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08.08.2020

WHAT HAPPENED TO MONDAY? (2017)

Die absichtlich übersprungenen Schwierigkeiten in der Glaubwürdigkeit der Geschichte und die stets anwesenden Unlogiken sind ebenso wenig zu übersehen, wie manch nicht konsequent zu Ende gedachte Idee. "What Happened to Monday?" funktioniert aufgrund seiner lediglich als Popkornfilm konzipierten Eigenschaft dennoch, zumal er auf einer Idee aufbaut, die geradezu ein Selbstläufer ist. Die siebenfach agierende Hauptdarstellerin beeindruckt in ihrem von sehenswerten Spezialeffekten unterstützten Zusammenspiel mit sich selbst, dies trotz klischee-beladener Maskerade, und entwickelt zusammen mit den Autoren im Laufe der Zeit aus den Stereotypen funktionierende Individuen, zumindest auf jenem Niveau, welches ein actionreiches Szenario in einer Großproduktion zulässt. Egal ob man die Auflösung nun ahnt oder nicht, der Weg zu ihr ist schmerzvoll für die Heldinnen, bietet allerhand Kurzweile, Überraschungen und neue Erkenntnisse, und am Schluss angekommen bietet besagte Auflösung eine Zusatzerklärung, die ebenfalls trotz des Makels nicht konsequent zu Ende gedacht zu sein gut funktioniert.

Interessante Rückblicke, die für die Hauptgeschichte von wichtiger Bedeutung sind, werden gekonnt gesetzt eingestreut, ohne zu ausschweifend auszufallen. Das kurze Anreißen dessen, was diese Art Leben, bevor das Hauptszenario über die Siebenlinge herein bricht, für Herausforderungen und schmerzliche Entbehrungen mit sich bringt, hätte in seinen reichhaltigen Möglichkeiten einen eigenen Film füllen können, wird aber aus Rücksicht vor dem Action-Schwerpunkt nicht zu bedeutungsschwanger zelebriert. Das Gewicht aus minimalen Anflügen von Tiefsinn und dem Hauptaspekt der leichten, aber ereignisreichen Kost stimmt dementsprechend, zumindest dann, wenn man zuvor kein Kopfkino erwartet hat. Die Rolle von Glenn Close ist mir ein wenig zu klein ausgefallen, aber sie holt viel aus ihr heraus. Dass sowohl die Ausgangslage, die zu dem neuen Gesetz führt, als auch die schockierende, gesellschaftskritische Auflösung dessen, wie das Gesetz umgesetzt wurde, stark an "Jahr 2022... die überleben wollen" erinnert, stört nicht weiter, zumal man nicht wie dort auf Intellekt und Tiefgründigkeit setzt, sondern auf einen simpel zu konsumierenden Unterhaltungsfilm.  OFDb

DAS KRUMME HAUS (2017)

Die Geschichte von "Das krumme Haus" klingt nicht nur wie eine typische Agatha Christie-Geschichte, die sie auch ist, sie atmet diese Eigenschaft in sämtlichen Poren, so als sei sie das Ur-Gestein ihres Schaffens. Angeblich selbst von der Autorin als ihren eigenen Lieblingsroman benannt, sei die späte und scheinbar erste Verfilmung dieses Stoffes tatsächlich allen Liebhabern dieser Art Kriminalfilm empfohlen. Regisseur Gilles Paquet-Brenner lädt herzlich zum Mördermitraten ein, was dank jeder Figur als glaubwürdiger, potentieller Kandidat den Zuschauer diesbezüglich tatsächlich hin und her reißt. Wie es sich für einen guten Film mit diesem Hauptanliegen gehört, fällt die Auflösung zudem überraschend und konsequent aus, eingebettet in einem sowohl spannendem, wie auch emotional verstörenden Szenario, das beweist wie gut Drama und Spannungsmoment ineinander greifen können. Ein psychologisches Verständnis für Zuschauermanipulation, Charaktergestaltung, Ursache und Wirkung und perfekt gesetzte augenzwinkernde Elemente, kommen hier endgültig gebündelt zur vollkommenen Entfaltung, nachdem die komplette Geschichte zuvor selbiges bereits stets unauffällig eingebettet beherzigt hat.

