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13.05.2023

DRACULA (1992)

Das berühmte Buch über den mächtigsten Vampir der Welt ist so unglaublich oft verfilmt worden, doch ich stimme der allgemeinen Meinung im Internet zu, dass dies selten so hervorragend geschah, wie in Francis Ford Coppolas Version aus den 90er Jahren. Abgesehen von der Fehlbesetzung mit einem unter schauspielerischer Größen negativ auffallenden Keanu Reeves, überzeugt jede Rolle. Die Technik ist dank ordentlicher Finanzierung auf dem neuesten Stand und dank Visionären in den Händen von Leuten, die diese sowohl effektiv, wie auch künstlerisch wertvoll einzusetzen wussten. In einem Film, der sich für eine Großproduktion äußerst vielschichtig analysieren lässt, wissen die Bilder zu erstaunen, der bereits bekannte Plot in einem Mix aus klassischer Erzählung und Modernisierung (z.B. die herrliche Neuinterpretation des Van Helsing) erneut mitzureißen, Bauten und Drehorte in ihrer Entfremdung für das Surreale, sowie für die Vergangenheit zu beeindrucken und gelegentlich zu irritieren, und eine gut erkennbare Verspieltheit des Regisseurs weiß einen im einen Moment zum Schmunzeln zu animieren (Dracula scheint gar nicht vor Harker seine Übernatürlichkeit verheimlichen zu wollen/können), nur um uns kurz darauf wieder zu beunruhigen oder zu gruseln. Harmlos ist die gerne auf Effekte achtende Mainstream-Version nicht, diesbezüglich täuscht Coppola gern, ebenso wie es der Ruf des Niveaus von Mainstream von sich aus tut. 

Die herausragend besetzte, titelgebende Figur weiß vielschichtig zu wirken. Dracula besitzt nicht nur eine dämonische Präsenz, die regelrecht gruselig über Entfernungen hinweg allerorts mit unterschiedlichsten Methoden zu verstören und zu manipulieren weiß, sein Schicksal fußt zudem auf einem tragischen Fundament, welches in "Bram Stoker's Dracula" (Alternativtitel) zu Genüge gewürdigt und bedacht wird, ohne den Blutsauger dafür an gefährlicher Ausstrahlung einbüßen zu lassen. Er darf Verführer, Liebender, Monster, Verfluchter und Verstoßener in einem sein. Selten fühlte man sich der Figur so nah, so intensiv wie sie hier verstanden wird, und selten erlebte ich eine derartige Vorgehensweise in einem Film, der eine solche Figur dennoch zum Aggressor erklärt. Mögen Gut und Böse, ob bei Dracula oder den anderen Figuren, auch nie komplett voneinander getrennt sein und gerade auch die Schlussentscheidung noch einmal die bisherige Motivation des Mobs in Frage stellen, nichtsdestotrotz ist Dracula das gefährliche Übel, das über dem Wohl der Bevölkerung schwebt und mit ihm sadistisch und eigennützig spielt. 

Es ist schön zu sehen, dass nicht nur Dracula genügend Aufmerksamkeit geschenkt wird. Alle Charaktere werden genügend beachtet, so dass sie zum Mehrwert der Geschichte werden und man ihnen nah genug kommt, um sie zu verstehen und die kommenden Schicksale mitfühlen zu können. Was den Leuten hier passiert, soll uns nicht kalt lassen und lediglich die Geschehnisse vorwärts treiben, wie sonst meist im Horrorfilm üblich. Die Figuren sollen emotional, wie körperlich leiden, und der Zuschauer soll dies mitempfinden können. Kurzum gehen hier Respekt vor Verlusten, den Figuren und dem Urstoff Hand in Hand mit einem imposanten, flotten und bildgewaltigen Stil, einer analytischen und künstlerisch wertvollen Umsetzung und einem hohen Unterhaltungswert, der in der Regel den oberflächlich interessierten Konsumenten ebenso mitzureißen weiß, wie den vielschichtig interessierten Cineasten.  Wiki

