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16.01.2022

DAS NETZ (1995)

Das Internet war für viele 1995 noch ein Mysterium, eine Welt die man nicht komplett verstand und welche rationale wie irrationale Gefahren verkörperte. Daten wurden ein hohes Gut, wurden zu Macht, und die Angst dass nur noch die Daten im Computer die Welt bestimmen könnten, war sicherlich nicht ohne Reiz, hätte in der Form wie hier vorliegend aber eher in eine Zukunftsgeschichte gepasst, anstatt in einer in der Gegenwart anvisierten Geschichte. Das unterstreicht die Verzweiflungstat im Drehbuch die Protagonistin extremst isoliert leben zu lassen, dass der Rest der Geschichte erst durch diesen Aspekt funktionieren kann (und selbst dann bleibt er durch schlichtere Sozialkontakte, wie dem Pizzalieferant, ein Wackelkandidat). Da sich zudem etliche klassische Mainstream-Aspekte mit eingeschlichen haben, allen voran die (an sich sympathische) Besetzung einer sexy Sandra Bullock, in der Rolle eines Pizza und Junkfood fressenden Couch-Potatoe-Computer-Nerds, kann aus "Das Netz" nie wirklich etwas großes Ernstzunehmendes werden. Nimmt man den Streifen nicht so ernst wie ihn seine Schöpfer nahmen, kann er als simpler Unterhaltungsfilm jedoch funktionieren, auch wenn Tiefgang ebenso fehl am Platz ist, wie eine stimmige Dramaturgie, oder ein Nerven kitzelnder Thrill. 

In der arg fantastischen Geschichte mit klar gezeichneten Gut- und Böse-Positionen ist es ein leichtes die zentrale Figur als Identifikationscharakter anzunehmen, erst recht beim unübersehbar anvisierten weiblichen Zielpublikum. So muss sich nicht nur ein Hacker gegen das System wehren, in welchem er sich stets wohl fühlte, als Frau muss sie auch den Sexisten in ihrem erhofften Urlaubsflirt erkennen, sich ihre Rechte in der Gesellschaft zurückerobern und dementsprechend den sexy Bikini gegen bodenständigere Kleidung tauschen, um ernst genommen zu werden. Analytisch geht nichts tief, wie man heraus liest, obwohl das Thema um Identitätsdiebstahl durch zu viel Informationen des Einzelnen im Netz spätestens durch die angewachsenen sozialen Netzwerke nichts von seiner Aktualität verloren hat. Ein "Der Staatsfeind Nr. 1" ging diesbezüglich im Mainstreambereich cleverer und spannungsgeladener an die Thematik heran. "The Net" (Originaltitel) kann man als Fingerübung für diesen und vergleichbare Werke bezeichnen, so früh wie er sich bereits der Thematik annimmt (obwohl vergleichbare Ansätze bereits im wesentlich intelligenteren und reflektierteren "Das fliegende Auge" von 1983 zu entdecken sind, freilich ohne Internetbezug). Produziert und inszeniert wurde der 90er Jahre-Thriller von einem damals über 60jährigen Irwin Winkler, für den das Internet scheinbar ebenso Rätsel war, wie für das anvisierte Publikum. 

Wie gesagt, unterhaltsam ist "Das Netz" ausgefallen, aber auch sehr unrealistisch und naiv. Da der Film aber derart konsequent lediglich Kinoatmosphäre atmet, kann man ihm nicht wirklich vorwerfen lediglich in der typischen Kinomentalität gefangen zu sein. Warum ein derartiger Trivialfilm jedoch so erfolgreich war, dass ihm gleich 3 Jahre später eine TV-Serie folgte und Winkler 2006 eine Neuverfilmung finanzierte, die er von seinem Sohn umsetzen ließ, verstehe ich nicht, es sei denn das verschenkte Potential von hier würde dort reumütig nachgeholt. Kurzweilig ist der Streifen aber definitiv ausgefallen. Die Besetzung macht in vielen kleineren, wie großen Rollen einiges wieder wett.  OFDb

22.06.2019

DEMOLITION MAN (1993)

