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23.09.2018

ABWÄRTS (1984)

Im Fahrstuhl stecken zu bleiben gehört wohl zu den unangenehmsten Vorstellungen dessen was einem passieren kann. Da muss man nicht einmal klaustrophobisch für veranlagt sein: der enge Raum, die ungewisse Wartezeit, sich derart nah unter fremden Menschen zu befinden oder im Gegenteil eventuell ganz allein in dieser Situation zu sein, das klingt alles nicht einladend. Da kommt es sehr gelegen, dass Carl Schenkel auf die Idee kam einen Thriller aus dieser Situation zu machen, was sicherlich kein leichtes Unterfangen auf solch engem Raum ist. Aber sein Verantwortlicher für die Kameraführung löst das Problem wunderbar, stets spürt man die Enge, nie wirkt die Kulisse größer als gewollt, man wird Teil des engen Raumes ohne das Gefühl zu haben die Darsteller würden einem zu penetrant vor die Nase gesetzt. Die Möglichkeit aus dem Ganzen ein Kammerspiel zu machen wird nur teilweise genutzt, da zwischendurch immer wieder andere Bereiche des Hauses durchleuchtet werden und ein überraschend großer Teil der Laufzeit zudem im Fahrstuhlschacht spielt.

Das von Regisseur Schenkel selbst verfasste Drehbuch geht trotz gelegentlichem Abrutschens in reißerische Momente angenehm sachlich vor. Die vier Hauptfiguren reagieren ziemlich normal, angelehnt an ihren Grundcharakteren. Bis aus zu langem Warten Unmut und schließlich auch ein ungutes Gefühl wird dauert und fühlt sich im angegangenen Zeitraum authentisch an, persönliche Probleme drängen sich dem Gefühl der Gefahr vor, bevor den Protagonisten letzteres bewusst wird. Die Frage warum sich auf das abgeschickte Notsignal hin nichts tut ist schnell auf angenehm menschliche Art beantwortet, und auch die Angst der Möglichkeit vor Erstickung ist schnell gelöst, so dass sich das Drehbuch mit den grundlegenden Elementen nicht all zu lang auseinandersetzen muss. Zudem hält es den ein oder anderen Kniff bereit um die Eingesperrten manch naheliegende Handlung erst später als zu Beginn der Situation angehen zu lassen, auch das weiß zu gefallen und die 90 Minuten Laufzeit somit sinnvoll zu füllen. Mancher Thrillmoment dürfte eventuell Dick Maas für seinen nur wenige Jahre später folgenden "Fahrstuhl des Grauens" inspiriert haben, Schenkels Film selbst war ein Erfolg in Deutschland und verhalf dem Mann dazu auch in Amerika tätig zu werden, so z.B. mit dem Thriller "Knight Moves".

Einen guten Teil des Erfolges hat Schenkel Götz George zu verdanken, der trotz der Anwesenheit des stets großartigen Wolfgang Kieling die beste Leistung der hier Anwesenden vollbringt, durchbricht er doch den Stereotyp des erfolgreichen Angestellten-Prolls, der deutlich an seine Schimanski-Rolle aus der "Tatort"-Reihe angelegt ist, und zeigt deren zerbrechliche Seite. Seine Rolle erlebt viele verschiedene Gefühlsmomente, die der gute Mann allesamt hervorragend meistert. Kieling ist da im Vergleich weniger gefordert, darf seine Rolle in der ersten Hälfte doch bewusst nur passiv agieren, aber auch er ist freilich ein Glücksgriff für das Funktionieren eines Filmes, welches auf einem guten Drehbuch fußt. 

Meist ist es der andere männliche Anwesende, ein junger passiver Rebell, toll verkörpert von Hannes Jaenicke, mit dem es in Interaktion mit der George-Rolle geht. Der weibliche Part hingegen funktioniert eher aufgrund des Drehbuchs, auch wenn man Renée Soutendijk keineswegs mangelndes Schauspieltalent vorwerfen kann. Sie wird einfach nicht genügend gefordert um mit der männlichen Konkurrenz mithalten zu können, das ist alles. Aber ihre Figur erfüllt ihren Zweck, auch wenn ich manche Annäherung an den jungen Ranschmeißer nicht immer als realistisch empfand. Aber das ist wenn überhaupt ein Schwachpunkt des Buches und nicht ihrer, und es mag sein dass sich diesbezüglich der Zeitgeist geändert hat und sich dieser Aspekt in den 80er Jahren anders geguckt hat. In einer kleinen Rolle ist zudem noch Ralf Richter mit an Bord, aber der ist kaum der Rede wert.

