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14.06.2020

APPLECART (2015)

Wie vielschichtig die Underground-Kunst sein kann, beweist der unter dem Black Lava-Label erschienene, amerikanische Experimentalfilm "Applecart", der nicht, wie so oft üblich in diesem dreckigen Alternativbereich cineastischem Schaffens, hauptsächlich auf harte Gore-Momente setzt, sondern einer sehr eigenen Idee nachgeht. Pantomimisch als Stummfilm dargeboten, untermalt von Klaviermusik, gelegentlichen eingearbeiteten und künstlich anmutenden Geräuschen, sowie von Gelächter eines angeblichen Live-Publikums, serviert uns Dustin Mills vier morbide Geschichten, die stets Sexualität, Dramatik und Gewalt vereinen. Wie provokativ der Film gemeint ist, bzw. wie sehr er sich vom klassischen Filmschaffen unterscheidet, beweist er direkt zu Beginn, wenn er ungeschönt und auf sehr direkte Art eine masturbierende, dicke Frau zeigt. Das ist inhaltlich unnötig und ein wenig zu pseudo-provozierend eingebracht, bereitet jedoch das bevorstehende Feeling des Streifens vor und selektiert bereits dort das Publikum.

Einmal ins tatsächliche Geschehen eingetaucht, zeigt uns der Film morbide, aber auch recht schlicht gestrickte Situationen, die nicht gerade tief gehen. Mills überlässt der Art der Inszenierung des Schwarz-Weiß-Streifens die Wirkung, und das reicht für ein akzeptables Ergebnis bereits aus. Gerade die wunderbar grotesk anmutende Idee, dass jeglicher Darsteller eine weiße Maske trägt, manches Mal mit charakteristischen Merkmalen bemalt, erweist sich als die halbe Miete Gezeigtes interessanter wirken zu lassen, als es eigentlich ist. Die Darsteller überzeugen in mal übertriebener, mal geradezu klassischer Gestik pantomimischer Darstellung und beweisen mit ihren häufigen Nacktaufnahmen zudem Mut. Mills umgeht weder Detailaufnahmen im Intimbereich, noch blendet er Ejakulation, Urinieren oder Erektion aus. Jegliche der vier gezeigten Situationen mündet in einer durch rauschende Akustik vorgewarnte Gewaltreaktion, und meist wird das Ganze durch seinen humoristischen Grundton verstörender vorgetragen, als manch drastisches Bild ohnehin schon ausgefallen ist. Nicht falsch verstehen, Mills hält sich mit blutiger Gewalt zurück und zeigt sie nur gelegentlich, ihm ist der psychische Terror wichtiger, aber gelegentlich hält er uns Aufnahmen vor die Nase, die einen tatsächlich an die eigenen Grenzen bringen. Und diesen Effekt erzielt er meist nicht mittels irgendwelcher Bluttaten, sondern aufgrund der Extremität und Direktheit des Gezeigten.

Die dritte Geschichte sticht zwischen den anderen drei Episoden heraus, ist sie doch als einzige ernst gehalten. Sie fällt ohnehin dramatischer aus und erzielt diesbezüglich einen zusätzlichen Effekt dadurch, dass nun auch Klaviermusik und Gelächter stumm bleiben. Komplett ohne Ton dargeboten, mit Ausnahme des Rauschens, welches vor jeder Entladung auftaucht, wird das Leiden der schwangeren Tochter unter der gewaltsamen Erziehung ihres christlichen Vaters verdeutlicht und wirkt dadurch tatsächlich intensiver. Theoretisch gesehen ist Mills ein interessanter Ausnahmefilm geglückt, zumal Fotografie und die bizarren Einflüsse tatsächlich künstlerisch überzeugen. Wie im Underground-Bereich meist zu bemerken, so ist aber auch "Apllecart" eine Spur zu sehr darin bemüht Provokationen vorzubringen. Als natürliche Elemente inmitten der zu erzählenden Geschichten, wären diese eine hervorragende Zutat. Es verhält sich jedoch anders herum. Die Geschichten werden simpel um die Provokationen herum gestrickt, und das wirkt zu bemüht und reißerisch. Dass es sich dennoch deutlicher um Kunst handelt, im Gegensatz zu manch anderen darum bemühten Underground-Filmen, kann man dem Werk und seinem Schöpfer jedoch nicht absprechen. Dank einer Laufzeit von etwa 50 Minuten funktioniert das Projekt zumindest, ohne die Geduld des Zuschauers zu überfordern. Auf der hier vorliegenden kreativen Basis hätte ich mir jedoch etwas Einfallsreicheres, Tiefgehenderes und Interessanteres gewünscht, als diese zu Porno-lastige Provo-Parade, die mich in ihrer Art, gerade aufgrund des Sitcoms-Aspekts, immer ein wenig an die Porno-Reihe "That Sitcom Show" erinnert hat.  OFDb

30.10.2018

BELLADONNA (1973)

"Belladonna" ist der letzte Teil einer ungewöhnlichen Trilogie. Allerdings kann ich ihn nur losgelöst der anderen beiden von Eiichi Yamamoto inszenierten Filme besprechen, sind sie mir doch nicht bekannt. Erst mit der Vorbereitung zu meiner Besprechung erfuhr ich überhaupt, dass es diese Vorgänger gibt. Da sie inhaltlich jedoch losgelöst vom hier besprochenen Werk existieren (die Titel "A Thousand and One Nights" und "Cleopatra" sagen es bereits), dürfte das auch ziemlich egal sein. Obwohl mich die Frage sehr wohl reizen würde, ob diese beiden Werke so interessant und grenzwertig zugleich animiert sind, wie es "Belladonna der Trauer" (Alternativtitel) ist, kommt man aus dem Staunen doch nicht heraus wie hier unterschiedliche künstlerisch hochgradig wertvolle Zeichenstile durcheinander gewirbelt werden und dem Zuschauer Bilder zaubern, die wahrlich zu faszinieren wissen. Mag die Geschichte auch eher schlicht, traditionell und episodenhaft ausgefallen sein, letztendlich ist sie ohnehin fast egal, gibt man sich doch all zu gern dem Bilderrausch hin, der einen schnell in seinen Bann zieht.

Das schafft er selbst dann, wenn man manchen sexuellen Aspekt, von dem es in "Belladonna of Sadness" (Alternativtitzel) zu genüge gibt, als etwas arg pseudo-provokativ oder lächerlich empfindet, manchmal arg nah an Altherren-Gelüsten orientiert, revidiert sich im Laufe der Zeit doch dieser Eindruck und der sexuelle Aspekt bekommt tiefere Bedeutung, sowie er ohnehin stets auch ein tatsächlich wichtiger Aspekt für die Geschichte ist, vordergründig wie analytisch. Dabei schaffen es die Verantwortlichen der Animationen immer wieder sexuelle Praktiken überdeutlich symbolisch aufzuzeigen, ohne je tatsächliche pornografische Bilder abzuliefern. "Belladonna" ist nicht nur inhaltlich ein Fantasiefilm, auch seine Bilder scheinen einer bizarren, düsteren und lüsternen Traumwelt entsprungen, so dass Farben und Formen ebenso zu Symbolen werden wie Figuren und Gegenstände. Dies freilich nicht nur sexuelle Aspekte betreffend, denn mag der amouröse Touch auch wesentlicher Bestandteil der Geschichte sein (wenn zu einem guten Teil auch nicht erotisch gemeint), so steckt die Erzählung doch auch voll von Tragik und düsteren verschlungenen Fantasypfaden, die alle vom Bilderrausch zehren.