Mag die Optik für den eigentlichen Retro-Touch dieser Old School-Verfilmung auch etwas zu überarbeitet und aufgebretzelt wirken, so sind die Kameraarbeit und die Ausstattungen, sowie die Kostüme doch von ebenso herausragender Qualität, wie Regie, Drehbuch, Besetzung und das Talent der Mimen. Hervorgehoben sei freilich die im Alter stets brillant agierende Glenn Close, die es erneut schaffte sich eine interessante Rolle in einem gelungenen Projekt zu ergattern (man denke nur an "What Happened to Monday" und "The Girl With All the Gifts"). "Crooked House" (Originaltitel) lässt nichts zu wünschen übrig, ist noch weit besser ausgefallen, als ich es mir zuvor erhofft hatte und offenbart mir, bis auf besagten optischen Aspekt, an den man sich mit der Zeit jedoch gewöhnt, kein Makel, welches den Sehwert trüben würde. Eingeweiht in die Auflösung, lässt sich bei einer erneuten Sichtung außerdem manch subtil eingearbeitete Raffinesse zusätzlich zu dem entdecken, was ohnehin schon in Sachen psychologisches Verständnis zu faszinieren wusste, in einer Zeit, in welcher Kino diesbezüglich nicht mehr auf qualitative Drehbücher setzt. Dass das Ganze zudem mit einem Hauch Komik inszeniert wurde, der mit der Reststimmung des nicht als Komödie konzipierten Streifens wunderbar kompatibel ist, muss wohl kaum erwähnt werden, ist er doch das zu erwartende Zückerchen innerhalb eines perfekt funktionierenden Werkes, das absichtlich jedes typische Element dieser Art Kriminalfilm, ob nun Klischee oder nicht, geradezu zelebriert.   OFDb

01.03.2020

EINE VERHÄNGNISVOLLE AFFÄRE (1987)

Während "Eine verhängnisvolle Affäre" für Michael Douglas der Beginn seines Stempels amouröser Rollen wurde, die er in "Enthüllung" und "Basic Instinct" weiter verfolgte, war der hier besprochene Thriller für Regisseur Adrian Lyne das Folgewerk von "9 1/2 Wochen". Den Kurs hielt er später weiter fest mit der Neuverfilmung "Lolita", sowie mit seinem letzten Film "Untreu" und dem unglaublich schlechten "Ein unmoralisches Angebot". Von dessen Niveau ist "Fatal Attraction" (Originaltitel) weit entfernt, entpuppt sich der Film doch als gekonnt erzählt. Sehr langsam schaukelt er die Ereignisse hoch, zeigt uns zunächst hemmungslos das wilde Treiben der beiden Hauptfiguren und arbeitet dann, orientiert am Empfinden Dans, die negativen Seiten dieser Erfahrung sehr nachvollziehbar durch. Glaubwürdig wird aus einer sexuell reizvollen Frau eine abstoßende Person, jemand mit dem man kein Mitleid mehr empfindet, sondern nur noch zum Selbstschutz raus aus der selbst geschaffenen Situation möchte. Alex wird nicht nur zum Stalker mit deutlichen Grenzüberschreitungen, ihr ist auch jedes Mittel recht Dan an sich zu binden, und wenn sie sich hierfür selbst zerstören muss.

Der heftigste Moment diesbezüglich und ein Beweis dafür, dass die Geschichte auch beim langsamen Hochschaukeln bereits früh extreme Momente aus dem Hut zaubert, ist wohl jener, in welchem Alex sich mit aufgeschnittenen Handgelenken zärtlich bei Dan verabschiedet. Das schockt nicht nur, hier beweist sich Dans Charakter erstmals überdeutlich als sympathische Person, so dass diese Szene zwei Kernereignisse beinhaltet. Er ist kein Egoist, kein ewiger Fremdgänger. Der Zuschauer muss mit ihm warm werden, damit die Geschichte funktionieren kann, immerhin ist seine Affäre mit Alex kein Moment kurzfristiger Schwäche gewesen, er trieb es mit ihr tagelang, die Abwesenheit der Ehefrau kühl einkalkulierend, so etwas verzeiht man keinem Macho, oder keinem kühlen Workaholic, man verzeiht es bereits einem charmanten Menschen kaum. Dan ist ein liebevoller Vater, ehrlich verliebten und glücklich mit seiner Ehefrau, sowie, um auf die Beispielszene zurück zu kommen, ein liebevoller One Night Stand, der den Umständen entsprechend herzlich die Verwundete pflegt. Dan kümmert sich, soweit es ihm möglich ist, um die verletzte Alex, anstatt schnell das Weite zu suchen, und distanziert sich erst dann kühl mit klarem Schnitt von ihr, als ihm klar wird, dass rational nichts geklärt werden kann. Alex ist ein psychisch kaputter Mensch mit ernsten Problemen, und die Bekanntschaft mit Dan geht nicht weit genug, als dass er ihr in diesem Punkt helfen könnte.

