Montag, 6. August 2012

PERSEPOLIS (2007 Vincent Paronnaud u.a.)


Der Schah ist entmachtet, die Familie der kleinen Marjane hofft auf den großen Umschwung der Freiheit, doch aus dem Iran wird das Gegenteil. Die Eltern schicken Marjane im Alter von 14 Jahren nach Wien, doch trotz aller Versuche kann sie sich nicht wirklich integrieren. Als der Krieg im Iran vorbei ist, kehrt sie zurück, um festzustellen, dass das Land so unfrei wie bisher ist und sie sich selbst hier nicht mehr zu Hause fühlt...


Bewahre Dir Deine Integrität...

In Zeiten, in denen dem Terror der Krieg erklärt wurde, herrschen Antiamerikanismus und Vorurteile gegen Moslems. Beide Entwicklungen leben von Verallgemeinerungen und nähren sich quasi gegenseitig, so dass es höchste Zeit wurde ein wenig Licht ins Schubladendenken zu schicken, und das kommt mit dem sehr toleranten und ehrlichen „Persepolis“ daher, der uns die Geschichte des Irans einmal näher bringt, dabei die ungeschönte Wahrheit verkündet und Vorurteile beiseite räumt, von welcher Seite sie auch kommen mögen.

Der Film orientiert sich an einem Comic von Mitregisseurin Marjane Satrapi, die mit dieser Printmedie ihre eigenen Erfahrungen verarbeitet hat. „Persepolis“ ist aufgrund dessen auch ein Zeichentrickfilm geworden, und lebt von dem Glück Erlebtes aus erster Hand erzählen zu können. Da Satrapi eine liberale Erziehung genossen hat, fällt auch der Film dementsprechend aus, nimmt also weder Propaganda von Moslems noch von Christen in Schutz, orientiert sich nicht an anbiedernden Meinungen und zeigt, dass es menschlich gesehen überall ziemlich gleich läuft. Es gibt das Dumme in der Welt, die Unterdrückung, die Denker, die Mitläufer, usw.

„Persepolis“ zeigt uns einen Menschen in einer unfreien Gesellschaft, mit all den Wünschen, Ängsten und Hoffnungen, die ein jeder in sich trägt. In den meisten Szenen ist der Trickfilm schwarzweiß gehalten, das ist allein schon deshalb gut, da, von den geschichtlichen Ereignissen und einigen zentralen Kopftuchszenen einmal abgesehen, die Geschichte und die im weiß gehaltenen neutralen Gesichter, ebenso in einer vergleichbar unterdrückenden Gesellschaft leben könnten. Sei es Nazi-Deutschland, das aktuelle Amerika, China, wo auch immer Unfreiheit herrscht, das Grundszenario und das Empfinden der „Heldin“ wäre das selbe - reduziert auf den Kern der Erlebnisse. Freilich ist „Persepolis“ stark an seinem Spielort, dem Iran, orientiert, sonst könnte er uns nicht solch tiefe Einblicke geben. Aber ich denke mal es ist klar, was ich versuche auszudrücken.

Man kann es nur als professionelle Entscheidung bezeichnen „Persepolis“ zu einem Zeichentrickfilm zu machen, wurde es doch nicht nur höchste Zeit von Massenmedien irritierte Menschen gesellschaftlich und politisch aufzuklären, auch die immer wieder aufkommenden Einbahnstraßen des Zeichentricks (Pixarstil, Anime und Disneystil) werden eingerissen, um zu zeigen was Trickfilm wirklich kann. Neben „Renaissance“ und „Mercano, der Marsmensch“ weiß auch „Persepolis“ mit einem individuellen Stil zu trumpfen, der das Künstlerische seines Genres hervorhebt und mehr will als dem Publikum zu gefallen. Es werden mit verschiedensten Bereichen von Zeichenstil Aussagen getroffen, ohne dass Dialog dafür benötigt wird. Stimmungen, die der familien- und massentaugliche Trickfilm nicht zulässt werden damit eingefangen, und der individuelle Touch unterstreicht nicht nur die Aussage des Streifens, er lebt diese durch Mut, Wahrheit und einem eigenen Stil.

Ohnehin ist „Persepolis“ nicht nur ein liberaler und aufklärender Film, sondern mutig allgemein zu nennen, blendet er den Humorbereich inmitten einer tragischen Geschichte doch niemals aus, scheltet dabei die Dummheit der Masse und weiß höchstens jene zu schocken, die selbst im Vorurteilsdenken zu Hause sind. „Persepolis“ ist ein mündiger Film, der seine Kernaussagen nicht ängstlich zwischen den Zeilen und in Symbolik versteckt, sondern klar ausspricht was ihn stört und was zur Verbesserung der gesellschaftlichen Lage geschehen muss.

Im Gegensatz zu vergleichbaren Produkten gegnerischer Meinung verzichtet „Persepolis“ hierfür auf Propaganda, stattdessen orientiert er sich an dem Wunsch der Menschen frei sein zu wollen und macht selbst diesbezüglich kein Geheimnis daraus, dass der Mensch, auch wenn er die Möglichkeit dazu hat, dies niemals wirklich ausleben kann, eben weil er ein Mensch ist und nie genau weiß was er wirklich braucht. Wo fängt Egoismus an und wo gebe ich meine Freiheit auf? Man braucht nicht glauben der Film blende diese Thematik aus, nur weil er von einem diese Problematik überschattendem totalitärem System erzählt.

Meist ist es die Großmutter, die zum Sprachrohr Satrapis wird, nicht die Rolle der Satrapi selbst. Doch von ihr wurde sie geprägt und letztendlich ist die Verlagerung der Stimme der Weisheiten nur eine Verbeugung, eine Ehrfurcht vor der Frau, die ihr all dies lehrte. „Persepolis“ holt diesen Ethikunterricht für Menschen nach, die nicht die Chance Satrapis erfuhren. Leider wird er aber sicherlich ohnehin nur von jenen Menschen geguckt, die bereits liberal eingestellt sind. Gerade deshalb ist es aber auch schön zu beobachten, dass selbst für Fehlläufer dieser ethisch korrekten Form zu denken, einige Seitenhiebe bereit stehen, wenn die Autorin von ihrer Wiener Clique erzählt, die solange über das Schlechte von Systemen redete, bis das Gesprochene nur noch Theorien und Worthülsen sind, bei denen Opfer und Täter vergessen sind.

Es ist schön in einer Welt zu leben, in welcher Filme wie „Persepolis“ entstehen dürfen. Mag einem die Demokratie manchmal noch so verloren erscheinen, man darf ungeschönt seine Meinung und Sichtweise kundtun. Und ob man die Sichtweise von „Persepolis“ nun teilt oder nicht, so muss man als Demokrat doch trotzdem Respekt vor dem inhaltlichen und inszenatorischem Mut des Streifens haben, eines Filmes der zu genau der richtigen Zeit entstanden ist, als Aufklärung dringend Not tat, von den wirtschaftlich orientierten Massenmedien jedoch nicht angegangen wurde.


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