Der lässt die Kunstversuche eines "Fantasia" locker hinter sich, erinnert in seinem psychedelischen Spiel eher an "Yellow Submarine" und hinterlässt ähnlich wie dieser den Eindruck die Künstler hätten LSD benötigt, um zeigen zu können was sie hier bizarres zeigen. Allerdings verweist der Titel Belladonna bereits auf eine andere Droge, die schwarze Tollkirsche. Ob dies ein Beweis dafür ist, dass die Zeichner im berauschten Zustand gearbeitet haben, sei aber einmal dahingestellt, immerhin werden Künstler gerne unterschätzt auch im klaren Zustand beeindruckende Werke zu kreieren, und passt Belladonna in seinen Eigenschaften als gern auch zu Vergiftungen führende Droge doch hervorragend zur späten Charakterentwicklung der im Zentrum stehenden Jeanne. Sinnbild ist die Droge hier also ganz bewusst, was wiederum den gewagten Zeichenstil legitimiert, so dass inhaltlich, analytisch und künstlerisch alles durchdacht ineinander greift. Wer mit eingeschaltetem Kopf zusieht und sich nicht nur berauschen lässt, der wird bemerken wie wohlüberlegt gewählt besagte, oft surreal scheinende, Bilder sind. Hier wurde nicht wild drauf los gearbeitet, die Erschaffer des Filmes mussten das Konzept bei klarem Verstand verfassen, lediglich das Publikum darf sich einem Rausch hingeben.

Eigentlich habe ich den Film großteils nur theoretisch wahrgenommen. Ich konnte mich nicht wirklich in diesen Sog aus Gewalt, Sex und Sehnsucht hineinträumen, bzw. mich in diesen hineinreißen lassen, was nicht bedeutet, dass mich das Werk nicht beeindruckt hätte, das hat es von Beginn an sehr wohl. Aber erst gegen Ende, als die Gefühlswelt der mir sonst zu distanziert wirkenden Jeanne auch mich in ihren Bann riss, da konnte ich mitfühlen. Am besten gefiel mir gegen Ende diesbezüglich dass die brennende Jeanne (orientiert an Jeanne d'Arc, während der Großteil der Geschichte eher auf einem Originalkonzept von Osamu "Astro Boy" Tezuka beruht) nicht einfach nur niedergebrannt wird, ihre düstere Ader genießt diese Prozedur regelrecht, was sich u.a. in den sinnlich um ihren Körper schlingenden Rauchschwaden zeigt, ein wahrlich großartiger Moment in einem Film, der eigentlich ohnehin nur aus solchen besteht. Dies betrifft übrigens auch die sehr gut gewählte Filmmusik, die bis auf kleine Ausnahmen ebenfalls nur passend unterstützende Highlights präsentiert. Auch die Botschaft ganz zum Schluss weiß zu gefallen, die ich mir vereinfacht für meine Überschrift dieser Review zu eigen gemacht habe, um nicht noch mehr zu spoilern als ohnehin schon.

So bleibt ein rundum gelungener Film der völlig anderen Art, der wieder einmal zeigt wie vielschichtig Kino sein kann, wenn man es finanziell wie intellektuell nur einmal zulässt. Mag der Zeichenstil ihn auch in den Bereich des Experimentalfilms hinein zwängen, eigentlich folgt der Film mit seinen ablenkenden Bildern einer zu geradlinigen Geschichte, bzw. einer zu klar verlaufenden Charakterentwicklung, als dass er wirklich zu diesem Genre passen würde. Aber da die Ablenkung der dominierende Teil dieses Filmes ist, geht die Einordnung in diese Kategorie dennoch in Ordnung. Erwähnenswert wäre zum Schluss vielleicht noch, dass auch die japanische Synchronisation sich der hohen Qualität des Restfilmes anschließt. Der lediglich im Originalton mit deutschen Untertiteln versehene Film wäre von den Charaktereigenschaften seiner Figuren her selbst dann inhaltlich zu verstehen, wenn es keine Untertitel gäbe, so stark wissen die Stimmen den Charakter der Figuren und ihre Antriebe widerzuspiegeln. Spätestens zusammen mit den mal klaren und mal symbolischen Zeichnungen könnte man die Geschichte, wenn auch etwas zu grob, auch ohne ein Wort zu verstehen begreifen.  OFDb

17.06.2018

TAMALA 2010 - A PUNK CAT IN SPACE (2002)

"Tamala 2010" ist ein äußerst merkwürdig geratener Film. Zu Beginn wirft er lediglich Rätsel darüber auf, ob er überhaupt etwas zu erzählen hat, wenn er wirr aneinandergereiht scheinende Szenarien in schräger Optik präsentiert. Der Stil ist zu linear geraten, um dem Film vollends den Stempel Experimentalfilm aufdrücken zu können, einen wahrhaft zugänglichen Erzählstil hält der Streifen jedoch auch nicht bereit. Der wie einem Drogentrip entsprungen scheinende Bilderrausch gibt sich inhaltlich schwer zugänglich, während die Faszination des Gezeigten definitiv zu packen und nach einer Zeit der Orientierung zu gefallen weiß. Das an Hello Kitty erinnernde Kitschkätzchen widerspricht auf wundervolle Art ihrem dreckigen, chaotischen und anarchistisch scheinendem, jedoch vom Kapitalismus geprägtem, Umfeld. "Betty Boop" trifft auf "Yellow Submarine", verschiedene Zeichenstile und Trickfilmtechniken werden wild durcheinander gewirbelt, selbst die schlichten Varianten effektiv, da ironisch, eingesetzt.

