Dienstag, 14. August 2012

BIN-JIP - DER SCHATTENMANN (Bin-jip 2004 Kim Ki-duk)


Ein junger Mann zieht umher auf der Suche nach Wohnungen, deren Besitzer auf Reisen sind, damit er sich für einen Tag dort einnisten kann. Als er bei einem dieser Aufenthalte auf eine misshandelte Frau stößt, schließt sich diese seinen Streifzügen an, und es entsteht eine zarte Bindung zwischen dem schweigenden Paar. Durch ihr ungesetzliches Verhalten wird jedoch die Polizei auf die beiden aufmerksam...


Zarter Eindringling...

Wenn man zu viele Trivialfilme guckt, vergisst man gerne zu welch großen Bildern das Medium Kino außerhalb von Spezialeffekten, seien sie nun handgemacht oder am Computer kreiert, fähig ist. Dabei blieb den Filmemachern erster Stunde in Zeiten des Stummfilms ohnehin nichts anderes übrig als sich auf die optische Komposition zu konzentrieren. Dass man jedoch nicht auf die Stilmittel dieser ältesten cineastischen Epoche zurückgreifen muss, beweisen Werke wie „Bin-jip“, die auf ganz eigene Art visuell zu fesseln wissen, auch wenn man sich im Falle der hier besprochenen Romanze schon ein wenig an die Zeiten des Stummfilms zurückerinnert fühlen darf, spricht die männliche Hauptrolle doch kein Wort und die weibliche erst gegen Ende wenige Sätze.

Diese wirken schlicht, wie das Beispiel des Ausspruchs „Ich liebe Dich“ zeigt. Aber dieser Satz steht Pate für den kompletten Film, denn hier wirkt alles ein wenig simpel, bedeutet jedoch viel mehr als man zunächst vermuten könnte. „Bin-jip“ ist ein romantisches Drama welches sich am friedlichen und kreativen Außenseiter unserer Gesellschaft orientiert und uns damit in eine fremde Bewusstseinsebene innerhalb unseres bzw. des südkoreanischen Alltags entführt. Das ist ein besonderes Erlebnis, erst recht wenn der Film gegen Ende fast so wirkt als würde er in den Fantasy-Bereich wechseln ohne dies tatsächlich zu tun.

Das Erlebte wird visuell auf recht schlichte Art beeindruckend umgesetzt, so dass das Drama recht schnell zu fesseln weiß und eine starke Identifikation mit den sich still Liebenden entsteht. Mögen ihre Taten auch ungesetzlich sein, man hält zu ihnen, gönnt ihnen ihre schönen Momente und leidet mit ihren teilweise recht schmerzhaften. Auch wenn ihre Taten nie böse Absichten sind, so schaden sie doch manches Mal ihren Mitmenschen, meist auf Gefühlsebene. Dass man nur theoretisch an Gerechtigkeit denkt wenn die beiden verhaftet werden, obwohl dies zu Recht geschieht, liegt an der Korruption die durch einen Kommissar thematisiert wird, was nicht der einzig politische Kommentar des Streifens ist. Deshalb sollte man "Bin-jip" nicht auf seinen Romantikanteil reduzieren.

In Regisseurs Kim Ki-duks Gesellschaftskritik kommen wir Teilnehmer des Kapitalismus nicht gut weg, glauben die Menschen, auf welche die beiden Helden im Laufe ihrer Geschichte stoßen, doch immer wieder  man wolle ihnen etwas weg nehmen. Warum solle man sonst in eine Wohnung einbrechen, wenn man nicht den Besitz eines anderen haben wolle, den man so gerne hortet und durch das Abschließen der Wohnungstüre beschützt?

Da dringt jemand auf sanfte Art in die Privatsphäre eines anderen ein, die Parallelen zum sexuellen Akt sind dabei eben so wenig zu übersehen, wie das Plädoyer für bewussteres Leben und für das Überdenken bestehender Gesetze. Wo ist in dieser materiellen Welt Platz für das Individuum innerhalb einer Gesellschaft, in welcher selbst Nischen per Gesetz bestimmt werden, in welchen die Freiheit im Vordergrund stehen müsste? Wenn eine Frau sich fügen muss, weil sie zurück zu ihren Mann geschickt wird, muss man sich als Europäer zunächst in die asiatische Welt einfühlen können. Hier wirkt „Bin-jip“ ein wenig fremd auf uns. Ähnliches betrifft den verletzten Stolz, der meist durch gerechtfertigte Rache entsteht.

Ansonsten ist es aber gerade die Versimplung der eigentlichen Erzählung, die fast kulturfrei wirkt, sich auf die menschlichsten Ebenen konzentriert, weshalb man auch als Europäer tief in die Erlebniswelt der beiden Protagonisten eintauchen kann. Diesem großen cineastischen Pluspunkt kommt erfreulicher Weise noch jener hinzu, dass man beim Teilnehmen dieses besonderen Filmerlebnisses nur selten weiß, wohin die Geschichte führen wird, besonders dann, wenn sie zur Mitte hin einen Bruch erhält, der sie in eine völlig andere Richtung lenkt. So fragt man sich zunächst was das Spiel mit dem Wärter soll und das Erdulden der von ihm ausgehenden Schmerzen.

Wer von der Auflösung des Ganzen nicht beeindruckt ist, der wird schlichtweg nichts mit Kino außerhalb des Mainstreams anfangen können, zeigt der Schluss doch nicht nur inhaltlichen und visuellen Einfallsreichtum, sondern lässt diejenigen, die sich auf die andere Art Kino einlassen können, emotional tief ins Geschehen eintauchen, was seinen Höhepunkt meiner Meinung nach in einem der ungewöhnlichsten Küsse der Filmgeschichte findet, ein Hoch des kompletten Filmes, in welchem sich die Eckpfeiler Emotion, visuelle Umsetzung, Rache, Außenseitertum und Stille ein letztes Mal vereinen, bevor „Bin-jip“ auf etwas schlichtere Art sanft aus seiner Geschichte entlässt.


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