Samstag, 19. Dezember 2015

ICH - EIN GROUPIE (1970 Erwin C. Dietrich)


Die relativ unerfahrene Vicky verguckt sich in einen Rockmusiker, der sie nach einer gemeinsamen Nacht sitzen lässt. Sie möchte ihm nach Berlin hinterher reisen, begleitet von einem befreundeten Groupie, aber da beide Frauen pleite sind geht dies nur über Umwege, die Vicky in eine Welt der freien Liebe und des Drogenrauschs einführen, so dass das eigentliche Ziel der Reise nicht mehr wirklich von Interesse ist...


Ein Stück Lebensgefühl...

„Ich - Ein Groupie“ fängt den Zeitgeist der späten 60er und frühen 70er Jahre gekonnt ein. Ohne dass ich je Teil dieser Zeit gewesen bin fühlt sich der Streifen in seiner ehrlichen Art unglaublich echt an, zeigt was reizvoll damals war und was weniger. Im Zentrum steht die naive Vicky, die sich aufgrund ihrer mangelnden Erfahrung und des sich treiben Lassens gedankenlos auf alles einlässt was ihr so angeboten wird, in einem Rausch aus Drogen, Erotik und Musik-Combos, der einen glauben lässt es würde sich nie wieder etwas ändern.

Negative Seiten zieht man nicht in Betracht. Man hat sich die Freiheit heraus aus dem konservativen Lebensstil der Adenauer-Ära erkämpft und genießt jene Mentalität, die frei vom Spießbürgertum ist. Optimismus liegt in der Luft in Zeiten vor Aids, der Wahrnehmung der Umweltzerstörung und der Isolierung durch elektronische Freizeitbeschäftigungen. Man steht noch bereitwillig im Kontakt zueinander. Das Leben ist schön.

Regisseure Dietrich fängt dieses freie Lebensgefühl gekonnt ein, die Verlockung dieser Art zu leben und den Spaß am Rausch. Es wird lange Zeit nichts kritisch hinterfragt. Der Abgrund kommt schleichend daher, beginnt mit kleinen Diebstählen und endet in immer extremer werdenden Drogenexzessen. Der Clou des Streifens ist es, dies keineswegs moralinsauer einzufangen. „Das Mädchen mit dem Einwegticket“ (Alternativtitel) soll nicht belehren, was aufgrund der freizügigen Darstellung auch recht heuschlerich eingefangen worden wäre. Zwar endet der Film dramatisch, mit einer großartigen Gegenüberstellung von Drogenphantasie und Wirklichkeit, aber die Art in welcher der ernste Teil der Geschichte umgesetzt wurde, ist ebenso Pulp wie die Sexszenen, Musiksequenzen und Drogenmomente.

„Ich - Ein Groupie“ ist Bahnhofs-Kino pur, und wieviel Reiz im scheinbaren Schund steckt, wie viel tiefer eine Thematik geht wenn man sie nicht konsequent bemüht mit Inhalt voll stopft, das zeigt uns dieses Werk mit der jungen Ingrid Steeger in der Hauptrolle, die nichts weiter als gut aussehen muss um durch den Streifen zu führen. Letztendlich könnte man sie gegen eine andere Hübsche austauschen, das Gelingen des Filmes liegt nicht wirklich an ihr, sondern an der guten Beobachtungsgabe der Geschichtenerzähler und ihrer Kunst das Jetzt von damals gekonnt einfangen zu können.

Neben diverser Auftritte von Rock-Gruppen gibt es u.a. eine Sequenz zu sichten, in welcher die Hells Angels mit an Bord sind. Die haben bei den Kinoaufführungen damals für Stress gesorgt, da Szenen enthalten waren, die sie nicht drin haben wollten. Schlussendlich wurden sie ausbezahlt um besagte Momente nicht herausschneiden zu müssen, was nötig war, da die Aufführungen bereits unter Polizeischutz stattfinden mussten.

Tatsächlich kommt die schlichte Geschichte ein wenig ins Schleudern wenn die Rocker auf den Plan treten, weiß man doch nicht was man von dem gewaltbereiten, aber dann urplötzlich friedlich schließenden Neben-Plot halten soll, der damit endet dass zwei nackte Frauen sich in einem Modegeschäft neu einkleiden. Danach trennen sich die Wege von Motorrad-Rockern und Groupie. Mag sein dass man die Verwandtschaft zwischen beiden Lebenseinstellungen aufzeigen wollte, was auch immer, es soll mir egal sein.

Ansonsten weiß dieser Mix aus Drama, Erotik und Musikfilm zu gefallen, allein schon weil er den Unterschied deutlich macht zwischen dem Genießen gesellschaftlich hart erkämpfter Freiheiten und dem Exzess jeden Drogenmüll ausprobieren zu müssen den der Markt zu bieten hat. Die Natürlichkeit des Sex steht der Chemie der Drogen gegenüber. Wo das natürliche Kraut des Kiffens in „Higher and Higher“ (Alternativtitel) noch zum positiven Lebensgefühl dazuzählen darf und somit nicht als Einstiegsdroge betrachtet wird, da führt erst das harte Zeug ins Gegenteil, in die Unfreiheit und in den ungewollten Sex.

Vicky erlebt dieses Schicksal nicht mehr. Ihr Ende findet drastischer und überraschend schnell statt. Das ist vielleicht auch besser so, denn der fast schon eingeleitete Schritt in die Zwangsprostitution hätte das locker leichte Feeling des Streifens zerstört. Mit seinem plötzlichen und unsensiblen, fast schon reißerischem Schluss steht der Streifen dem berühmtesten filmischen Vertreter des alternativen Lebensstils der 60er Jahre, „Easy Rider“, in nichts nach, der im Film nicht ungenannt bleibt. „Ich - Ein Groupe“ gefällt mir wesentlich besser.


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