Während vom anrüchigen Umfeld her einem unweigerlich "Fritz the Cat" in den Sinn kommt, schaut sich das zunächst wirre Chaos wie die schrägen Sequenzen aus "Paprika" gemixt mit einer positiven Variante des missglückten "The Congress"-Themas. Humor hilft beim Verarbeiten der sich nicht zwingend kompatibel anfühlenden Zutaten, und dieser pure Wahnsinn weiß ein experimentelles Publikum wahrlich zu packen. Der Musikstil wechselt so oft wie die Orientierung des Filmes, komponiert von TOL, der/die auch als Zuständige/r der Regie genannt werden. TOL steht für Trees of Life. Eine Musikband? Eine ominöse Namensgebung eines Einzelnen? Ich weiß es nicht, habe auf die Schnelle keine Antwort dazu im Internet gefunden, so dass selbst die Namensgebung der Regie, die auch das Drehbuch zu "Punk Cat in Space" (Alternativtitel) beigetragen hat, Rätsel aufwirft. Wie auch immer, neben besagter filmischer Verwandtschaft zu eben genannten cineastischen Beiträgen arbeitet "Tamala 2010" des öfteren mit optischen Zitaten aus populären Kultfilmen wie "Shining" oder "Metropolis", während auf groteske Art freilich unübersehbar unsere Welt in eine Tieralternativwelt umgedeutet wird, um nicht nur popkulturell arbeiten zu können, sondern auch Gesellschaftskritik an unserer Wirklichkeit ausüben zu können, dies zunächst nur erkennbar in kurzen Anflügen einer solchen, da sich der Film zunächst, wie erwähnt, rätselhaft und relativ zusammenhanglos gibt.

Mehr Einblick ins Geschehen gibt die zweite Filmhälfte, die, nachdem die erste immer mehr den Eindruck erweckte doch eine zusammenhängende Geschichte erzählen zu wollen, nun versucht die Fäden zusammenzufügen, um dem wilden Ritt eine übergeordnete Logik zu bescheren. Leider fällt die zweite Hälfte bei diesem Versuch weit weniger schwunghaft aus als die zudem humorvoller ausgefallene erste Hälfte. Endlos scheinende Monologe eines zufällig dazu gewordenen Geschichtsforschers hemmen die bislang gelebte lockerflockige Art des Streifens, auch wenn sie stets durch gut funktionierende Augenzwinkereien unterbrochen werden. Die Monologe selbst dienen lediglich der Identifikationsfindung allem Gesehenen und bieten einzig trockenen Humor, der bis zu jenem Zeitpunkt nicht wirklich zünden will, bis wir erfahren, dass alles sachlich vorgetragene aufgrund der Geschwätzigkeit des Phantasten doch nicht so sachlich geartet ist, wie bislang vermutet. Somit wird jegliche errungene Information ad absurdum geführt, was wiederum zu gefallen weiß, zumal der Zuschauer, sofern er sich überhaupt in der Lage sieht der filmeigenen Logikversuche zu folgen, auf sich selbst gestellt ist, um zu begreifen oder zu erahnen was in der Welt Tamalas Wahrheit und Realität ist und ob es eine solche überhaupt in dem wirren Wust an Schwachsinn und intellektuellem Getue zu geben scheint. Hat sich z.B. 2010 die einst fiktive Roboterwelt endgültig in die Realität eingeschlichen, oder ist dies nur ein Trugschluss inmitten von vielen, der lediglich dazu dient dem Film einem zusätzlichen Sehwert zu bescheren?

Ob man Antworten auf diese, ähnliche, oder ganz andere Fragen findet oder auch nicht, ist im Sinne des Unterhaltungswertes egal, funktioniert "Tamala 2010" doch auch dann, wenn man nur dumm aus der Wäsche guckt, nicht nur weil er ein optisches Fest voll von absurdem Humor ist, sondern auch weil zumindest kurzfristig aufblitzende, und somit zu begreifende, Seitenhiebe auf die Gesellschaft bereits zu gefallen wissen. Werbezeilen, Denkweisen von Randgruppen, Perversionen im Spießeralltag, egal ob banale oder extremistische Entdeckungen im Alltag, sie werden hier wundervoll auf eine völlig eigene Art kritisch aufgegriffen, sich nichtig und bedeutend zugleich anfühlend und dabei die Frage aufwerfend inwieweit ein Problem tatsächlich ein Problem darstellt, oder ganz im Gegenteil gefragt inwiefern das Ignorieren eines solchen großen Schaden nach sich ziehen kann. Ist am Ende alles egal? Ist es legitim am Ende Dinge die einen verwirren als schlichtweg unbegreiflich abzutun, so wie es Kater Michelangelo stets mit seiner Mimik kommentiert, wenn Tamala Unsinn zu reden scheint oder wunderliche Dinge um ihn herum passieren? 

"Tamala 2010" erzielt mit seinen wahnwitzig scheinenden Stilmitteln diese wundervolle Wirkung aus Wichtigkeit und Belanglosigkeit zugleich, gibt diesbezüglich keine Antworten, sondern versetzt den Zuschauer in einen Zustand der Verwunderung, Überforderung und Faszination, so als würde die Antwort auf die übergeordnete Frage von Sinn und Unsinn in dieser Welt, demonstriert an dem hier völlig grotesken Treiben einer Zeichentrickrealität, für jeden Menschen eine andere sein. Philosophisch gesehen ist dies äußerst raffiniert angegangen. Theoretisch gesehen ist mit "Tamala 2010" somit etwas äußerst Geglücktes entstanden. Aufgrund der sich etwas zu dröge anfühlenden zweiten Hälfte ist das Ergebnis praktisch gesehen jedoch nur ganz nett ausgefallen. Schade eigentlich, aber ohnehin nur mein subjektives Urteil, das freilich nicht jeder teilt.  OFDb

06.04.2018

FILS DE L'HOMME - DER MENSCHENSOHN (2012)

Auf der Suche nach den ungewöhnlichen, unbekannteren Filmen lässt man sich auch hin und wieder von reißerischen Aufhängern locken. Da heißt es auf dem DVD-Cover "Fils de l'Homme" wäre an Widerwärtigkeit kaum zu überbieten und würde sich fast dokumentarisch schauen. Über den Inhalt und die Verantwortlichen des Streifens erfährt man nichts, auch technische Angaben werden nicht gemacht. Lediglich ein paar unverschwommene Szenenfotos darf man sich anschauen, präsentiert neben einem reißerischen Text, der außer Leergeschwätz nichts wirklich preisgibt.

Ob man überhaupt möchte, dass der Film seine Versprechen vom Covertext einhält, weiß ich ehrlich gesagt nicht, die Neugierde ließ mich jedoch nicht los, und so schaute ich mir dieses Stück Undergroundfilm einmal an, ohne auf den klassischen Filmdatenbanken Einträge dieser deutschen Produktion zu finden. Warum erfuhr ich erst nach dem Sichten, nachdem mir durch den Vorspann der Name Torben Miehle genannt wurde und ich im Netz doch noch fündig wurde: "Man of Son" (Alternativtitel) fällt in seiner über 100 Minuten laufenden Fassung aufgrund zweier Pornoszenen in die Kategorie des Pornofilms. Der von mir gesichtete Film lief jedoch nur leicht unter 60 Minuten und wurde um die meisten Hardcoresequenzen befreit. Nur einige schwer zu erkennende Nahaufnahmen in optischer Verfremdung sind noch enthalten, lediglich ein Samenerguss ist ein wenig deutlicher zu erkennen. 