Nach eher erfolglosen Versuchen, ebenso wie Konkurrent Schwarzenegger, in der Komödienwelt mittels "Stop! Oder meine Mami schießt" und "Oscar" Fuß zu fassen, und nachdem er ein erfolgreiches Action-Comeback mit "Cliffhanger" feierte, besetzte man Sylvester Stallone in einem Mix beider Genres, angesiedelt im Science Fiction-Bereich. Hätte es nicht bereits 1987 "Eine schrecklich nette Familie" gegeben, könnte man "Demolition Man" als frühe Verarbeitung der Thematik um die neu aufgekommene Mentalität der Political Correctness verstehen. Doch erst zu einer Zeit als aus besagter Serie sinnloser Nonsens wurde, der nichts mehr mit dem Kampf der Streitkultur gegen die neue Mentalität zu tun hatte, da wurde das Thema mit besagtem Stallone-Film neu aufbereitet, diesmal die Fragwürdigkeit dieser Entwicklung mehr ins Zentrum rückend als das bloße Aufzeigen ihrer Ignoranz. Das Science Fiction-Genre war hierfür das ideale Medium, geht es doch nicht um den eigentlich lobenswerten Aufhänger der politischen Korrektness, sondern um die Überspitzung dieser durch Fanatiker. Und so wie uns "Idiocracy" später die phantastische Zukunftswelt einer verdummten Gesellschaft satirisch überspitzt vorsetzt, so zeigt uns "Demolition Man" wie mit fanatischer Übertreibung besagter Mentalität ein totalitäres System aussähe.

Durch berechtigte Umwelt-Panik ist der Film interessanter Weise heute aktueller als einst, funktioniert mit seiner Kritik am Bestreben des sündenfreien, perfekten Menschseins also noch immer. Der gut aufgelegte Grundton tut sein Erstes daran, dass "Demolition Man" ein gelungenes Stück Unterhaltungskino geworden ist. Er ist weder ein verbitterter, noch ein griesgrämiger Film. Und er ist in erster Linie ein Unterhaltungsfilm, der die Gesellschaftskritik in zweiter Reihe laufen lässt, also nicht als Nebensächlichkeit, aber als Aufhänger der amüsanten Kritikvariante. Gut aufgelegte Darsteller und ein Drehbuch mit allerlei gelungenen Randideen unterstützen besagte Leichtfüßigkeit, die damit beginnt in der Gegenwart angelegt die typischen 80er Jahre-Rollen von Hauptdarsteller Stallone zu parodieren, dies aber erst auf die Spitze treibt, wenn Spartan in einer völlig friedfertigen Gesellschaft erwacht, die ihn durch seine lebensfrohe, freie und konsequente Lebensweise als Tier betrachtet. Leider ist Gegenpol Wesley Snipes eine eher nervige Randbesetzung, welche sich im Originalton aber zumindest erträglicher schaut, als in der deutschen Synchronfassung. Dennoch nervt er auch auf englisch, auch wenn sein Überagieren durch den Comicgehalt der Handlung gewollt ist und damit tatsächlich leicht abgefangen wird.

Im Gegenzug dazu erleben wir an Stallones Seite die sich ungewöhnlich anfühlende Kombination mit einer gut aufgelegten Sandra Bullock, die sich hier noch am Anfang ihrer Karriere befand und erst ein Jahr später mit "Speed" weltberühmt werden sollte. Auch bei dieser Figurenkonstellation hilft der humoristische Grundton im Comic-Flair, u.a. durch solch drollige Ideen unterstützt, wie jener, dass Stallone der jungen Kollegin spontan einen hübschen Pullover strickt. An Action mangelt es nicht, aber gerade der Humor ist es, der "Demolition Man - Ein eiskalter Bulle" (Alternativtitel) erst seinen wahren Charme beschert. Ob es die geheimnisvollen drei Muscheln anstelle von Klopapier sind, die Idee in der Zukunft Werbelieder als Hauptprogramm im Radio zu spielen und fröhlich mit zu singen, Beleidigungen per Strafzettel zu ahnden, oder Pizza Hut zum Luxusrestaurant der Zukunft zu erklären (zumindest in europäischen Fassungen des Streifens), all diese Ideen bereichern, fußend auf dem kritischen Aufhänger, einen herrlich unterhaltsamen Film, der es freilich auch nicht vermissen lässt den Eingangs erwähnten Stallone-Konkurrenten Arnold Schwarzenegger gekonnt zu veräppeln.

