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23.08.2020

DEAD ZONE (1983)

Stephen King trifft auf David Cronenberg, das verspricht ein faszinierendes Erlebnis, gerade auch weil "Dead Zone" in die erste Phase fällt, in welcher die Romane des Kult-Autors verfilmt wurden. Die Geschichte selbst klingt etwas unaufgeregt, kommt eher Episoden-artig daher und hätte in ihrer Art auch höchst esoterisch ausfallen können. Die beiden Verantwortlichen dieses Werkes basteln daraus jedoch ein bitterböses Drama, welches Nähe und Distanz gleichermaßen schafft. Cronenberg lässt den Protagonisten gnadenlos leiden, zaubert aus der Vorlage einen erwachsenen Stoff, der sich in seiner nüchtern und sachlich dargebotenen Art keinem trügerischem Optimismus hingibt, gleichzeitig leidet man mit Johnny mit, der hervorragend vielschichtig von Christopher Walken verkörpert wird. Interessant an den einzelnen Phasen des Streifens sind die jeweiligen Schwerpunkte, die nie schlicht das Vorangegangene wiederholen. Johnny macht nicht nur eine schleichende Charakterentwicklung durch, während er seine Gabe mit all ihren Tücken kennen und mit ihr umzugehen lernt. Er durchlebt unterschiedlichste Situationen während dieses sich stets im Wandel befindlichen Prozesses. 

Die Ausgangslage hätte locker eindimensional thematisiert werden können, das zeigt die 2002 entstandene, gleichnamige Serie mit Anthony Michael Hall, die den Krimi-Aspekt jenes Kapitels hervorhebt, in welchem die Hauptfigur der Polizei bei ihren bislang erfolglosen Ermittlungen bei der Suche nach einem Serienmörder hilft. Stattdessen wird ein großes Spektrum dessen zelebriert, was es mit der Gabe des leidenden Helden zu erzählen gibt. Und jegliche Phase weiß gleichermaßen zu faszinieren, da die psychologische Raffinesse und die ureigene Dramatik eines jeden Kapitels gekonnt erkannt werden und auf Höhepunkte hinaus arbeiten, die ein wahres Seherlebnis entfachen. Ob es die Täteraufdeckung in besagter Krimi-Episode ist, oder die politische Entscheidung im Finale, jeder Bereich der Geschichte genießt eine Besonderheit. Hinzu gesellen sich Erkenntnisse über den Einfluss Johnnys auf das was er sieht und die körperlichen Nebenwirkungen, die mit der Gabe einhergehen. 

Mag die Geschichte auch auf die kritischen Genesungspunkte der Ausgangslage verzichten, zu ihrem Vorteil, da das Übergehen sie vor zu starken Unglaubwürdigkeiten bewahrt, auf psychologischer, tragischer und der Spannungsebene leistet "Dead Zone - Der Attentäter" (Alternativtitel) jedoch unglaubliches. Dass er so gut funktioniert, liegt aber auch an dem sehr trockenen Grundton in den er getaucht ist, innerhalb einer ruhig und besonnen erzählten, langsam dargebotenen Geschichte. Zudem wird dem Zuschauer zugetraut eigene Beobachtungen zu machen. Nicht jedes Detail wird ihm auf dem silbernen Tablett serviert. Das überrascht gerade mit Blick darauf, dass Stephen Kings Werke in Buch- und Filmform zur Entstehungszeit gerade ein halbwegs frisch entdeckter Publikumsmagnet waren, der sich gerade auf seinem Höhepunkt befand, und die Herangehensweise Cronenbergs, wie typisch für den Ausnahme-Regisseur, nicht gerade massentauglich ausgefallen ist. Sein "The Dead Zone - Das Attentat" (Alternativtitel) weiß zu packen, zu berühren und zu verunsichern. Man durchlebt Aufs und Abs diverser Gefühlsebenen, eingebettet in einen erwachsenen Plot, der von einem empathischen Publikum die Bereitschaft erwartet auszuhalten, was ihm vorgesetzt wird - komplett befreit von Ekelszenen, reißerischer Härte und anderen Quantitäten, die des öfteren von anderen Produkten verwendet werden, um das vernachlässigte Psychologieverständnis zu überspielen, welches effektiver zum Ziel gelangt, wie "The Dead Zone" (Originaltitel) beweist.  OFDb

