Dienstag, 8. September 2015

WIR SIND DIE NACHT (2010 Dennis Gansel)


Eine Kleinkriminelle wird von der Anführerin einer Frauen-Vampir-Clique gebissen und in das Nachtleben der Blutsauger eingeführt. Zwar reizt sie das hemmungslose Party-Leben, aber von der brutalen Art ihrer Artgenossen ist sie keinesfalls begeistert...


Wo der Spaß aufhört...

Die Geschichte von „Wir sind die Nacht“ wird von Regisseur Dennis Gansel unterkühlt inszeniert eingefangen. Dadurch wirkt der Film ohne seine inhaltlichen Innovationen zunächst arg austauschbar. Aber wie schon bei „Die Welle“ so besitzt auch hier der Inszenierungsstil Gansels durchaus Sinn, denn der Streifen kritisiert das seelenlose Partyleben der Spaßgesellschaft, das zunächst so fröhlich und tabulos scheint, sich auf längere Zeit gesehen jedoch als oberflächlich, einseitig und steril entpuppt. Die Clubszene mit ihren dumpfen, monotonen Techno-Klängen ist hierfür ideal gewählt. Drogen helfen dabei Freude bei etwas empfinden zu wollen, was im Exzess keine Freude mehr bereitet.

Zwar nimmt man im hier vorliegenden Fall die Gewaltbereitschaft der Vampire zu Hilfe um Lena aufzuwecken, aber sie und eine andere Vampirin sind schnell gelangweilt von dem rasanten, reichen Leben, welches ihnen Obervampirin Louise bietet, welche alle drei Girls der Clique unfreiwillig zu dem machte was sie sind. Als Lena ihr Leben um eine zwischenmenschliche Beziehung bereichern will (mit ihren Freundinnen kann sie nur Oberflächliches bequatschen), fühlt sich Louise verraten. Aber die Zeit des Cliquenzusammenhalts ist ohnehin längst überfällig. Zeigt Gansel die Schnitte im Sozialgefüge anfangs zunächst sehr unterschwellig, so werden diese immer deutlicher, bis im letzten Drittel passiert was passieren muss.

Aufgrund der kühl inszenierten Ader dauert es etwas bis die Dramatik des Stoffes durchbrechen kann, aber sie schafft es und nimmt einen Phasen-weise emotional stark mit, am intensivsten in jener Szene, in welcher eine junggebliebene Mutter, die in den 20er Jahren gebissen wurde, am Bett eines Altenheimes unter Tränen Abschied von ihrer greis gewordenden Tochter nimmt, die einmal kurz die Augen öffnet und ihre todgeglaubte Mutter erkennt. Meiner Meinung nach ist dies auch gleich die intensivste Szene des gesamten Streifens, ein Moment der mich emotional völlig aus dem Gleis geworfen hat.

Aus „Wir sind die Nacht“ hätte trotzdem mehr werden können, ist die Geschichte von ihrer Kritik einmal abgesehen, innerhalb des Vampirfilms doch arg verbraucht. Das deutsche Faible verleiht ihm einen Hauch Individualität, wenn die Vampire durch die Großstadt geistern, sich ihre Stimmen original deutsch gesprochen anhören, und auch so manches US-Klischee zu Hause bleiben darf. Die Love Story nimmt sich zurück und wird erst gegen Ende größer, wenn sie für die Geschichte vollends von Bedeutung wird. Letztendlich ist aber alles eine Spur zu steril und kühl ausgefallen, um einen inmitten dieser oft erzählten Geschichte vom Hocker zu reißen.

Gerne wird in Besprechungen auf den männerfeindlichen Gedanken verwiesen, auf den lesbischen Unterton, um zu kritisieren „Wir sind die Nacht“ sei durch Lenas Widerwillen ein Anti-Homo-Film, aber das ist natürlich völlig überinterpretiert und nur für jene zu entdecken, welche den wahren Schwerpunkt übersehen haben. Lena ist wahrlich nicht angetan von Louises Anmachversuchen. Sie ist verliebt in einen Mann. Und Louise will auf Teufel komm raus, dass alles so läuft wie sie es gerne hätte. Aber dies nicht weil lesbisch veranlagte Frauen im allgemeinen fehlgeleitet sind, wie man ja unterstellen müsste bei dieser Analyse, sondern weil Louise ganz persönlich ein Kontroll-Freak ist, der sich nicht in andere Menschen hineinversetzen kann weil - oh welche Überraschung - sie ein oberflächlicher Partymensch ist, der unterbewusst mit seinem drögen Leben nicht zufrieden ist, und diese Unzufriedenheit bewältigen will, indem sie anderen zeigt wie toll ihr Leben ist. Womit wir wieder beim wahren Schwerpunkt wären.

Was auch immer man reininterpretieren oder entdeckt haben möchte, „Wir sind die Nacht“ ist durchaus konsumierbar, weiß nach anfänglich schwachem Start zu gefallen, wenn man endlich die Identifikation mit Lena annehmen kann, ist aber bei weitem kein großes Stück Horrorkunst geworden wie es sie gern mal in vampirischen Stoffen zu entdecken gibt. „Blood Party“ (Alternativtitel), der im Zuge des Erfolgs von „Twilight“ entstanden ist, ist zumindest nicht wie dieser ein Girliefilm geworden, den einzig das junge Publikum konsumieren kann. Für dieses ist er doch eine Spur zu reif und kompliziert ausgefallen. Um besser zu gefallen ist er jedoch immer noch eine Spur zu restverkrampft geblieben. Zumindest ist er gut genug, dass ich ihn mir bei Zeiten sicher noch ein zweites Mal ansehen werde.


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