Dass der Zukunftsstaat nicht nur aufgrund der Unterdrückung seiner Menschlichkeit fragwürdig ausgefallen ist, sondern auch weil er eine Zwei-Klassen-Gesellschaft geschaffen hat, klingt nach einer arg Klischee-beladenen Ergänzung, wird aber aufgelockert aufgearbeitet durch eine im Untergrund lebende Außenseitergesellschaft, die ein wenig (aber nicht so skurril gekonnt wie dort) an die Vegetarier aus "Delicatessen" erinnert. Hier sind es die Fleischfresser, die Freidenker, die Fronten sind im Vergleich zum französischen Werk verdreht, aber in beiden Fällen bilden die Unterweltler die Rebellion gegenüber der Zustände oberhalb des Erdbodens. Es ist das besagte Comic-Flair, welches aus solch geglückten Ideen trotz dem Vorhandensein von noch so ausgelutschten Klischees und Stereotypen, solch eine gewinnbringende Erzählung zaubert. Das durchdachte Zukunftsbild, welches die fanatisch geartete Lebensweise der Political Correctness sowohl thematisch an den richtigen Punkten aufgreift, als auch im veralbernden Ton gekonnt bekämpft (der Anonymous-Kampf gegen die Scientology findet heutzutage ähnlich geartet statt), ist stabil genug, um Schwächen gekonnt wegstecken zu können. Besagte Pointensicherheit des Drehbuches und die gut aufgelegten Stars sorgen für den Rest, so dass "Demolition Man" meiner Meinung nach zu Recht ein Erfolg an den Kinokassen wurde.  OFDb

02.01.2013

EIN CHEF ZUM VERLIEBEN (2002)

Die Idealistin Lucy lässt sich von ihrem ärgsten Feind George, einem Kapitalisten, dazu überreden seine Anwältin zu werden. So sieht sie die Chance die Welt auf Großkonzern-Ebene ein wenig zu verbessern. Stattdessen wird ihr neuer Job zur Tortur. George ist von seiner Anwältin so fasziniert, dass er bei jeder großen und kleinen Entscheidung sie um Rat bittet. Da dies häufig auch private Entscheidungsfragen sind, und Lucys eigenes Privatleben darunter leidet, kündigt sie. Von nun an suchen beide einen Nachfolger und merken, wie sehr sie sich eigentlich auch privat mögen...

Ideal + Kapital = Fatal! Banal?...
 
Sandra Bullock, die den Film mitproduzierte, und Hugh Grant bringen beide Erfahrungen aus dem Bereich der Romantik-Komödie mit. Sandra Bullock hatte einen großen Erfolg mit „Während Du schliefst“ und Hugh Grant mit „Notting Hill“ an der Seite von Julia Roberts. Ganz so zu bezaubern wie im eben erwähnten Vergleichsfilm, weiß Bullock diesmal nicht. Bei ihrem Filmpartner verhält es sich genau umgekehrt. Während Grant in „Notting Hill“ etwas blass wirkte, entdeckte er 2002 seine eigene, kleine Nische, die des charmanten Egoisten, den er im selben Jahr sogar noch besser in „About A Boy“ mimte.

Warum war seine Wirkung bei gleicher Charakterzeichnung dort größer als hier? Meiner Meinung nach liegt es daran, dass er diesmal einen Großkapitalisten spielt. Und dem verzeiht man seinen Egoismus nun einmal nicht so schnell, nur wegen ein paar Schrulligkeiten und lustiger Worte. Dabei ist das Drehbuch sichtlich bemüht Sympathie für den Unternehmer aufzubauen. Unter Blauäugigkeit haut das sogar hin. Gibt man sich „Ein Chef zum Verlieben“ unkritisch hin, halt so wie es eine Romantik-Komödie eigentlich von einem erwartet, so geht sie auf, die Rechnung der Verantwortlichen dieses Streifens.

Zum Glück, manche würden auch sagen leider, kann ich den Kritiker in mir aber nie ganz ausschalten. Und der findet den Gedanken nun einmal erzürnend, dass jemand mit viel Verantwortung verantwortungslos durchs Leben geht. Seine Opfer werden vom Drehbuchautor ja auch schön ausgeblendet, damit die Welt rosarot bleibt.