Das Drehbuch unternimmt somit so einiges, um uns Dan trotz seiner Tat als angenehmen Menschen zu empfinden, und in aufgeklärteren Zeiten geschrieben funktioniert das wie angegangen auch ganz gut. Hier wird noch nicht in Schwarz/Weiß gedacht, hier darf wer mit Fehlern trotzdem noch gute Seiten besitzen, trotz Fremdgehen seine Frau tatsächlich lieben, Eigenschaften innerhalb eines Filmes, der ohnehin gekonnt Charaktere ausarbeitet, die in heutigen Filmen mit simpler Gut/Böse-Trennung im Mainstream nicht mehr denkbar wären. Weit weniger psychologisch überzeugend kommt hingegen das Ende daher, das auf Wunsch des Testpublikums verändert werden musste, und in zu schnellem Nachdreh einige Aspekte unter den Tisch fallen ließ, die eigentlich wichtig gewesen wären, um die Glaubwürdigkeit, die der Restfilm ansonsten besaß, auch hier aufrecht zu erhalten. Zumindest ist das neue Finale spannender ausgefallen, als das ursprüngliche, welches sich als Bonus auf der deutschen DVD-Veröffentlichung befindet, dennoch ist es durch sein Ignorieren vorheriger Ereignisse der Schwachpunkt eines sonst sehr starken Filmes, und dies ausgerechnet am Schluss, wo ein derartiger Tiefpunkt umso mehr nach hallt.

Da es aber zuvor ein durchgehend gekonntes Szenario in spannender Atmosphäre gibt, sich die Schlinge um Dan nachvollziehbar zuzieht, bis man ihm auch die aus dem Affekt geborenen Attacken gegen Alex zutraut, und das Drehbuch wahrlich nicht an kranken Methoden Alex' mangelt Dan das Leben zur Hölle zu machen, bleibt trotz schwachen Finales schlussendlich ein überdurchschnittlicher Film. Dafür sorgen jedoch auch die beiden hervorragend besetzten Hauptdarsteller Michael Douglas und Glenn Close. Sie habe ich erst kürzlich in ihrer großartigen Rolle als Wissenschaftlerin in "The Girl With All the Gifts" für mich wiederentdeckt, und empfand eben aufgrund der dort absichtlich unattraktiven Darstellung den Vergleich zur hier dargebotenen Rolle um so interessanter. Tatsächlich besitzt Close harte Gesichtsausdrücke, hier wie dort, und allein das macht sie bereits für beide Rollen derart gut besetzt. "Diversion" (Alternativtitel) ist ein gelungener Thriller, über dessen Existenz man gerade deswegen froh sein kann, weil derartiges heute nicht mehr möglich scheint. Er entstand in einer aufgeklärten Zeit als US-amerikanische Filme derartige Themen ohne vorwurfsvolle Tendenzen besitzen durften, man erwachsen mit den Begebenheiten umzugehen wusste und die Fähigkeit beim Autor einer Großproduktion existierte differenziert einzelne Interaktionen voneinander trennen zu können, sowie gleichzeitig das Zusammenspiel von Ursache und Wirkung gekonnt einzuflechten.  OFDb

10.08.2019

THE GIRL WITH ALL THE GIFTS (2016)