Es ist die Figurenkonstellation und deren persönliche Probleme auf die Schenkel wesentlich mehr baut als auf die Angst des Eingeschlossenseins. Der Aufhänger des Festsitzens in einem Fahrstuhl und der Versuche sich zu befreien gerät zwar nie in den Hintergrund, ist auf solch engem Raum erzählt und eine derartige Extremsituation schaffend freilich immer präsent, aber doch wundert es, dass Schenkel sich oftmals mehr auf die Dynamik der Gruppe konzentriert als auf den Thrill der eigentlichen Ausgangslage und dabei gern auf den dramatischen Aspekt achtet, aber auch auf den gesellschaftskritischen. Der besteht nicht nur aus den anfänglichen Konstellationen unterschiedlicher Typen und Ansichten (welche immerhin zu interessanten, klassischen Reibungspunkten führen), Schenkel würfelt im Laufe der Zeit den Zusammenhalt einzelner Leute untereinander immer wieder neu. 

Misstrauen, neue Tatsachen, Verdächtigungen, Eifersucht und anderes sorgen immer wieder für eine Neuorientierung der Gruppe, und die Kieling-Rolle brilliert mit ihrem sich so wunderbar menschlich anfühlendem Geheimnis und bildet beim späten Aufdecken von diesem eine der bedeutendsten Wendungen für die Geschichte und ihrer gut gewählten Schlusspointe. Ohnehin endet "Abwärts" einerseits erschreckend, andererseits augenzwinkernd, aber weit weniger spannungsintensiv als man es in einem Thriller zu diesem Thema erwarten würde. Das verstehe ich keinesfalls als Schwachpunkt, der Film ist auf jene Art geglückt, wie er auch angegangen wurde und ist in seiner ganzen Art typisch deutsches Kino, ohne die Anbiederung an amerikanische Sehgewohnheiten. Und das ist etwas das Schenkel manch anderem nach Amerika wechselnden deutschen Filmschaffenden bereits hier im Lande voraus hatte.  OFDb

04.06.2017

SCHTONK! (1992)

Um die eigentlich wahre Geschichte eines Pressehauses, welches auf einen Fälscher hereinfiel und Hitlers angebliche Tagebücher veröffentlichte, spinnt Helmut Dietl eine erfundene, satirische Geschichte, in welcher er gekonnt die rechte Kunstszene aufs Korn nimmt, eben jene Menschen, die das Kulturgut der Nazis aus Verehrung eben dieser sammeln. Im Zuge der aktuell laufenden Hexenjagd bei der Bundeswehr, bei der jeder Besitzer von Nazi-Artefakten unter Generalverdacht gestellt wird selbst einer zu sein, tut es gut einen Film aus solch aufgeklärteren Zeiten zu sichten, bietet Regisseur und Autor Helmut Dietl doch einen reflektierten, intelligenten Blick auf die Dinge und entlarvt seine Figuren, anstatt ihnen lediglich Stempel aus Vorurteilen aufzudrücken.

In seinen Figurenzeichnungen übertreibt es Dietl dabei gerne, und dies ist genau jener Punkt, der die sonst oft sehr nüchtern ausgefallene und sachlich wirkende Satire aufpeppt, ihr also keineswegs schadet, sondern den nötigen Schliff beschert, dass man dieses sehr niveauvoll umgesetzte Stück Film nah an sich heran lassen kann. Wenn wir Knobel dabei zusehen dürfen, wie er beim Schreiben immer tiefer in die Hitlertagebücher eintaucht, dass er dessen angebliche Handschrift schließlich besser beherrscht als seine eigene, und wenn wir den Verlierer Willié auf seinem egoistischen Höhenflug beobachten dürfen, wissendlich dass er irgendwann eine Bruchlandung erleben wird, sind wir den Figuren, trotz fehlendem Sympathiebezug zu ihnen, nahe, so intensiv lernen wir sie kennen, und so gut wissen sie zu funktionieren in ihrem Mix aus Überspitzung und Realitätsnähe.

