische Verhalten der Figuren, sie alle erinnern an diese Pionierzeit des Mediums Film. Die Geschichte selbst passt geradezu klassisch genau in die Genrezeit von 1930 – 1970, jene Zeit, die vor dem Terrorkino gewohnte Pfade des Gruselns abgraste. Das gnadenlose, wenn auch vergleichsweise unblutige, Kameradraufhalten bei einer Operation, bei der einer jungen Frau das Gesicht vom Kopf gestohlen wird, nimmt die voyeuristischen Werke unserer Zeit a la „Saw“ vorweg. Diese bitterböse Szene wird gerade für Genrefremde eine interessante Prüfung sein. Der Voyeurhorror heutiger Tage baut natürlich auf dem Terrorkino der 70er und 80er Jahre auf, von dem, wie bei dieser Aufzählung nicht anders zu erwarten, ebenfalls wieder Elemente in Franjus Film enthalten sind.

Wenn wir eine junge Frau sichten dürfen, die wegen eines entstellten Gesichtes eine Gesichtsmaske tragen muss, erinnert dies unweigerlich an Hoopers „Blutgericht in Texas“, ebenso wie die Thematik rund um den Gesichtsdiebstahl. Die besagte Frau wirkt wie ein puppenhafter Leatherface (vielleicht etwas wie jener unbeliebte aus Teil 4). Sie trägt zwar keine falsche Haut, aber sie hat eine Porzellan-artige Maske und wirkt mit ihr, obwohl sie ein tragischer Part der Geschichte ist, unheimlich. Durch den Verlust ihres Gesichtes und durch die Geschehnisse im Haus ist auch ihr Geisteszustand nicht mehr gesund zu nennen, wirklich vergleichbar mit dem komplett degenerierten Gehirn von Leatherface ist es jedoch nicht.

Es treffen Horrordrama a la „Frankenstein“, Terrorkino a la „Blutgericht in Texas“, Gruselfilm a la „Nosferatu“ und Psychohorror a la „Stepfather“ aufeinander, die sich alle wiederum mit dem Genre des Kriminalfilms vermischen.

Eine echte Identifikationsfigur gibt es im „Schreckenshaus des Dr. Rasanoff“ nicht. Franju bedient sich ständig der Figuren, die er gerade benötigt um die Geschichte vorwärts zu bringen. Im Mittelpunkt steht theoretisch der Arzt, phasenweise erleben wir den Film aber auch aus Opfersicht, aus der Polizeiperspektive, aus der Position Dritter und hin und wieder aus der Position der Arzttochter. Vielleicht hat der Film auch deshalb eine so nüchterne Wirkung in seiner Bedrohlichkeit. Gebannt schaut man sich an, was einem serviert wird, ein Mitfiebern im klassischen Sinne gibt es eigentlich nicht, meist nur kurz im Ansatz.

Erfreulich ist auch, gerade mit den Werken von heute im Rücken, wie erfrischend erwachsen Franju mit dem Zuschauer umgeht. Er hält ihn für intelligent genug seine eigenen Beobachtungen zu machen. Manche Tatsachen werden deutlich von der Kamera eingefangen, ohne gleich zusätzlich in Worten benannt zu werden. Auch eine Moral wird dem Zuschauer nicht aufs Auge gedrückt. Der Konsument ist hier noch mündig, und darf sich dementsprechend aus dem Gesehenen selbst ein Urteil bilden. Dies ist eine Freiheit, die es in kaum einem Werk aus Amerika zu genießen gibt, eine Tatsache mit der „Augen ohne Gesicht“ spätestens seine europäische Herkunft preisgibt.

Trotz der routinierten Hauptgeschichte ist Franjus Film jedem Cineasten ans Herz zu legen. Hier wird Kino noch als Kunstrichtung verstanden und der Zuschauer für mündig erklärt. Hier treffen fast alle Horrorrichtungen aufeinander und der Unterhaltungswert ist dank einer nüchternen und gleichzeitig Furcht erregenden Atmosphäre sehr hoch.  OFDb