Man fragt sich, warum gerade der Bereich der Romantik-Komödien so häufig dafür verwendet wird, Großverdiener positiv darzustellen („Notting Hill“, „Pretty Woman“, „E-Mail für Dich“, ...). Propaganda? Vielleicht, Amerika ist ein häufig manipulierender Boden! Allerdings verweist „Pretty Woman“ auf der anderen Seite deutlich darauf hin, dass das alte Märchen vom armen Mädel, das vom Prinzen gerettet wird, viel eher Pate steht, und die Romantik-Komödien eine moderne Variante dieser sind. Aber will man aktuelle Notstände so gerne verpackt in einem Märchen sehen? Muss man manches gesellschaftlich nicht erst verarbeitet haben, um es verzaubern zu können?

O.k., Grants Rolle soll ein Egomane sein, und Lucy wirft ihm oft genug vor, er könne nur Böses mit seinem Geld anstellen und fragt ihn, warum das so ist. Da ist Kritik am modernen Großunternehmertum vorhanden. Letztendlich wirkt das aber nicht, wenn dieses asoziale Verhalten als ähnlich schrullig gesehen wird, wie Vergesslichkeit oder ewiges zu spät kommen.

„Ein Chef zum Verlieben“ sucht den Kompromiss. Aber dafür begeht er nicht nur eben erwähnte Fehler mit der Figur des George, er macht ähnliches mit Lucy. Denn auch der Idealismus wird als Schrulligkeit dargestellt, als eine unangenehme Charaktereigenschaft, deren Lösung im Kompromiss liegt. Dabei wird völlig übersehen, dass Idealisten gesunde Charaktere sind, die überzeugt von einer Sache sind, die sie gut heißen. Warum soll eine Lucy ihre „Marotte“ ebenso reduzieren wie der Kapitalist?

Und da liegt der Hund drin begraben. Regisseur und Drehbuchautor Marc Lawrence leistet wirklich hervorragende Arbeit. Dennoch geht sein Rezept nicht auf, wie z.B. im sehr romantischen „Mitten ins Herz“. Dennoch, und daran erkennt man die Professionalität aller Beteiligten, kommt ein Funke des gewünschten Endergebnisses herüber, so dass man „Ein Chef zum Verlieben“ durchaus als durchschnittlichen Genrebeitrag sehen kann. Schaltet man den Kopf aus, wird es witzig und romantisch, ab und an meckert da nur eine kleine Stimme im Hinterkopf. Aber es ist Kino! Es ist Popkorn-Kino! Da sollte man nicht alles zu ernst nehmen. Das Problem des Films lässt sich nicht ausschalten, aber einige Momente lang übersehen.  OFDb

21.12.2012

DAS HAUS AM SEE (2006)

Eine Frau zieht in ein Haus am See, und kann sich über den Briefkasten mit dem Vorbesitzer unterhalten, der zwei Jahre zuvor dort lebte. Über diese fantastische Zeitreise-Briefpost verlieben sich beide ineinander...

Zwei Jahre sind eine Ewigkeit...
 
„Das Haus am See“ ist eine süßliche Romanze, die dank der außergewöhnlichen Idee (deren Ursprung wieder einmal in Asien zu suchen ist) und der zwei harmonisch zueinander passenden Hauptdarsteller zu den gelungenen Werken seines Genres zählen darf. Die Geschichte wird verträumt erzählt und erfährt kleine, kaum zu erwähnende, Wendungen. Ganz ohne Kitsch geht das nicht vonstatten, aber die Hauptfiguren werden nicht einfach nur niedlich dargestellt, es sind ausgebaute Charaktere, die nicht nur erleben sondern auch handeln. Ein Punkt den viele Drehbuchautoren in Liebesfilmen nicht beachten. Früh erfährt man, dass beide Figuren prima zueinander passen, müssen doch beide die Hürde nehmen, totales Realitätsversagen an den Tag zu legen, um den Test mit dem Briefkasten durchzuführen.

