DIE FLIEGE (The Fly 1986 David Cronenberg)


Der Wissenschaftler Seth Brundle lebt zurückgezogen, um an der Möglichkeit der Teleportation zu tüfteln. Als es ihm gelingt tote Materie von einem Ort zum anderen zu teleportieren holt er sich die Reporterin Veronica Quaife an Bord, die den Prozess dokumentieren soll, wie Brundle herausfindet gleiches mit lebender Materie zu vollziehen. Es entsteht eine Liebschaft zwischen den beiden, und als in Brundle eines Tages die Eifersucht brodelt, begeht er voreilig und betrunken einen Selbstversuch und übersieht bei diesem, dass eine Fliege mit in die Teleportationskabine gelangt ist. Da der Computer es nicht gewohnt ist zwei Objekte gleichzeitig zu zerlegen und wieder herzustellen vermischt er die Struktur beider Lebewesen. In Brundle vollzieht sich schleichend, anfangs nicht bemerkbar, eine Mutation...


Brundle-Fliege...

Der Neuverfilmung "Die Fliege" liegt ein guter gleichnamiger Klassiker zugrunde, der seiner Entstehungszeit geschult sicherlich eine Spur zu naiv ausgefallen ist, aber nichtsdestotrotz ein gelungener Science Fiction-Horror ist. Das eine Spur wissenschaftlicher angegangene Sequel steht dem Original in nichts nach, übertrifft es meiner Meinung nach sogar, obwohl es ebenso wie die Erstverfilmung in seiner Zeit feststeckt. Eine Lächerlichkeit schwebt in der Luft, wenn man den stets gut agierenden Jeff Goldblum mit seiner widerlichen Frisur erblickt, wie es sie auch nur in den 80er Jahren geben durfte. Es dauert tatsächlich sich daran zu gewöhnen, zumal seine Mitspielerin ebenfalls zu modisch, und damit mit heutigen Augen zu veraltet und albern, wirkt. Glücklicherweise rückt diese unfaire Lächerlichkeit mit der Zeit immer mehr in den Hintergrund, da "Die Fliege" auf einer enorm stark erzählten Geschichte aufbaut, die uns für das immer poppiger werdende 80er Jahre-Kino noch angenehm sachlich präsentiert wird.

Wie schon in "Parasiten-Mörder", "Videodrome" und manch anderem Werk konzentriert sich Kult-Regisseur David Cronenberg auf sein Spezialgebiet, den Körperhorror, und gibt dem Film somit einen anderen Schwerpunkt als "Die Fliege" aus den 50er Jahren. Die Tricktechnik damaliger Zeit darf handgemacht zeigen was sie kann und bringt den Zuschauer gleichermaßen zum staunen und zum ekeln, so gekonnt geht das Effekte-Team vor. Man darf ihnen zugestehen, dass ihr Werk auch heute noch zu überzeugen weiß, so dass die Spezialeffekte weit besser gereift sind als das Aussehen der Protagonisten. Einzig die Kreatur am Schluss des Filmes kann mit den restlichen Effekten nicht mithalten, ist aber für seine Entstehungszeit ebenfalls hervorragend getrickst.

Cronenbergs "Die Fliege" hebt sich insofern von den meisten anderen Horrorfilmen, die auf Ekeleffekte setzen, ab, als dass er zum einen trotzdem andere Faktoren nicht vernachlässigt. So ist die Charakterzeichnung der beiden wichtigsten Figuren sehr tief ausgeleuchtet ausgefallen, so dass die Geschichte lange vor der Verwandlung Brundles bereits hochinteressant erzählt ist. Auch die Psychologie der Geschichte funktioniert und bleibt glaubwürdig. Zwischenmenschliche Zusammenhänge werden erkannt, Berufen werden Charaktereigenschaften zugedacht, die über die üblichen Stereotype hinausgehen, Figuren machen verschiedenste Entwicklungen glaubwürdig durch, ändern Sichtweisen, lernen durch Erfahrung, erkennen Irrtümer. Die sachliche Art der Erzählung verleiht dem flott erzählten Film einen ernsten Grundton, auf welchem im Laufe der Zeit die Spannung fußen kann, so dass die Bedrohung schnell zu spüren ist, auch wenn sie erst unterschwellig brodelt. Auf eine halbwegs trocken erzählte Art ist "The Fly" (Originaltitel) ein hoch atmosphärisch ausgefallener Film, der seine Thematik von Beginn an ernst nimmt, keinerlei Humor zulässt und inhaltlich nie zur unfreiwilligen Komik verkommt.