Dabei ist es eine wahre Wucht Götz George bei seiner Interpretation seiner Rolle zu beobachten, gerade in jener Phase, in der sich Willié geradezu kindlisch in seine Siegerposition hineinfühlt und freudestrahlend seinen Arschkriechern und Befürwortern großzügig seine Anwesenheit schenkt. Willié ist ein dümmlicher und geltungssüchtiger Charakter, er ist ein schmieriger, in brauner Soße badender Typ, er ist unreif, leichtgläubig und fanatisch. Diese Figur muss man einfach lieben und hassen, und sowohl die Verantwortlichen für die Maske als auch der brillante George machen es dem Zuschauer dabei sehr leicht.

Mit Uwe Ochsenknecht tue ich mich in der Regel schwer, aber seine Leistung in „Schtonk!“ ist neben jener in „Männer“ eine der wenigen Ausnahmen, in welchen ich seine Darbietung und Wirkung unglaublich gut finde. Wie er seine Figur zwischen Genie und Wahnsinn balancierend auslegt und sie im entscheidenden Moment kurzfristig abdriften lässt, dass es aufgrund einer Krankheit vorübergehend keinerlei Zweifel mehr über eine geistige Verwirrung gibt, ist einer der Sehwerte des Filmes. Er ist neben Georges Rolle die zweite Comicfigur in einer ansonsten überraschend nüchtern und realitätsnah wirkend ausgefallenen Satire, und diesen Part beherrscht er gekonnt. Während der Charakter Willié die ganze Zeit über eine personifizierte Farce darstellt, ist Knobel meist Teil der Filmrealität, und in entscheidenden Momenten holt er weit aus um ein absurdes Kuriosium im „Schtonk“-Kosmos zu werden.

Im Gegenzug dazu bleibt Harald Juhnke erschreckend blass, aber zumindest hat dieser keinen Part erwischt, der mehr als Routine von ihm abfordert. Dass zudem Veronica Ferres nicht positiv aufzufallen vermag, dürfte nur jenen Zuschauerpart wundern, der an anderer Stelle etwas mit der stets blass spielenden Untalentierten anzufangen weiß, ich tue dies jedoch nicht und habe mich schon immer gefragt, was sie in der deutschen Medienlandschaft zu suchen hat. In einem solch seriös umgesetzten und stilvoll ausgefallenem Werk wie „Schtonk!“ wundere ich mich erst recht über ihre Anwesenheit, sind im Film ansonsten doch fast nur Könner ihres Fachs engagiert.

Das Spiel mit den Nazisympathisanten der Kunstszene und der Sensationsgier der Presse, mag im Bereich der Satire keine Königsübung sein, sehr leicht kann man mit diesen Schwerpunkten ein Publikum finden. Dietl macht es sich jedoch keineswegs leicht. Auf recht umständlich wirkend erzähltem Wege und geistreich reflektierend, ohne lediglich Stereotypenstempel zu setzen, erschafft er einen intelligenten Blick auf fragwürdige Randgruppen der Gesellschaft, die mal mehr, mal weniger legal, neben der eigentlichen Masse koexistieren.

Stilistisch schwankt er dabei zwischen dick aufgetragenen, fast schon albernen Comicelementen und bodenständiger Beobachtungsgabe. Ihm ist eine aufrichtige Satire geglückt, die eine ohnehin schon kuriose wahre Begebenheit ad absurdum führt und dabei auf niveauvolle und künstlerisch wertvolle Art einen Rundumschlag gegen Fragwürdigkeiten unserer Gesellschaft ausführt.  OFDb

25.11.2012

SCHOKOLADE FÜR DEN CHEF (2008)

Nach einem Herzanfall wird der knallharte Geschäftsmann Ernst Schmitt, der achtreichste Mann Deutschlands, sentimental. Die Patrizia-Werke sollen geschlossen werden, jene Schokoladen-Produktionsstätte, mit der sein Imperium einst begann. Getarnt als Kur-Urlaub, macht sich Schmitt mit seinem Chauffeur Hubert Ollerbeck auf den Weg zur besagten Fabrik, um zu schauen was hier falsch läuft. Da kommt es ihm ganz gelegen, dass der Chef der Patrizia-Werke gerade einen Chauffeur sucht. Ernst gibt sich als Hubert aus, währenddessen darf dieser den Milliardär mimen. Es dauert nicht lange, und der als Fahrer getarnte Großunternehmer findet heraus, dass Patrizia absichtlich gegen die Wand gefahren wird...

Ein Unternehmer unternimmt etwas...
 
