Dienstag, 12. Juni 2012

ROLLERBALL (1975 Norman Jewison)


Konzerne haben die Macht übernommen. Individualität ist unerwünscht. Der brutale Sport Rollerball wird medial genutzt, um die Bevölkerung mit Nichtigkeiten ruhig zu stellen. Da passt es den Regierenden gar nicht, dass diese beliebte Sportart den Star Jonathan hervorbringt. Da er nicht freiwillig abtreten will, versuchen sie ihn mit radikalen Regeländerungen außer Gefecht zu setzen. Das Spielfeld wird zum Kriegsschauplatz...


Anonymes Opium zum Selbsterhalt bevorzugt...

„Rollerball“ gehört zu den Größen des US-Science Fiction-Kinos der 70er Jahre und verkörpert alles wofür dieses stand: Gesellschaftskritik, eine interessante Geschichte, anspruchsvolle und gleichzeitig kurzweilige Unterhaltung, Tiefgang und die Beteiligung von Fachkräften ihres jeweiligen Bereiches. Das fängt bei Hauptdarsteller James Caan an, der nicht nur gut schauspielert sondern auch weiß mit Rollschuhen umzugehen. Das geht weiter hin zu einer Regie, die alles im Überblick behält und die Herausforderung meistert das chaotische und fiktive Spiel Rollerball dem Zuschauer so nahe zu bringen, dass er später glaubt das Spiel zu kennen.

Das größte Talent dürfte jedoch im Schreiben des Drehbuchs gelegen haben, welches vor kleinen Randideen nur so sprüht (ein flüssiger Computer, Bäume verbrennen zum Freizeitvertreib einer dekadenten Gesellschaft) und es versteht ein glaubwürdiges Zukunftsbild zu erstellen, u.a. deshalb weil es glaubwürdige Charaktere dieser Zeit hervorbringt und es gar wagt selbst die Hauptrolle unsympathisch erscheinen zu lassen. Besonders hervorheben sollte man jedoch den durchdachten, fiktiven Sport, den man nicht nur praktisch erlebt, sondern der auch durch genannte und angewandte Strategien geradezu echt wirkt und den Zuschauer Teil des Publikums werden lässt, da dieses besagte Strategien mit der Zeit einzuordnen weiß, um dem Spielverlauf nicht nur theoretisch zu folgen.

Der Film handelt von einer Gesellschaft die freiwillig auf Freiheiten verzichtet um stattdessen den Luxus genießen zu können. Allerdings zeigt „Rollerball“ uns nur die privilegierte Gesellschaft. Wie es dem einfachen Volk geht erfährt man nicht, was schlichtweg daran liegt dass es für die Geschichte irrelevant ist.

Die Geschichte steht über allem, so dass die Action nie zu sehr in reißerische Momente überschwappt und immer nur Motor der Dramatik ist. Das erfreut allein schon deswegen, weil „Rollerball“ für seine Zeit schon recht brutale Bilder zeigt und damit schnell nur das hätte werden können was er selbst kritisiert. Hier lohnt ein Blick auf „Running Man“, der thematisch gerne ein zweiter „Rollerball" geworden wäre, den man aber nur als Party-Spaß genießen kann, da er voyeuristisch Gewalt zum Selbstzweck präsentiert. Außerdem ist er das ideale Gegenbeispiel zum eben angerissenen Thema ein fiktives Spiel zu durchdenken. In dem Schwarzenegger-Film kapiert der Zuschauer nie den Sinn des Spiels bzw. einzelner Spielphasen. Nicht weil er zu dumm oder die Inszenierung zu unorientiert wäre, sondern weil sich einfach keiner die Mühe gemacht hat zunächst das Spiel zu erfinden, um dann einen Film drum herum zu basteln.

Kommen wir aber zurück zu „Rollerball“: dieser spart psychologisch richtig angewandt mit Musikuntermalung und lässt zwischendurch wie zu Beginn und am Ende meist nur das berühmte, klassische Orgellied „Toccata“ von Bach erklingen. Damit ist ein Gegenpol gesetzt zur im Film gezeigten oberflächlichen Gesellschaft, der Kultur und Bildung am Arsch vorbei geht, während durch die Wahl des Liedes die Monotonie der Zukunftswelt und des mangelnden, kühlen Seelenlebens der Privilegierten unterstrichen wird.