15.07.2018

DIE FLIEGE (1986)

Der Neuverfilmung "Die Fliege" liegt ein guter gleichnamiger Klassiker zugrunde, der seiner Entstehungszeit geschult sicherlich eine Spur zu naiv ausgefallen ist, aber nichtsdestotrotz ein gelungener Science Fiction-Horror ist. Das eine Spur wissenschaftlicher angegangene Sequel steht dem Original in nichts nach, übertrifft es meiner Meinung nach sogar, obwohl es ebenso wie die Erstverfilmung in seiner Zeit feststeckt. Eine Lächerlichkeit schwebt in der Luft, wenn man den stets gut agierenden Jeff Goldblum mit seiner widerlichen Frisur erblickt, wie es sie auch nur in den 80er Jahren geben durfte. Es dauert tatsächlich sich daran zu gewöhnen, zumal seine Mitspielerin ebenfalls zu modisch, und damit mit heutigen Augen zu veraltet und albern, wirkt. Glücklicherweise rückt diese unfaire Lächerlichkeit mit der Zeit immer mehr in den Hintergrund, da "Die Fliege" auf einer enorm stark erzählten Geschichte aufbaut, die uns für das immer poppiger werdende 80er Jahre-Kino noch angenehm sachlich präsentiert wird.

Wie schon in "Parasiten-Mörder", "Videodrome" und manch anderem Werk konzentriert sich Kult-Regisseur David Cronenberg auf sein Spezialgebiet, den Körperhorror, und gibt dem Film somit einen anderen Schwerpunkt als "Die Fliege" aus den 50er Jahren. Die Tricktechnik damaliger Zeit darf handgemacht zeigen was sie kann und bringt den Zuschauer gleichermaßen zum staunen und zum ekeln, so gekonnt geht das Effekte-Team vor. Man darf ihnen zugestehen, dass ihr Werk auch heute noch zu überzeugen weiß, so dass die Spezialeffekte weit besser gereift sind als das Aussehen der Protagonisten. Einzig die Kreatur am Schluss des Filmes kann mit den restlichen Effekten nicht mithalten, ist aber für seine Entstehungszeit ebenfalls hervorragend getrickst.

Cronenbergs "Die Fliege" hebt sich insofern von den meisten anderen Horrorfilmen, die auf Ekeleffekte setzen, ab, als dass er zum einen trotzdem andere Faktoren nicht vernachlässigt. So ist die Charakterzeichnung der beiden wichtigsten Figuren sehr tief ausgeleuchtet ausgefallen, so dass die Geschichte lange vor der Verwandlung Brundles bereits hochinteressant erzählt ist. Auch die Psychologie der Geschichte funktioniert und bleibt glaubwürdig. Zwischenmenschliche Zusammenhänge werden erkannt, Berufen werden Charaktereigenschaften zugedacht, die über die üblichen Stereotype hinausgehen, Figuren machen verschiedenste Entwicklungen glaubwürdig durch, ändern Sichtweisen, lernen durch Erfahrung, erkennen Irrtümer. Die sachliche Art der Erzählung verleiht dem flott erzählten Film einen ernsten Grundton, auf welchem im Laufe der Zeit die Spannung fußen kann, so dass die Bedrohung schnell zu spüren ist, auch wenn sie erst unterschwellig brodelt. Auf eine halbwegs trocken erzählte Art ist "The Fly" (Originaltitel) ein hoch atmosphärisch ausgefallener Film, der seine Thematik von Beginn an ernst nimmt, keinerlei Humor zulässt und inhaltlich nie zur unfreiwilligen Komik verkommt.

