Samstag, 16. Juni 2012

DER OMEGA-MANN (The Omega Man 1971 Boris Sagal)


Robert Neville ist der letzte gesunde Mensch auf Erden, seit die Menschheit von einer bakteriellen Waffe ausgerottet wurde. Tagsüber beherrscht er einsam die Stadt, nachts kommen die restlichen Überlebenden hervor: Mutanten, die sich selbst den heiligen Auftrag erteilt haben alles zu vernichten, was einst für die Moderne stand. Wissenschaftler Neville steht ganz oben auf der Liste...


Religion als Mutation...

Als der Stoff des letzten Menschen auf Erden das erste Mal 1964 verfilmt wurde, da wurde aufgrund unangenehmer Umstände aus einem größeren Projekt ein finanziell günstig heruntergekurbelter Streifen, der den Autor der Buchvorlage so zuwider war, dass er sich von dem Film distanzierte. Dabei war „The Last Man On Earth“ mit Vincent Price ein sehr gelungener Film. Bis zur zweiten Verfilmung hat es nur sieben Jahre gedauert. Mit der Besetzung Charlton Hestons in der Hauptrolle hatte man jemanden an Bord der 1968 bereits schon einmal in einem erfolgreichen, gesellschaftskritischen Science Fiction-Film mitgespielt hat, und der wurde auch gleich ein großer Erfolg. Die Rede ist von „Planet der Affen“.

Ob  der Buchautor Richard Matheson diesmal zufrieden sein durfte, darf zurecht angezweifelt werden, ist aus seiner Buchvorlage „I Am Legend“, die 2007 noch einmal als Großproduktion neu verfilmt wurde (diesmal mit Star Will Smith) doch eine ziemlich andere Geschichte geworden, einzig durch den Kniff dass es sich bei den mutierten Überlebenden nicht um reine Monster handelt sondern um denkende Kreaturen, die fast kaum etwas von ihrem menschlichen Wesen verloren haben. Sie reden, sie wissen was mit ihnen passiert ist, aber sie sind mutiert, sehen zerfallen aus und können bei Dunkelheit gut sehen, während Tageslicht sie von der Straße verbannt - das letzte Überbleibsel der stark Vampir-orientierten Bestien der Buchvorlage und der ersten Verfilmung.

Regisseur Boris Sagal, der ein Vieldreher war und neben diversen TV-Serien auch für die 80er Jahre Neuverfilmungen von „Das Tagebuch der Anne Frank“ und „Bei Anruf Mord“ verantwortlich war, verfolgt mit der zweiten Verfilmung des letzten Menschen gegen Mutanten ein ganz anderes Ziel als die Buchvorlage. Sagal lässt die ewigen Streithähne Wissenschaft und Religion aufeinander los, was in unserem Land sich deshalb so interessant gucken lässt, da wir durch Film und Fernsehen so gut über die kulturell sehr andersartige USA bestens informiert sind.

Sagal orientiert sich stark an die in den USA zuhauf vorzufindenden regionalen Prediger, welche die Religionsfreiheit gerne mit radikalen Reden und Aufforderungen auszunutzen wissen und kein Vergleich dessen sind, was Vertreter des Glaubens hier bei uns so treiben. Sie prangern den Fortschritt an. Wissenschaft ist böse. Und sie fühlen sich bestätigt, da die Menschheit schließlich von ihr ausgelöscht wurde. Großartig arbeitet das Drehbuch die verdrehte Argumentation des anführenden Predigers Matthias heraus, der die politischen Übeltäter gegen die lediglich forschenden Wissenschaftler austauscht, und, würde man sich auf eine Tat Gottes berufen, die nicht zu übersehenden Bestraften zu den Auserwählten Gottes macht, anstatt den einzig unversehrten Menschen der Katastrophe zum Auserwählten zu erklären.

Sagal bezieht deutlich Stellung, indem er uns Neville zur Identifikationsfigur macht und dem zur Entstehungszeit modernen Leben eine Art nostalgischen Touch beschert, weil Neville all das was das Publikum einst kannte zum Wohlfühlen zelebriert und dem fanatischen Matthias deshalb ein Dorn in seinen weißen Augen ist. Mit europäischem Blick von heute erfährt die Figur des Neville einige fragwürdige Seiten, so bescheuert wie er mit seinen Waffen durch die Gegend ballert und so barbarisch wie er teilweise über seine Feinde schimpft. Ob das in Amerika damals ähnlich betrachtet wurde ist schwer zu beurteilen, lässt sich aber zumindest als interessanten Diskussionsansatz vermuten, da im Film irgendwann die Aussage fällt, man habe Angst gehabt sich in der Stadt frei zu bewegen, so wild wie Neville auf alles schoss was sich bewegte.

