Dienstag, 23. Mai 2017

MARNIE (1964 Alfred Hitchcock)


Als die Diebin Marnie sich wieder einmal unter falschem Namen bei einer Firma um eine Stelle bewirbt, erkennt der Inhaber des Betriebs die junge Frau von einer ihrer früheren Identitäten wieder, verrät ihr dies aber nicht und stellt sie ein. In den Wochen vor ihrer Tat nähert und verliebt er sich in sie, und als sie schließlich wie zu erwarten tätig wird, lässt er ohne ihr Wissen alle Spuren ihres Raubes verschwinden und zwingt sie zur Heirat mit ihm. Von nun an versucht ihr neuer Gatte hinter das Geheimnis ihres Zwangs zu Stehlen zu kommen, um sie zu heilen. Es scheint in direktem Zusammenhang mit ihren psychologischen Ausrastern zu stehen, wenn sie die Farbe Rot sieht...


Freud für Anfänger...

Eigentlich ist „Marnie“ ein exzellent gespieltes und inszeniertes Drama, an welchem es rein stilistisch nichts zu meckern gibt. Der Inszenierungsstil ist elegant und damit an der männlichen Hauptrolle, die Sean Connery verkörpert, orientiert, der Erzählstil langsam gehalten, rätselhaft ausgefallen, das Drama im Vordergrund stehend und der Thriller- und Krimigehalt so minimalistisch gehalten, dass selbst der Romantikanteil über diesem triumpfiert, obwohl Hitchcock die Geschichte frei von Kitsch und romantisch ansteckenden Gefühlen umsetzt - und dies obwohl die Liebe der Auslöser allen Tuns der Rolle Connerys ist.

So mag „Marnie“ zu seiner Erscheinungszeit ein beeindruckendes Stück Film gewesen sein, heutzutage, wo selbst der Desinteressierteste in Sachen Psychologie grundlegende Kenntnisse über Freuds Theorien besitzt, will das so lobenswert umgesetzte Stück Film nicht mehr wirklich wirken. Hitchcocks vereinfachter Umgang mit dem Bereich der Psychoanalyse war schon immer Schwachpunkt seiner Filme, wie beispielsweise die Schlussszene im sonst so brillant ausgefallenen „Psycho“ zeigt. Dem konnte solch ein kleiner Ausrutscher nicht wirklich etwas anhaben, „Marnie“ jedoch, der sich voll und ganz auf Hitchcocks Schulmädchen-Psychologie stützt, kann in aufgeklärten Zeiten wie heute daran nur scheitern.

Die erste Hälfte, die sich einst rätselhaft schaute, ist heutzutage schnell durchschaut, lange Zeit bevor Hitchcock kurz vor Ende des Films den psychologischen Schleier Marnies lüften darf. Die zweite Hälfte wiederum ist nicht stark genug im Thriller-Bereich angesiedelt, als dass es das aufgrund vereinfachter psychologischer Ansätze nicht ernst zu nehmende Drama auffangen könnte. „Marnie“ schaut sich trotz all seiner Pluspunkte, zu denen selbst die raffinierte Namensgebung der Hauptfigur gehört, zu naiv, als dass man heutzutage noch wirklich intensiv in sein Geschehen eintauchen könnte. Und das ist schade, ist Hitchcocks zweiter Film mit Tippi Hedren nach dem grandiosen „Die Vögel“, doch ansonsten ein gutes Stück Film.

Zumindest bleibt „Marnie“ aufgrund seiner starken Umsetzung ein theoretisch interessantes Stück Drama, eines mit charmantem Retro-Touch, eines das einem noch immer Respekt einflößt, auch wenn man heutzutage nicht mehr in seine Geschichte eintauchen kann. Aber selbst mit diesem kleinen Trostpflaster steht er noch immer weit hinter den großen Werken des Meisters zurück, eben weil viele von diesen heute noch so frisch wie damals zu funktionieren wissen. „Marnie“ steckt jedoch in seiner Zeit fest, eine Zeit in welcher der Durchschnittsbürger noch mit den Kinderschuhen Freuds Psychoanalyse zu beeindrucken und zu überraschen waren. Damit scheitert „Marnie“ zumindest nach all den Jahren nicht an etwas vorrausschauend Selbstverschuldetem, wie manche Werke, die sich einzig auf Modeerscheinungen ihrer Entstehungszeit stützten, sondern kann letztendlich nichts dafür, dass er heutzutage nur noch in der Theorie funktionieren kann.


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