Samstag, 15. September 2012

DER NEBEL (The Mist 2007 Frank Darabont)


David Drayton befindet sich mit seinem Sohn im Supermarkt, als ein unheimlicher Nebel aufzieht, in dem sich etwas Bedrohliches zu befinden scheint. Nachdem sich dieser Verdacht bestätigt hat, verbarrikadieren und organisieren sich die Leute im Laden. Dabei kommt es zu Auseinandersetzungen. Und auch die Glasfront des Geschäfts hinterlässt kein sicheres Gefühl...


Je vernebelter der Kopf, desto erträglicher der Film...

Gerade in seinen geschätzten ersten 45 Minuten ist „Der Nebel“ ein richtig guter Film. Er baut gekonnt eine dichte Atmosphäre auf, macht den Zuschauer dank geringer Informationen neugierig (der Erzählform von „Phantoms“ ähnlich), zeigt recht wenig von dem zunächst vermutetem einen Monster, und die Story selbst vermeidet zunächst häufig verwendete Klischees.

Klischeecharaktere, die sich bei Filmen nach Stephen King-Vorlage nie vermeiden lassen, werden zunächst nicht ganz extrem eingesetzt. Bis auf die Rolle der religiösen Fanatikerin gibt es keine rein guten oder rein bösen Figuren. Der Held ist menschlich und benimmt sich nicht immer vorbildlich, ein dummer Elektriker gesteht sein dummes Benehmen ein und hilft von nun an, anstatt bis zum Schluss Streit zu suchen, und als Orientierung dient ein Mann, der nur deshalb zur Identifikationsfigur wird, weil man mit ihm alles miterlebt. 

Wesentlich logischer handelt sein Nachbar, dessen Taten ein schnelles Ende finden. Er wird für eine Phase des Films Gegenspieler der Hauptfigur und ist meist ein nachvollziehbarer Realist. Dass er sich trotz Alarmsirenen in den Nebel hinauswagt, ist hingegen weniger realistisch, immerhin würde ein denkender Mensch anstatt eines Monsters eine giftige Wolke oder vergleichbares vermuten. Aber das ist erstens kein grober Schnitzer und zweitens harmlos verglichen mit manchen Unsinnigkeiten, die einem später vor die Nase gesetzt werden.

„Der Nebel“ lebt zunächst vom Mysteriösem seiner Geschichte. Monsterattacken gibt es wenige, die eine, die man erleben darf, ist am Computer animiert und optisch überzeugend. Bei dieser Horror-zurückhaltenden Herangehensweise wird manch anspruchsloser Filmkonsument dank der wenigen Action sicherlich einiges zu meckern haben. In diesen 45 Minuten wird es jedoch nie langweilig. Der Spannungsgehalt ist unglaublich hoch, die Atmosphäre ist geladen, die Figuren großteils interessant eingefangen und die Neugierde des Zuschauers wird gekonnt aufrecht erhalten.

Es dauert seine Zeit bis man ins wirkliche Geschehen eingeweiht wird. Die Nennung des Hintergrundes macht neugierig (zumal der Phantasie des Zuschauers viel Raum gelassen wird, was ein großer Trumpf für die weitere Atmosphäre des Streifens ist), erinnert aber von seiner Grundidee auch stark an den Schundfilm „Webs“, selbst wenn man vergleichbare Kreaturen einmal ignorieren würde. Obwohl mir „Webs“ auf naiver Ebene gefallen hat, tat es gut mit „Der Nebel“ diese Idee einmal professioneller umgesetzt zu sehen.

Neben der Kreaturen gibt es eine weitere Bedrohung im Supermarkt, und diese geht von einer religiösen Fanatikerin aus. Diese ist zum einen recht gut eingebracht, wird die Frau doch über ihre wachsende Anhängerschaft immer wahnsinniger und fühlt sich immer bestätigter, so wie der Anführer der Wächter aus „Das Experiment“. Natürlich badet, typisch King, die Idee in mehr Klischees, als in diesem großartigen deutschen Stück Psycho-Drama, aber der Vergleich passt. Leider mutiert die Predigerin zu einer immer größer werdenden Comicfigur. Sie wird so unrealistisch bösartig, dass sie fast zu einer Parodie ihrer selbst wird und nur durch die dichte Umsetzung des Gesamtwerkes zu wirken weiß. Es gibt solch extrem fanatische Gläubige, in jeder Religion, und in Amerika erst recht, aber der zunächst gelungene Versuch von Gesellschaftskritik wird mit dieser grotesken Überzeichnung zerstört. Das einzige, das mir an dieser religiösen Kritik nicht gefällt, ist der typische kingsche Irrglaube, die Fragwürdigkeit von Religion würde erst im Fanatismus beginnen. Was nutzt der lobenswerte Anflug von Aufklärungsarbeit im Unterhaltungssektor (wo er ohnehin meist übersehen oder ignoriert wird), wenn er falsch angesetzt wird?

Dem Unterhaltungswert des Filmes soll es egal sein. Dem ist nur die zu groteske Metamorphose der Predigerin ein Hindernis, aber es ist eines das zugegebener Maßen ordentlich Schwung in die Bude bringt. Trotz ihrer Überzeichnung geht eine packende Bedrohung von ihr aus, gerade in der Schlussphase im Supermarkt. Neben der physischen Bedrohung steht der wesentlich wichtigere Aspekt ebenfalls gekonnt im Raum. Wie muss es sein als denkender Mensch nicht logisch handeln zu können, weil die Zahl der Dummen wächst bis es sie sind die regieren?

In der letzten Phase des Films geben sich große und maue Ideen die Hand. Ein Schluss a la „Die Vögel“ wäre wünschenswert gewesen. Dies wollten die Verantwortlichen des Streifens allerdings nicht, also dürfen wir Dinge erfahren, die orientiert an der Hauptperson unglaubwürdig sind. Die Protagonisten sind verzweifelt, und das ist aufgrund der Situation auch verständlich. Aber das Handeln des Helden, welches eine Schlusspointe vorbereitet, ist vom Beweggrund her zu konstruiert. Alternativen hätte es zu genüge gegeben. Man wird zwar entschädigt mit einer unerwarteten Pointe, aber selbst diese weckt aufgrund ihrer Unglaubwürdigkeit Erklärungsinteresse. Hat man die etwas bittere Pille geschluckt, funktioniert die Idee bei einem zweiten Gucken allerdings mehr als beim ersten Schauen, dann kann man sich der wundervollen Theatralik hingeben, sich einfach naiv auf das Geschehen einlassend.

„Der Nebel“ ist ein atmosphärisches Stück Horrorfilm, sehr spannend und, da man eigentlich nie weiß wie es weiter geht, interessant erzählt. Die Neugierde wird bis zum Schluss hoch gehalten. Leider hat der Film manchmal etwas holprige Ideen, was ihn nicht daran hindert dennoch überdurchschnittlich gut zu sein. Die Negativpunkte sind nie so extrem, dass man aus der Geschichte geworfen würde oder die guten Ideen damit außer Gefecht gesetzt würden. Darüber hinaus bietet der Film eine tolle Optik, einige wenige, dafür gelungen, blutige Szenen, eine Vielfalt an Kreaturen, überzeugend kreiert am Computer und einen hypnotischen Soundtrack von Mark Isham. Was bleibt ist ein Stück gelungenes Unterhaltungskino, welches die meisten nicht kalt lassen wird.


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