Dass einer der reichsten Männer der Welt sich als Chauffeur ausgibt, beherbergt die „Unlogik“, dass ihn niemand erkennt. Deswegen geht RegisseurStelzer das Problem direkt in der ersten Szene an, in welcher wir erfahren, dass Fotografen der Presse schon lange scharf darauf sind, endlich ein Foto des Großunternehmers schießen zu können, ist sein Aussehen für die Öffentlichkeit doch ein Geheimnis. Da das Drehbuch es Ernst in seiner Tarnung als Chauffeur nicht zu einfach macht, da immer wieder bekannte Gesichter seinen Weg kreuzen, bleibt die Geschichte in diesem Punkt realistisch.

In Herzensangelegenheiten bleibt sie es nur bedingt. So ist der Sub-Plot um den sich als Milliardär ausgebenden Chauffeur zwar nett anzusehen und bereichert den Film auch um einige Witze, aber doch wird recht blauäugig mit seiner Liebschaft zu einer Kosmetikerin umgegangen. Klar, „Schokolade für den Chef“ soll ein Unterhaltungsfilm und keine Milieu-Studie sein, aber die Schlichtheit und das Happy End dieses Nebenplots treffen doch eher den Stil eines Märchens, etwas das der Film an anderer Stelle nicht anstrebt.

Das könnte man theoretisch vermuten, wenn ein Milliardär sentimental seine Firma rettet. Im Kern bleibt Schmitt jedoch ständig der knallharte Charakter, der er als Geschäftsmann gewesen sein muss. Zwar erfährt er Veränderungen, wenn er erstaunt nachfragt, ob er ebenso fies klingt, wenn er Kommandos gibt. Denn sein Chauffeur geht in seiner Rolle als Milliardär recht ruppig mit dem „untergebenen“ Chef um. Eine leichte Charakterentwicklung a la „Der kleine Lord“ findet also sehr wohl statt. Aber sie ist gering zu nennen. Sie ist so dosiert, dass die Geschichte glaubhaft bleibt und der Hauptcharakter ebenso.

Dass Bösewichter und gute Menschen, also fast alle wichtigen Nebenrollen, nicht so glaubhaft bleiben und unter Überzeichnung leiden, wäre nur dann ein echter Kritikpunkt, wenn der Film zu viel wollen würde. Doch obwohl er den Weg alter Geschäftsführungen propagiert, und im Gegenzug der modernen Geldscheffelei Verachtung schenkt, will „Schokolade für den Chef“ nichts weiter als eine locker flockige, harmlose Komödie sein, bei der man nur einmal 90 Minuten in die Geschichte eintauchen und sich amüsieren soll.

Da kommt es dem Film zugute, dass er trotz dieses schlichten Ziels ernst genug angegangen wurde. Das Drehbuch erlaubt sich nur wenige Schnitzer, die Darsteller wissen alle zu überzeugen und auch die Regie kümmert sich um dieses TV-Produkt, als sei es ganz wichtig, dass dieses ein gutes Ergebnis bekommt. Manfred Stelzer ist hauptsächlich TV-Regisseur, mag also sein dass ihm ein Fernsehfilm deshalb so viel bedeuten kann. Der Mann drehte einige „Tatort“-Episoden und welche für die Serie „Polizeiruf 110“. Eines seiner bekanntesten Werke dürfte jedoch „Superstau“ sein.

Kämpfte er dort noch mit zu vielen Charakteren auf dünner Story, so schafft er es hier den Zuschauer gut zu unterhalten, da er Figuren und Geschichte gleichermaßen im Auge behält. „Schokolade für den Chef“ mag nur ein kleiner, naiver Film sein, aber er wusste mich gut zu unterhalten. Die Zeit flog nur so dahin.  OFDb

12.10.2012

WARTEZIMMER ZUM JENSEITS (1964)

Ein Student will den Mord an seinem Onkel aufklären. Eine Spur führt ihn nach Italien, wo eine richtige Verbrecherorganisation hinter der Tat zu stecken scheint...

Starkino der 60er...
 
5 Jahre lang machte die deutsche Edgar Wallace-Reihe bereits in heimischen Kinos gut Geld, und Mabuse-Filme folgten diesem Ruf bereits seit vier Jahren. Grund genug ähnliche Stoffe auf den Markt zu werfen. Zwar ist „Wartezimmer zum Jenseits“ lediglich ein Krimi und kein Grusel-Krimi, aber eine Vielzahl berühmter Schauspieler sollten Zuschauer locken, und die Titelgebung klingt für den unwissenden Konsumenten nun auch nicht danach, als sei ein Grusel-Krimi völlig ausgeschlossen. Der Film von Krimiautor James Hadley Chase wurde zudem von Wallace-Regisseur Alfred Vohrer gedreht, einem der Mitbegründer der harten Welle, wie jene Filmgattung in vergangenen Trailern bezeichnet wurde.