Ohnehin geht die Geschichte von „Der Omega Mann“ weit über das Spiel Wissenschaft gegen Religion hinaus, befasst er sich doch nebenbei mit der Frage, wer überhaupt das Anrecht auf das Ausleben seiner Existenz hat, wenn es denn nur eine Seite geben dürfte. Steht Neville als letzte Ausnahme überhaupt noch für die Menschheit, oder müsste er sich der Masse fügen, da diese nun die Normen festsetzt? Was normal ist und was nicht ist immer eine Frage der Zeit in der man lebt, und die ist immer im Wandel.

Objektiv wird diese Thematik nicht behandelt, immerhin ist die Mutation theoretisch heilbar, wofür schließlich auch die Hauptfigur Neville steht, und selbst die Mutanten sind in keiner Schlussphase ihres Verfalls angekommen. Auch sie sterben teilweise noch durch die bakterielle Seuche, die sich noch immer unsichtbar aktiv austobt. Neville wird zwischen den Zeilen somit immer noch als das Vorzeigeleben bestätigt.

Im Vergleich zur ersten Verfilmung mit Vincent Price fällt neben der thematischen Verlagerung der Mutation auf, dass auch die Hauptfigur anders thematisiert wird. Der letzte Mensch ist nun kein geistig gesunder Pfähler mehr, sondern ein einsamer Mensch mit vielen psychischen Macken aufgrund seiner langen Einsamkeit. Zwar wird dieser Bereich der Thematik noch nicht derart vertieft wie es wirklich möglich gewesen wäre, und er wird dann über Bord geworfen, wenn die Geschichte zur Hälfte hin eine entscheidende Wendung nimmt, aber für einen Unterhaltungsfilm der frühen 70er Jahre wird dieser Bereich schon recht gut herausgearbeitet.

Beleuchtete man in der ersten Verfilmung viel die Vergangenheit des Helden (so zeigte man beispielsweise wie er den Ausbruch der Seuche erlebte und welch persönliches Schicksal damit verbunden war), so dienen Rückblicke hier nur den sachlichen Hintergründen: was ist damals passiert, und warum ist Neville nicht mutiert?! Beide Wege bieten interessante Aspekte die Geschichte zu erzählen, und hat man beide Verfilmungen gesehen, so fällt es schwer auszumachen, welches wohl die bessere von beiden ist. Zumindest geht es mir so. Da finde ich es um so trauriger, dass bei solch zwei großartigen Ergebnissen dieses einzigartigen Stoffes die 00er Jahre nur zwei müde Verfilmungen hervorbrachten. Das eine war eine Billigproduktion mit dem Titel „I Am Omega“, das andere eine Großproduktion mit dem Buchtitel „I Am Legend“, die erneut bewies, wie oberflächlich das Hollywood der 00er Jahre geworden war, selbst dann, wenn man dort einen anspruchsvollen Stoff verfilmte.

„Der Omega Mann“ hingegen ist zwar ein Werk seiner Zeit und nicht von den 70er Jahren zu trennen, aufgrund seiner großartigen Inszenierung ist aber zumindest sein Unterhaltungswert zeitlos zu nennen. Heston weiß in der tragenden Rolle Nevilles zu überzeugen. Die Geschichte über Religionswahn weiß durch die Nähe zum Zuschauer und durch interessante Wendungen immer wieder zu packen ohne einen Abbruch zu erleben. Und die Inszenierung weiß allein wegen der trostlosen Bilder einer leeren Großstadt zu überzeugen, die noch heute zu faszinieren wissen und Glaubwürdigkeit versprühen.

Ein sympathischer, schlichter Soundtrack einer in seiner Zeit festsitzender Combo bereichert die stimmige Atmosphäre des Streifens ebenso. Die Maske der Mutanten ist schlicht aber wirksam, das Erzähltempo ruhig aber actiongeladen. Somit kann man die zweite Verfilmung des Buches „I Am Legend“ als gelungen betrachten, auch wenn sie sich von der Vorlage stark distanziert, um thematisch wie stilistisch mitten in seiner Zeit zu baden. Erstaunlich, dass ein solches Werk dennoch zum Evergreen mutieren konnte und längst zu den großen Klassikern jener Ära zählt, in welcher die gesellschaftskritischen Science Fiction-Filme das US-amerikanische Kino heimsuchten.


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