16.10.2019

WESTWORLD - STAFFEL 2 (2018)

War Staffel 1 der Serie "Westworld" noch ein interessantes Gedankenspiel, welches gelegentlich zu geschwätzig pseudo-intellektuell ausfiel, so wankt das Ergebnis in der zweite Runde nun gewaltiger. Zunächst fängt Staffel 2 überraschend gut an, macht von Beginn an klar, dass es mit den Plänen der Firma Delos weit mehr auf sich hat, als Menschen mit Westernspielen zu vergnügen. Und trotz Andeutungen auf einen möglichen Ansatz des zu unsinnig ausgefallenen "Futureworld", der seinerzeit das Original "Westworld" fortsetzte, greift man nicht dessen Idee auf, sondern streift sie nur zur Betrachtung einer interessanteren, weniger eindimensionalen. Zwar wird manch einer gerade zu Beginn der Staffel das erhoffte Massaker vermissen (die Serie Westworld geht auch in ihren aufregenderen Szenen besonnen, ruhig erzählt und dialoglastig vor), die neugierig machende Offenheit diesmal kein Geheimnis aus den verschiedenen Zeitebenen zu machen und der andere Ansatz der Revolution machen aus diesem Umstand jedoch kein Ärgernis, sondern lediglich einen anderen Umgang mit der Thematik. Allerdings blitzt in der hier gelebten Art der Revolution und Selbstfindung der Maschinen bereits in dieser Phase jener Schwachpunkt auf, der einiges am Potential der Serie vermissen lässt: mit dem Hauptaspekt einer humanistischen Erzählung, die das Wesen des Menschen aus einem arg bitteren Blickwinkel ergründen möchte, unterlassen es die Autoren der Geschichte den Robotern eine eigene Mentalität zu kreieren. Letztendlich sind sie wie Menschen, reagieren nicht wie Maschinen, so dass z.B. ein Roboter, der ein Kind sein soll, ein Kind bleibt, entwickeln keine eigene Kultur, kein eigenes, ihrem Organismus entsprechendes, Weltbild. Auch ihre Denkstrukturen, gerade bezüglich der unterschiedlichen Parteien, die sich im Umgang mit der Revolution bilden, sind rein menschlich orientiert.

Roboter werden zwar zu cleveren Taktikern, handeln aber stets aus menschlichen Gefühlsregungen heraus, obwohl sie in Staffel 1 noch erfuhren, dass auch Gefühle Programme sind und ehemalige Angehörige angedichtete Geschichten. Und da jede Serie ihre festen Figuren benötigt, wirkt der Aufstand der Maschinen zudem noch milder als nötig, indem die Schreiber der Serie nie den Mut besitzen Konsequenzen zu ziehen. Jeder kann jederzeit überleben, Roboter können trotz Vernichtung des Backups wieder geschaffen werden (alles logisch erklärt, keine Sorge, aber eben stets einen sicheren Hinterausgang im zu gewollt kritischen Treiben im Auge behaltend), verletzte Hauptfiguren werden aus hanebüchenen Gründen verschont, nur selten entsteht in Staffel 2 eine nicht rückgängig zu machende Situation mit extremen Ausgang. Da braucht es auch nicht verwundern, dass auch die philosophischen Aspekte immer verstärkter zum bedeutungsschwangeren Leergeschwätz verkommen, oftmals eher den Kitsch einer Seifenoper aufgreifend, anstatt tatsächlich intellektuelle Diskussionsansätze zu verfolgen. Letztendlich lebt Staffel 2 nur noch von den Rätseln, die sie in absichtlich umständlicher Erzählweise zu erhalten weiß, aber das ist zumindest ein Motor, der selbst den enttäuschten Zuschauer motiviert dran zu bleiben. Der Blick auf eine weitere Unterhaltungswelt neben jener des Wilden Westens erweist sich gegen alle Erwartungen leider als Tiefpunkt der Serie und erstreckt sich über quälende zwei Folgen; als sich das Desaster in einer Indianer-vertiefenden Folge zu wiederholen droht, beweist sich die Serie im humanistischen Romantikgewandt plötzlich emotional überzeugend. Dennoch: anstatt wahrhaftig kritische Denkmodelle anzugehen, schwimmt die zweite Staffel im Mainstream der Weltansicht, verfolgt einfachste Massenmeinung zum Thema Mensch, geht dies aber zumindest gewitzt erzählt und intelligent verschachtelt an.

