Sonntag, 12. August 2012

PRIVATUNTERRICHT (Élève libre 2008 Joachim Lafosse)


Jonas hat das Klassenziel nicht erreicht. Nun muss er für die Prüfungen lernen. Da bieten sich drei Freunde der Mutter an dem Teenager Privatunterricht zu geben. Als Jonas zudem Probleme mit seiner Freundin Delphine bekommt, bleibt es nicht nur bei schulischer Nachhilfe...


Wo Missbrauch beginnt...

Es dauert etwa eine Stunde Laufzeit ehe die Freunde von Jonas verreister Mutter Nachhilfelehrer in Sachen Sexualität werden. Dass das zentrale Thema des Films erst so spät greift, ist jedoch ein gekonnter Kniff des Streifens, lässt er sich doch in der Vorphase um so mehr Zeit zu zeigen, wie es Schritt für Schritt zum Missbrauch kommen konnte und wie geschickt der Jugendliche manipuliert wurde.

So erziehen drei Freigeister den Jungen ebenfalls zum Freigeist. Sie warnen ihn vor der Manipulation von Religion und Moral, wandeln jedoch auf gleichem Pfad wie ihr selbsternannter Feind. Die vermeintlichen Freunde von Jonas, Nathalie, Didier und Pierre, wollen den durch sein junges Alter überforderten Jungen angleichen im Glauben das selbe zu glauben wie sie wäre Freiheit. Viel mehr drängen sie Jonas jedoch in ihre Welt, einen Teenager der an die Treue zu seiner Freundin glaubt.

Diese erste Grenze wird erst dann eingerissen, wenn der Jugendliche das erste positive Ergebnis der Nachhilfe erhält: er besteht die Mathe-Nachprüfung. Die Lehren und Weisheiten der Erwachsenen scheinen zu stimmen. Nun öffnet sich der in diesem Vertrauenskreis gleichberechtigte Junge in seiner Naivität auch dem Fremdgehen, welches sogleich ausgenutzt wird die nächste Grenze einzureißen: Jonas Desinteresse an Männern. Da interessiert seinen „Lehrern“ so etwas wie der vorher gepredigte freie Wille nicht. Jonas wird bei einer Art sexuellen Blinde Kuh-Spiel ausgetrickst und seine freie Meinung beim späteren Austausch mit Pierre geschickt manipuliert.

Offen erzählt Jonas er fühle sich nicht zum gleichen Geschlecht hingezogen. Mit einem sehr unpassenden kulinarischen Vergleich bekommt Pierre seinen Zögling dennoch überredet sich ruhig des schwulen Experimentierens hinzugeben. Erst dann könne man wissen was man wolle.

„Privatunterricht“ ist geschickt darin Täter in ihrem Lügenmeer zu entlarven und als Heuchler zu outen. Ebenso gut ist er darin, besonders in der vertieften Betrachtung von Pierre, aufzuzeigen, dass sich der Täter gar nicht als solcher sieht, was zum hervorgehobenen Thema gegen Ende wird, wenn klar wird dass Pierre nun einmal auch nur ein Mensch ist und damit ein Lebewesen das sich selbst belügt. Jüngst bewies die Hirnforschung, dass der Mensch erst nach dem Gefühl handelt und dem ganzen hinterher einen Sinn, eine Begründung gibt, damit bei einem Fehltritt das Weltbild oder zumindest das Bild des eigenen Ich nicht ins Wanken gerät.

Pierre ist das ideale Beispiel dieser Erkenntnis, ist er sich doch über seine Schuld nicht bewusst. Was er tat war in seinen Augen kein Missbrauch, da er Jonas nie zu irgend etwas gezwungen hat. Dass er ihn jedoch pausenlos mit Wörtern und Halbwahrheiten manipuliert hat, ignoriert er im Abwehren der Schuldzuweisung. „Privatunterricht“ geht sogar soweit ihm in seiner Sexualität und in dem Versuch Tennis zu spielen die gleichen Schwächen zu geben, wie jene von Jonas die überhaupt erst zum titelgebenden Sexualunterricht führten. Auch hier bekommt die Heuchelei ein Gesicht und zeigt sich nicht mehr nur zwischen den Zeilen versteckt. Gleichzeitig zeigt es die Menschlichkeit des Täters, der damit selbst zum versteckten Schwächling wird.

Das ist psychologisch ebenso geschickt eingearbeitet wie die aufblitzende Ironie an manchen Stellen, fast schwarzhumorig in jener Szene, in welcher Jonas Mutter Pierre bittet doch mal mit ihm zu reden, ihm würde er sich eher anvertrauen als ihr. Jonas verarbeitet jedoch gerade, dass er auf seinen Lehrer anstatt auf seinen eigenen Charakter und Körper hörte. Er ist gerade dabei festzustellen, dass er manipuliert wurde, geradezu einer Gehirnwäsche unterzogen wurde, die so friedlich, sanft und vor allen Dingen sozial klang, dass man sie nie als Manipulation vermutet hätte - nicht im zarten, naiven Jugendalter. Sie konnte so gut fruchten, da kaum wer so offen mit jungen Menschen über Tabuthemen redet, einen Bereich den man eher unter Gleichaltrigen entdecken sollte. Somit wird das Propagierte abgegrenzt und der Schüler kann keine alternativen Meinungen anderer Erwachsener einholen.

„Privatunterricht“ ist clever erzählt, was dem brisanten Thema sichtlich gut tut. Der Film verurteilt weder, noch nimmt er Pierre und die beiden anderen Lehrer in Schutz. Er zeigt lediglich eine Gruppe Menschen, die im Irrglauben an Freiheit Dinge tut, die ihnen psychisch nicht gut tun, vielleicht sogar auch physisch nicht. Damit ist er nah an der Wirkung des Skandalfilms „Meine Mutter“. Allerdings zeigte der dieses Ergebnis sehr zentral. In „Privatunterricht“ bleibt eher Jonas als Opfer zurück, der verarbeiten muss was da mit ihm geschehen ist, sowohl über sich selbst als auch über die anderen ausgelöst. Dass auch die Täter innerlich leiden, wird nur angedeutet. Es wäre jedoch arg naiv diese naheliegende Tatsache lediglich als Vermutung oder Diskussionsanlass hinzustellen.

Schön dass der Film mit etwas Positivem aus der ganzen Sache endet. Das gibt ihm einen zusätzlichen bitteren Nachgeschmack, welchen Individuen wie die angeblichen Freidenker dieser Geschichte direkt zum Anlass nehmen würden, um gut zu reden was sie da verbrochen haben. Die Gehirnwäsche kann somit weiter gehen, und wenn es nur das Selbstbelügen sein sollte. „Privatunterricht“ lehrt mit diesem Schluss dass auch Positives aus Negativem wachsen kann, eine Selbstverständlichkeit die von der gedankenlose Masse jedoch gerne ignoriert wird und nicht gleichbedeutend damit ist das Übel, aus welchem das Gute wuchs, ebenfalls als etwas Gutes anzusehen.


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