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09.08.2020

A SERIOUS MAN (2009)

Das Leben ist nur eine Momentaufnahme. Es gibt keinen Schluss aller Ereignisse, Entwicklungen folgen weitere, fortschrittliche, wie rückläufige. Es klingt gut, wenn ein Film derartiges berücksichtigt, und die Coen Brüder bauen in ihrem Werk "A Serious Man" sehr bewusst darauf. Dennoch ist es genau diese Herangehensweise, die dieses Werk auf mich eher unbefriedigend wirken lässt. Der mehr Dramen- als Komödien-orientierte Film, was bereits einen Unterschied im Schaffen der beiden Regisseure und Autoren im Vergleich zu ihren anderweitigen Arbeiten ausmacht, bezaubert zunächst in seinem Mix aus subtiler Komik und bitterbösem Umgang mit dem Schicksal seines charmanten und ahnungslosen Protagonisten. Es werden uns schrullige Personen im Leben der Hauptfigur präsentiert, nebensächliche, wie hauptsächliche, penetrante, wie oberflächliche. Das ist alles typisch Coen und bündelt eine ungeheure Sympathie, die für sich allein ohne nennenswerte Geschichte bereits ausreicht um zu beeindrucken und zu unterhalten. Aber je mehr der Film voranschreitet, umso mehr Figuren werden bedeutungslos und nicht mehr benötigt. Ein Haupttrumpf geht flöten. 

Nicht zu Ende Erzähltes bleibt nicht angenehm nachdenkenswert in der Luft schweben, sondern hinterlässt eine unangenehme Lücke. Das zuvor Präsentierte wirkt willkürlich, auch weil die mangels einer wahren Geschichte im Zentrum stehende Charakterentwicklung der Hauptfigur nicht intensiv genug ausgeprägt ist, kaum nennenswerte Veränderungen herbei führt und die sich anbahnenden Veränderungen für die Zukunft abrupt abgebrochen werden, wenn man völlig unerwartet gnadenlos aus dem Film, und somit aus dem Leben der zu beobachteten Familie, herausgeschmissen wird. Wie erwähnt, ich weiß das ist so gemeint in einem Werk, welches trotz satirisch überzogener Sonderlinge zur Humorförderung die Realität des Lebens intensiv nahe bringen möchte. In all den Bereichen der erzählerischen Reduzierung und mangelnden Konsequenz vereint, will das meiner Meinung nach aber nicht so intensiv funktionieren, wie sich die erste Filmhälfte zuvor noch schaut. 

In der zweiten wächst allmählich das Bewusstsein, dass sich die Geschehnisse im Nichts verlaufen. Intensiv mitempfindbare Wendungen entpuppen sich stets nur als Phantasien im Schlaf, das Leben ist nicht so wandelbar, wie sie es sind. Und so schön es auch ist mit anzusehen, dass es gerade die alltäglichen Nichtigkeiten sind, die große Probleme wieder fast ungeschehen machen können, es bleibt ein Gefühl erzählerischer Leere zurück, trotz intensiver Analyse des Lebens unseres Anti-Helden und trotz der durchdachten Vertiefung eines jeglichen Randcharakters. Wir sprechen trotz dieser Defizite noch immer von einem unterhaltsamen Werk, denn für ein Scheitern ist "A Serious Man" zu liebevoll ausgefallen, zu mühevoll umgesetzt und die Geschehnisse zu interessant dargeboten. Die professionelle Herangehensweise aller Beteiligten vor, wie hinter der Kamera ist stets unübersehbar spürbar. Zur ersten Hälfte hin dachte ich jedoch noch eine außergewöhnliche Empfehlung zu sichten, während der Streifen zur zweiten Hälfte hin ein etwas zu ernüchterndes Produkt wurde, das unter den theoretischen Stärken, der individuellen Inszenierung und der mutigen Entscheidungen eher leidet, anstatt daran zu wachsen.  OFDb

25.03.2018

FARGO (1996)