Mit einer Laufzeit von zwei Stunden ist „Rollerball“ selbst diesbezüglich eine Ausnahme seiner Zeit geworden, zumindest für einen Film der als Großevent fürs Kino produziert wurde. Regie führte Norman Jewison, der im Laufe seiner Karriere so unterschiedliche Filme wie „Was diese Frau so alles treibt“ mit Doris Day, „Thomas Crown ist nicht zu fassen“ mit Steve McQueen oder „Bogus“ mit Gérard Depardieu schuf. Sein Folgewerk zu „Rollerball“ war „F.I.S.T. - Ein Mann geht seinen Weg“, jener Film den Kritiker mal hätten schauen sollen bevor sie erst in „Cop Land“ erstaunt darüber berichteten, dass Stallone schauspielern könne. Wo, wenn nicht hier, hat er das je besser bewiesen?

Die Geschichte selbst schaut sich flüssig und wird selbst zu Beginn nie langweilig, wo man 15 Minuten lang einem Sport folgen darf den man nicht kennt. Während einem der Hintergrund der Gesellschaft und wie diese aufgebaut ist etwas schlicht aufgedrückt in Dialogen nahe gebracht wird, nimmt das Drehbuch einem im Gegenzug nicht an die Hand wenn es darum geht zu erkennen warum die Regeländerungen vollzogen werden, wo das Problem liegt, dass Jonathan ein Star ist und warum dieser nicht abtreten will. Hierfür hat man die Geschichte entweder begriffen oder eben nicht.

Gerade die Figur des Jonathan ist einen direkteren Blick wert, ist sie doch nicht der Gegner eines bösen Regierungs-Zukunftsmodells wie in so vielen anderen Filmen wie „Flucht ins 23. Jahrhundert“, „Equilibrium“, „Fahrenheit 451“, sondern jemand der von diesem System profitiert und nur aus reinem Egoismus zum Störfaktor wird. Selbst die leicht vorhandene Gefühlstiefe seines Charakters nährt sich nur aus Egoismus, wurde ihm doch seinerzeit die Frau weggenommen, weil eine höher stehende Person sie anforderte. Der einzige Menschen den er je liebte will er zurück haben, obwohl besagte Frau nie wirklich glücklich war in dieser Partnerschaft. Den Egomanen Jonathan interessiert das trotz aller Liebe nicht. Eine weitere Charakterschwäche offenbart er dann, wenn er aus verletzten Gefühlen heraus jegliche Erinnerung an seine Verflossene löscht.

Man ist, wie in den anderen Bereichen, auch hier konsequent in der Umsetzung und orientiert sich am wichtigsten, an der Geschichte und dem kreierten Hintergrundbild dieser. Jonathan ist inmitten einer uns hier präsentierten Gesellschaft wahrscheinlich das tiefsinnigste und mitfühlendste was diese hervorbringen könnte, so gefühlsmäßig tot, intellektuell desinteressiert und verwöhnt dekadent wie sie ist. „Rollerball“ entstand glücklicher Weise in einer Zeit, in welcher die Köpfe hinter solchen Projekten noch die Psychologie des Stoffes verstanden, etwas das heute im amerikanischen Massenkino nicht mehr vorzufinden ist und nur noch in kleineren Projekten berücksichtigt wird.

Allein aus diesem Grund kann man schon mit dem Finger auf das „Rollerball“-Remake von 2002 zeigen, welches dümmlicher kaum hätte umgesetzt sein können und inhaltlich allein schon falsch ansetzt, da es von dem Beginn der Rollerball-Ära erzählen möchte. Das mag für eine Neuverfilmung lobenswert klingen, da man scheinbar das Original nicht nur nachkauen wollte. Jedoch steht diese Phase nicht für wirklich erzählenswerten Stoff.

Der 2002er „Rollerball“ enttäuscht jedoch noch weitaus mehr als in seiner zu plumpen Umsetzung. Er ist inhaltlich das Gegenteil des Erstlings geworden, indem er ein fragwürdiges Wirtschaftsystem und eine faschistoide Gesellschaft nicht kritisch hinterfragt, etwas das die Köpfe hinter dem Original abgeschreckt hätte. Schließlich stand Jewisons Werk für das komplette Gegenteil, so dass das Remake nicht nur menschlich enttäuscht und Fremdschämen verursacht, sondern auch noch zu einer Beleidigung des Originals wird. Aufgrund seiner hohen Qualität hat der 70er Jahre "Rollerball" ein solch respektloses, rein finanzorientiertes Verhalten nicht verdient.