Dienstag, 7. August 2012

FIDO - GUTE TOTE SIND SCHWER ZU FINDEN (Fido 2006 Andrew Currie)


Nach dem großen Zombiekrieg wurden die Untoten als Haussklaven in die Gesellschaft integriert. Jeder besitzt einen, nur die Familie Robinson noch nicht. Als es endlich doch so weit ist, freundet sich ihr einsamer Sohn Timmy mit Fido, wie er den lebenden Leichnam liebevoll nennt, an...


Wer hat schon Angst vor Zombies!?!...

Wer glaubt aus der vor vielen Jahren zurückgekehrten Zombiewelle ließe sich nichts neues mehr ernten, sollte neben „Pontypool“ zu „Fido“ greifen, einem Film der im Endergebnis zwar eher Komödie als Horror ist, die Elemente des hier etwas vernachlässigtem Genres jedoch so respektvoll verwendet, dass selbst der Horror-Fan nicht mehr meckern dürfte. Es seih denn er lechzt pausenlos nach Blut, dann dürfte der in diesem Punkt recht harmlose Film von Regisseur Andrew Currie nicht die richtige Angelegenheit sein. Dann fehlt demjenigen Zuschauer, der dies beanstandet, aber ohnehin die sensible Aufmerksamkeit, die man einem „Fido“ entgegen bringen muss, um ihn vollends genießen zu können.

Der Streifen mit „Matrix“-Star Carrie-Anne Moss ist mehr als die kleine, lockerflockige Komödie von nebenan. Die intelligent erzählte und konsequent durchdachte Grundidee des Streifens bietet den Nährboden für eine Gesellschaftskritik auf vielerlei Ebenen und Perspektiven, die weder die parodierte Vergangenheit Amerikas vernachlässigt, noch die oftmals fragwürdig anbiedernde Gegenwart, in welcher, mit den Augen des Films betrachtet, erst der Zombie zur Zigarette greifen darf und der nekrophile Nachbar zur Sympathiefigur wird, eben da beide Charaktere durch ihre Extreme erst das erlangen, was überkorrekte Menschen unserer Zeit kaum noch zu besitzen scheinen: Individualität.

Es wird vielerlei thematisiert in einem Film, der mit der Idee einer Parallelwelt spielt, in welcher in den 50er Jahren Zombies zum Alltagsgeschehen gehörten. Erzähltechnisch so gut wie simpel gelöst, bekommt der Zuschauer zunächst die ersten Witze und Informationen über einen alten Lehrfilm nahegebracht, bevor der Übergang ins kunterbunte Klassenzimmer der kunterbunten 50er Jahre heile Welt stattfindet, wo wir auch gleich die wichtigste Person neben Fido kennen lernen: Timmy Robinson.

Über sein naives Alter und seine natürliche Neugierde stoßen wir schnell auf ein Lügenmeer der Erwachsenen, welches der Lehrfilm über seine Propaganda bereits ankündigte. Und spätestens da kann es los gehen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Filmen ist die Gesellschaftskritik pausenlos anwesend und findet in 90 Minuten Laufzeit immer wieder neue Wege auf sich aufmerksam zu machen, bzw. irgend etwas zu kritisieren. Da gibt es die witzigen offensichtlichen Seitenhiebe, wie jener über das Alter ab dem man Waffen besitzen darf, Seitenhiebe auf das Zwangsfamiliäre seiner Zeit, etwas versteckter das Spiel mit dem Umgang mit Schwarzen (es kommt nie einer vor, da der Zombie je nach Blickwinkel für diese Minderheit steht), dem Spiel mit der Kunst wahre Gefahren zu verharmlosen, und da gibt es noch eine Flut mehr an Punkten die man weiter aufzählen könnte, aber ich will den Bogen hier nicht überspannen.