Man muss kein Fremder im Underground-Filmbereich sein, um das Gezeigte schlecht zu nennen, denn letztendlich dient der ungewöhnliche, dreckige und experimentelle Filmstil, der eine Art Pseudo-Snuff darstellen soll, lediglich als Ausrede etwas Einfallsloses auf die Menschheit loszulassen. Pornos schaut man nicht wegen ihres Inhaltes, und ein Porno, der um seine Hardcoreszenen beraubt wurde, hinterlässt in der Regel auch nur ein klägliches Bild, hier bei "Fils de l'Homme" nicht anders, obwohl er sich (wohl auch in der Langfassung) nur halbwegs für seine detailreichen Sexszenen interessiert. In erster Linie soll das Teil eine Art Horrorthriller im Experimentalstil sein und versucht durch jegliche Entfremdung einen aus den typischen Sehgewohnheiten heraus zu entführen. Der Hintergrundscore besteht meist aus rückwärts abgespieltem Gebrabbel, manche echte Musikstücke sind routinierter Natur und von der Band des Regisseurs umgesetzt. Während die Einführung der Hauptfigur bis hin zu ihrer Entführung im klassisch selbstgedrehten Amateurfilm-Flair abgefilmt ist (inklusive der klassischen Perspektive, wenn der Kameramann eine Autofahrt vom Mitfahrersitz aus filmt), alles andere zuvor und danach wurde optisch entfremdet und soll den Reiz des Andersseins kitzeln.

Gerade zu Beginn des Films, wenn noch nicht wirklich klar ist wie schlecht der Streifen ausgefallen ist (auch wenn man dies freilich schon vermutet) wissen die entfremdeten, dreckigen Aufnahmen einer an sich zahm abgefilmten Vergewaltigung in Kombination mit dem satanischen Hintergroundsound zwar nicht zu beeindrucken, aber manch interessante Aufnahme ist Miehle doch noch geglückt. Hin und wieder taucht eine Art Stummfilmoptik auf, die aufgrund der Andersartigkeit dessen was man einst im noch stummen Filmmedium ablichten durfte, doch recht interessant ausfallen. Das Ganze schaut sich zumindest etwas künstlerisch wertvoller als der eher plump mit klassischen Digitalkameraeffekten herumspielende "Psycho Jack", der inhaltlich dem hier besprochenen Film recht nahe kommt. Unterhaltsamer ist letztendlich jedoch dieser infantile Scheiß von Timo Rose ausgefallen, wohingegen man sich beim Menschensohn von Torben Miehle lediglich langweilt und mit der Vorspultaste und der Stopptaste liebäugelt. Miehle möchte gern etwas ganz Hartes, Provozierendes zeigen und geht schließlich doch nur zahm aus kaum sichtbaren Perspektiven vor, so dass man sein Vorhaben wahrlich nur belächeln kann. Krampfhaft wird die Feigheit mit besagten optischen Entfremdungen kaschiert, um wenigstens einen Kunstfilm aus den niederen Trieben zu zaubern, aber auch das funktioniert nicht, wenn die Kunst nicht tiefer geht als lediglich einen "What The Fuck"-Moment entfachen zu wollen.

Sollte es Menschen geben, die nach der Pornofassung dachten: Nun ja, ohne die Fickelszenen taugt der Mist vielleicht etwas?!, dem sei gesagt dass dem nicht so ist und "Fils de l'Homme - Der Menschensohn" reine Zeitverschwendung ist, weder als Kunst noch als Trash zu gefallen weiß und als Undergroundfilm erst recht nicht. Ich wage das einfach mal zu behaupten, auch wenn ich nur selten in dieser Nische Film unterwegs bin. Auch wenn Miehle in der Ausnahme dann doch noch zu mehr Kunstblut neigt (in einer Szene, in welcher das Opfer mit einem mit Nägeln präparierten Dildo zu wörtlich genommen genagelt wird), wird sich nicht einmal das Gorehound-Publikum freuen, sind die Effekte doch so mager ausgefallen wie der Restfilm auch und besagte Effekte ebenfalls in verfremdete Optik getaucht. Nach dem Sichten von "Man of Son" neige ich fast wieder zu der Aussage, dass man nicht jedem eine Videokamera in die Hand drücken sollte (wobei die Optik hier wohl eher Richtung Super-8 zu gehen scheint). Andererseits würde es dann nicht solch sympathische Filme wie "Angriff der Killerbratwurst" geben, also ist es vielleicht doch ganz gut, dass jederman mit einer Kamera tun kann was er will. Ich bin ja schließlich selbst schuld daran mir solch einen Mist wie diesen hier angetan zu haben, obwohl das Cover bereits nichts Gutes erwarten ließ.  OFDb

01.11.2015

TETSUO - THE IRON MAN (1989)

Reden ist Blech, vielleicht wird deswegen in diesem surrealen Trip aus wild aneinander gereihter Schwarz/weiß-Bilder kaum geredet, die uns Regisseur Tsukamoto, der auch die beiden Fortsetzungen des Streifens und die beiden „Nightmare Detective“-Teile inszeniert hat, ohne Vorwarnung vor die Nase setzt. Man wird mitten hinein geschuppst in ein wirres Szenario, von dem man nicht weiß in wie weit hier Zeiten sowie Traum- und Realitätsebenen durcheinander gewürfelt werden in einem künstlerisch wertvollen Bildgewitter, welches sicherlich Vorbild für den nicht minder sehenswerten „Pi“ war.

Die Handlung ist simpel, grotesk und radikal, auch in ihrer Gewaltdarstellung, die so manches Mal einiges vom Zuschauer abverlangt. Der wilde Bilder-Trip, gegen den sich ein oller „Crank“ wie die ruhigen Aufnahmen eines Heimatfilmes anschaut, fordert den Betrachter nicht weniger, muss dieser sich doch aufgrund der visuellen, schnellen Schnitte und der surrealen Erlebnisse die es zu betrachten gibt stark konzentrieren. Zwar kann man den Geist ausschalten und sich von dieser optisch sehenswerten Kraft einfach mitziehen und berieseln lassen, man kann sich aber auch darauf einzulassen um zu hinterfragen was Tsukamoto uns eigentlich mitteilen will und für was die vielen schrägen Metaphern herhalten sollen.

Und da gibt es eine Vielzahl an Deutungsmöglichkeiten, von denen man beim besten Willen nicht weiß was gewollt sein könnte und was nicht. Wenn ein Metallmann sich einer Frau gegenüber aggressiv verhält, die immer wieder mit Elementen aus der Natur in Verbindung gebracht wird, selbst dann wenn sie per Stop Motion-Effekten Kompost-artig verstirbt, dann steht die Industrialisierung dem Leben vor der Industrialisierung gegenüber, zwei Welten die nicht koexistieren können und von der dementsprechend nur eine überleben kann. Man kann auch hineindeuten dass eine romantische, wie auch eine zweckdienliche Zweisamkeit in Zeiten der Industrialisierung nicht mehr möglich ist, und der Mensch zwangsläufig immer mehr vereinsamen muss.