Ob „Wartezimmer zum Jenseits“ damals ein Erfolg war, weiß ich nicht. Heute kennt ihn kaum noch wer, und das ist schon etwas schade. Zwar hat man mit diesem Krimi keinen guten Streifen vergessen, aber immerhin einen passablen, der allein schon wegen der oben erwähnten Stars einen Blick wert ist.

Ein junger Götz George mimt den Helden, der furchtlos den Mörder seines Onkels sucht. Sein ewiger Begleiter ist Hans Clarin, der seine ihm bekannt machende Stimme für meinen Geschmack etwas extrem ausreizt, für mich aber immer ein gern gesehenes Gesicht ist. Er wird jedoch leider als Eddi Arent-Ersatz eingebracht, und eine solche Rolle steht ihm nicht. In einer kleinen Nebenrolle spielt Klaus Kinski die Art Rolle, die er in Kriminalfilmen fast immer spielen durfte. Hildegard Knef gibt Georges Gegenpart und erwischte damit die zweite Hauptrolle. Heinz Reincke, Heintjes ewiger Filmonkel, ist ebenfalls mit dabei. Diese Aufzählung kann sich sehen lassen.

Der Film selbst ist etwas halbgar ausgefallen. Er beginnt mit einem unpassenden Off-Kommentar, der später nie mehr ertönen wird. Vielleicht vergaß man die Hauptcharaktere zu vertiefen und hatte keine Zeit mehr, diesbezügliche Szenen nachzudrehen. Einen anderen Zweck erfüllt die Stimme aus dem Off nämlich nicht.

Recht flink steigt man in die Geschichte ein, die jedoch zunächst den Eindruck einer banalen 08-15-Krimistory macht. Sie plätschert vor sich hin, ist nicht wirklich langweilig, und doch war ich zunächst geneigt auszuschalten. Was ich sah war einfach arg gewöhnlich. Dies änderte sich aber immerhin nach geschätzten 30 Minuten. Wenn die Geschichte nach Italien verlagert wird, bekommt sie wesentlich mehr Schwung, was in erster Linie an der Rolle liegt, die Richard Münch so übertrieben spielen durfte.

Er erfüllt jedes Klischee des Kopfes einer Gangsterbande: Reicher, geehrter Mann, den niemand verdächtigen würde, Rollstuhlfahrer, blonde Haare, Sonnenbrille (Heinofan?), wahnsinnig (begeht Verbrechen, damit die Menschen vor ihm zittern), wohnt in einem Schloss und hält jede Menge Gimmicks bereit: Maschinengewehre versteckt am Rollstuhl montiert, edle Verließe und überall hat der werte Herr Kameras versteckt. Unweigerlich erinnerte mich diese Figur an den bösen Baron aus „Timm Thaler“, der war jedoch eine Spur besser gespielt und unheimlicher. Das ist schon ein kleiner Witz für sich. Die Figur aus dem Kinderprogramm wirkt bedrohlicher als der Oberbösewicht aus der harten Welle der 60er. Da braucht man sich aber nicht zu sehr dran aufhängen, denn die mangelnde Wirkung in diesem Bereich liegt an der Art der Inszenierung, und die wollte den bedrohlichen Effekt scheinbar gar nicht einfangen. Dafür wirkt alles, was wir in Italien miterleben dürfen, viel zu comichaft. Wir schreiben immerhin das Jahr von „Goldfinger“, jenem Film, in dem James Bond ebenfalls zur Comicfigur wurde. Von daher passt Vohrers Inszenierung in seine Zeit.