Häufig sind Zombiefilme um Innovationen bemüht, manches Mal geht das gehörig daneben ("War of the Living Dead", "It Stains the Sand Red"), gelegentlich führt es zu einem netten Film unterhalb der anvisierten Möglichkeiten ("The Returned", "The Night Eats the World"), hin und wieder kommt es aber auch zu tatsächlich interessanten Filmen mit tollen Denkansätzen ("Pontypool", "Fido", "Maggie"). "The Girl with All the Gifts", der auf dem Bestseller "Die Berufene" basiert, ist einer dieser Beiträge, die allerhand interessanter Ideen aus ihrem anderen Denkansatz heraus zu ernten wissen und den Zuschauer immer wieder mit auf eine abenteuerliche Reise nehmen, von der er immer wieder ab einem gewissen Zeitpunkt glaubt zu wissen wie es weiter geht. Doch das täuscht, der Film hält allerhand Überraschungen parat, dies stets auf neuen Erkenntnissen fußend, und somit nicht einfach aufgrund wilder Umschweife des verkrampften Wunsches nach Wendungen wegen erzählt. Dementsprechend sollte man vor dem ersten Sichten am besten gar nichts über den Inhalt wissen, dann schaut sich das Ergebnis noch großartiger als ohnehin schon. Und zu einer zweiten Sichtung wird es mit all den Erkenntnissen der ersten höchst wahrscheinlich ebenfalls kommen.

Ich selbst habe "She Who Brings Gifts" (Alternativtitel) innerhalb kurzer Zeit nun schon mehrere Male gesichtet und bin immer wieder aufs Neue begeistert was er so alles zu bieten hat. Das beginnt mit der Idee es bei den Zombies nicht mit Vireninfizierten zu tun zu haben, sondern mit Opfern eines fiesen Pilzes. Diese Idee ruht sich nicht darauf aus einen alternativen Auslöser zu Konkurrenzprodukten zu liefern, man weiß damit allerhand phantastischer und bizarrer Möglichkeiten zu ernten, welche die Geschichte von anderen Vertretern des Zombiefilms tatsächlich abzuheben weiß. Auch die Sonderpositionierung der Zombies der zweiten Generation bieten Potential für wesentlich mehr, als dem plötzlichen Umschwung vom täuschenden Liebchen zur gefährlichen Bestie. Gerade hier bietet "The Girl with All the Gifts" ein unglaubliches Potential an Gesellschaftsanalysen, einschließlich der immerwährenden Frage dieser Stoffe, in wie weit Menschlichkeit möglich, bzw. nötig ist und in wie weit nicht. Innerhalb dieses philosophischen, zugegebener Maßen in diesem Genre nicht neuen, Gedankenansatzes, versteht es das Drehbuch jede einzelne im Zentrum stehende Figur zu begreifen, sprich das Verhalten und Empfinden des Mädchens, der Soldaten und das der Lehrerin sind ebenso rational, wie emotional nachvollziehbar, wie jenes der oft kühl wirkenden und sachlich denkenden Wissenschaftlerin, die von Glenn Close hervorragend verkörpert wird. Je nach Mentalität stößt man bei einer dieser Charaktere auf seine persönlichen Grenzen, das Drehbuch selbst unterscheidet jedoch nicht zwischen Richtig und Falsch, sowie Gut oder Böse und lässt jeden so sein wie er ist und lädt uns dazu ein, sich in den jeweils anderen vorurteilsfrei hineindenken zu können.

Auch visuell ist der Streifen ein Genuss, sei es in der hektischen Situationsaufnahme von Melanie inmitten des gerade untergehenden Militärstützpunktes, das bizarr anmutende, simpel abgefilmte Klassenzimmer voll von Kindern der zweiten Generation, die lahmgelegten Städte, in welchen sich die Natur längst ihren Platz zurück erkämpft hat, oder auch nur die Maske der Zombies, die aufgrund ihrer Pilzerkrankung eher wie die Untoten aus der italienischen 80er Jahre-Zombiewelle aussehen, als wie Vertreter heutiger Tage. An "Terror Z" erinnernd, verweilen sie im Ruhezustand, bis sie auf eines ihrer nächsten Opfer aufmerksam werden, und das sieht schon sehr stark aus. Allerdings sorgt gerade dieser Aspekt für einen von wenigen Ungereimtheiten, funktioniert das Aufwecken der Zombies doch immer gerade so intensiv, wie es das Drehbuch gerade benötigt. Auch Kleinigkeiten, wie für die zweite Generation nie eine Bezeichnung erfunden zu haben, den "Objekten", die stets als es bezeichnet werden, allerdings jeweils einen menschlichen Namen zu bescheren, wollen nicht immer konsequent durchdacht erscheinen. Aber das sind Ausnahmen inmitten eines ansonsten intelligent erzählten Stoffes, der stets mehrere Gedankenansätze und Vertiefungen dieser besitzt, meist zu Ende gedacht ist und uns immer wieder an rational scheinende Begründungen und Denkprozessen teilnehmen lässt.