Auch die Entmenschlichung und die Rolle des Sklaven-artigen Arbeiters eines „Moderne Zeiten“ und „Metropolis“ kommen einem bei dem wilden Treiben von „Tetsuo - The Iron Man“ in den Sinn. Spätestens wenn der Mensch vollkommen in der Maschine aufzugehen scheint, symbolisch selbst nicht mehr wert ist als eines der Zahnräder oder der Schrauben in einer Maschine, wird die Vermutung, dass an diesen Zuständen Kritik geübt werden soll, höchst wahrscheinlich.

Unübersehbar ist jedoch ohne Wenn und Aber der sexuelle Aspekt. Das Phallussymbol des Bohrers, wie wir es auch aus „The Slumber Party Massacre“ kennen, oder angewendet mit einer Kettensäge auch aus Tobe Hoopers „The Texas Chainsaw Massacre 2“, ist nicht zu übersehen, lässt sich in keinster Weise anders deuten, ist aber auch eine Vorbereitung auf den inhaltlichen Übergang des Streifens, wenn plötzlich homosexuelle Elemente Einzug ins Geschehen nehmen, die weitere Deutungsmöglichkeiten zulassen, inklusive des Zwangs in einer isolierten Gesellschaft zu extremeren, bizarren sexuellen Perversitäten außerhalb der spießbürgerlichen Norm zu neigen.

Wer sich im Gegensatz zu mir mit der japanischen Kultur, Mythologie und ehemaligen Traditionen auskennt wird sicherlich wesentlich mehr in dem nicht erklärten Bildermeer von „The Ironman“ (Alternativtitel) erkennen und vielleicht auch in diesem Zusammenhang konkreter verstehen was mit den von mir entdeckten Botschaften gemeint ist. So habe ich mir beispielsweise sagen lassen dass die Bilder vom Sex mit der Frau in der Natur nicht nur ein weiterer Verweis auf die Natürlichkeit der Beziehung mit einer Frau ist, sondern der Beischlaf in Japan nicht gerade selten in der Natur stattfinden soll, da die Privatsphäre in diesem Land sehr gering ausfiele.

„Tetsuo“ (Originaltitel) steckt voller Deutungsmöglichkeiten, und mit diesen Eventualitäten im Kopf macht er sicherlich auch mehr Spaß zu schauen, als wenn man sich nur an der großartig zusammengesetzten Bilderflut ergötzen würde, an der man sich zugegebener Maßen auch nach einer Stunde einfach nicht sattsehen kann. „Tetsuo“ ist ein Kunstwerk des Underground-Kinos, zeigt zu was Kino in der Lage ist wenn man dem Medium keine Grenzen setzt, provoziert einerseits das Publikum, fordert es aber auch heraus sich auf das ungewöhnliche Geschehen einzulassen. Ob der Streifen nun wirklich zum Denken anregt oder nicht hängt jedoch einzig vom Zuschauer ab.  OFDb

24.11.2013

LA ANTENA (2007)

Rein optisch ist Regisseur Esteban Sapir, der seit „La antena“ bislang keinen weiteren Film mehr fertiggestellt hat, ein recht ungewöhnliches Werk gelungen, ein echter Hingucker. Orientiert am Stil alter Stummfilme zaubert er fantasievolle Bilder mit mal schwierigeren und meist simplen Methoden, letztere gern wie ein Taschenspielertrick wirkend, den man nur all zu schnell durchschaut. Aber das raubt ihm keinesfalls die Magie. Ob sich ein Mädchen eine Pappbrille aufzieht auf dem Augen gemalt sind, oder ob eine Frau, deren Gesicht man unter dem dunklen Schatten werfenden Schleier nicht erkennen kann, sich ein trauriges Gesicht auf die Fensterscheibe malt, meist sind es die schlichten phantastischen Ideen, die „La antena“ zu etwas besonderem machen.

Auch der Aufhänger ist nicht von schlechten Eltern, lernen wir doch eine Stadt kennen, in der ein jeder seine Stimme verloren hat, was zwar durchaus politisch symbolisch gemeint ist, gleichzeitig aber auch wortwörtlich durchgezogen wird. Da wird ohne Stimme gesprochen, Buchstaben verteilen sich mal mehr und mal weniger einfallsreich im Bild, um uns die Sätze zu zeigen, die stumm gesprochen werden. Wer spanisch kann ist da klar im Vorteil, denn der deutsche Untertitel ist freilich so gesetzt wie jeder Untertitel, während mit der Schrift des Originals immer wieder gespielt wird, meist passend zur Situation.

Die Erzählung die sich hinter all dem Einfallsreichtum versteckt ist jedoch eher schlichter Natur. Die Geschichte um den Kampf gegen Unterdrückung wurde in all ihren Klischees so schon viele Male erzählt, und so werden Stereotype verarbeitet, vorgefasste Meinungen vertieft und eine längst bekannte Geschichte zelebriert, eine für die das visuelle Wunderpaket eigentlich viel zu schade ist. Klar, neben seinem politischen Anliegen ist „La antena“ drum bemüht ein gewisses Comic-Flair zu versprühen, da können Stereotype und Klischees auch förderlich sein, aber das hier gezeigte Geschlechterbild, eine Symbolik die sich mal wieder an der Nazi-Vergangenheit Deutschlands bedient und das zu rein gezeichnete Gut- und Böseschema, nehmen „La antena“ einiges von seinem Potential, zumal die Symbolik an mancher Stelle ruhig etwas subtiler hätte ausfallen können, wird sie teilweise doch unnötig mit dem Holzhammer präsentiert.

Dennoch weiß auch sie meist zu wirken, da sie gut durchdacht ist. Sie ist nicht nur mit dem Filmstil und seiner Erzählform kompatibel, nein, auch diese beiden Komponenten sind bereits Symbolik. Der Film ist eine gut durchdachte Einheit und versprüht damit eine künstlerische Intelligenz, die man gerne auch dem eigentlichen roten Faden gewünscht hätte. Immerhin schafft es Sapir Kritik der Unterdrückung im Medienzeitalter auszusprechen, und ist innerhalb dieser zeitlichen Begrenzung zeitlos. Was beklagt wird trifft auf das Heute ebenso zu wie auf die 40er Jahre, und gerade mit der Vertiefung, dass ein Volk ohne Stimme noch immer seine Worte hat, landet der Streifen einen gedanklichen Volltreffer, der nicht nur Hoffnung machen soll, sondern auch die Bereitwilligkeit kritisiert, mit welcher Völker durch den freiwilligen Verzicht auf wahre Bildung sich auch noch der Wörter freiwillig entledigen.

Das im Film demonstrierte Medienverhalten und die damit einhergehende Gleichschaltung der Gesellschaft führt wiederum zu einem Mangel an Phantasie, der nur einem kleinen Kreis Menschen erhalten bleibt, was auch erklärt warum „La antena“ so fantasievoll erzählt ist. Wie gesagt: hier passt alles zusammen.

