Sonntag, 12. August 2012

LIFELESS (2010 Ralf Möllenhoff)


Der Schriftsteller Allan arbeitet in Kroatien an seinem neuen Buch, als seine Frau und sein Kind verloren gehen. Auf der Suche nach ihnen stößt er auf das Geheimnis einer zugemauerten Kapelle und eines Tunnelsystems, dessen Ursprung bis ins 16. Jahrhundert zurückführt, als die Pest um ging. Schon seit langem verschwinden Menschen spurlos. Manche von ihnen tauchen tot und blutleer wieder auf. Treiben Vampire ihr Unwesen oder nutzt jemand Mythen und vergangenen Aberglauben für ganz andere Zwecke?...


Tunnel der blutleeren Leichen...

Schon in seinem Zombiefilm „Dead Eyes Open“ bewies Amateurfilmer Ralf Möllenhoff trotz des liebsten Horror-Subgenres für Hobbyfilmer, dass er anders ist als seine deutschen Horrorkollegen aus der Independent-Szene. Mit einem Gespür für Spannungsbögen bot er mehr als die reine Schlachtplatte seiner Kollegen Schnaas und Co und schielte schon immer ein wenig auf den Erzählstil vergangener Gruselfilm-Tage.

Schon deutlicher wurde dies beim Folgefilm „Nerves“, der bis auf seinen Blutgehalt schon eine völlig andere Richtung einschlug als der typische Amateur-Horrorfilm, stand doch diesmal ein Rätsel um Wahn und Wirklichkeit im Vordergrund mit dem Hauptanliegen zu verwirren und zu verstören. Der mit einigen Schwächen versehene Film wusste dieses Ziel auch zu erreichen und krankte an anderer Stelle. Und nun folgt diesem der leicht verwandte „Lifeless“, der definitiv mehr zu überzeugen weiß als sein Vorgänger.

Auch hier geht es um eine rätselhafte Geschichte, jedoch nicht im Bereich von Wahn und Wirklichkeit, sondern auf der Suche nach der Wahrheit im bewussten Zustand (von einem Finale einmal abgesehen, welches mit dem Handicap eines unter Einfluss von Schlangengift leidenden Protagonisten spielt). Die Fährten die Möllenhoff legt deuten in viele Richtungen, die Rätsel animieren zum Mitfiebern und der verpuzzelte Erzählstil, der in „Nerves“ noch etwas unsortiert wirkte, weiß in „Lifeless“ zu verwirren und gefallen zugleich. Verwirren diesmal jedoch im gewollten Sinne, man wird damit nicht komplett aus dem Film hinausgeschossen wie im Vorgänger, der den Zuschauer zu spät an die Hand nahm. Im hier besprochenen Werk bleibt der Zuschauer immer mitten im Geschehen drin, das ist ein deutlicher Vorteil, auch wenn es in „Nerves“ sicherlich Absicht war den Filmfreund eine lange Zeit mit seinen Fragen allein zu lassen.

Es ist schön dass Möllenhoff sehr früh mit der Frage spielt, ob seine Geschichte übernatürlicher Art ist oder ob Kriminelle vergangene Mythen für ihre Machenschaften nutzen. Damit die angeblichen Mythen zu wirken wissen hat Möllenhoff in der Geschichte Kroatiens herumgestochert, sprich er ließ wen recherchieren, und auch dies tut dem Film recht gut, zumal er zeitlich weit ausholt um seine Geschichte so rätselhaft wie möglich wirken zu lassen.

Inhaltlich wie inszenatorisch orientiert sich der Regisseur an vergangene Horrorzeiten, was er mit Anspielungen an seine Vorbilder zusätzlich deutlich macht. Da werden versteckt in Rollennamen Edgar Allan Poe und Joe D'Amato ebenso geehrt, wie der Film „Wenn die Gondeln Trauer tragen“, dessen Geschichte ähnlich begann. Aber es sind eben nicht nur die Verbeugungen vor Vorbildern die dies deutlich machen. Inhaltliche Elemente wie die zugemauerte Kapelle, das unüberschaubare Tunnelsystem und der klassische Aberglaube ungebildeter Kleinstädter zeigen die Wurzeln aus vergangenen Horrorzeiten.