"The Girl with All the Gifts" schafft auf intelligente Art den Ballance-Akt seine Geschichte sowohl intellektuell als auch emotional zu präsentieren. Letzteres ist wichtig aufgrund der Position Melanies inmitten allem Erlebten und aufgrund bevorstehender Wendungen der Geschichte. Deswegen besteht der Soundtrack auch stets aus einem Mix aus beunruhigend und märchenhaft. "The Girl with All the Gifts" erlaubt es sich das Entdecken der untergegangenen Welt aus der Sicht eines Mädchens zu präsentieren, welches stets nur den Militärkeller kannte. Bilder, die auf uns trostlos und erschreckend wirken, wecken in ihr Freude und Faszination. Auf kindliche Art erforscht sie ehemalige Alltagsgegenstände, nimmt jede neue Information begeistert, wie ein Schwamm aufsaugend, in sich auf, betrachtet mit Begeisterung die Natur, aber auch mit Schrecken die ihr bis dahin nicht bekannten Zombies, selbstverständlich verstehend dass ein Teil ihrer aggressiven Natur auch in ihr steckt. Melanie will nicht sein wie sie, hat aber nicht die Wahl darüber zu entscheiden. Aufgrund dieser Prozesse und manch anderer Beobachtungen wird der Trip dem wir beiwohnen auch für Dr. Caldwell interessant, die stets neue Erkenntnisse über den Pilz und ihrer Opfer entdeckt, dabei aber stets an ihrer Mission fest hält. Richtung Finale kommt es zu einem gut getarnten intellektuellen Duell zwischen ihr und Melanie, dessen Ausgang zu einer sachlich überlegten Schach matt-Situation führt, ein schönes Beispiel dafür, dass der Film in seinen entscheidenden Phasen stets rationalen Rückhalt erhält - anbei auch dann wenn Emotionen die Geschehnisse bestimmen.

Ob auf inhaltlicher oder handwerklicher Ebene, ob auf emotionaler oder rationaler, "The Girl with All the Gifts" ist ein brillant ausgefallener Ausnahmefilm seines Sub-Genres, der stets genug Raum für das Abenteuerliche seiner Geschichte bereit hält, während er gleichzeitig analytischen Tiefgang beweist. Ein Hauch Märchen weht stets mit, ohne dabei die Bedrohlichkeit herunter zu schrauben, zu ignorieren oder zu unterschätzen. Beides läuft parallel nebeneinander her, eingefangen in tolle Bilder, dargestellt von talentierten Mimen, untermalt von einem stimmigen Soundtrack und von einem intelligenten Drehbuch aus einer rätselhaften Sichtweise präsentiert. Damit wird man selbst zum Entdecker der hier dargebotenen Welt, immer zwischen den Stühlen unserer Sichtweise und jener von Melanie sitzend. "The Girl with All the Gifts" ist ein hoch interessant erzählter Geheim-Tipp, welcher sich nicht einzig auf der Zombieidee ausruht, diese aber immer zentrale Basis alles Weiterführenden bleiben lässt. Der Film unter der Regie des häufig für TV-Serien tätigen Colm McCarthy funktioniert auf analytischer Ebene ebenso wie im Unterhaltungsbereich, funktioniert als Horror, Science Fiction, und Drama ebenso wie als modernes Märchen für Erwachsene und lässt einen mit seiner unerwarteten Weiterentwicklung der Geschichte oftmals staunen. Bei all der inhaltlichen Vielfalt, die der Streifen bietet, von der man überrascht sein darf, dass sie bei ruhiger Herangehensweise genügend Platz in einem zeitlich regulär laufenden Spielfilm findet, darf man erfreut feststellen, dass das Ergebnis nie zu gehetzt angegangen wird und mit seinen unterschiedlichen Schwerpunkten stets miteinander kompatibel ist. Es braucht bei der reichhaltigen Geschichte somit nicht wundern, dass man den Film mindestens noch ein zweites Mal sichten muss, um das Gefühl zu haben möglichst alles zu genüge wahrgenommen zu haben.  OFDb

18.08.2012

DIE FRAUEN VON STEPFORD (2004)

Joanna und ihr Mann Walter ziehen in das malerische Städtchen Stepford. Der auf dem ersten Blick so sympathische Ort wirkt beim näheren Hinsehen jedoch weniger gemütlich: die Herren verbringen die meiste Zeit in einem Männerclub, und die Frauen von Stepford benehmen sich alle wie glückliche Hausfrauen aus der Fernsehwerbung...