Während die Holzhammersymbolik gegen das eigentlich hohe Niveau des Streifens arbeitet, schafft es die relativ kleine Rolle eines Jungen ohne Augen gegen Ende dem künstlerisch wertvollen Experimentalfilm an anderer Stelle zu schaden, gehört dieser doch zu den wenigen Menschen in der Stadt ohne Stimme, die sprechen kann, nur dass Sapir ihn leider immer wieder die selben wenigen Worte sagen lässt, so lange, so penetrant und so nervig, dass es dem Fluss der Erzählung erheblich schadet.

Somit ist „La antena“ rein optisch, in seiner Kritik und in der Konsequenz in der er diese äußert ein durchaus gelungener Film geworden, aber die in der Review geäußerten Negativpunkte rauben ihm das Potential zur wahren Empfehlung. „La antena“ ist etwas besonderes, ein Einzelstück und mit viel Liebe fertiggestellt. Zudem funktioniert er nicht nur theoretisch, er entführt einen tatsächlich in eine fremde Welt, die uns vor den Fehlern der unseren warnt. Aber er ist plump in seiner Figurenzeichnung, zu grobschlächtig in einem großen Anteil seiner an anderer Stelle sonst so gelungenen Symbolik, und er ist viel zu sehr darauf aus dem Volk der Juden die ewige Opferrolle zuzuschreiben. 

In diesem Punkt hätte man meiner Meinung nach anonymer vorgehen sollen, erzählt der Film doch eigentlich im Kindergeschichten-Stil für Erwachsene gedacht von einem Ort den es nicht gibt, in dem oberflächlich betrachtet etwas passiert, dass so nicht passieren kann, da es nicht den Naturgesetzen entspricht. Warum muss ein Film, der von einer wunderlichen fremden Welt erzählt, sich an konkreten Opfer- und Täterrollen aus der Realität bedienen? Als Deutscher ist man einfach viel zu genervt das ewige Paradebeispiel einer Kritik von etwas zu sein, das es überall auf der Welt zu fast jedem Zeitpunkt schon immer gab und immer wieder geben wird: ein Volk das durch irgend eine Weise von einem kleinen Teil der Bevölkerung unterdrückt wird. Der Zeigefinger auf uns Deutsche wäre nicht nötig gewesen, mehr noch: er wirkt unangebracht.  OFDb

13.06.2013

DOUBLE TAKE (2009)

Während einer Drehpause stößt Alfred Hitchcock auf sein 20 Jahre älteres Ich, testet ihn ungläubig und debatiert mit ihm, wissendlich dass nur einer von ihnen diese Unterhaltung lebend verlassen wird...
 
Kunst für einen Künstler...
 
Über Regie-Liebling Alfred Hitchcock braucht man wohl keine Worte verlieren, ist er doch auch dem jüngeren Publikum spätestens durch Anthony Hopkins Darstellung im Kinoerfolg „Hitchcock“ ein Begriff, ein Film der die späte Phase seines Lebens wiedergibt. Künstler Johan Grimonprez setzt ihm eine andere Art Denkmal. Er macht Hitchcock zur Hauptfigur in einer Thriller-artigen Geschichte. Hitchcock stößt auf Hitchcock, sowohl in der Art der Geschichte, als auch in Person.

Hierfür verwendete Grimonprez Archivmaterial, Szenen aus Hitchcock-Filmen, Werbefilme und neu gedrehtes Material, für welches Hitchcock-Double Ron Burrage zur Seite stand. Zudem wird Fernsehmaterial aus Nachrichtensendungen und aus Hitchcocks TV-Arbeiten verwendet. Diese Collage aus Filmschnipseln wird jedoch nicht a la „Tote tragen keine Karos“ zu einem klassischen Spielfilm zusammen gesetzt, sondern bleibt das was sie ist: eine Collage. „Double Take“ ist ein Experimentalfilm, und es dauert etwas, bis man sich in seine ungewöhnliche Erzählstruktur eingefunden hat, ist die Geschichte doch recht sprunghaft erzählt, immer wieder unterbrochen von politischen Gleichnissen und anderem Material.

Nach einiger Zeit findet man sich dann doch zurecht in dieser nüchternen Erzählung, deren tiefere Bedeutung einem erst mit der Zeit klar wird. Da grübelt der junge Hitch über das Zusammentreffen von Doppelgängern und dass immer nur einer lebend aus einer solchen Situation heraus kommen kann, während der alte Hitchcock, der genau weiß was in seinem jüngeren Ich vorgeht, damit provoziert, dass es auch mehr als zwei Ichs geben könnte. Ein toller philosophischer Ansatz und damit nur einer von vielen.

Interessant arbeitet Grimonprez heraus, wie Hitchcock selbst am Tod des Kinos beteiligt war, indem er für das neu aufkommende Medium, den Fernseher, gearbeitet hat, und damit sein liebstes Baby tötete. Letztendlich tat er damit genau das, womit er schon immer sein Geld verdiente und seine eigenen Ängste verarbeitete, tötet Hitchcock in seinen Filmen doch meistens das was er liebt, da eben nur so ein guter Thriller funktionieren kann.

Hitchcock ging es immer darum das Publikum zu verstören, wenn auch nie ohne Eigennutz, stellte sich der durch eine strenge katholische Erziehung recht ängstlich aufgewachsene Hitchcock doch damit seinen eigenen Ängsten, verarbeitete sie und konnte dementsprechend mit ihnen umgehen. In „Double Take“ wird das Publikum nun ausgeschlossen, denn nun darf er nur mit sich und seinen Ängsten hadern. Ein gekonntes Gleichnis von Grimonprez.

Das Publikum wird tatsächlich ausgeschlossen, denn „Double Take“ ist kein Unterhaltungsfilm. Zielpublikum sind Cineasten und Kunstliebhaber, und nur die werden mit diesem anstrengenden Stück Experimentalfilm etwas anfangen können. Ja, auch ich habe die Gleichnisse verstanden, wenn politisches Treiben den Doppelgänger-Szenen Hitchcocks gegenüber gestellt wird. Die Manipulation durch Werbung, das Aufschüren und Kompensieren von Angst, das Fernsehen, welches nicht nur Kino gefährdet sondern durch die ständige Präsenz auch Einfluss auf das Auftreten von Politikern hat, da kommt einiges zusammen, immer im Hinblick auf das Thema Doppelgänger und damit einhergehend mit dem Aspekt des Konkurrenzdenkens. Der Film ist also durchaus durchdacht und keine sinnlose Aneinanderreihung von Bildern, die einen Hitchcock huldigen sollen.

Aber scheinbar bin ich nicht der Typ für solche Arbeiten. Ich dachte ich wäre es, aber ich bin es nicht. Denn wirklich gefallen hat mir „Double Take“ nicht, und dass dies nicht die Schuld am Film selbst ist, sieht man daran, dass ich an ihm nichts zu kritisieren habe. Er liefert genau das, was man von einer Collage zu erwarten hat, ist geistreich erzählt, spielt gewitzt mit analytischen Erkenntnissen und weiß das Zeitgeschehen beider Hitchcocks innerhalb der zu treffenden Aussagen zielgenau mit einzubeziehen. Grimonprez hat dafür meinen Respekt und hatte auch auf die komplette Lauflänge meine Aufmerksamkeit, aber um „Double Take“ so zu achten wie er es verdient, bin ich einfach nicht künstlerisch interessiert genug.  OFDB

04.02.2013

DIRTY (1971)

Zwei Frauen trinken Wein und sind zärtlich zueinander. Auch die Weinflasche soll am Liebesspiel nicht unbeteiligt bleiben...

