Dienstag, 27. November 2012

DEADGIRL (2008 Marcel Sarmiento u.a.)


J.T. und Rickie schwänzen die Schule. Um ungestört zu sein brechen sie in eine verlassene Nervenklinik ein und finden dort im Keller eine nackte Frau. Nicht nur dass ihr Aufenthalt dort äußerst ominös ist, auch die Tatsache, dass diese Frau nicht sterben kann hinterlässt bei Rickie einen mulmigen Eindruck. J.T. hält sich das Wesen als Sexsklavin, Rickie findet das gar nicht gut, weiß aber nicht wie er der Situation begegnen soll. Es dauert nicht lange und andere Mitschüler werden auf das Treiben im Keller der ehemaligen Heilanstalt aufmerksam...


FKK wird ewig leben...

„Deadgirl“ wirkt auf dem ersten Blick arg konstruiert, aber er ist kein reiner Provokationsstreifen ohne Köpfchen. Und so entpuppt sich das fremde Szenario als groteske Satire, verpackt in einem Horrorfilm. Trotz seines Jugendverbotes wird das manchen Genrefreunden gar nicht schmecken, allein schon weil es ewig dauert bis im blutigen Sinne die Post abgeht. Harels und Sarmientos Werk ist eher ein Film für den Cineasten, weniger für den reinen Horror-Fan.

Hervorgehoben wird das Seelenleben des sensiblen und schüchternen Rickie, dessen charakterliche Züge im enormen Gegensatz zu seinem Kumpel J.T. stehen. Anfangs wird dies noch im alltäglichen Filmsinne verdeutlicht, z.B. wenn J.T. eine vergangene Mädchensituation als vertanen Beischlaf betrachtet, während Rickie darin die verloren gegangene Liebe sieht. Aber „Deadgirl“ findet im Laufe seiner kranken Geschichte noch ganz andere Punkte, in denen er den Unterschied der beiden Hauptfiguren geradezu auf die Spitze treibt.

J.T. und ein nach der Vorgeschichte dazugestoßender Kumpel erleben im Keller, der wie eine fremdartige Welt erscheint, einen ähnlichen geistigen Wandel, wie die Wächter aus „Das Experiment“. Aus Menschen mit fragwürdigem Denken werden Täter. Hier unten wendet sich das Blatt. Die Loser der Schule haben im Keller das Sagen, und sie legen dort die Gesetze fest.

Interessant ist in erster Linie die Betrachtung der Verhaltensgründe in „Deadgirl“. Während die Missetäter des Streifens (und das werden im Laufe der Spieldauer Personen aus unterschiedlichsten Schichten) ihr Handeln nie begründen, da ihr Treiben schlichtweg akzeptiert wird, muss Rickie, die einzige Person mit Gewissen, Mitgefühl und Sehnsüchten, ständig Erklärungen abgeben warum er ist/handelt/denkt wie er ist/handelt/denkt. Da wir es hier mit einer Satire zu tun haben, würde ich nicht von verdrehten Verhältnissen sprechen, sondern von einem übertriebenen Spiegelbild der modernen Gesellschaft. Zumindest kann ich von mir behaupten in Zeiten flexibler Arbeitsplätze und großer Kinderkrippenangebote ständig in selbiger Lage zu sein. Die Moral hat sich geändert, und wer auf alte Werte setzt muss sich dafür rechtfertigen.

Wie erwähnt wird dies in „Deadgirl“ auf groteskeste Art übertrieben, aber die Botschaft kommt an, und sie findet sich nicht nur in der Konfrontation Rickies mit den Verbrechen im Keller, sie findet sich auch in den Gesprächen mit dem Freund seiner Mutter, in den wenigen Momenten die Rickie mit der Schülerin verbringen darf, in die er verliebt ist, ja selbst auf dem Schulhof funkelt dieser Bereich durch, dort kann man ihn jedoch als Alltag bezeichnen, immerhin ist das Sozialgefüge in der Schule schon immer ein anderes gewesen als das der Erwachsenenwelt.

Zwar wird die Unsterblichkeit der nackten Frau schon früh entdeckt, und ein wenig monströs gucken darf sie auch, der echte Horrorpart beginnt jedoch erst im letzten Drittel, wenn die Schüler eine zusätzliche Entdeckung machen, welche der bisherigen Geschichte Möglichkeiten zu anderen Schwerpunkten gibt. Hier wird „Deadgirl“ nun endgültig zum Horrorfilm, zuvor hätte man ihn vielleicht eher unter Fantasy und Jugend-Drama einordnen können.

Während die Ereignisse im Finale halbwegs übersichtlich bleiben, überschlägt sich die Gefühlwelt der Figuren um so mehr. Täter rechtfertigen sich aus Gründen jenseits des Egoismus, der ethisch korrekte Rickie kommt in Versuchung sich dem Bösen hinzugeben, mehr noch: die Kellersituation verlagert sich, so dass die Frage entsteht, ob das zuvor Böse nicht zur guten Tat wird, nun in Anbetracht der neuen Situation. So wie der komplette Streifen zuvor, so entsteht auch gegen Ende die meiste Spannung über die Gefühle der Figuren und der Frage nacht Recht und Unrecht, weniger aus typischen Genre-Elementen der Spannungsförderung.

Da diese fast ausschließlich humorlos erzählte Satire sich auf ihre inneren Aussagen konzentriert und weniger auf vordergründige Geschehnisse achtet, kann man „Deadgirl“ verzeihen, dass er viele Fragen offen lässt. Der Hintergrund der nackten Frau wird nicht beleuchtet, der bleibt ein Mysterium, was wohl auch besser so ist. Spannender ist hingegen die Frage, was aus all den betroffenen Personen wurde, von dem die Geschichte erzählt. Lässt es die Schluss-Situation zu, dass alles weiterhin geheim bleiben kann? Wie verhält sich J.T. nun mit seinem gewandelten Leben? Führt die späte Entdeckung im Film automatisch in die Lethargie, wie wir sie bei der nackten Untoten erleben durften?

Fragen über Fragen, welche die Phantasie des Zuschauers anregen, jedoch auch auf eine Fortsetzung neugierig machen würden. Wie diese aussähe weiß man jedoch zuvor, denn im Normalfall machen sich ja nur jene Menschen an eine Fortsetzung heran, die Geld sehen wollen, und die würden einen möglichen „Deadgirl 2“ sicherlich zu einem typischen Beitrag des Genres Horrorfilm machen, und einem Sequel damit fast jegliche Möglichkeit auf Anspruch berauben. Den Anspruch von „Deadgirl“ entdeckt man sicherlich nicht als Tunnelblick-Denker, immerhin haben ihn die Regisseure Sarimento und Harel gekonnt als Schund getarnt.


Trailer,   OFDb

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