Ein Kult zerbricht...
 
Eine Neuverfilmung von „Die Frauen von Stepford“ war eigentlich gar nicht nötig. Das Original ist immerhin ein gut gespielter, intelligenter Science Fiction-Klassiker, der nur durch seine langsame Erzählung in jungen Köpfen verstaubt wirken könnte. Gedreht wurde das Remake dennoch, und was dabei herauskam war eine kunterbunte Komödie anstatt einer anspruchsvollen Satire.
 
Etwas Tiefsinnigkeit, die mit dem Thema zwangsweise einhergeht, blitzt (ob gewollt oder nicht) hin und wieder auf. Aber echte Gesellschaftskritik war nicht das Ziel der hinter der Kamera beteiligten Personen, und das obwohl die Zeit dafür günstig stand, heutzutage wo Emanzipation wieder einige Schritte zurück erfährt. Die oberflächliche Unterhaltung schien den Produzenten wichtiger zu sein.

Schraubt man den Anspruch nun gewaltig zurück, um sich lediglich 90 Minuten lang unterhalten zu lassen, kann „Die Frauen von Stepford“ in der Zweitversion halbwegs überzeugen, aber nicht ganz. Denn das Weglassen des anspruchsvollen Gehaltes der Geschichte war nicht der einzige Fehler. Gerade wenn man andere Werke von Frank Oz kennt, wundert man sich, dass aus dem Remake nicht mehr als magerer Durchschnitt geworden ist. Erst recht im Komödienbereich schuf er tolle Werke wie „Der kleine Horrorladen“, „Bowfingers große Nummer“, „In und out“, „Zwei hinreißend verdorbene Schurken“ und das grandiose Meisterwerk „Was ist mit Bob?“.

Wenn man nun noch bedenkt, dass er Nicole Kidman an Bord hatte, eine Frau auf die ich nach ihrer Glanzleistung in „The Others“ ein Cineastenauge halte, versteht man um so weniger, warum das Ergebnis so eine routinierte Komödie wurde.

Matthew Broderick an Bord verweist da schon eher in die Richtung des Misslingens. Er spielt müde wie so oft und wirkt dabei blass, wie fast immer. Ohnehin ist er viel zu soft um zu einem typischen Stepford-Fiesling zu werden. Aber im Remake haben die Männer ohnehin einen etwas anderen Beweggrund als im Original, somit passt Brodericks lahme Art zur Begründung, verhindert aber dennoch nicht seine blasse Wirkung.

Erstaunlich ist auch, dass das Nebenpärchen wesentlich interessanter wirkt als das Hauptpärchen. Lovitz spielt wie gewohnt das Arschloch und verkörpert es auch hier erneut gelungen, und seine Frau, dargestellt von Bette Midler, ist die interessanteste weibliche Rolle. Midler spielt hervorragend und dabei Kidman locker an die Wand. Eigentlich hätte man sie gerne in der Hauptrolle gesehen, die Nebenrolle hatte aber wahrscheinlich mehr Reiz, immerhin darf sie im letzten Drittel zu einer Stepford-Frau mutieren.

Die allerbeste schauspielerische Leistung darf allerdings Christopher Walken verkörpern. Es ist dabei weniger seine Rolle als viel mehr die typische Walken-Wirkung, die mal wieder sehr immens ist. Dieser Mann hat einfach eine besondere Ausstrahlung, und jeder der mit ihm im Bild ist hat es automatisch schwer, egal in welchem Film wir uns befinden.

Der Einstieg in die Geschichte gehört zu den Höhepunkten des Films, und auch dieser wäre eine tolle Grundlage gewesen um echte Gesellschaftskritik auszuüben: Firmen lieben dich so lange du Geld bringst, und egal ob du lange erfolgreich warst oder nicht: Firmen schmeißen dich schneller auf die Straße als du piep sagen kannst. Seit Firmen in dem Irrglauben leben man müsste statt Gewinne maximale Gewinne erzielen, steht es schlecht um feste Arbeitsplätze und das Wohlfühlen auf solchen. Und die Rolle der Kidman darf ersteres auf herrlich brutale Art in Rekordtempo erfahren.