Zum anderen, und das ist nun der entscheidende Unterschied zu vielen anderen Ekel-Horrorfilmen, nutzt Cronenberg die Spezialeffekte nicht zum Selbstzweck. Sie sind neben der Psyche der Hauptfigur der Erkennungsfaktor der Verwandlung Brundles, die das Drehbuch äußerlich wie innerlich gleichermaßen ausleuchtet, ohne einen von beiden Prozessen zu vernachlässigen oder vorzuziehen. Cronenberg zeigt Brundles Mutation in einer Gnadenlosigkeit, lässt den Zuschauer an den meisten Prozessen teil haben und verzichtet an anderer Stelle nur deswegen darauf, um das Publikum auf andere Weise schockieren zu können. Zudem nutzt Cronenberg diese Effekte, um uns das Leiden des Wissenschaftlers nahe zu bringen. Somit werden die Verwandlungssequenzen nicht nur hart und provozierend eingesetzt, sondern dienen einem psychologischen Verständnis, sie werden zu einer Brücke der Empathie, damit der Zuschauer halbwegs nachvollziehen kann, wie es Brundle wohl gehen mag. Mehr noch, über die Verwandlungen Brundles und der daraus entstehenden, erschreckenden Optik können wir uns umso mehr in die schockierte, irgendwann aus dem Prozess ausgeschlossene, Veronica hinein versetzen, die sich schließlich in jenen Mann verliebt hat, der nun einer extremen Behinderung unterliegt. Hilflos muss sie mit ansehen, wie der Mann den sie liebt nach und nach verschwindet. 

Auch seelisch ist kaum noch etwas von ihm vorhanden, was nicht nur als Fakt zu akzeptieren ist, sondern aufgrund der Eigenschaften einer Fliege, die uns zuvor nahe gebracht wurden, Richtung Finale für eine weitere Ergänzung der Geschehnisse genutzt wird. Die Geschichte kostet somit jegliche Möglichkeit verspielt, aber ernst nehmend, aus, so dass der Zuschauer auf verschiedenen Ebenen immer wieder herausgefordert wird. Das Ganze wird uns spannungsgeladen präsentiert, gleichzeitig hochgradig dramatisch ohne dabei theatralisch zu werden. Cronenberg zeigt Emotionen stets innerhalb des sachlichen Grundtons des Streifens, ohne dabei unterkühlt oder empathielos zu wirken. Und man soll es kaum glauben, aber inmitten eines Filmes, der für seine heftigen Spezialeffekte bekannt ist, nutzt der Regisseur gelegentlich sogar den Kniff des Verzichts und lässt das Grauen im Kopf des Zuschauers geschehen, was erneut beweist wie vielschichtig "Die Fliege" ausgefallen ist, selbst in ihren scheinbaren Oberflächlichkeiten. Bei einem so starken Ergebnis wünscht man sich das depperte Aussehen der Protagonisten wäre nicht so extrem ausgefallen wie geschehen. Andererseits dient die äußerliche Lächerlichkeit der Hauptfiguren somit heutzutage als zusätzlicher Beweis dafür, dass der Film derart stark und intensiv erzählt ist, dass er über dieses Makel nur kurzfristig tatsächlich zu stolpern vermag.  OFDb

07.06.2015

PARASITEN-MÖRDER (1975)

Jahre bevor Demi Moore in Charles Bands „Killerparasit“ Bekanntschaft mit einem unangenehmen Gewürm machte, und lange bevor Henenlotters „Elmer“ auf humoristischem Wege von sich reden machte, da kam ein junger unverbrauchter Cronenberg daher und servierte uns „Shivers“ (Originaltitel), einen Parasiten-Film für harte Gemüter für den etwas anderen Science Fiction- und Horrorgeschmack. „Parasiten-Mörder“ verlangt viel vom Zuschauer ab. Wir bekommen harte Bilder in ernster Umsetzung vorgesetzt. Hier wird nicht um den heißen Brei geredet. Hier geht es ans Eingemachte.

