Sonntag, 26. August 2012

DAS SUMMEN DER INSEKTEN (2009 Peter Liechti)


Ein Mann geht in den Wald, baut sich eine Hütte aus Plastikfolien und begeht dort Selbstmord durch Verhungern. In einem Tagebuch dokumentiert er seine letzten 65 Tage...


Musik ist Nahrung...

Selbstmord durch Verhungern, das hat es in den 80er Jahren in Japan tatsächlich gegeben. Und so setzte sich der Schriftsteller Shimada Masahiko mit dem Thema auseinander und schrieb ein Buch, in welchem er den lebensmüden Hungerer ein Tagebuch schreiben lässt, welches seinen körperlichen und geistigen Verfall dokumentiert. Darauf wiederum beruht der Experimentalfilm von Regisseur Peter Liechti, der versucht den nüchternen Worten eines Sterbenden einen passenden Ton- und Bildhintergrund zu bescheren.

Der Magie der Worte aus dem Tagebuch kann man sich nicht entziehen, deswegen ist es übertrieben gesagt eigentlich schon egal welche Bilder man da sichten mag. Mit dem Inhalt der Worte haben sie manchmal gar nichts zu tun, teilweise nicht einmal symbolisch. Ganz direkten Bezug nehmen lediglich die Aufnahmen einer aufgespannten Plastikfolie im Wald, welche den Eindruck hinterlässt man sitze drin und beobachte ihre Abnutzung. Die Bilder wissen zu wirken, die düsteren, freiwillig schlecht gefilmten mehr als das bunte Treiben im Wald. Dass sich auch Bilder von Bahnfahrern, einem Karussell oder die eines Messerwerfers passend in den Film einfügen, verdanken sie nur selten den teilweise poetischen Worten, sondern viel mehr der verstörenden Geräuschkulisse, in die Liechti seinen Film taucht. Ein Knacksen, Mikrofonfehler, ein dumpfer Ton, hin und wieder klassische Musik im gewöhnungsbedürftigen Gesang und mittendrin der Off-Kommentar des Sterbenden.

Nach dem einleitenden Off-Kommentar einer Frau, welche die Hintergründe zum Einstieg in die „Geschichte“ erklärt, ist dies die einzige sprechende Stimme, die wir in den nächsten 85 Minuten hören werden. Das Sterben des Mannes wird 65 Tage dauern. In dieser Zeit nehmen wir an seinen Gedanken teil, die gegen Ende zwar nicht mehr glaubwürdig wirken bezüglich seiner Kraft noch einen Stift halten zu können, aber vielleicht bleibt es Interpretation des Zuschauers. In der Spätphase, in welcher der Selbstmörder ohnehin fast nur noch halluziniert, redet er sich eventuell auch nur noch ein ein Tagebuch zu schreiben.

Ansonsten klingt das Beschriebene erschreckend real. Man sollte meinen dieses morbide Filmexperiment müsse verstörend wirken, ähnlich seiner Vertonung. Ein solcher Effekt wird jedoch erst in der Schlussphase erzielt. Zuvor überrascht „Das Summen der Insekten“ mit einer lebensbejahenden Wirkung. Das klingt konfus, erklärt sich aber dadurch, dass sich der klassische Selbstmörder vom Leben abwendet, wohingegen der Verhungernde alles dokumentiert, und damit, vielleicht erstmals in seinem Leben, bewusst lebt und beobachtet. Er nimmt alles wahr, konzentriert sich auf das Drumherum, geht in der Natur auf, wird vielleicht sogar selbst Teil der Natur, nur hin und wieder unterbrochen durch kulturelle Verfremdung, wie das Lesen seiner Bücher, die er mit an seinen Sterbeort genommen hat, oder sein zweistündiges Radiohören, welches er sich pro Tag gönnt.

Warum der unbekannte Mann seine Tat begeht verrät er erst ansatzweise um den 20. Tag herum. Er fühlte sich nie als Teil der Gesellschaft, hat nichts sonderliches in seinem Leben geleistet und will nun durch seine Niederschrift der Welt, die ihm nichts bedeutet, etwas hinterlassen. Der Unbekannte bekennt sich als ungläubig, ist als kultivierter Mensch und Dank seiner Allgemeinbildung jedoch informiert um Vergleiche zu ziehen, sei es in den Phantasien einer möglichen zweiten Welt, oder im direkten Vergleich der 40 Tage hungernden Menschen wie Moses und Jesus. Dass sie stark genug seien nach 40 Tagen aufzustehen und zu ihrem Volk zu gehen, erklingt eher spottend als neidisch. Und doch ist der Selbstmörder gläubiger als er denkt zu sein. Er ist kein Christ, aber aus seinen Worten wird deutlich, dass er nach seinem Tod eine andere Welt erwartet.

Die Tortur die er durchmacht bleibt theoretisch. Er berichtet über jeden Schmerz, aber den kann man als Zuschauer schwer nachvollziehen. Die Wirkung auf den Zuschauer ensteht stattdessen durch seine Erzählungen, die eben nicht nur nüchtern den Verfall seines Körpers erschreckend exakt dokumentieren, sondern eben auch philosophischen Gehalt besitzen. Ob es nun das Aufgehen in der Freude an den Tod ist, oder die düsteren Momente der Angst. Was wenn der Schmerz mit dem Tod gar nicht aufhört? Unsinn, tadelt er sich direkt selbst und erklärt sich einen solch wissenschaftlich unsinnigen Gedanken mit seiner ersten Verwirrtheit.