Unter welchen Einflüssen der Kriminalfall sein Ende findet ist etwas arg konstruiert zu nennen und geschieht als reine Aktion auch viel zu plötzlich. Dies hinterlässt leider einen bitteren Beigeschmack. Da bereits das erste Drittel mäßig war, war mein Gesamteindruck somit eher mittelmäßiger Natur. Wer Freund vergangener, deutscher Kriminalkost ist, sollte aber ruhig mal rein schalten. Neben der Freude bekannte Gesichter zu sehen, ist es vor allen Dingen das Geschehen in Italien, das „Wartezimmer zum Jenseits“ seinen Reiz beschert.  OFDb

12.09.2012

SCHIMANSKI - SCHULD UND SÜHNE (2011)

Der junge Polizist Oliver Hoppe begeht Selbstmord. Rentner Schimanski kann es nicht fassen und forscht im Interesse Hoppes Mutter, mit der er langjährig befreundet ist, nach. Das betroffene Duisburger Polizeirevier steht wegen Schmiergeld-Verdachts unter Beobachtung. Ob Hoppe auch in Versuchung kam sich bestechen zu lassen? Und was haben rumänische Prostituierte mit der ganzen Sache zu tun? Dass der Rentner an seinem alten Arbeitsort so viele Fragen stellt, stößt nicht gerade auf Begeisterung..

Das Ende der Welt ist längst da...
 
Als im Jahre 1997 die Duisburger „Tatort"-Reihe mit Schimanski und Thanner nach 27 Folgen als „Schimanski“-Specials fortgesetzt wurde, war nicht jeder begeistert. Zu actionlastig seien die Sologänge des in die Jahre gekommenen Ausnahmepolizisten. Manch einer bemängelte es fehle der Charme der Originalreihe. Was einzelne Nörgler ankreideten war aufgrund des enormen Erfolges aber ohnehin egal. Mit „Schuld und Sühne“ hat sie es im Jahre 2011 nun auf Folge 16 geschafft, und ich als Zuschauer, der recht wenig Kenntnisse über diese Reihe besitzt, kann den Nörglern von einst nur empfehlen mal dringendst in die neueren Fälle Schimanskis reinzuschauen. Von Action ist hier nichts mehr zu bemerken.

Schimanski ist ein alter Mann geworden, körperlich noch sehr aktiv, aber er passt nicht mehr in seine Zeit, ist selbst den Polizisten der Gegenwart mit seiner überholten Art ein Dorn im Auge, und dementsprechend schwebt schon eine von Schwermut umgebene Nostalgiewolke um den alten Haudegen herum, der nicht mehr so leicht zuschlagen kann. Schimanski selbst betont an seiner Stammwürstchenbude, dass er heutzutage den Polizeijob auch nicht mehr aktiv ausüben würde, so wie in der Öffentlichkeit mit den Beamten umgegangen würde. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die Art, welche die Polizisten an den Tag legen, widert ihn ebenso an. Die Moral hat sich geändert, und dieses neue Denken ist Schimanski so fremd wie unsympathisch, und dies bezieht sich nicht erst auf die übergangene Moral korrupter Kollegen.

Ein Selbstmord unter Kollegen, Korruption bei der Polizei, das sind alles keine neuen Themen, das muss also nicht zwingend zu einem frischen Ergebnis führen, tut es überraschender Weise jedoch dennoch. Denn Regisseur Thomas Jauch, der auch 2008 den Vorgänger „Schicht im Schacht“ inszenierte, orientiert sich am Alter seines Helden, und damit eher an „Rocky 6“ als an „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ und „Rambo 4“, alles Filme die Helden der 80er Jahre wieder auferstehen lassen, wobei die letzten zwei Genannten den Fehler begingen das Alter ihres Helden zu ignorieren.

Augenzwinkernd darf man dabei zusehen, wie Schimanski in einer Actionszene a la Rentner einem großen, bulligen Kerl in die Eier tritt, und er sich mit ruhiger, besonnener Stimme seinem Schützling gegenüber rechtfertigt, er sei ja auch schon zu alt um gegen einen solchen Brocken zu kämpfen, er entschuldige sich für diese mädchenhafte Art zu kämpfen. Diese Szene bildet die Ausnahme eines Filmes, der nicht nur eher dramatisch anstatt witzig daher kommt, sondern auch sehr ruhig und nachdenklich erzählt, anstatt actionlastig.

Während der Rentner privat seinen Nachforschungen nachgeht und dabei Kollegen der Neuzeit nervt, Schichtenweise die Geheimnisse des Kriminalfalls entblättert und freilich alles besser weiß als das Volk von heute, findet die wahre Geschichte weder in den Schlaumeiereien des erfahrenen Kriminalkommissars statt, noch im Kriminalfall selbst. Stattdessen steht der Generationenunterschied im Vordergrund. Die Taten eines Vergangenen werden zum wahren Zentrum und Herzstück der Geschichte, und diesen Stil wählte Jauch sehr bewusst und zeigt uns dieses bewusste Handeln noch einmal deutlich Richtung Abspann, wenn er nach Herzenslust „Donnie Darko“ zitiert.