Was man der Serie lassen muss, gerade in Staffel 2, ist ihre Deutungsvielfalt im analytischen Bereich. Der Kampf Maschine gegen Mensch kann nicht nur auf die klassische Unterschicht- und Oberschicht-Komponente übertragen werden, sondern z.B. auch auf den Sektor der Emanzipation. Ohnehin ist "Westworld" mit seinen häufig unauffällig vertauschten klassischen Geschlechterrollen ein wunderbares Beispiel für echt gelebte Emanzipation in der Film- und Serienwelt. Allein in für Amerika überraschenden, nicht weg geblendeten Nacktszenen, fiel ein Teilaspekt dessen bereits in der ersten Staffel auf. Die zweite geht trotz anderweitigen Schrittes voraus jedoch gerade mit Blick auf nicht ignorierte Geschlechtsteile wieder einen Schritt zurück. Die Darsteller agieren ohnehin alle weit seltener nackt, als es noch in der Vorgängerstaffel zu beobachten war. Das ist an sich ein nicht bedeutend scheinender Faktor. Betrachtet man aber den Rückgang an intellektueller und sachbezogener Argumentationen und Schwerpunkte der zweiten Staffel, eher zweifelhafte Ethik propagierend anstatt einen wissenschaftlichen Blick auf das Geschehen zu werfen, so darf man sich doch fragen, ob wer das Ruder übernommen hat, welcher der Serie einen anderen, weniger systemkritischen Anstrich verleihen wollte. In Amerika passiert es oft, dass nach erfolgreichem Start wer anders das Serienkonzept verändert, um bestimmte Dinge damit zu erreichen (siehe "Parker Lewis", "King of Queens" oder "The Big Bang Theory"). "Westworld" ist in seiner zweiten Staffel zumindest noch intelligent und wendungsreich genug erzählt, um einen selbst im enttäuschten Zustand noch als Zuschauer zu gewinnen und ernst zu nehmen. Das ständige Anwenden von Ausreden im pseudo-intellektuellen Sinne, zur Umgehung wahrer Konsequenzen (ein Faktor der eigentlich zwingend zum echten Leben dazu gehört), lässt das Geschehen aber längst nicht mehr so spannungsgeladen und emotional packend verfolgen, wie zuvor, eben da mit den lieb gewonnenen Figuren alles (wieder) möglich ist und Erlebtes nichts Endgültiges sein muss. Dieses Makel ist in sofern bedeutend, als dass es vielen getroffenen gesellschaftskritischen Aussagen der Serie widerspricht. Aber derartige Widersprüche weisen Moralisten oft auf, und Denken wurde in Staffel 2 endgültig und unübersehbar gegen Moral eingetauscht. Das ist schade um die guten Ideen der Serie, gerade mit Blick auf das Geheimprojekt der Firma Delos.  OFDb

13.10.2019

WESTWORLD - STAFFEL 1 (2016)