Das lässt den Film freilich nicht zum billigen Trash verkommen, so etwas ließ Cronenberg schon in frühen Jahren nicht zu, egal wie trashig einladend seine Geschichten in der Theorie auch meist klangen. Und selbst der zentrale sexuelle Aspekt, der aus „Shivers - Der Parasitenmörder“ (Alternativtitel) eine Art Sex-Zombiefilm macht, kann die ernste, beunruhigende und gelungene Ausstrahlung des Streifens nicht verhindern. Gute Schauspieler, gekonnte Kameraarbeiten und Cronenbergs Regietalent unterstützen ein Drehbuch, welches den Mut besitzt die bizarre Idee erwachsen und düster zu erzählen.

Inhaltlich setzt der Film parallel bei mehreren Personen an, was auch ratsam ist in einer Geschichte, die in einem Hochhaus spielt. Cronenberg will den Überblick der Ereignisse behalten. Er will uns Schritt für Schritt am Ausbruch der Seuche teilhaben lassen, um die Hoffnungslosigkeit des Szenarios deutlich zu machen. Das gelingt ihm auch sehr gut, so dass „Parasiten-Mörder“ eine gute Übung für den zwei Jahre später folgenden „Rabid“ war, der ähnliches auf weiterem Raum erzählte.

Dieser und „Die Brut“ sind jedoch wesentlich ausgereifter erzählt als dieses besonders frühe Langfilm-Frühwerk des späteren Meisters des Körper-Horrors, denn so sehr es Cronenberg auch gelingt den Überblick zu behalten und den Zuschauer gekonnt zu beunruhigen, so sehr krieselt es doch im letzten Drittel, wenn nicht alles ein durchdachtes Gesamtes aufgrund der Widersprüchlichkeiten im Verhalten der Infizierten ergibt, und der Film den Eindruck macht auf ein schnelles Ende zuzusteuern. Ob Kosten, Drehzeit oder nervige Produzenten einem besseren Ergebnis im Weg standen ist mir nicht bekannt, aber irgend etwas muss während der Produktion schief gelaufen sein, vergleicht man das wackelige Finale mit dem Rest.

Akzeptiert man das wechselhafte Verhalten der Infizierten und die theoretisch widersprüchliche Schluss-Szene, weiß jedoch auch der konsequente Schlussteil der Geschichte zu gefallen, packt Cronenberg die sich zuspitzende Situation doch in düstere Bilder, die einfach zu gefallen wissen. Als Deutscher darf man freilich über die mangelnde Freizügigkeit schmunzeln, wenn innerhalb einer Geschichte mit allerhand Sex kaum Nackedeis zu sehen sind und stets komplett angezogen gerammelt wird. Kanada war einst scheinbar genauso prüde wie Amerika. Diese Inkonsequenz nagt freilich an der Glaubwürdigkeit des in jeglichen anderen Punkten diesbezüglich geglückten Streifens.

Trotz extremer Bilder, geforderter Zuschauer und einer intelligenten Umsetzung wankt das Bild von „They Came from Within“ (Alternativtitel) im Vergleich zu späteren Cronenberg-Werken also noch. Aber das ist ein strenger Vergleich auf hohem Niveau, so extrem wie das Seherlebnis ausgefallen ist. Wie die Bewohner des Hochhauses nach und nach Opfer der herumwütenden Menge kranker Menschen werden, dürfte Lamberto Bava sicherlich zu seinem „Dance of the Demons 2“ inspiriert haben. Doch noch lange bevor Cronenberg die Situation hochschaukeln, ja geradezu eskalieren lässt, weiß er auf ruhige Art sich zunächst auf den Beginn der Krankheit bei einzelnen Betroffenen zu konzentrieren. Dieses Zelebrieren der Veränderungen des Körpers war sicherlich eine gute Übung für seinen in den 80er Jahren erschienenen „Die Fliege“, der die hier erzählte Vorphase zum Mittelpunkt der Neuverfilmung des 58er Originals machte.  OFDb

18.05.2014

RABID (1977)

Vier Jahre nach Romeros Seuchenspektakel „Crazies“ versuchte sich David Cronenberg mit seinem Folgefilm zu „Parasiten-Mörder“ an einer ähnlichen Thematik, konzentriert sich im Gegensatz zu seinem Regiekollegen jedoch mehr auf den Weg der zur Epidemie führt, um erst im letzten Drittel von einem offiziell erklärten Ausnahmezustand zu handeln, anstatt vordergründig in der Epidemie zu baden. Im Vergleich ist Cronenberg auch der bessere Film gelungen, auch wenn die Art der Übertragung den Trash-Bereich streift. Dank einer ernsten Umsetzung und einem ehrlichen Interesse Cronenbergs an diesem Thema verkommt „Rabid“ jedoch nie zum Witz und weiß die Bedrohung für den Zuschauer spürbar zu machen.