Zum anderen, und das ist nun der entscheidende Unterschied zu vielen anderen Ekel-Horrorfilmen, nutzt Cronenberg die Spezialeffekte nicht zum Selbstzweck. Sie sind neben der Psyche der Hauptfigur der Erkennungsfaktor der Verwandlung Brundles, die das Drehbuch äußerlich wie innerlich gleichermaßen ausleuchtet, ohne einen von beiden Prozessen zu vernachlässigen oder vorzuziehen. Cronenberg zeigt Brundles Mutation in einer Gnadenlosigkeit, lässt den Zuschauer an den meisten Prozessen teil haben und verzichtet an anderer Stelle nur deswegen darauf, um das Publikum auf andere Weise schockieren zu können. Zudem nutzt Cronenberg diese Effekte, um uns das Leiden des Wissenschaftlers nahe zu bringen. Somit werden die Verwandlungssequenzen nicht nur hart und provozierend eingesetzt, sondern dienen einem psychologischen Verständnis, sie werden zu einer Brücke der Empathie, damit der Zuschauer halbwegs nachvollziehen kann, wie es Brundle wohl gehen mag. Mehr noch, über die Verwandlungen Brundles und der daraus entstehenden, erschreckenden Optik können wir uns umso mehr in die schockierte, irgendwann aus dem Prozess ausgeschlossene, Veronica hinein versetzen, die sich schließlich in jenen Mann verliebt hat, der nun einer extremen Behinderung unterliegt. Hilflos muss sie mit ansehen, wie der Mann den sie liebt nach und nach verschwindet. 

Auch seelisch ist kaum noch etwas von ihm vorhanden, was nicht nur als Fakt zu akzeptieren ist, sondern aufgrund der Eigenschaften einer Fliege, die uns zuvor nahe gebracht wurden, Richtung Finale für eine weitere Ergänzung der Geschehnisse genutzt wird. Die Geschichte kostet somit jegliche Möglichkeit verspielt, aber ernst nehmend, aus, so dass der Zuschauer auf verschiedenen Ebenen immer wieder herausgefordert wird. Das Ganze wird uns spannungsgeladen präsentiert, gleichzeitig hochgradig dramatisch ohne dabei theatralisch zu werden. Cronenberg zeigt Emotionen stets innerhalb des sachlichen Grundtons des Streifens, ohne dabei unterkühlt oder empathielos zu wirken. Und man soll es kaum glauben, aber inmitten eines Filmes, der für seine heftigen Spezialeffekte bekannt ist, nutzt der Regisseur gelegentlich sogar den Kniff des Verzichts und lässt das Grauen im Kopf des Zuschauers geschehen, was erneut beweist wie vielschichtig "Die Fliege" ausgefallen ist, selbst in ihren scheinbaren Oberflächlichkeiten. Bei einem so starken Ergebnis wünscht man sich das depperte Aussehen der Protagonisten wäre nicht so extrem ausgefallen wie geschehen. Andererseits dient die äußerliche Lächerlichkeit der Hauptfiguren somit heutzutage als zusätzlicher Beweis dafür, dass der Film derart stark und intensiv erzählt ist, dass er über dieses Makel nur kurzfristig tatsächlich zu stolpern vermag.


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