08.09.2012

DAS PHANTOM IM PARADIES (1974)

Der erfolgreiche Musikproduzent Swan klaut dem Komponisten Winslow Leach seine Musik, um damit seinen neuen Musiktempel, das Paradise, zu eröffnen. Nachdem es zu einem Unfall kommt, nach welchem Leach für tot gehalten wird, schleicht er sich stark ramponiert ins Paradise, um dessen Eröffnung zu manipulieren. Doch aus Zuneigung zur Sängerin Phoenix lässt er sich von Swan überreden mit ihm zusammen zu arbeiten, um sein Lebenswerk für seine große Liebe umzuschreiben...

Faust auf Faust...
 
Es war einmal ein Jahr vor der legendären „Rocky Horror Picture Show“ und ein Jahr nach deren Premiere als Bühnenstück, da erblickte ein Grusical das Licht der Welt, das sicherlich die Filmversion von Richard O‘Brian mit beeinflusste, während es sich selbst scheinbar von dessen Bühnenstück inspirieren ließ. Zumindest gibt es einige Parallelen zur Filmversion, die zwar nicht wirklich von Bedeutung sind, aber schon beeindrucken, wenn man einmal bedenkt wie berühmt Shermans Film ist und wie unbekannt letztendlich De Palmes Mix aus „Faust“ und „Phantom der Oper“ ist.

Kein Wunder, schaut sich der Besuch aus dem All doch wesentlich zeitloser als De Palmas Satire auf die Musikindustrie, die mitten in den 70er Jahren badet. „Die Rocky Horror Picture Show“ spielt fast ausschließlich an einem (zeitlich neutralen) Ort und zeigt uns eine uns fremde Kultur, gestern wie heute. Und dank der Musical-orientierten Stücke, wirkt selbst die Musik heutzutage nicht veraltet.

Ganz anders „Das Phantom im Paradies“, als Film konzipiert, damit mit ständigen Orts- und Szenenwechseln konfrontiert, und da es sich zur Pflicht macht kritisch die Machenschaften der Musikindustrie zu hinterfragen, muss er auch die damalige Mode beachten, sei es im Sound, in den Frisuren, der Kleidung  oder den Trends. Die 70er Jahre, da darf der homosexuelle Star ebenso wenig fehlen wie die Besetzungscouch. Da kleidet den von allen Frauen begehrten Swan ein Outfit, womit man ihn heute entweder belächeln oder auf den Sperrmüll werfen würde. Da gibt es reißerische, morbide Show-Events und augenzwinkernd darf eine Band ein wenig im Schminkstil der Musikgruppe Kiss auftreten, die ein Jahr vor dem Film gegründet wurde.

Außer dem Regisseur Brian De Palma ist eigentlich kein Mitwirkender des Filmes heute eine Berühmtheit. Schauspielerin Jessica Harper dürften die meisten aus Argentos „Suspiria“ kennen, in welchem sie die Hauptrolle spielte. In „Shock Treatment“, der Fortsetzung der „Rocky Horror Picture Show“ übernahm sie Susan Sarandons Rolle der Janet. Das Phantom William Finley drehte einen mittelmäßigen Horrorfilm nach dem anderen, und das Schönheitsidol „Swan" Paul Williams war häufig als Schauspieler und hin und wieder als Regisseur tätig.

„Das Phantom im Paradies“ ist nicht zeitlos ausgefallen, aber das muss er als guter Film auch nicht zwingend. Und in seiner Klasse weiß er seinen berühmten Konkurrenten locker zu schlagen, auch wenn sich De Palmas Film nicht so locker flockig guckt wie die Party um Franknfurter. In erster Linie sind es die Kompositionen von Paul Williams und der Look des Phantoms, die den Streifen zu einem solch außergewöhnlichen Filmerlebnis machen. Mit kulturell anerkannten Klassikern arbeiten, während man eine Industrie parodiert, die einen Schnellschuss nach dem nächsten produziert, da sind bereits satirische Seitenhiebe im Grundkonzept des Films zu beobachten.