Wer ohne den Vergleich an das großartige Original "Westworld" an die Serie herangeht, bzw. andere Erwartungen an sie knüpft, der kann durchaus gut unterhalten werden mit einem Produkt, welches völlig andere Wege beschreitet als der 70er Jahre Science Fiction von Michael Crichton und die Erlebnisse von dort nur subtil streift. Das Ergebnis kommt ähnlich intelligent daher, mit dem Unterschied dass man seinerzeit intellektuelle Themen kaum benannt den Zuschauer entdecken ließ, wohingegen man heutzutage in endlosen Gesprächen über den gesellschaftskritischen und psychologischen Aspekt schwadronieren muss. Da schweift man auch gerne mal eine Spur zu extrem ab und rutscht in den pseudo-intellektuellen Bereich ab, für ein Produkt seiner Zeit macht "Westworld" seine Arbeit aber überraschend gut, auch wenn er nicht an die Klasse des Originals oder den themenähnlichen "Ex-Machina" heran reicht. Begrüßenswert ist der neue Aspekt, der mehr in die philosophische Richtung des TV-Filmes "Welt am Draht" und den Filmen, die er beeinflusste, schlägt. Andererseits bedarf alles in der Neuversion einer Erklärung, für Mysterien, wie der in "Westworld" thematisierten Roboterkrankheit (deren Mythos mit nur einem Nebensatz angezweifelt wird), scheint in der heutigen Welt kein Platz mehr zu sein, wenn man ein intelligentes Produkt auf den Markt werfen möchte.

Der Zuschauer muss Geduld mitbringen. Lange Zeit scheint sich in "Westworld" nichts zu tun, man muss Freude an den Nichtigkeiten, den Anspielungen und an der Vielschichtigkeit von Personen, Situationen und gesellschaftlichen Themen haben, um das schleichende Geschehen genießen zu können. Das Warten lohnt sich, zumal in der recht stillen Anfangsphase bereits gut agierende Darsteller, der nötige intellektuelle Kick und der Mut zur Andersartigkeit im Vergleich zum Original positiv auffallen. Hat man die erste Staffel beendet, sind allerhand Rätsel gelöst, die einen faszinierten, eröffnen sich Blickwinkel, die zuvor trügerisch eine andere Wahrheit offenbarten und überraschen Persönlichkeiten mit ihren wahren Ichs, die man anders eingeschätzt und zugeordnet hätte. Sicherlich baut "Westworld" bewusst aufs Hinhalten, lässt sein Publikum hauptsächlich aufgrund seiner Neugierde zappeln, aber das Rezept funktioniert. Und erstaunlicher Weise bleibt das Produkt auch in seinen erlebnisreicheren Phasen im ruhigen und besonnenen Stil erzählt, so wie der fast still stehende Beginn der Staffel. Wen es nach Action lechzt, der hat hier nichts verloren. "Westworld" setzt auf seine Figuren und auf seine Geschichte, erzählt etwas Bedeutendes und setzt den Schlusspunkt zur zweiten Staffel an einer faszinierenden Stelle. Würde mich nicht immer wieder ein Hauch zu gewollter Tiefsinnigkeit in mancher zu extremen Geschwätzigkeit anwehen, könnte ich glatt von einer hervorhebenswerten Serie sprechen. So aber ist sie, sowohl im positiven, wie im negativen Sinne, ein Produkt seiner Zeit, vielschichtig erzählt und durchdacht, aber auch zu bedeutungsschwanger aufgeblasen und zu wenig das Publikum allein entdecken lassend.  OFDb

20.09.2015

HITCHCOCK (2012)

Eine Biographie Hitchcocks, wenn auch nur aus der Phase in welcher der große Klassiker „Psycho“ entstand, und ein solches Projekt besetzt mit Talenten wie Anthony Hopkins, Scarlett Johansson und Kurtwood Smith, das muss doch eigentlich funktionieren. Aber „Hitchcock“ beweist, dass es nichts gibt was es nicht geben kann. Ich weiß nicht warum der Film vor einigen Jahren auf so viel Aufmerksamkeit stieß, denn er ist pure Zeitverschwendung, sowohl für jene Interessierte, die biographische Richtigkeit erwarten, als auch für jene, die rein zu Unterhaltungszwecken sich mit einer Interpretation dessen was einst passierte zufrieden geben würden.