Hatte Cronenberg mit „Parasiten-Mörder“ einen etwas phantastischeren Auslöser parat und beschränkte er das Szenario damals noch in einem übersichtlichen Raum, so sind die Geschehnisse von „Rabid“ ausgeweiteter, weswegen es wichtig ist nah an den Figuren zu arbeiten, damit der Zuschauer den Überblick behält. Zwar vernachlässigt es der Regisseur, der anbei auch Autor der Geschichte war, den Zuschauer an die Hand zu nehmen, wenn es um Roses ungewöhnliche neue Fähigkeiten geht, das weiß auf der anderen Seite aber auch zu wirken, da man damit zunächst im ungewissen Zustand zurückgelassen wird und die Geschichte im weiteren Verlauf Licht ins Dunkel bringen wird. In letzter Konsequenz wird auf die in Rose stattgefundene Mutation jedoch nicht zufriedenstellend eingegangen. Letztendlich hat man einfach zu akzeptieren, dass Rose ist, was sie geworden ist und man soll nun teil haben an den Geschehnissen, die sie ausgelöst hat und auch weiterhin auslöst.

Frank Moore, die männliche Hauptrolle, erinnert äußerlich stark an den jungen Christopher Walken, mit dem Cronenberg Jahre später die Stephen King-Adaption „Dead Zone“ drehen sollte. Interessanter Weise ist der Charakter Karl den er spielt zwar als Hauptfigur konzipiert, sein Handeln dümpelt dennoch nur am Rand der wahren Geschehnisse umher, und Provokant Cronenberg sei Dank weiß er nicht wirklich etwas am Ergebnis der Geschichte auszumachen. Er ist lediglich der Stützpfeiler der tragischen Ereignisse im Finale. Sein Versagen sorgt schließlich für das Ende der Geschichte. Würden seine Pläne greifen, wären die Ausmaße nur schwer einzuschätzen gewesen. Letztendlich verdreht Cronenberg damit die klassische Funktion des Helden.

Trotz Cronenbergs Ausrutscher in den Pulp-Bereich und seiner zu reißerischen Gore-Effekte, erschuf der Mann einen Streifen, der nicht emotionslos an einem vorüber geht. Wenn ein Infizierter auf der Motorhaube Karls erschossen wird, der Wagen danach desinfiziert und der Fahrer zum weiterfahren aufgefordert wird, sind das kaltblütige Bilder einer Gesellschaft die nicht all zu ethisch handeln darf, wenn sie überleben will. Karls Mimik zeigt Schockwirkung des gerade Passierten, aber auch eine reduzierte Form dessen, die den mittlerweile eingekehrten Alltag dieses Ausnahmezustands kennzeichnet. Die beste Szene dieser Art findet sich ganz am Schluss vor der Einblendung des Abpanns und provoziert die Frage nach dem Wert eines Menschenlebens und wovon dieser abhängen könnte.

Cronenberg erzählt eine gewagte Geschichte, gibt ihr durch die Vielschichtigkeit des Erzählten mehr Möglichkeiten als „Crazies“, und das obwohl er sich viel Zeit lässt die Situation entstehen zu lassen. Selbst zur Hochzeit der Epidemie sind die meisten eingefangenen Situationen ruhig gehalten. Die Straßen sind leer, Rose sucht sich Kontakte zu einzelnen Menschen, nur selten werden Massenszenen wie jene gezeigt, in welcher eine Infizierte in der U-Bahn über einen Menschen her fällt. Cronenberg hat ein Verständnis für die Geschichte die er erzählen will und weiß deshalb wann er in die Vollen greifen muss und wann Ruhe über der bedrohlichen Geschichte schweben muss. Der Zuschauer dankt es ihm, auch wenn „Der Überfall der teuflischen Bestien“ (Alternativtitel) noch nicht die Professionalität eines „Scanners“ oder „Die Fliege“ besitzt. Mit seinem Folgefilm „Die Brut“ kommt er diesem Niveau bereits eine Spur näher.  OFDb