Man kann De Palma nicht bescheinigen, dass er den Überblick behielt. Teilweise wirkt sein Werk ein wenig hektisch und orientierungslos, gerade in der ersten Hälfte. Aber diese Abweichung von gelernten Sehgewohnheiten sind es auch wieder, die ihm einen gewissen Grad Individualität verleihen. Zur zweiten Hälfte des Filmes geht es dafür konzentrierter zur Sache, wechseln hier doch auch die Handlungsorte nicht so häufig, meist spielt sich die zweite Hälfte im Paradise ab.

Ein Stilmittel, das De Palmas späteren Film „Carrie“ mitunter die besondere Note verleihen sollte, das Bildsplitting, wird bereits in „Das Phantom im Paradies“ angewendet. Dort nicht so intensiv wirkend wie in der ersten Verfilmung nach einem Roman von Stephen King, aber dennoch wirkungsvoll zu schauen. Ohnehin arbeitet De Palma optisch gern mit mehreren Hauptaugenmerken, spielt auch mit Swans Hobbyraum, in dem er die Bilder dessen installierter Kameras auf 4 Bildschirmen zeitgleich das zeigen lässt, was an vielerlei Orten gerade passiert, manchmal auch nur aus vielerlei Perspektiven aufgezeichnet. Das Spiel mit der Moderne solcher Geräte wird in den klassischen Filmstil mit einbezogen. So wendet sich die Kamera beispielsweise von den vier Monitoren ab, um sich auf einen einzigen zu konzentrieren, der ein Geschehen zeigt, mit welchem es nun weiter geht.
 
Manche Szenen aus „Das Phantom im Paradies“ sind heutzutage legendär. Sei es die Suche nach einem neuen Star, in welcher Swan innerhalb eines runden Tisches in einem abgedunkelten Raum sitzt, und immer jener Bereich beleuchtet wird, in welchem die neue Band/der neue Interpret vorspielt, um schlussendlich auf Dieter Bohlen-Art mit bösen Worten abgelehnt zu werden. Oder sei es die pointenstarke Parodie auf die Duschszene aus „Psycho“, die man sicherlich als Pflicht ansehen darf, war De Palma doch schließlich Schüler des berühmten Alfred Hitchcocks.

Manchmal sympathisch albern (insbesondere in den Szenen des homosexuellen Musikvergewaltigers), hin und wieder provokant, gegen Ende häufig melodramatisch, hüpft „Das Phantom im Paradies“ von einer Emotion zur nächsten und wirkt dabei immer ehrlich, wahrscheinlich da die Geschichte mit ihren Charakteren trotz schriller Randerscheinungen immer Schwerpunkt bleibt. Zweitwichtigste ist die Musik, die in ihrer Vielfalt zu gefallen weiß, selbst dann wenn sie als Parodie eingesetzt wird, um Untalent aufzuzeigen. Jessica Harper überrascht als talentierte Sängerin, während die Stimmfindung des ramponierten Phantoms als äußerst moderne und experimentelle Gesangspräsentation trumpfen darf.

Momente wie diese fangen den absichtlich reißerischen Off-Kommentar zum Einstieg des Films auf, in welchem von einem Sound der achten Dimension die Rede ist, einer von vielen Momenten, in welchem der Slang der Werbung der 70er und späten 60er Jahre aufs Korn genommen wird.

„Das Phantom im Paradies“ ist treffsicher was seine Kritik an der Musikindustrie betrifft und einzig in diesem bislang unveränderten Bereich zeitlos. Das angedeutete Schicksal Phoenix weist heutzutage beispielsweise deutliche Parallelen zu dem Produkt Britney Spears auf. Und was Swan in comichafter Bösartigkeit treiben darf, ist eigentlich nüchterner Alltag im Musikbiz. Es ist schön mit anzusehen, dass diese Kritik im Film allgegenwärtig ist und sich gleichzeitig doch nie zu sehr aufdrängt. Das könnte zu moralisch wirken und das Rezept verwässern. De Palmas Grusical ist immer nah am Gefühlsleben seiner Figuren und damit immer im Zentrum dessen, was den Zuschauer eines gelungenen Filmes am meisten interessiert.  OFDb

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