Die langweiligen Abenteuer einer zweckentfremdeten Weinflasche...
 
Bei aller Liebe zu Kunst in Kurzfilmform kann ich mit diesem kleinen Werk aus den 70er Jahren einfach nichts anfangen. Der Zuschauer nimmt die Position eines Voyeur ein, und das was er sichten darf sind zwei weintrinkende Frauen, die irgendwann zärtlich zueinander werden und die Weinflasche etwas in ihr Liebesspiel einbauen.

Freilich gibt es nichts für den echten notgeilen Voyeur zu sichten, darum geht es schließlich auch nicht. Der Aufhänger ist die Art des gezeigten. Im Stummfilmstil gedreht, mit dem dazugehörenden flackernden Licht, wird der Prozess dessen, was die beiden Frauen so treiben, zu dumpfen Stummfilm-Ton (meiner Meinung das beste am ganzen Werk) mal in Echtzeit und mal in Zeitlupe gezeigt. Mal wiederholen sich Momente kurz, manchmal auch nicht. Wiederholungen erscheinen mal direkt nach dem gesehenen, manchmal etwas verspätet. Zudem erfolgen ab und an kurze zeitliche Sprünge.
 
Dass ein Experimentalfilm oft keine Geschichte erzählt ist klar. Aber wenn dem so ist muss ein solches Werk zumindest optisch etwas bieten, und da ist die ganze Spielerei mit den verschiedenen, schon damals nicht neuen, Stilmitteln einfach zu uneffektiv. Und selbst das wäre nicht schlimm, wenn die Spielerei mit den ganzen Mitteln die Dwoskin da einsetzt einfallsreicher wären. Ich zumindest fand das ganze Experimentieren schlichtweg zu plump. Mag sein, dass "Dirty" eine spezielle Gruppe Kunstliebhaber gefallen mag, an mir ging dieser Kelch leider vorbei. Im Positiven möchte ich noch gerne Vor- und Abspann erwähnen. Diese werden auf zerknülltem, dreckigen Papier per Hand mit Stift geschrieben präsentiert, freilich auch untermalt mit dem dumpfen Stummfilmton.

Ich gebe ja zu, dass ich zu Beginn des Films neugierig zuguckte, einfach in der Hoffnung dass sich da künstlerisch etwas aufbaut. Aber wenn man die ersten 5 Minuten gesehen hat, kann man sich die restlichen 6 1/2 Minuten eigentlich sparen, es ändert sich einfach nichts am künstlerischen Spiel. Der Rest mag höchstens für den anspruchslosen tatsächlichen Voyeur interessant bleiben, dann aber bitte einer mit 70er Jahre-Feeling, denn was man hier an Intimbüschen sichtet ist zum heutigen Zeitpunkt wohl eher unfreiwillig komisch.  OFDb

26.08.2012

DAS SUMMEN DER INSEKTEN (2009)

Ein Mann geht in den Wald, baut sich eine Hütte aus Plastikfolien und begeht dort Selbstmord durch Verhungern. In einem Tagebuch dokumentiert er seine letzten 65 Tage...

Musik ist Nahrung...
 
Selbstmord durch Verhungern, das hat es in den 80er Jahren in Japan tatsächlich gegeben. Und so setzte sich der Schriftsteller Shimada Masahiko mit dem Thema auseinander und schrieb ein Buch, in welchem er den lebensmüden Hungerer ein Tagebuch schreiben lässt, welches seinen körperlichen und geistigen Verfall dokumentiert. Darauf wiederum beruht der Experimentalfilm von Regisseur Peter Liechti, der versucht den nüchternen Worten eines Sterbenden einen passenden Ton- und Bildhintergrund zu bescheren.

Der Magie der Worte aus dem Tagebuch kann man sich nicht entziehen, deswegen ist es übertrieben gesagt eigentlich schon egal welche Bilder man da sichten mag. Mit dem Inhalt der Worte haben sie manchmal gar nichts zu tun, teilweise nicht einmal symbolisch. Ganz direkten Bezug nehmen lediglich die Aufnahmen einer aufgespannten Plastikfolie im Wald, welche den Eindruck hinterlässt man sitze drin und beobachte ihre Abnutzung. Die Bilder wissen zu wirken, die düsteren, freiwillig schlecht gefilmten mehr als das bunte Treiben im Wald. Dass sich auch Bilder von Bahnfahrern, einem Karussell oder die eines Messerwerfers passend in den Film einfügen, verdanken sie nur selten den teilweise poetischen Worten, sondern viel mehr der verstörenden Geräuschkulisse, in die Liechti seinen Film taucht. Ein Knacksen, Mikrofonfehler, ein dumpfer Ton, hin und wieder klassische Musik im gewöhnungsbedürftigen Gesang und mittendrin der Off-Kommentar des Sterbenden.

Nach dem einleitenden Off-Kommentar einer Frau, welche die Hintergründe zum Einstieg in die „Geschichte“ erklärt, ist dies die einzige sprechende Stimme, die wir in den nächsten 85 Minuten hören werden. Das Sterben des Mannes wird 65 Tage dauern. In dieser Zeit nehmen wir an seinen Gedanken teil, die gegen Ende zwar nicht mehr glaubwürdig wirken bezüglich seiner Kraft noch einen Stift halten zu können, aber vielleicht bleibt es Interpretation des Zuschauers. In der Spätphase, in welcher der Selbstmörder ohnehin fast nur noch halluziniert, redet er sich eventuell auch nur noch ein ein Tagebuch zu schreiben.

Ansonsten klingt das Beschriebene erschreckend real. Man sollte meinen dieses morbide Filmexperiment müsse verstörend wirken, ähnlich seiner Vertonung. Ein solcher Effekt wird jedoch erst in der Schlussphase erzielt. Zuvor überrascht „Das Summen der Insekten“ mit einer lebensbejahenden Wirkung. Das klingt konfus, erklärt sich aber dadurch, dass sich der klassische Selbstmörder vom Leben abwendet, wohingegen der Verhungernde alles dokumentiert, und damit, vielleicht erstmals in seinem Leben, bewusst lebt und beobachtet. Er nimmt alles wahr, konzentriert sich auf das Drumherum, geht in der Natur auf, wird vielleicht sogar selbst Teil der Natur, nur hin und wieder unterbrochen durch kulturelle Verfremdung, wie das Lesen seiner Bücher, die er mit an seinen Sterbeort genommen hat, oder sein zweistündiges Radiohören, welches er sich pro Tag gönnt.