Zunächst einmal ist Sacha Gervasis Film nicht nur reine Spekulation, und damit schon einmal nichts für Biographie-Interessierte, er ist zudem aus psychologischer wie auch aus gesellschaftlicher Sicht vollkommen blauäugig erzählt, wie ihn auch nur Realitätsverweigerer als echt ansehen könnten. Hitchcock wird zu einer fast unfehlbaren Ikone glorifiziert, die Wahl der Besetzung findet über billigste Frauenheftchen-Lebenshilfe-Psychologie statt, und die Dramaturgie ist so stark an Hollywood-Gewohnheiten orientiert, dass auch diesbezüglich jegliches Gefühl für Realitätsnähe verloren geht.

Zudem muss mir mal wer erklären, warum Hitchcock in den zähesten Szenen einen inneren Dialog mit Ed Gein hält, welche bemüht versuchen Parallelen von Hitchcocks aktuellen Gefühlsregungen zu Ed Geins vergangenen Taten herzustellen, die Geschichte damit aber keinesfalls weiterbringt oder anderweitig beeinflusst. So bleibt lediglich das Gefühl eines reißerichen Elements zurück, welches in seiner Lächerlichkeit zur vollen Blüte kommt, wenn die Mordszene unter der Dusche angeblich so gewalttätig ausfiel, weil Hitchcock während des Drehs selbst das Messer wetzte während eines erneuten Anfluges von Eifersucht.

Während James D‘Arcy als Anthony Perkins glänzt, aber leider nur einige wenige Male durchs Bild huschen darf, ist zumindest Helen Mirren einen Blick wert, wie sie die Rolle von Hitchcocks Ehefrau meistert. Die Frau ist wahrlich talentiert und reißt jede Szene in der sie auftaucht, und das sind nicht gerade wenige, an sich. Warum Anthony Hopkins neben ihr verblasst? Weil dieser während des Drehs wohl erkannt hat wie schlecht das Drehbuch ist und nur mit halber Backe spielt. Er ist das Reinschalten nicht wert. Selbst die mit so viel Talent gesegnete Scarlett Johansson bleibt in ihrer Rolle als Janet Leigh blass, aber das liegt weniger an ihr als an dieser lustlosen Inszenierung einer solch lächerlichen Interpretation dessen wie es damals gewesen sein könnte.

Ich hatte hohe Erwartungen an „Hitchcock“, hatte im Vorfeld auch keine Filmbesprechungen über Gervasis Werk gelesen und wurde bitter enttäuscht. Zwar weiß Helen Mirren einiges zu retten, lediglich sie wäre das Reinschalten wert, aber auch sie kämpft gegen Windmühlen in einem Film der weder realistisch, noch charmant spekulativ erzählt was einst geschah. „Hitchcock“ ist ein langatmiger, unreifer Streifen, der sich besonders dann quälend und peinlich guckt, wenn man sich auch nur ansatzweise mit Psychologie und Soziologie auskennt. Einziger Vorteil des Streifens: hinterher verspürte ich große Lust mir noch einmal „Psycho“ anzusehen.  OFDb

03.10.2014

AUF MESSERS SCHNEIDE - RIVALEN AM ABGRUND (1997)

Anthony Hopkins und Alec Baldwin, zwei Stars mit denen ich bisher nicht all zu viel am Hut hatte, spielen wunderbare Rollen, und sie spielen diese gut, was zwar von Profi Hopkins zu erwarten war, bei Alec Baldwin jedoch eher überrascht, auch wenn er der talentierteste seiner Familie ist. Die Einführung der Rollen die sie spielen hat mir so gut gefallen, dass ich sofort im Film drin war und es mir fast schon egal war worum es eigentlich nun gehen wird. Ein gutes Zeichen! Und so blieb es dann auch: der Film erzählte auf packende, teilweise spannende, Weise was das gute Drehbuch ihm vorgab.