Würde der Film nicht versuchen so realitätsnah wie möglich zu wirken, vielleicht wäre es gar reizvoll gewesen ein wenig auf Gruselebene mit dem Gedanken zu spielen, der Mann würde seinen eigenen Tod nicht mitbekommen. Verstorbene, die nicht wissen dass sie tot sind, diese klassische Idee würde passen zu einem Mann, der allein im Wald sitzt und spätestens in der Nacht im wachen Zustand nur noch seine Gedanken hat, die er wahrnimmt, inmitten vollkommener Dunkelheit. Konnte er diese beängstigende, da die Realität gänzlich auffressende, Situation zuvor mit dem Radio betäuben, ist nach dem Verbrauch der Batterien keine Ablenkung mehr vorhanden. Du weißt an Deinen Gedanken, dass du existierst, aber ohne einen Hinweis, inmitten des Tiefschwarzen Nichts um einen herum, woher willst du wissen, dass du nicht bereits in die andere Welt herüber gegangen bist?

Es ist schon wichtig, dass dieser Bereich erörtert wird. Und man kann sich glücklich schätzen, dass Liechti realitätsorientiert erzählt und nicht in den von mir geäußerten Fantasybereich abrutscht. Denn gerade der Bezug auf das möglich Echte dieses aus der Phantasie geernteten Dokuments geben dem Film seine intensive Wirkung, zu der man freilich einen Zugang haben muss, um im Meer botanischer Bilder nicht die pure Langeweile zu spüren. Ich finde es schade, dass nicht jeder in diese Welt eines Sterbenden eintauchen kann, verpassen diese Menschen doch ein intensives Filmerlebnis, welches einem selbst neue Perspektiven öffnet in anderen Ansätzen über das Leben, dessen Sinn und den Tod nachzudenken.

Die Aufzeichnungen des Verstorbenen wirken nie unsinnig oder gar reißerisch, nicht einmal wenn sie mit den Erwartungen des Zuschauers spielen. Der Selbstmörder rechnete mit 30 Tagen, musste in Wirklichkeit 65 Tage ausharren. Der Stuhlgang, die Möglichkeit zur Onanie, das Hungergefühl u.ä. erreichen andere Stadien als gedacht. Und so manche Überraschung lässt den Selbstmörder über Menschen sinnieren, bzw. sich diesen näher fühlen, als in den restlichen 40 Jahren seines Lebens. Da wäre neben Moses und Jesus die Meldung jugendlicher Selbstmörder im Radio. Noch interessanter ist jedoch sein Verstehen Essgestörter Menschen, wenn er ab einer gewissen Phase gar kein Hungergefühl mehr besitzt.

Zweifel über seine Tat kommen dem Unbekannten selten. Aber er macht sich die Momente bewusst, in denen er umkehren bzw. dies nicht mehr kann. Er spielt mit Zahlen. 20 Tage, die Hälfte meines Sterbens/meines Lebens ist um. Ich habe 97 Prozent meines Sterbens erreicht. Das ist spekulativ, aber das ist ein Großteil seiner Gedanken ohnehin. Zumindest ist der Mann belesen genug um seinen Verfall sinnig zu beobachten. Das Warum seiner Tat wird kaum ergründet. Vielleicht gibt es da nichts weiter zu ergründen, als das was um den 20. Tag herum darüber bereits geäußert wurde. Verstehen würde man es als Durchschnittsmensch ohnehin nicht. Diese Tat ist völlig irrational, und ganz richtig vermutet der Selbstmörder, dass es wohl kaum wen geben dürfte, der diese Tat nachahmt. Warum freiwillig so qualvoll sterben?

Die Ironie, wie die eines lebensbejahenden Filmes durch einen Mann der sein Dahinsterben beobachtet, taucht ebenso in kleinen Momenten von „Das Summen der Insekten“ auf. Spöttisch schreibt der Selbstmörder auf, wie er aufgrund zu starker Schmerzen Magentabletten zu sich nimmt. Da nimmt einer der sterben will ein Medikament. Sarkasmus? Galgenhumor? Oder einfach die Wahrheit?

Peter Lichties Film ist ein Experiment, nicht nur handwerklich. Er beschäftigt sich mit einem Thema, zu dem man nichts sagen kann, eines worüber man fast nur Vermutungen äußern kann. Aber dies macht er sehr intensiv und auch mit einem gewissen Mut ins Lächerliche abrutschen zu können, beispielsweise wenn der Selbstmörder davon berichtet sein Hungergefühl würde nachlassen, wenn er klassische Musik im Radio hört. Zunächst per Zufall entdeckt, wendet er es geradezu systematisch an, wenn der Hunger zu groß wird. Der weitere Schritt, dass moderne Schlager seine Magenschmerzen verstärken, ist da noch gewagter zu nennen, passt aber zu der feingeistigen Person, die wir im Laufe ihres Sterbens kennen lernen dürfen.

Vielleicht weiß wegen der unterschwelligen Psychologie das Gewagte so real zu erscheinen. So oder so, es ist die Realitätsnähe und das Intensive, eben da Bild und Ton nie von den Worten und ihrem Inhalt ablenken, was „Das Summen der Insekten“ zu einem solch großartigen Filmerlebnis macht, irgendwo anzusiedeln zwischen Drama und Fake-Doku.


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