Man mag darüber diskutieren können, ob es ein kanadischer Film sein darf der Amerika kritisieren darf. Aber spätestens im Bereich Vergangenheitsbewältigung sind die Amis nicht nur Weltmeister im Verdrängen, sie zeigen zudem auch liebend gern aufs Ausland was vergangene Verbrechen betrifft, was wir als Deutsche wohl am besten wissen. Von daher finde ich es durchaus legitim, dass eine solch harte wie lustige Kritik aus dem benachbarten Ausland der USA stammt.

Was an „Fido“ so beeindruckt ist seine Konsequenz. Da haben wir nicht nur diese quietschbunte heile Welt, in welcher im Set-Design alles zu stimmen scheint, inklusive der Kilometer weit voneinander getrennt gestellten Betten im Elternschlafzimmer, da wird auch die Grundidee interessant weitergedacht, wenn Zombies Teil unseres Alltags werden. Das hat einschneidende Änderungen unserer Realität gegenüber zur Folge. So wird das Thema Altenvernachlässigung auf die extremere Stufe Altenhass bzw. Altenangst hinaufgestuft, da nun jeder über 65 jederzeit zum Zombie werden kann, so dass alte Gefängnisse zum Schutze der Jungen zu Altenheimen umfunktioniert wurden.

Noch besser ist jedoch die Kritik am Kapitalismus, wenn Andrew Currie uns eine Welt zeigt, in welcher du dein Leben lang Geld sparst, um dir für Dein Ableben einen Kopfsarg leisten zu können, damit Du nicht wieder auferstehst. Trocken, da alltäglich heißt es während der Beerdigungen dann auch (sinngemäß, nicht exakt zitiert): von der Erde bist Du gekommen, zur Erde sollst Du gehen, und von der Erde sollst Du nicht mehr auferstehen!

Es gibt keinen Film, der nur mit Pluspunkten in Rahmenbereichen funktionieren kann, und so ist auch die Charakterzeichnung in „Fido“ sehr wichtig, die zwar immer Abstand hält, so dass man sich nie wirklich mit irgendwem identifizieren kann, aber ihr gekonntes Spiel mit den 50er Jahre Rollenklischees nutzt, um jeder Figur ihren individuellen Touch zu bescheren. Was aus der Rolle des Vaters geworden ist, hat schon lange nichts mehr mit dem gefühlskalten Arbeitstier zu tun, auf welchem sein Charakter beruht. Dieser Mann ist eine Person geworden, die Angst vor dem Leben und vor Gefühlen hat, es ironischer Weise aber geradezu liebt zu leben aus penetranter Angst vor dem Tod, bzw. der Angst davor wieder aufzuerstehen. Beerdigungen sind neben Golf sein liebstes Hobby, und ein Kopfsarg wäre die größte Erfüllung seiner Wünsche.

Er ist wohl die interessanteste Figur neben dem nekrophilen Nachbarn, der sich einen sexy Zombie hält. Dennoch werden auch Timmy, seine Mutter, Fido und der Kriegsheldennachbar nicht vernachlässigt. Jede Figur ist interessant gestaltet, psychologisch richtig durchdacht, gut besetzt und von der Maske schließlich zu dem gemacht, was wir zu sehen kriegen.

So bleibt am Ende eine Horror-Komödie mit Köpfchen, welche die mit der Zombiethematik immer einhergehenden Gesellschaftskritik einmal auf völlig andere Art präsentiert, woraus andere Möglichkeiten entstehen, sowohl im Ergebnis der Kritik als auch im Humorpotential. „Fido“ gibt sich nur selten dem lauten Witz hin, wird also nie eine Jagd nach Gags. Aber wer den Film begreift, bekommt ohnehin genug zu lachen, arbeitet der Film doch auf solch verschiedenen Humorebenen, so z.B. neben dem Offensichtlichen auch mit dem Versteckten zwischen den Zeilen, dem Spiel mit Horrorfilmen, sowie dem Spiel mit den 50er Jahren und der Gegenwart, bis hin zu kleinen versteckten Gimmicks im Hintergrund, wie beispielsweise jener in welchem im Bett nicht mehr das Life-Magazin sondern eine Illustrierte namens „Death“ gelesen wird.


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