Warum der unbekannte Mann seine Tat begeht verrät er erst ansatzweise um den 20. Tag herum. Er fühlte sich nie als Teil der Gesellschaft, hat nichts sonderliches in seinem Leben geleistet und will nun durch seine Niederschrift der Welt, die ihm nichts bedeutet, etwas hinterlassen. Der Unbekannte bekennt sich als ungläubig, ist als kultivierter Mensch und Dank seiner Allgemeinbildung jedoch informiert um Vergleiche zu ziehen, sei es in den Phantasien einer möglichen zweiten Welt, oder im direkten Vergleich der 40 Tage hungernden Menschen wie Moses und Jesus. Dass sie stark genug seien nach 40 Tagen aufzustehen und zu ihrem Volk zu gehen, erklingt eher spottend als neidisch. Und doch ist der Selbstmörder gläubiger als er denkt zu sein. Er ist kein Christ, aber aus seinen Worten wird deutlich, dass er nach seinem Tod eine andere Welt erwartet.

Die Tortur die er durchmacht bleibt theoretisch. Er berichtet über jeden Schmerz, aber den kann man als Zuschauer schwer nachvollziehen. Die Wirkung auf den Zuschauer ensteht stattdessen durch seine Erzählungen, die eben nicht nur nüchtern den Verfall seines Körpers erschreckend exakt dokumentieren, sondern eben auch philosophischen Gehalt besitzen. Ob es nun das Aufgehen in der Freude an den Tod ist, oder die düsteren Momente der Angst. Was wenn der Schmerz mit dem Tod gar nicht aufhört? Unsinn, tadelt er sich direkt selbst und erklärt sich einen solch wissenschaftlich unsinnigen Gedanken mit seiner ersten Verwirrtheit.

Würde der Film nicht versuchen so realitätsnah wie möglich zu wirken, vielleicht wäre es gar reizvoll gewesen ein wenig auf Gruselebene mit dem Gedanken zu spielen, der Mann würde seinen eigenen Tod nicht mitbekommen. Verstorbene, die nicht wissen dass sie tot sind, diese klassische Idee würde passen zu einem Mann, der allein im Wald sitzt und spätestens in der Nacht im wachen Zustand nur noch seine Gedanken hat, die er wahrnimmt, inmitten vollkommener Dunkelheit. Konnte er diese beängstigende, da die Realität gänzlich auffressende, Situation zuvor mit dem Radio betäuben, ist nach dem Verbrauch der Batterien keine Ablenkung mehr vorhanden. Du weißt an Deinen Gedanken, dass du existierst, aber ohne einen Hinweis, inmitten des Tiefschwarzen Nichts um einen herum, woher willst du wissen, dass du nicht bereits in die andere Welt herüber gegangen bist?

Es ist schon wichtig, dass dieser Bereich erörtert wird. Und man kann sich glücklich schätzen, dass Liechti realitätsorientiert erzählt und nicht in den von mir geäußerten Fantasybereich abrutscht. Denn gerade der Bezug auf das möglich Echte dieses aus der Phantasie geernteten Dokuments geben dem Film seine intensive Wirkung, zu der man freilich einen Zugang haben muss, um im Meer botanischer Bilder nicht die pure Langeweile zu spüren. Ich finde es schade, dass nicht jeder in diese Welt eines Sterbenden eintauchen kann, verpassen diese Menschen doch ein intensives Filmerlebnis, welches einem selbst neue Perspektiven öffnet in anderen Ansätzen über das Leben, dessen Sinn und den Tod nachzudenken.

Die Aufzeichnungen des Verstorbenen wirken nie unsinnig oder gar reißerisch, nicht einmal wenn sie mit den Erwartungen des Zuschauers spielen. Der Selbstmörder rechnete mit 30 Tagen, musste in Wirklichkeit 65 Tage ausharren. Der Stuhlgang, die Möglichkeit zur Onanie, das Hungergefühl u.ä. erreichen andere Stadien als gedacht. Und so manche Überraschung lässt den Selbstmörder über Menschen sinnieren, bzw. sich diesen näher fühlen, als in den restlichen 40 Jahren seines Lebens. Da wäre neben Moses und Jesus die Meldung jugendlicher Selbstmörder im Radio. Noch interessanter ist jedoch sein Verstehen Essgestörter Menschen, wenn er ab einer gewissen Phase gar kein Hungergefühl mehr besitzt.

Zweifel über seine Tat kommen dem Unbekannten selten. Aber er macht sich die Momente bewusst, in denen er umkehren bzw. dies nicht mehr kann. Er spielt mit Zahlen. 20 Tage, die Hälfte meines Sterbens/meines Lebens ist um. Ich habe 97 Prozent meines Sterbens erreicht. Das ist spekulativ, aber das ist ein Großteil seiner Gedanken ohnehin. Zumindest ist der Mann belesen genug um seinen Verfall sinnig zu beobachten. Das Warum seiner Tat wird kaum ergründet. Vielleicht gibt es da nichts weiter zu ergründen, als das was um den 20. Tag herum darüber bereits geäußert wurde. Verstehen würde man es als Durchschnittsmensch ohnehin nicht. Diese Tat ist völlig irrational, und ganz richtig vermutet der Selbstmörder, dass es wohl kaum wen geben dürfte, der diese Tat nachahmt. Warum freiwillig so qualvoll sterben?

Die Ironie, wie die eines lebensbejahenden Filmes durch einen Mann der sein Dahinsterben beobachtet, taucht ebenso in kleinen Momenten von „Das Summen der Insekten“ auf. Spöttisch schreibt der Selbstmörder auf, wie er aufgrund zu starker Schmerzen Magentabletten zu sich nimmt. Da nimmt einer der sterben will ein Medikament. Sarkasmus? Galgenhumor? Oder einfach die Wahrheit?

Peter Lichties Film ist ein Experiment, nicht nur handwerklich. Er beschäftigt sich mit einem Thema, zu dem man nichts sagen kann, eines worüber man fast nur Vermutungen äußern kann. Aber dies macht er sehr intensiv und auch mit einem gewissen Mut ins Lächerliche abrutschen zu können, beispielsweise wenn der Selbstmörder davon berichtet sein Hungergefühl würde nachlassen, wenn er klassische Musik im Radio hört. Zunächst per Zufall entdeckt, wendet er es geradezu systematisch an, wenn der Hunger zu groß wird. Der weitere Schritt, dass moderne Schlager seine Magenschmerzen verstärken, ist da noch gewagter zu nennen, passt aber zu der feingeistigen Person, die wir im Laufe ihres Sterbens kennen lernen dürfen.

Vielleicht weiß wegen der unterschwelligen Psychologie das Gewagte so real zu erscheinen. So oder so, es ist die Realitätsnähe und das Intensive, eben da Bild und Ton nie von den Worten und ihrem Inhalt ablenken, was „Das Summen der Insekten“ zu einem solch großartigen Filmerlebnis macht, irgendwo anzusiedeln zwischen Drama und Fake-Doku.  OFDb