Leider schlafft der Film nach Ankunft in Stepford bereits etwas ab, so dass man schnell merkt, dass hier nicht mehr zu holen ist als belanglose Unterhaltung. Darauf lässt man sich schließlich kompromissbereit ein, so dass es auf routinierter Ebene durchaus fröhlich zur Sache geht. Aber je mehr sich „Die Frauen von Stepford“ dem Ende neigt, desto ärgerlicher wird das Gesehene.

Zunächst einmal weiß man nicht ob Oz der Überblick fehlte, oder ob das mögliche Einmischen der Produzenten für ein Wirrwarr sorgte, wenn es um die Manipulation an den Stepford-Frauen geht. Manchmal wirken sie wie Roboter, dann sind sie lediglich im Gehirn umprogrammiert. Wenn man sich im Finale deutlich für eine Variante entscheidet, steht diese im Widerspruch zu mindestens einer zuvor gezeigten Szene. So etwas ist ärgerlich.

Die erste finale Wendung ist nicht wirklich glaubhaft, da es unwahrscheinlich ist, dass ein Mann wie die Rolle Walkens seine Arbeit nicht persönlich überprüft. Die zweite Wendung, in der wir erfahren wer wirklich hinter den Geschehnissen von Stepford steckt, ist dann allerdings ein gravierendes Ärgernis. Die Erklärung ist bescheuert und bedarf zu viel Laufzeit. Ein Storyumschwung, der von „Terror in New York“ abgeguckt wurde (der Fortsetzung des Originals) wirkt allein schon dadurch unsinnig, dass die Opfer in Ruhe Erklärungen lauschen, anstatt Rache zu üben.

Das Verhalten der einzelnen Leute passt hinten und vorne nicht: Joanna verzeiht ihrem Mann, der nun wirklich deutlich in Versuchung war auf fieseste Art seine Frau zu entmündigen. Wie kann man mit so jemandem noch zusammenleben wollen? Sein Denken war neben dem kriminellen Element extremstes Kindergartenniveau. Wie soll man so jemanden jemals wieder vertrauen und ernst nehmen können?

Natürlich gäbe es an den Stepford-Filmen allgemein noch die übliche Naivität zu kritisieren, dass eine Stadt fast schlumpfendorfgleich so unauffällig seinem Treiben nachgehen kann. Im Remake noch mehr als im Original-Vierteiler, denn in der Neuverfilmung erfahren wir gegen Ende schließlich was für bedeutende, weibliche Persönlichkeiten Stepfords Frauen einst waren. Wurden diese denn von niemandem vermisst? Hätte da nicht wer früher den Braten riechen müssen?

Aber wenn man mit diesem Punkt ein Problem hat, wird man ohnehin mit keinem der mittlerweile 5 Stepford-Filmen warm werden. Das ist ein Punkt bei dem man ein Auge zudrücken sollte. Allerdings kommen beim Remake die vielen anderen ärgerlichen Punkte hinzu, so dass es bei diesem schwerer fällt über alles hinwegzusehen. Außerdem: Wieso sollte man dies überhaupt tun? Der Zuschauer muss sich schließlich keinem Film anbiedern. Er hat Geld dafür bezahlt um den Streifen zu sehen und damit ein Recht darauf zu schimpfen, dass er von den Verantwortlichen dieses Streifens für dumm gehalten wird.

Betrachtet man die Möglichkeiten die gegeben waren, durch die tolle Geschichte, die Vielzahl an Ansätzen zur gesellschaftskritischen Herangehensweise, dem talentierten Regisseur und dem gut gewählten Cast, wirkt das Ergebnis trotz seiner Kurzweile doch arg fade. Es gibt zwar kleine Lacher, keine Langeweile und einige interessante Neuerungen durch die 3 Jahrzehnte zwischen Original und Remake, aber mit dem Wissen der gegebenen Möglichkeiten im Hinterkopf kann ich dennoch über die Oberflächlichkeit und die Unlogik nur enttäuscht mit dem Kopf schütteln. Allerspätestens das hanebüchene Finale lässt einen verärgert zurück.  OFDb