Freitag, 17. Juli 2015

DIE LEBENDEN LEICHEN DES DR. JEKYLL (El secreto del Dr. Orloff 1964 Jess Franco)


Dr. Orloff vertraut seinem Gehilfen Dr. Jekyll das Geheimnis an wie man Menschen, egal ob lebend oder tot, mithilfe von Ultraschall unter seine Kontrolle bringen kann. Und der nutzt es aus um seine krankhafte Rachsucht zu befriedigen. Seine Nichte, die über Weihnachten zu Besuch ist, kommt ihm auf die Schliche...


Wenn die Ehefrau mit dem Bruder...

Es hat lange gedauert, aber nach etlichen Enttäuschungen, z.B. mit „Eine Jungfrau in den Krallen von Zombies“, „Killer Barbys vs. Dracula“ und „Lust für Frankenstein“, habe ich nun meinen ersten geglückten Film des für seine Improvisationen berühmten Vieldrehers Jess Franco gesehen. Die lebenden Leichen im Titel sind eigentlich nur eine und wo ein Dr. Jekyll diverse Filmtitel ziert steht an dessen Stelle im Originaltitel ein Dr. Orloff, der in der Deutschfassung der Lehrer Jekylls ist (ob im Original auch weiß ich nicht), aber das ist alles letztendlich egal, denn „Die lebenden Leichen des Dr. Jekyll“ weiß trotz kleinerer Längen zu gefallen, und das ist bereits die große Überraschung schlechthin.

Jess Franco orientiert sich stark an klassischen Horrorfilmen, übernimmt deren Motive und dreht sie nur ein klein wenig auf. Schön dass Franco den Streifen in schwarz/weiß gedreht hat, das tut ihm sichtlich gut, kann aber auch in die Irre führen, denn was sich auf den ersten Blick durch die amourösen Hintergründe und dem Zuschaustellen von nackter Haut modern guckt, ist erst 1964 gedreht, wo Filme ähnlicher Bauart längst vergleichbare Luft atmeten. Ein Tabubrecher wie „Augen ohne Gesicht“ ist „Die Geliebte des Dr. Jekyll“ (Alternativtitel) nicht geworden, mal ganz davon abgesehen dass ihm auch dessen Intelligenz und Anspruch fehlt.

Einen Kunstgehalt kann man jedoch beiden Werken zugestehen, auch wenn Francos Film Lob nicht so offensichtlich ernten wird wie der unter Cineasten sehr beliebte Vergleichsfilm. Francos Werk ist sleazy, er ist Pulp, aber er schaut sich anders als andere Filme, er strahlt trotz dem Verarbeiten bekannter Motive ein eigenes Flair aus, so wie es „Frankensteins Horrorklinik“ bei ähnlicher Thematik in den 70ern wiederholen sollte. „El secreto del Dr. Orloff“ (Originaltitel) ist atmosphärisch dicht erzählt ohne je gruselig oder wahrlich spannend zu werden. Aber das Interesse des Publikums weiß Franco durchaus aufrecht zu erhalten, und das obwohl der Zuschauer in die Geheimnisse viel eher eingeweiht wird als die ahnungslosen Helden.

Franco greift das Thema nicht auf Grusel-Krimi-Art auf. Die Polizei ermittelt kaum, kommt dem Bösewicht nur durch Fremdhilfe näher und steht auch kaum im Zentrum des Streifens. Die von der damals 22jährigen Agnès Spaak so süß gespielte 17jährige Melissa ist ein naives Ding, welche die Wahrheit über ihren Vater erfahren muss, bevor sie erwachsen werden darf. Die Kühle des Haushaltes von dem sie über Weihnachten aufgenommen wird, fußt auf Intrigen und Rachegelüsten. Die einzige Person, die mit Melissa herzlich umgeht ist der Schlossdiener, der in anderen Filmen zwielichtig charakterisiert wäre. Hier ist er der liebenswerte Helfer, was ein typischer Bruch im sonst so traditionell orientierten Streifen ist.

Dass nicht jedes Geheimnis gelüftet wird und nicht jede Idee am Rande zu Ende gedacht ist, ist gar nicht schlimm. Daran erkennt man nun einmal die Arbeit eines Improvisators. „Dr. Orloffs Monster“ (Alternativtitel) ist eher ein Film der auf den Effekt schielt anstatt auf den Hintergrund. Sicherlich ist manches durchdacht, sogar freudianisch orientiert. Letztendlich wirkt der Film aber wie intuitiv abgedreht und erzählt. Und das funktioniert, eben weil der Streifen nicht zu viel sein will und nicht zu wenig erzählt.

Letzten Endes handelt der Film davon was passiert, wenn man einem Menschen zu viel Macht zugesteht, wenn er nur von naiven oder ängstlichen Menschen umgeben ist. Dass der Tote wie ein Zombie aus „Die Nacht der lebenden Toten“ herumläuft und auch auf die selbe Art außer Gefecht zu setzen ist, noch vier Jahre bevor Romeros Werk das Licht der Welt erblickte, lässt vermuten dass Francos Werk Romero ebenso inspiriert haben könnte wie „The Last Man on Earth“, dem man seinen Einfluss auf den ersten modernen Zombiefilm nicht absprechen kann.

Kleine Unsinnigkeiten am Rande, die nichts mehr mit den typischen Randerscheinung eines sleazy Trivialfilmes zu tun haben, helfen dabei dem manchmal zu trockenem und teilweise etwas monoton erzählten Film besser durchzustehen. Am besten gefällt mir die Unsinnigkeit, dass der finale Plan sowohl von Melissas Freund geplant als auch durchgeführt wird. Warum die Polizei, die offiziell von allem weiß, nicht selbst einen Schützen bereit hält der das Monster erledigt, weiß nur Franco. Aber würde „The Secret of Dr. Orloff“ (Alternativtitel) Sinn machen, wäre er auch nur noch halb so interessant ausgefallen wie geschehen.


Kommentare:

  1. Wenn dir der schon gefallen hat, dann gib dir mal Francos DAS GEHEIMNIS DES DR. Z. Der ist ähnlich, aber dabei wesentlich besser. Diesen hier fand ich eigentlich sogar ziemlich doof.

    AntwortenLöschen
  2. Dr. Z wurde mir schon des öfteren empfohlen, bislang ist er mir auf der Filmbörse oder anderswo aber noch nicht begegnet. Bin mal gespannt wann er mir zufällig vor die Füße läuft.

    AntwortenLöschen
  3. Hatte jetzt erst überlegt, ob das Digipak nicht vielleicht sogar oop ist, aber die ofdb z. B. hat's noch. Von daher dürfte es noch genug Exemplare geben. Was in diesem Falle eigentlich recht bedauerlich ist... Das Label hat sich hier viel Mühe gegeben, trotzdem scheint der Abverkauf nicht allzu gut zu laufen.

    AntwortenLöschen