Da läuft nicht nur die Ballade Mad World, selbst die Kamerafahrt wird aus dem großartigen amerikanischen Film übernommen, wenn sie von links nach rechts gleitet und die Figuren des Filmes an den verschiedenen Orten, an denen sie sich befinden, noch einmal einfängt. Jauch ist sich dabei bewusst, dass er mehr tut als zu zitieren oder sich vor einem Werk zu verbeugen, welches er wohl zu schätzen weiß. Ihm ist bewusst, dass er mit dem 16. Schimanski auf eines der Hauptanliegen von „Donnie Darko“ stößt, dass wichtige thematische Übereinstimmungen gegeben sind, in „Schuld und Sühne“ eher deutlicher, in „Donnie Darko“ bewusst versteckt.

In beiden Filmen geht es um die vergangene Moral, um letzte Verfechter dieser in den 80er Jahren endenden Zeit, in welcher man begann eher gedankenlos zu handeln, Minderheiten-unterstützendes Denken für Fragwürdigkeiten zu missbrauchen, für seine Taten keine Verantwortung mehr zu übernehmen und (romantische) Träumereien den anderen zu überlassen.

Letztgenanntes scheint nicht auf Schimanski zu passen, war er nie der kleine Softie von nebenan. Aber in Form von Altersweisheit wird die Titelfigur schon bewusst sanft dargestellt, reagiert auf Provokationen mit ruhiger, fast trauriger Stimme, anstatt mit Aggression. Und diese Treue zu Freundschaften und alten Werten kann man wohl schon als eine Art Romantik mit dem Vergangenen, als Nostalgie bezeichnen, auch wenn der Grundcharakter der eines harten Kerls ist. Ohnehin ist gerade die „Schimanski“-Reihe mit dem alten Helden der 80er Jahre die perfekte Plattform, um mit Elementen des amerikanischen Ausnahmefilmes zu kooperieren, bietet sie sich thematisch doch ganz natürlich dafür an.

Während die Seele der Geschichte sich also deutlich an „Donnie Darko“ klammert, und damit bewusst Kritik an der heutigen Gesellschaft ausübt, findet die äußere Erscheinung anhand eines Kriminalfalles statt, dem man seine gute Inszenierung nicht abstreiten kann. Die Besetzung leistet hervorragende Arbeit ebenso wie Kamera und Regie. Der 16. „Schimanski“ schaut sich nur selten wie ein Fernsehfilm und lässt das Niveau heutiger, typischer Krimi-Reihen deutlich hinter sich.

Mit etwas belustigendem Blick kann man auch einen Vergleich Richtung „Kommissar Klefisch“ wagen, sind doch beide Kriminalisten A.D. ähnlichen Alters und könnten unterschiedlicher wohl kaum sein. Der eine ist der Rentner in Reinform, kaum in der Lage sich eigenständig zu bewegen, der andere ist in körperlicher Topform und artikuliert auch noch wie ein Mann, der mitten im Leben steht.

Wie dem auch sei, was Schimanski bei seinen Ermittlungen so an die Oberfläche befördert, welche überraschenden Wendungen es so in der Geschichte gibt, das sind alles Situationen, die Interesse wecken und trotz ihrer Nähe zum Reißerischen niemals die Grenze zum Unangenehmen überschreiten. Ein Glück, dann stünde der Harmonie zur „Donnie Darko“-Philosophie etwas im Weg, was nicht vereinbar wäre.

„Schuld und Sühne“ ist nicht gedankenlos erzählt, orientiert sich hier am titelgebenden Ex-Kommissar und geht noch einen Schritt weiter: die komplette Geschichte ordnet sich dem Schimanski-Charakter unter. Eine solche Vorgehensweise hätte auch in die Hose gehen können. Da der Charakter Schimanskis jedoch nicht oberflächlich herausgearbeitet wurde, sondern auf sehr sensible und gut analysierte Art, spiegelt sich diese positive Eigenschaft, eben wegen besagter Unterordnung, auch im gesamten Kriminal-Drama wieder. Der 16. Schimanski  ist eine große TV-Überraschung, eher Kinofilm als TV-Produkt und längst nicht so oberflächlich wie die vielen Kriminal-Reihen heutiger Tage.  OFDb

19.05.2012

SCHIMANSKI - ASYL (2002)

Illegale Einwanderer werden tot in einem LKW aufgefunden. Sie sind alle erstickt. Als die Polizei den pensionierten Polizist Schimanski bittet undercover als LKW-Fahrer zu ermitteln, lehnt dieser ab. Doch dann trifft er auf den jugendlichen Attila, den einzigen Überlebenden. Als dieser nach und nach Vertrauen zu dem Rentner aufbaut, überlegt der es sich anders...