"Fargo" war das Werk mit welchem die Coen-Brüder berühmt werden sollten, und kaum ein Film könnte diesem Status gerechter werden als dieser liebevoll erzählte Kriminalfilm, der die Perspektive zwischen Täter und Opfer ständig wechselt, um den Rahmen grotesker Geschehnisse, ihrer Zusammenhänge und ihrer Vielfalt einen größeren Rahmen zu bescheren. Verlierertypen und Alltagsmenschen geben sich hier die Hand, bilden alle zusammen ein Sammelsurium griffiger Charaktere, egal wie klein die jeweilige Rolle auch ausgefallen sein mag, so dass jeder mit seinen Schrullen glänzt. Da kommt es mal zu hoch geschaukelten Situationen subtil in bitterbösem schwarzen Humor gekleidet und manchmal zu Banalitäten am Rande, die sich als geheimer Höhepunkt einer Szene herausstellen.

An "Fargo" stimmt einfach alles: das gemütliche Tempo trotz ereignisreicher Geschehnisse spiegelt das Alltagstreiben der wortkargen Durchschnittsbürger wieder. Die Schneelandschaft dominiert in wunderschönem Weiß, so dass die Kamera manch künstlerisch wertvolles Bild einer erbarmungslosen Region einzufangen weiß, welche in seiner Schönheit viel harmloser wirkt, als die bissige Kälte einen spüren lässt. Durch diese stampfen großartige Mimen, die wortkarge, treffsichere Dialoge aufsagen dürfen, für welche man die Regisseure und Autoren Coen umarmen möchte. Selten stand in einem Film um Blut und Verrat die Menschlichkeit derart im Raum. Hier mag man jeden, Schurken ebenso wie alltäglich gehaltene Helden, ohne dass sich dadurch das Gut/Böse-Bild verschieben würde.

"Fargo" ist ein schrulliges Werk, durch seinen dauerhaft durchgezogenen subtilen Humor weit mehr Komödie als Kriminalfilm oder Thriller, weitaus lustiger als dramatisch ausgefallen, und doch nie die Ursachen, Taten und Folgen verharmlosend, die angeblich auf wahren Begebenheiten beruhen sollen. "Fargo" guckt sich grotesk und authentisch zugleich, liefert überspitzte Situationen ebenso ab wie bodenständige Alltäglichkeiten, die irgendwo zwischen Langeweile und Glückseligkeit pendeln. Und das ist alles derart angenehm unterhaltsam eingefangen, dass mir die Geschichte fast schon egal war, so toll wie sich die Figurenzeichnung und ihr Interagieren untereinander schaut, so gern wie ich ihren kümmerlichen Dialogen beiwohne, die sicherlich auch einem Loriot Spaß gemacht hätten.

Dass das Ganze in dieser Andersartigkeit trotzdem zudem eine gute Geschichte mit interessanten Wendungen beschert bekommen hat, macht das Ergebnis um so reizvoller, so dass man "Fargo" wahrlich als Pflichtfilm für Cineasten bezeichnen muss, ein Geheim-Tipp ist er ja nun schon seit seiner Entstehungszeit nicht, so berühmt wie er zurecht beide Autoren machte. Nicht immer konnten die Coens an diesen Erfolg anschließen, maue wie sehenswerte Werke gaben sich immer wieder die Hand. An "Fargo" reicht meiner Meinung nach bislang kein weiterer Film der beiden heran, zu bemüht guckt sich mancher Nachfolger in seiner Andersartigkeit, zu sehr war man auf den grotesken Touch des Erfolges des hier besprochenen Werkes aus, zu sehr vernachlässigte man die Natürlichkeit des hier Gezeigten, ein gleichrangiger Aspekt, welcher dem grotesken Anteil überhaupt erst die nötige Grundlage bescherte. So bleibt "Fargo" auch inmitten der Vielzahl an Coen-Filmen eine einzigartige Besonderheit, die es in dieser Art so nicht noch einmal gab.  OFDb