16.08.2018

HERR DER FLIEGEN (Lord of the Flies 1963 Peter Brook)


Nach einem Flugzeugabsturz überleben mehrere Kinder auf einer einsamen Insel. Hier versuchen sie bis zum Tag ihrer Rettung ein geregeltes gesellschaftliches Miteinander aufzubauen, so wie sie es daheim gelernt haben. Als mit der Zeit jedoch das Gerücht über eine unheimlichen Kreatur aufkommt, die ebenfalls auf der Insel hausen soll, gründet ein jagderfahrener Junge eine zweite Gruppe, derem wilden, von Aberglauben getriebenem, Lebensstil sich immer mehr Kinder anschließen...


Der tote Pilot...

Der erste von bislang nur zwei Verfilmungen des Buches "Herr der Fliegen" hat für eine derart komplexe Thematik mit seiner gestrafften Laufzeit von etwa 90 Minuten zu kämpfen, die es nicht zulässt jedes Detail des Wandels in der Kindergesellschaft auszuleuchten. Das führt manches Mal zu sich sprunghaft anfühlenden Entwicklungen, gelegentlich auch zu Vereinfachung von Problematiken, wie z.B. die Kunst Hütten zu bauen oder ein Schwein tatsächlich am Lagerfeuer gar zu bekommen. Damit der politische Faktor die nötige Beachtung beschert bekommt, muss auf anderweitige Realitätsnähe ein gutes Stück verzichtet werden, welche eine längere Laufzeit locker hätte auffangen können. Das ist schade zu nennen, beschert der Intensität des an glaubwürdigen Drehorten entstandenem und gut besetzten Abenteuer-Dramas jedoch keinen großen Abbruch. In der Wirksamkeit des Stoffes kann man Peter Brooks Version definitiv als gelungen betrachten.

Mit geschultem Blick wird gekonnt die Zerbrechlichkeit der Zivilisation, das Ausufernde Verhalten jenseits einer kontrollierenden Instanz und das Ur-Tier im Menschen thematisiert, letzteres um so glaubwürdiger, da Kinder noch nicht vollends zivilisiert sind und sich verschiedene Altersgruppen auf der Insel befinden, auch wenn das Hauptaugenmerk den 10 bis 13jährigen gebührt. Ohne in zu viele Klischees abzurutschen und ohne moralischen Zeigefinger wird ganz sachlich der Zerfall einer geordneten Gesellschaft aufgezeigt, der nicht nur wie z.B. in "Das Experiment" auf eine gesellschaftliche Extremsituation wie den Faschismus verweist, sondern auch Missstände in der Natur des Menschen an sich ans Licht bringt und manches Mal auch an die Missstände unserer Zeit erinnert. Wenn der friedliche Ralph verzweifelt versucht zu erklären, dass doch ein Feuer brennen muss, damit man eventuell gerettet werden kann, erinnerte mich dies an die verzweifelten Worte einer Sahra Wagenknecht, die versucht das Bewusstsein gesellschaftlicher Selbstverständlichkeiten bei ignoranten Kollegen anderer Parteien zu wecken.

Die Mechanismen der Machterlangung, die Schwächen im friedlichen System und das langsame Wachsen eines esoterischen Glaubens sind gut beobachtet eingebracht. Es ist schön, dass nicht dem Anführer der Wilden angedichtet wird er hätte die Kreatur erfunden, vor der sich jeder fürchtet. Er greift diesen Mythos lediglich auf, um ein System dessen Sinn er intellektuell nicht versteht zu unterwandern. Es kommt irgendwann zu Plünderungen, im Rauschzustand zu einer unabsichtlichen Tötung und schließlich zu einer beabsichtigten, bis schließlich gnadenlos die Jagd auf Ralph eröffnet ist. Und so treffsicher und ernst das Ganze auch mit nur wenig Gut/Böse-Klischees umgesetzt ist, so sehr darf es doch überraschen, dass ein solcher Stoff nicht so intensiv aufwühlt, wie es sich liest. Die Kinder im Zentrum schaffen eine Distanz sich nicht all zu sehr mit dem zu identifizieren, was gerade auf dem Bildschirm passiert, während auf der anderen Seite gerade die Verletzlichkeit des Kindseins für dramaturgische Züge von Vorteil ist. Doch trotz der Brisanz des Themas und ihrer Nähe zu unserer Gesellschaft und der in uns lauernden tatsächlichen Natur guckt sich der Streifen eher wie ein Abenteuerfilm, als wie ein Psycho-Drama, das in der Lage ist einem den Rest des Tages die gute Laune zu verderben.

Es mag sein, dass diese Distanz auch durch das Alter des Filmes entsteht. Am Schwarz/Weiß-Bild liegt es freilich nicht, dies unterstützt den düsteren Touch der Thematik geradezu, ebenso wie das gekonnte Spiel der authentisch besetzten Kinder. Einzig Ralph ist als typisch charmantes Filmkind besetzt, aber das muss auch so sein, schließlich gewinnt er die erste Wahl auf der Insel per Sympathie. Verglichen mit tatsächlich zerstörten Machtsystemen schaut sich gerade der Schluss besonders gelungen, eben weil plötzlich all das was sich hochgeschaukelt hat aufgrund einer höheren Instanz vorbei ist. Mit einem Paukenschlag gerät wieder zivilisatorische Normalität in das wilde System, und keiner weiß so recht wie ihm geschah. Die meisten Gedankenlosen werden im Laufe ihres Lebens wieder vergessen was hier geschah. Einzig Ralph, der ohnehin schon stets über den eigenen Tellerrand hinaus dachte und eine Todesangst erleben musste, wird grundlegend geprägt von den Erlebnissen, denen wir beiwohnen durften/mussten. Sein Blick in Großaufnahme spricht Bände.


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