Der Film ist romantisch, und er schafft es einen damit einzulullen. Man freut sich mit den Protagonisten mit, in den etwas dramatischeren Szenen teilt man jedoch nicht ihr Leid. Die dramatischen Wendungen der Geschichte sind harmlos, lassen ohnehin kleine Fragen offen, und sind so nah an kleinen Alltagsproblemchen orientiert, dass sie weit davon entfernt sind auf die Tränendrüse zu drücken, oder einen immerhin traurig werden zu lassen. Lediglich der Gang zum Finale hin lässt einen betroffen werden, deutet doch alles auf einen bösen Schluss a la „Stadt der Engel“ hin. Ob es nun am Testpublikum oder am guten Herzen des Drehbuchschreibers lag weiß ich nicht, aber es kommt anders als eingeleitet, was zwar etwas enttäuscht, aber dennoch als akzeptable Alternative dienen kann.

Erfreulich ist, dass der Film trotz seines Optimismus, seiner Herzensnähe und seiner verträumten Geschichte sehr auf die filmeigene Logik achtet. Der Hintergrund der zwei Zeitebenen wird nie erklärt, was wohl so auch besser ist. Aber die Abläufe innerhalb dieses nicht erklärten Phänomens passen zusammen, sind meist logisch nachvollziehbar, wanken an gewissen Stellen jedoch. So stellt sich z.B. die Frage, warum der Rolle Bullocks (Kate) nicht klar war, wen sie am Valentinstag im Arm hielt. Laut der Geschichte hat sie den Mann in der Vergangenheit sehr intensiv auf einer Party kennen gelernt, ja sogar geküsst.

Dies ließe sich allerdings mit der Baumpflanzszene erklären, in welcher Alex (Reeves) vor 2 Jahren einen Baum pflanzt, und dieser im Jahr 2006 urplötzlich erscheint. Er ist nicht zwei Jahre gewachsen, Alex' Tat wird zur urplötzlichen Tatsache in der Zukunft. Das müsste bedeuten, dass am besagten Valentinstag das Gesicht in den Armen noch unbekannt war, und erst zum parallelen Zukunftszeitpunkt zur Party 2004 bekommt das Gesicht in Kates Kopf eine Erinnerung. Eine filmeigene Logik, die man weiterspinnen könnte. Das bedeutet nämlich, dass die Kate aus der Zukunft die Erinnerung an einen Kuss nur durch die Zeitveränderung implantiert bekommen hat. Lediglich die Kate in der Vergangenheit hätte diesen dann auch aktiv erlebt. Bleibt die interessante Frage, wie und ob der Bruder von Alex die Zeitmetamorphose erlebt hat, in der aus einem Trauerfall ein nicht vorhandener wurde. In nachvollziehbaren Dingen ist der Film logisch, in den hier aufgezählten befindet er sich in einem Graubereich, der zum Grübeln anregt, sich aber, wie man sieht, erklären ließe.

Die wirklich offenen Fragen liegen jedoch nicht in der Thematik des Zeitunterschiedes, sondern in den unklaren Verhaltensweisen, die ab und an dem Zuschauer vorgelebt werden. Mal von manchem gesprochenem Dialog abgesehen, der auf diese Art so garantiert nicht zu Papier gebracht wurde, gibt es ein paar wesentlichere offene Fragen.

So sind zwei Jahre z.B. kein enormer Zeitunterschied. Warum geht Kate Alex nicht einfach suchen? Spätestens zum Zeitpunkt des Nichterscheinens im Lokal, müsste sie sich doch immerhin Sorgen machen, ob ihm etwas zugestoßen ist. Stattdessen schmollt sie nur und bricht den Kontakt ab. Die Frau ist Ärztin, erlebt den ganzen Tag Menschenschicksale und kommt nie auf die Idee nachzuforschen, was in der Vergangenheit geschah? Unglaubwürdig!