Hauptdarsteller Hopkins hat die interessantere von beiden Rollen erwischt. Sein Milliardär ist gelangweilt, man erfährt nie wie er an sein Vermögen kam, und die Idee dass er mit einem breiten Spektrum an Allgemeinwissen glänzt macht seine Figurenzeichnung besonders reizvoll und erinnert ein wenig an DeNiros Rolle in "Ronin". Klischees werden möglichst umgangen. Niemals wird erwähnt, dass er aufgrund seines Reichtums ein böser oder fragwürdiger Mensch wäre, sogar das Gegenteil ist der Fall, es werden eher seine Leiden aufgrund seines Reichtums angeschnitten. Zeit das ganze wirklich tiefsinnig zu verfolgen hat man in „Auf Messers Schneide - Rivalen am Abgrund" aber ohnehin kaum, da es im Film stets um den Überlebenskampf geht, und wenn es dann doch mal hintergründig wird, dann wenn es darum geht wo der Mensch heute steht und auf was die Natur den zivilisierten Menschen im Kampf auf Leben und Tod reduzieren kann und was er dann noch wert ist.

Alec Baldwins Rolle wird zwar als zweifelhafter Charakter eingeführt, seine Mimik verrät uns aber zu früh dass er tatsächlich der Bösewicht des Streifens ist. Das ist nicht weiter schlimm, er spielt es gekonnt, und dank eines guten Drehbuchs bekam ein Skeptiker wie ich doch hin und wieder seine Zweifel ob er geläutert wird oder nicht. Im Nachhinein hätte ich es besser gefunden, wenn die gemeinsamen Geschehnissen des Films zu einer Männerfreundschaft geführt hätte. Hätten die Erlebnisse einfach zwei unterschiedliche Menschen zusammengebracht, indem der eine von beiden seinen Neid überwindet und damit auf ein Gut- oder Böse-Schema verzichtet worden wäre, hätte „The Edge“ (Originaltitel) zusätzliche Pluspunkte sammeln können. Aber im Amerikakino rechnet man mit so einem naiven Gedanken nicht ernsthaft, nicht im Star-Kino-Bereich.

Stars hin oder her, die Hauptattraktion von „Bookworm“ (Alternativtitel) ist der Bär, und der wirkt selbst für hartgesottene Cineasten erschreckend, er wirkt natürlich und nicht wie ein für einen Film trainiertes, zahmes Wesen. Kurz gesagt: er wirkt echt! Dass die Verantwortlichen des Streifens keine Puppen, Kostüme oder Computereffekte verwendeten weiß ihnen der Filmfreund aufgrund des authentischen Ergebnisses zu danken, das macht seine Auftritte tatsächlich zu großem Kino. Der Bär stampft nicht nur mal kurz durchs Bild, ständig taucht er auf, wird zur beständigen Bedrohung, bis sich unsere Helden darüber bewusst sind, das sie sich ihm stellen müssen, komme was wolle. Hierbei erreicht der Film, der eher dem Abenteuerbereich zuzuordnen ist, einen Spannungsbogen den viele Thriller und Horror-Werke vermissen lassen.

Die wunderbar fotografierte Naturkulisse könnte man glatt als Hauptdarsteller Nummer 4 bezeichnen und sorgt für den letzten, entscheidenden Schliff. Dass hier nicht im Studio gedreht wurde sieht ein Blinder, und man hätte dort auch nie die hier eingefangene Authentizität der Wildnis darstellen können. Auch der Green Screen kam glücklicher Weise nicht zum Einsatz. Wieder gilt das Lob den Verantwortlichen die richtige Entscheidung getroffen zu haben, so dass die Natur in ihrer facettenreichen Art wirken kann. Mal wirkt sie bedrohlich, mal friedlich, aber doch immer fremd für den zivilisierten Menschen. Das verhilft „The Wild“ (Alternativtitel) mitunter zu seiner atmosphärischen Stärke.

