15.09.2019

WIEGENLIED FÜR EINE LEICHE (Hush... Hush, Sweet Charlotte 1964 Robert Aldrich)


Eine Baugesellschaft möchte im Namen der Stadt das Haus der wunderlichen Charlotte niederreißen, einer älteren Frau, der nachgesagt wird vor 30 Jahren ihren Geliebten umgebracht zu haben. Mittlerweile traut sie ihrem Verstand selbst nicht mehr so ganz. Aufgesucht von ihrer letzten lebenden Verwandten, die ihr aus der neuen Situation heraus helfen will und zu einer Zeit, an welcher ein interessierter Kriminalschriftsteller den vergangenen Mordfall unter die Lupe nehmen will, ereignen sich merkwürdige Dinge, die im Zusammenhang mit dem begangenen Verbrechen zu stehen scheinen, welches bislang nie wirklich gelüftet wurde...


Im Glauben an Vaters Lektion...

Mit "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" erlebte der damalige Filmstar Bette Davis ein Comeback, so dass die talentierte Frau kurz darauf für eine ähnlich angelegte Rolle besetzt wurde. Kein Wunder, war die Kreation ihrer gebrechlichen, wie furchterregenden Jane doch eine schauspielerische Meisterleistung, in welcher Mimik und Stimme hervorragend interagierten, um uns das Bild eines zerstörten Individuums schmerzhaft nahe zu bringen. Selbiges gelingt der guten Frau auch als Charlotte in "Wiegenlied für eine Leiche", welcher ebenfalls von Regisseur Robert Aldrich inszeniert wurde, so dass auch dieser vom Erfolg seines Vorgängers profitieren konnte. Der Regisseur von "Kesse Bienen auf der Matte" und "Der Flug des Phönix" setzt das ähnlich angelegte Drehbuch konzentriert und detailbedacht um, so wie er es im vorangegangenen Film ebenfalls tat. Mangelnde Professionalität kann man ihm ebenso wenig zusagen, wie dem Rest der Crew. Als nachgeschobener Film eines großen Erfolges schaut sich "Hush... Hush, Sweet Charlotte" (Originaltitel) erstaunlich gelungen und eigenständig genug ausgefallen, um auch losgelöst vom Vorbild zu funktionieren. Und doch kitzeln die Übereinstimmungen den Vergleich stets hervor, gerade die Position von Davis Rolle betreffend, die erneut alles gibt, um uns eine tragische Protagonistin zu präsentieren, von der man nie genau weiß inwieweit sie den Wahnsinn absichtlich spielt, um ihrer Umwelt vor den Kopf zu stoßen, und inwiefern sie doch nicht genau weiß, was um sie herum geschieht und was sie getan hat oder auch nicht.

Das Rätsel des vergangenen Verbrechens schwebt stets über den Dingen. Merkwürdige Ereignisse im Jetzt scheinen Bezug zu damals zu nehmen. Von der Außenwelt als davon gekommene Mörderin verachtet fristet Charlotte ein Leben in Einsamkeit, einzig die Gesellschaft der damaligen und heutigen Haushälterin Velma und deren Vertrauen genießend. Uns Zuschauer wurde zu Beginn des Streifens ein Blick auf das 30 Jahre zurückliegende Ereignis gewährt, um uns mit raten zu lassen was einst geschah, und da bietet der Streifen so einige Möglichkeiten, benehmen sich doch genügend Figuren zwielichtig oder unglaubwürdig, schwebt doch stets ein Zustand der möglichen Manipulation über den Dingen. Man könnte theoretisch also, gerade weil der Film es schafft uns einen kompletten Film lang mit überlegen zu lassen, was denn nun einst geschah, von einem gelungenen Drehbuch sprechen, praktisch sogar auch, so psychologisch sinnvoll, wie sich am Ende alles aufdeckt und Ursache und Wirkung erneut gekonnt im Hintergrund verlaufen sind. Letztendlich verärgert es aber doch am Filmende angelangt, dass zu so ziemlich jedem Teil des Rätsels am Schluss stets die naheliegendste Lösung die Wahrheit ist, mit kniffligen Überraschungen somit so gar nicht gearbeitet wird, was dem an sich gelungenen Streifen ein etwas ernüchterndes Ergebnis beschert. Sicherlich ist solch eine Vorgehensweise wünschenswerter zu nennen als jene mancher Genrevertreter, die stets meinen neue Überraschungen krampfhaft aus dem Hut zaubern zu müssen, etwas einfallsreicher oder täuschender hätte der Autor im hier besprochenen Thriller aber dennoch gerne vorgehen können.

Auf die Zeit kann man den Mangel dessen nicht schieben, das bewies bereits der Vorgänger "Was geschah wirklich mit Baby Jane?", in dem nicht immer alles war wie es zunächst schien. An dessen Professionalität kann "What Ever Happened to Cousin Charlotte?" (Alternativtitel) zumindest in allen anderen Bereichen anknüpfen, mit Ausnahme der ironischen Distanz, kommt "Cross of Iron" (Alternativtitel) doch weit ernst gehaltener daher, als der manchmal mit bissiger Lustigkeit aufgebrochene Vorgänger. Man kann also noch immer von einem sehenswerten Klassiker sprechen, der liebevoll genug inszeniert wurde, um zu funktionieren und um zu begeistern. Manch einer wird den Schluss vielleicht auch nicht so kritisch betrachten, wie ich es tue. Und eins kann man dem Streifen wahrlich nicht absprechen, und das ist die erneute empathische Öffnung für die zwielichtige Hauptfigur, deren Innenleben derart detailreich vom Drehbuch und dem intensiven Spiel Bette Davis beleuchtet wird, dass es einem häufig wahrlich das Herz bricht, wenn diese bittersüße Person aufgrund ihrer psychischen Gebrechlichkeit leidet, ob nun selbst verschuldet oder nicht. Darf man erst einmal am Schluss erleben, was die Wahrheit von damals und heute ist, wird sie erst recht zu einer tragischen Figur, erfahren wir doch dort nicht nur wer der Mörder ist, sondern auch wie Charlotte die Ereignisse von einst selbst interpretierte, was schließlich dazu führte ihr Leben so zu führen, wie sie es bis zur letzten Konsequenz tat. Gezeichnet durch die Schuldzusprüche und täuschenden Vorbilder, gab sie ihr Leben auf, bzw. lebte sie eine Wahrheit, die keine war und bestrafte sie sich selbst, womit sie stets das Kind in sich blieb und damit endgültig charakterlich mit Baby Jane verbunden ist.


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