Ebenso wie die Tatsache, dass beide trotz intensiver Brieffreundschaft und trotz der aufkeimenden Gefühle nie ein Foto in den Briefkasten legen. Zunächst dachte ich, dass dies vielleicht ein innerfilmisches Gesetz ist, das noch angesprochen wird, dass z.B. nur die Briefe die andere Zeitzone erreichen, andere Gegenstände jedoch nicht. Aber zu dem Zeitpunkt, als Kate das Buch in die Vergangenheit schickt, wird dieser Denkansatz aufgehoben und das Nichtverschicken von Fotos zu einer unangesprochenen Lücke. Zumindest halten sich beide lange Zeit an das natürliche Geschehen (Alex bekommt ja nicht mit, dass er mit seinen Taten das Zeitgeschehen manipuliert, er denkt seine Taten wären ein natürlicher Vergangenheitsaspekt). Erst mit dem tröstenden Buch wird bewusst das Zeitgeschehen manipuliert und zwar von Kates Seite aus. Mit der finalen Manipulation wiederholt sie eine solche Tat. Soll man einer solchen Frau glauben, sie hätte nie ein Foto abgegeben oder gefordert? Möglich aber unglaubwürdig!

Das sind sicherlich Kleinigkeiten, bis auf den Punkt, dass Kate nach dem Sitzengelassensein nie nach Alex forschte. Das ist ein Bruch, den man erst einmal akzeptieren muss. Er passt nicht in einen so träumerischen Film. Wo so viel Romantik herrscht, da muss auch das Herz das Handeln entscheiden. Und das hätte nach Alex gesucht, oder zumindest nach seiner Vergangenheit.

Da sich solche kleinen Schnitzer im Rahmen halten, wird damit zum Glück nicht der Film kaputt gemacht. Verträumt darf man weitergucken, bis es zum Schluss kommt, und man sich langsam wieder der Realität stellen muss. Zumindest ist „Das Haus am See“ ein sympathischer Entführer in die Traumwelt, von dem ich mich ein andermal sicherlich gerne noch einmal verschleppen lasse. Für Freunde solcher Filme ist das Werk ganz klar zu empfehlen. Ich muss allerdings einräumen, dass ich das südkoreanische Original (noch) nicht kenne. Mag sein, dass die US-Version dagegen ein Witz ist, wird für den Ami-Markt doch gerne vieles vereinfacht. Wie mag wohl der Schluss des Originals sein? Diese Frage macht mich neugierig.  OFDb

20.07.2012

MORD NACH PLAN (2002)

Zwei Jugendliche planen einen perfekten Mord inklusive wasserdichtem Alibi. Während Sam, ein Neuling in der Mordkommission und seine Vorgesetzten den beiden auf den Leim gehen, klingelt bei der erfahrenen Polizistin Cassie der Instinkt, dass die beiden Schüler die Täter sind. Diese Vermutung zu beweisen erweist sich jedoch als recht schwierig...

Den Cocktail müsst ihr selber kaufen...
 
Als ich den Film gesehen habe, wusste ich noch nicht, dass es sich um eine Neuverfilmung von Hitchcocks „Cocktail für eine Leiche“ handelt. Das war wohl auch besser so, denn so konnte ich mich vorurteilsfrei einzig auf die Wirkung des Streifens verlassen. Ein Vergleich erscheint ohnehin unsinnig, sind die einzigen Parallelen zum sogenannten Original doch zwei junge Männer die gemeinsam einen Mord begehen, der so geplant ist, dass sie angeblich unmöglich als die Täter überführt werden können.

Mehr ist nicht übrig. Weder die Originaltitel stimmen überein, noch die Ermittler. Die Täter, die im Original keine Schüler sondern Studenten waren, verstecken diesmal die Leiche nicht provokativ in der Öffentlichkeit, und sie sind auch keine Freunde. Ganz im Gegenteil, sie können sich offiziell nicht leiden und haben wenig miteinander zu tun. Das gehört mit zum Plan des Nichtverdächtigwerdens. Die Stärke der Geschichte liegt nun im Kräftemessen zweier verwöhnter, kühl kalkulierender Mörder und der erfahrenen Polizistin, die dafür bekannt ist unkonventionell zu handeln. Was sie mit den Mördern gemein hat ist ihr emotionsloser Umgang mit ihren Mitmenschen. Ist ihr Verhalten jedoch die Prägung einer unangenehmen Erfahrung aus der Vergangenheit, so ist das Verhalten der Schüler Teil ihres kühlen Intellekts. Die Geschichte geht sogar so weit, dass Cassie überhaupt erst aufgrund dem was ihr einst passierte den Antrieb erhält in Richtung ihres Verdachts zu ermitteln, obwohl dieser eigentlich auf Vorurteilen aufbaut.

