Montag, 21. November 2016

ER IST WIEDER DA (2015 David Wnendt)


Adolf Hitler erwacht im Berlin des Jahres 2014 und erkennt nach einer Zeit der Eingewöhnung die Zustände Deutschlands, was ihn motiviert wieder Politik zu machen...


Allein zurück...

Wer „Er ist wieder da“ eine echte Chance geben will, der muss die Buchvorlage, sofern er sie gelesen hat, ignorieren. Nicht nur dass bis auf die Grundlage der Geschichte und kleinere Passagen nichts mehr von der Vorlage übrig blieb, auch der Schwerpunkt wird anders gesetzt. Wo das Buch aus dem Blick Adolf Hitlers die Situation Deutschlands auf vielen Ebenen hinterfragte, da geht es den Verantwortlichen des Filmes darum das erneute Wachsen braunen Denkens in der Bevölkerung zu entlarven und auszuhebeln. Ob das Buch nicht verstanden wurde oder bewusst eine solche Änderung vorgenommen wurde, lässt sich nur schwer beantworten, ist der Film doch nicht halb so intelligent umgesetzt wie das Buch.

Autor Timur Vermes verfügt über ein enormes geschichtliches wie auch politologisches Hintergrundwissen. Er versetzte sich mit diesem Wissen gekonnt in den Menschen Adolf Hitler hinein, den er durch ein Deutschland schreiten lässt, welches zuvor von Vermes genaustens kritisch beobachtet und analysiert wurde. Der Film präsentiert uns im Gegenzug das ewige Monster Adolf Hitler, so wie es gerne in britischen Verarbeitungen propagiert wird. Alles Menschliche in ihm ist ausgelöscht. Und dieses unheimliche Wesen schreitet nun durch ein Deutschland, das von AFD, Pegida und NPD geprägt ist. Meist auf Privatfernseh-Komik wandelnd trifft der Film manches Mal perfekt anvisierte Satire-Ziele, aufgrund der Anbiederung an eine massenkompatiblere Thematik rutscht man hin und wieder aber auch in die Unglaubwürdigkeit ab. In solchen Momenten riskiert man die Glaubwürdigkeit Hitlers Charakter für den schnellen Witz, so z.B. in der Eingangssequenz geschehen.

Dementsprechend hin und her gerissen bin ich von dem fertigen Projekt, weiß es doch losgelöst von der Buchvorlage so manch gekonnte Szene zu präsentieren und auch insgesamt zu belustigen, es weiß aber weder wachzurütteln, noch hält es das Niveau der geglückten Szenen konsequent bei. Dinge die im Buch wichtig waren, werden in der veränderten Situation sinnlos eingebaut. Unlustige Szenen reihen sich an große Lacher. Treffsichere Kritik trifft auf unreflektiertes Massendenken. „Er ist wieder da“ ist nichts Halbes und nichts Ganzes, braucht einige Zeit um in die Gänge zu kommen, unterhält aber eher, als dass er enttäuscht - wohlgemerkt losgelöst vom Buch.

Dabei sind es im Groben zwei Faktoren die den Film stemmen. Das ist zum einen Oliver Masucci als Adolf Hitler, der zwar körperlich viel zu groß geraten ist, aber geradezu eine Wucht in dieser Rolle ist. Er beherrscht das Klischee Adolf Hitler perfekt. Er erntet Abscheu und Respekt. Seinen Hitler würde man nie für einen Clown halten. Dieser Mann ist ein gekonnter Rhetoriker und eine brodelnde Gefahr. Der zweite Faktor der dem Film gut tut, ist einer der mich einige Zeit davon abhielt David Wnendts Komödie zu sichten, hielt ich es doch für keine gute Idee halbdokumentatorisch vorzugehen, um Menschen auf der Straße und an anderen Orten mit Adolf Hitler zu konfrontieren. Aber genau dies weiß zu wirken, egal ob in der NPD-Parteizentrale, in der Fußgängerzone beim Porträtieren von Mitbürgern, oder im Abspann, wenn ein im offenen Wagen durch Deutschland fahrender Hitler dem Volk zuwinkt, und wir die Reaktionen der Passanten dazu sichten dürfen.

Christoph Maria Herbst, der im Hörbuch den Hitler sprechen durfte, ist in einer Nebenrolle anderweitig besetzt, verpufft jedoch in einem eher unwichtigen Nebenplot. Herbst kämpft schauspielerisch dagegen an, arbeitet gekonnt wie man es von ihm kennt, aber er hat keine Chance sich gegen seine schlecht geschriebenen Szenen zu behaupten. Eine Überraschung im Schauspielbereich ist hier die mich meist wenig überzeugende Katja Riemann, die ihre Rolle glaubwürdig prägt und neben Masucci die beste Leistung aller Mitwirkenden abliefert. Die restlichen Darsteller sind ohnehin egal, lebt der Film doch eher von einzelnen Szenen als von der arg zusammengeflickten Gesamtgeschichte, und diese Szenen sind immer jene mit Hitler, egal ob komplett gespielt oder auf das Volk losgelassen.

Leicht sympathisch wirkt die Meta-Idee, die gegen Ende aufkommt, wenn Hitler ein neues Buch schreibt und es Cover-technisch und inhaltlich angehaucht jenes von Timur Vermes ist. Und auch das Spiel mit dessen Verfilmung verdreht die Realität manches Mal verspielt charmant. Insgesamt bringt dies den Film nur nicht vorwärts und hilft ihm lediglich dabei sich gegen Ende davonzustehlen, um überhaupt ein Ende zu besitzen. War die Buchvorlage clever genug Hitlers Erscheinen in unserer Zeit nie zu erklären, so erzählt der Film von jemandem, der begreift dass wir es mit dem echten Hitler zu tun haben, und der nun inmitten des Metaebenen-Wirrwarrs recherchiert und agieren muss. Gut tut es dem Film nicht, aber der hatte zuvor bereits so viele Schwächen über die man gnädigst hinweggucken muss, dass es darauf auch nicht mehr ankommt.

„Er ist wieder da“ ist leichte Unterhaltung anstatt gekonnte Satire. Er rutscht immer wieder in seichte Privatfernseh-Komik ab, kritisiert im Gegensatz zur Buchvorlage ein Denken in Deutschland, welches die meisten Bürger ohnehin schon von selbst kritisieren und lebt vom Monster Hitler anstatt vom Menschen Hitler. Umso überraschter darf man darüber sein wieviel des Gezeigten humoristisch funktioniert, in der Ausnahme auch als zum Nachdenken anregende Satire fruchtet, und darüber dass ein solch oberflächlich bleibender Film den Zuschauer trotzdem noch lange Zeit nach Sichten mit der hier angegangenen Thematik zu beschäftigen weiß.


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1 Kommentar:

  1. Die Tatsache, das ich das Buch kenne, war bisher auch der Punkt, weshalb ich mir die Verfilmung nicht angesehen habe. Und anscheinend gibt es als Buchkenner ja wirklich einige Probleme beim Rezipieren des Films. Da werde ich wohl noch etwas länger um den Film herumschleichen, bevor ich ihn schaue.

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