Es ist auch schön zu beobachten, dass die Frauenrolle nicht rein der Quote wegen unnötig vergrößert wurde, sondern dass wir es hier ungeschönt mit einer Gruppe Männer zu tun haben, die sich auf Männerart unterhalten, rivalisieren und sich so dem Problem stellen wie es für ihr Geschlecht typisch ist. Bereits mit dem Schwarzen im Dreierteam ist die politisch korrekte Pflicht Hollywoods erfüllt, schön dass man nicht noch Frauenrechtlern den Tag versüßen wollte, oder a la „Nur noch 60 Sekunden“ die Rolle eines weiblichen Stars zur verzweifelten Zuschauerlockung krampfhaft ins Geschehen integrierte. Von daher wurden viele Entscheidungen von Produzenten- und vielleicht auch von Regieseite aus so getroffen, wie sie in Hollywood nicht üblich sind. Das lässt einen über manch auftauchendes Klischee großzügig hinweg sehen, so dass „Auf Messers Schneide“ einfach nur gut zu unterhalten weiß.  OFDb

05.05.2012

NIXON (1995)

In bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, beschreitet Nixon mit allerlei Hindernissen eine Politkarriere bis hin zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Er sollte der erste Präsident werden, der von diesem Amt zurück treten muss...

Ein Buhmann mit Format...
 
Oliver Stone widmete sich im Laufe seiner Karriere als Regisseur in zwei Filmen den zwei unbeliebtesten Präsidenten der USA. Während sein Werk über George Bush, Jr. mit dem kurzen Titel „W.“ eher leichtfüßig daher kommt und den Bereich der Satire streift, ist sein Werk über Richard Nixon, welches den Nachnamen der zu behandelnden Person trägt, sehr dramatisch, schwermütig und teilweise recht düster angelegt. Das trifft inszenatorisch beides den Kern der Psychologie seiner Hauptfiguren und führt in beiden Fällen zu einem interessanten Ergebnis. Zeigte uns Stone mit „W.“ später einen Film der Verständnis für Bushs Taten wecken kann ohne den Präsidenten dabei in Schutz zu nehmen, so wird in „Nixon“ Stones Zwiespalt zwischen Anklage und Anerkennung deutlich.

Für Stone schien Nixon nicht schlichtweg der böse Mann zu sein zu den ihm die Medien zu seiner Zeit und hinterher gemacht haben. Das darf schon ein wenig verwundern, kann man es doch als Provokation ansehen, dass gerade einmal vier Jahre nach „Das Schweigen der Lämmer“ ausgerechnet Anthony Hopkins für die Rolle des Richard Nixon besetzt wurde, ein Mann der mit seiner Darbietung als Hannibal Lector immer wieder in Verbindung gebracht wird und einen Filmbösewicht kreierte der unheimlich und in gewisser Weise sympathisch zugleich war. Es würde den Ruf Stones nicht entsprechen, aber mit Hopkins in der Hauptrolle hatte ich eher mit Schwarzmalerei gerechnet als mit einer objektiven Berichterstattung.

Von objektiv kann man sicherlich nur bedingt sprechen, ist doch vieles im Werk spekulativ, allein schon weil es sich viel mit den inneren Dämonen Nixons beschäftigt, und wie der mit diesen umgegangen ist lässt sich kaum nachweisen. Oliver Stone macht jedoch kein Geheimnis daraus, beginnt den Film mit einer Texteinblendung die darauf verweist, dass der Film eine Interpretation dessen ist was passiert ist. Fakten und Vermutungen vereinen sich, lassen sich jedoch, so denke ich zumindest, recht gut auseinander halten, trennen sich beide Bereiche versimpelt ausgedrückt doch meist mit der Aufteilung Privatmensch und Politiker.

Stone neigt oft dazu ein wenig zu dick aufzutragen. Eine Symbolik wie ein besonders blutiges Steak während einer Diskussion über Vietnam, oder Ab- und Überblendungen während ein wütendes Gesicht im Bild zu sehen ist, das verletzt gerne mal den Ruf einer anspruchsvollen Biographie und zeigt, dass man in Amerika im Unterhaltungskino zu Hause ist, selbst wenn man es nicht sein möchte.