Somit muss es nicht wundern, dass der Vorgesetzte Krimi-klassisch von der wirren Theorie der Ermittlerin nichts wissen möchte, zumal die beiden Täter mittels manipulierter vorher eingeplanter Beweismittel der Polizei absichtlich einen anderen Täter präsentieren. Da alles auf diesen deutet, macht es aus Kriminalistensicht wenig Sinn Cassies Phantomen nachzujagen.

Damit darf das Duell der Gehirne beginnen. Und Cassie hat eigentlich nur eine Chance: was im Kopf kleinlichst genau kalkuliert wurde, kann nur über Gefühle, sei es Stolz, Eifersucht oder anderes, überführt werden. Und selbst dies erweist sich als schwierig, sogar noch in jener Phase, in welcher Cassie ihren grünen Partner Sam davon überzeugt bekommt die beiden doch noch einmal zu verhören.

Von diesem Spiel und dem Wissen des Zuschauers, dass die beiden auch wirklich die Täter sind, lebt „Mord nach Plan“, inszeniert von Regisseurin Barbet Schroeder, die zuvor u.a. „Kiss of Death“ mit Nicolas Cage drehte und den Thriller „Weiblich, ledig, jung sucht...“. Damit das Treiben dem Zuschauer nicht zu monoton erscheint, wird noch ein Geheimnis aus Cassies persönlichem Drama gemacht, welches erst mit der Zeit verdeutlicht wird. Auch das zwischenmenschliche Miteinander von Cassie und Sam wird thematisiert, jedoch nie zu dominant und nur psychologisch fördernd anstatt unsinnig emotional oder reißerisch.

Parallel erleben wir immer wieder den Umgang der beiden Täter miteinander, der diesmal einen weniger homosexuellen Hintergrund trägt als im Original, auch wenn mancher Freundschaftsschwur arg soft und emotional gezeigt wird. Als ein von den beiden nicht bedachter Aspekt des genialen Plans entpuppt sich schließlich auch eine Mitschülerin, die zwischen den beiden steht und auf ihre Art Risse ins geplante Muster bringt, schlichtweg deshalb weil das Leben nicht einzig auf Logik basiert.

Das dürfte man allgemein als die Lehre des Streifens bezeichnen. Auch wenn dieser mit einem privaten Dilemma Cassies etwas moralisch angehaucht schließt, zeigt sich diese Lehre am Schluss. Was vom logischen Standpunkt aus Sinn macht, kann sich als falsche Entscheidung entpuppen, so dass Cassie von Emotion und Einsicht geleitet zum Schluss gegen ihre bisherige Haltung handelt, die erst durch Gefühle und Moral die rein logische Gegenalternative als falsche Entscheidung entlarvt. Erst dies erkannt, gibt der Schlussszene überhaupt erst Sinn, die man ansonsten als unnötiges Anhängsel betrachten könnte, um eine eher nebensächliche Zusatzerzählung ebenfalls zu einem Ende zu führen.

„Mord nach Plan“ weiß zu unterhalten, u.a. weil er gut besetzt und interessant erzählt ist. Und wie man heraus liest, ist es nicht nur inhaltlich ein recht cleveres Kriminalfilmchen. Dennoch bleibt aufgrund der sehr schlichten Inszenierung kein bedeutender Film zurück. Klar, es ist schön zu sehen ob die Mörder überführt werden und wie Cassie versucht an dieses Ziel zu gelangen. Aber spätestens das zu ereignisreiche Finale nimmt Schroeders Film ein gutes Stück seiner Klasse, auch wenn der Thriller selbst in dieser Phase weiterhin gekonnt auf seine Psychologie achtet. Meiner Meinung nach hätte „Mord nach Plan“ entgegen seiner innereigenen Lehre inszeniert werden müssen, um mehr zu sein als das kleine Stück Unterhaltungsfilm für zwischendurch. Er hätte ein logisches Stück Egoduell bleiben sollen, ein Stück Kopfkino, anstatt am Ende auf klassische Unterhaltungswerte zu setzen.  OFDb