Ein Herz für Kinder...
 
Dass man noch immer fleißig ermitteln kann, selbst wenn man pensioniert ist, das bewies bereits der wesentlich tatterigere „Kommissar Klefisch“. Was sollte also den wesentlich agileren Schimanski davon abhalten wieder tätig zu werden? - Sein Ego. Denn zu dem Job als Maulwurf wird er nur deswegen gebeten, weil es illegale Drecksarbeit ist, bei der er im Extremfall auf sich selbst gestellt ist. Der damalige Polizist aus Leidenschaft sieht das nicht ein.

Der Grund warum er es sich anders überlegt verweist bereits auf ein begleitendes Genre. Die Schimanski-Reihe wird zum Sozial-Drama. Da ich die Vorgänger nicht kenne weiß ich nicht wie es bislang war, aber von nun an wird dies öfter der Fall sein. Sozialromantiker Schimanski wird noch das ein oder andere Mal Menschen helfen, die durch das System gefallen sind und Aufgrund von Armut auf Hilfe angewiesen sind. Diesmal ist es der illegale Immigrant Attila dem Schimmi, nachdem ein Vertrauen aufgebaut ist, zunächst einmal eine Aufenthaltsgenehmigung beschafft.

Nun muss er nicht mehr versteckt bei dem freundlichen Polizisten A.D. leben und kann sogar in der Wirtschaft von Schimanskis Freundin arbeiten. Wer aufgrund dieses Ablaufs jedoch eine blauäugige heile Welt vermutet, der irrt. Völlig kitschfrei ist „Asyl“ nah an der Realität erzählt, so dass es um so mehr wirkt, dass der Darsteller des Attila so authentisch zu spielen weiß.

Parallele Handlungsabläufe sorgen dafür, dass man sich nicht immer sicher sein kann wie es weiter geht, so dass der Part einer unsicheren, auf Schimanskis Entscheidung hin gar unverkabelten, Undercover-Arbeit noch gefährlicher zu werden droht, wenn der ungehaltene Attila in seinem jugendlichen Leichtsinn beschließt Landsleute aufzusuchen, um ebenfalls nicht untätig herumzusitzen.

Je weiter der Kriminalfall voranschreitet, um so mehr verdichtet sich das Drama und um so mehr wird der heimliche Auftrag der Polizei zu einer Privatsache. Dementsprechend schließt der Film auch mit einem Schimanski als reinen Privatmenschen in einer stimmigen gefühlvollen Abschluss-Szene, die ein wenig im Widerspruch stehen wird zu Episode 13 namens „Sünde“, in welcher der Held der Reihe behaupten wird nicht mit Kindern auskommen zu können.

Götz George spielt seine Rolle aus dem Ärmel geschüttelt perfekt. Die Stammgesichter der Reihe sind freilich wieder mit dabei, und keiner von ihnen wird mit unnötigen Gastauftritten abgefertigt. Jedes ehemalige Gesicht ist von Bedeutung, egal wie groß oder klein die Rolle ausgefallen ist. Regisseur Edward Berger hat mit „Schimanski - Asyl“ nach dem Vorgänger „Schimanski - Kinder der Hölle“ seinen zweiten Beitrag zur gelungenen Krimi-Reihe abgeliefert. Leider war es gleichzeitig auch seine letzte.

Der Serie hat es nicht geschadet, sie blieb auch nach „Asyl“ weiterhin qualitativ. Es kann jedoch sein, dass der Kurswechsel ins Sozial-Drama, in welcher Folge der auch immer begonnen haben mag, manch einem ehemaligen Freund der Reihe nicht schmecken mag, nachdem doch gerade nach Absplittung der klassischen Schimanski-Thanner-“Tatort“-Folgen der Kriminalist zunächst etwas actionlastiger ermittelte. Mag sich der Stil der Reihe auch geändert haben, dem Schimanski-Charakter bleibt man treu, und das dürfte wohl die Hauptsache zum Funktionieren dieser Krimiserie sein.  OFDb