Inhaltlich zeigt der Film aber um so mehr, dass es Stone ernst ist möglichst faktengetreu zu berichten und nicht in Einseitigkeit zu verfallen. Nixon werden seine großen Taten wie das Verhindern eines Bürgerkrieges, die Öffnung nach China hin, das Beenden des Vietnamkrieges und seine Versöhnungsarbeiten mit der Sowjetunion anerkannt, und dies nie ohne die Zwiespältigkeit zu vergessen die Nixons Aktionen umwehten besagte Ziele zu erreichen. Ebenso wenig wird jedoch auch nicht vergessen in welch schwieriger Lage sich der Präsident oft befand in einer Zeit eines selbstgerechten gesellschaftlichen Wandels, der mitunter wegen der damals so schwierigen Zeit aufkam.

In gewisser Weise kann man dies gerecht nennen, war Nixon selbst doch ebenso selbstgerecht, und dass er nicht verstanden wurde, hat er laut Stone stets als Bestätigung seiner Selbstgerechtigkeit gesehen, ein Prozess der sich hochgeschaukelt hat bis zu dem Zeitpunkt an dem ein Mann mit ehrbaren Motiven immer ungesetzlicher gehandelt hat. Dass es Nixon selbst so nie gesehen hat, offenbarte er allerspätestens Jahre nach seiner Karriere in dem berühmten Interview mit Frost, welches im hier besprochenen Film nicht thematisiert wird, aber von Regisseur Ron Howard in „Frost/Nixon“ zum eigenen Thema wurde.

„Nixon“ ist recht komplex erzählt, und damit wesentlich schwierigere Kost als „W.“. Das beginnt mit seiner Laufzeit von 180 Minuten und zeigt sich des weiteren in seinem wilden Zeiten-Cocktail. Ebenso wie sein Werk über Bush Junior ist Stones Werk über Richard Nixon nicht chronologisch erzählt. Vergangenheit, die Endphase der Regierung und das Mittendrin dieser und der politische Aufstieg werden immer wieder durcheinander gewirbelt. Und da wir es zudem mit einer großen Menge an wichtigen Figuren zu tun haben, wird es für Nichtkenner der Materie schon ein wenig schwierig folgen zu können.
 
Dem Unterhaltungswert macht das keinen Abbruch. „Nixon“ ist spannend erzählt und konzentriert sich meiner Meinung nach auf den ultimativen Leckerbissen seiner Geschichte: der Zerrissenheit von Nixons Charakter, dem größten Drama welches diese Thematik zulässt. Was wäre der Film für ein zu theoretisches Werk geworden, wenn man sich der äußeren Dramatik wie dem Watergate-Skandal und der Unbeliebtheit bei der amerikanischen Hippie-Jugend zugewandt hätte, ohne dabei die missverstandene Seite Nixons zu thematisieren, die ihn in etwas verwandelt hat, was er zu jungen Zeiten sicherlich nie werden wollte?

Trotz zu dickem Auftragen und zu extremen Baden in düsteren Bildern wird „Nixon“ nicht zu einer Politversion von „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“. Das hätte durchaus passieren können. Immer wenn das Werk droht in diese zu primitive Richtung hineinzusteuern, schafft es Stone das Steuer herumzureißen und wieder auf faktischem Kurs zu fahren. Aber das ist eben das Risiko wenn man einen Film über jemanden erzählt, der im öffentlichen Leben stand, dies aber über einen Blickwinkel erzählt der nur spekulativ aufgegriffen werden kann. Stones Werk ist mit diesem Vorhaben um so mutiger zu nennen, das macht es aber nicht immun gegen berechtigte Kritik zu viel in die Materie hinein zu dichten. Meiner Meinung nach ist Stone jedoch ein recht interessanter Film geglückt, den man sich ruhig einmal zu Gemüte führen kann.  OFDb