16.10.2012

DIE BRUT (1979)

Als Frank am Körper seiner Tochter Spuren von Misshandlung entdeckt, untersagt er das Besuchsrecht des Kindes bei seiner Frau Nola, die sich in psychiatrischer Behandlung bei Dr. Raglan befindet, einem hoch angesehenen Arzt. Als sich Todesfälle in Franks Umgebung häufen, wird er misstrauisch gegenüber der völlig isolierten Therapie mit Nola, die sogar im Todesfall der eigenen Mutter der Patientin nicht unterbrochen wird...

Es werde Fleisch...
 
David Cronenberg ist längt ein berühmter Name im Bereich des phantastischen Films, und meist geht es in seinen Werken um fleischliche Veränderungen des Menschen, wie er schon 1975 in „Parasiten-Mörder“ unter Beweis stellte. Nur 4 Jahre später entstand „Die Brut“, und im Gegensatz zu Werken wie „eXistenZ“ und „Die Fliege“ rückt das typische Hauptaugenmerk des Kult-Regisseurs diesmal erst in die Auflösung rätselhafter Hintergründe.

Da sprechen wir nun nicht von den letzten Filmminuten. Nichtsdestotrotz hält Cronenberg uns Zuschauer zunächst mit unserer Neugierde bei Laune. Etwas Merkwürdiges geht um in der Umgebung von Frank, und diese Vorkommnisse sind so ominöser Art, dass man am rätseln ist, um was es in der Geschichte mit dem schlichten Titel eigentlich gehen soll. Eigentlich verrät der Name dieses Horrorfilms schon viel zu viel über seinen Inhalt, aber selbst in Hinblick auf den Titel bleibt das Sammelsurium skurriler Zutaten zunächst undurchsichtig für den Konsumenten des Streifens.

Merkwürdige Wunden, ein sonderbarer Arzt, und plötzlich wird ein Mensch von einem kindsgroßen Wesen attackiert. Franks Tochter? Man weiß es nicht, aber man weiß schon mehr als die Hauptfigur. Und auf dieser Basis baut Cronenberg nun einen großartigen Kniff ein. Rechnet man von nun an mit dem üblichen Ablauf einer solchen Geschichte, überrascht der Regisseur nicht nur mit einem frühen Einweihen der attackierenden Kreatur Frank gegenüber, der Held der Geschichte kann den Angreifer gar überwältigen und den Körper der Polizei übergeben, die nun ebenso wie die Medien im Bilde über erste Hintergründe ist.

Von nun an weiht der Regisseur einen in die Geheimnisse der bisher so wundervoll rätselhaften Geschichte ein, freilich nicht ohne weitere Fragen offen zu lassen, denn der Sinn hinter dem ganzen will sich noch nicht preisgeben. Das ist lobenswert, wird aber zum Negativpunkt von „Die Brut“, wenn am Ende des Films noch immer zu viele Unklarheiten bestehen, die außerhalb des „soll der Zuschauer mal seine eigene Phantasie benutzen“-Gedanken liegt.

Bis dahin hat man jedoch einen solch interessanten und gut umgesetzten Film gesichtet, dass man fast dazu geneigt ist, diese Enttäuschung zu verzeihen. Immerhin durfte man bis dahin einen sonderbaren Mix aus trockener, langsamer Atmosphäre und ereignisreichem Tempo erleben, innerhalb einer Geschichte die in Stil und Inhalt irgendwo zwischen „Basket Case“ und „Das Böse“ liegt. Wer diese Filme in ihrer aus heutiger Sicht so fremdartigen Art mag, sollte auch zu diesem eher unbekannten Genrebeitrag Cronenbergs greifen. Allein sein Name ist schon Pflicht einzuschalten.  OFDb