Schön dass man sich die Mühe machte großteils in Kroatien zu drehen, um das klassische Feeling intensiver wirken zu lassen.  In Deutschland wurde ebenfalls gefilmt, und dieser Wechsel fällt überhaupt nicht auf. Gut gemacht! In Kroatien entdeckte man auch gleich einige sehenswerte Locations, die einen guten Teil an der Atmosphäre des Streifens ausmachen.

Einzig von dieser lebt „Lifeless“, eine Atmosphäre die aus dem Rätselhaftem seiner Geschichte besteht, der Fremde in welcher sie spielt und dem Spannungsbogen, der von einem zurückhaltenden Soundtrack getragen und durch Gruselgeräusche hervorgehoben wird. Leider vermisste ich den mit dieser Story möglichen Gruselgehalt, was für mich einer der Gründe ist warum der Film wieder einmal nicht über nettes Mittelmaß hinaus ragt. Mir hat „Lifeless“ zwar gefallen, aber da hätte es inhaltlich ruhig mehr geben können als die ständige Suche nach des Rätsels Lösung. Es hätte mehr Szenen geben müssen in denen tatsächlich etwas passiert und durch die man damit auch hätte Gruselmomente erzeugen können.

Ebenfalls vermisst habe ich den mit der Geschichte einhergehenden dramatischen Aspekt, ein Bereich der, je klassischer ein Horrorfilm erzählt ist, einfach dazu gehört. Nun weiß ich dass das Drama nicht das Ziel eines Independent-Horrorfilmers ist, und ich weiß dass Dramatik schwerer umzusetzen ist als Spannung oder Humor. Aber man müsste den tragischen Teil der Geschichte nicht zum Mittelpunkt oder dauernden Begleiter der Geschichte machen, um diesen Bereich mit einzubringen. Ich denke nur, dass man zumindest dem Helden etwas mehr Gefühlstief hätte verleihen können, immerhin ist er auf der Suche nach seiner verloren gegangenen Familie und ist auf sich allein gestellt, da die Polizei ihm keine große Hoffnung macht. Etwas mehr frustrierte Mimik und weniger Gelassenheit hätte da erzähltechnisch Wunder bewirken können.

Positiv fällt auf der anderen Seite auf, dass ganz im Gegenteil zum Vorgänger „Nerves“ diesmal nicht in blutigen Bildern gebadet wird. Selbstverständlich verzichtet Möllenhoff nicht auf brutale Tatsachen, aber die ordnen sich diesmal der Geschichte unter, wohingegen man beim Vorgänger den Eindruck hatte die mysteriöse Story sei Vorwand um ordentlich aufs Gorepedal treten zu dürfen. Damit ist der entscheidende Schritt gegangen ernstzunehmenden Horror abzuliefern und nicht mehr in den Kinderschuhen des deutschen Amateurfilmes zu stecken.

Das zeigen jedoch auch Kamera und Schnitt, die zwischen ruhigem und hektischen Stil hin und her wechseln, nicht immer sinnig wie ich meine (z.B. verstehe ich nicht warum ein ruhiges Gespräch im Präsidium eine schnelle Schnittabfolge beschert bekommen muss), aber doch in der Regel gut gewählt und überzeugend. Schön dass Möllenhoff trotz geglückter optischer Experimente nicht auf das klassische Amateurfilmen verzichtet, sprich mit tragbarer Kamera beim Dreh umherläuft um sich ab und an gar selbst zu filmen. Wobei die Aufnahmen, in denen man den Kopf der Hauptperson groß im Bild sieht, doch etwas zu häufig vorkommen. Scheinbar drehte Möllenhoff auch viele Einstellungen des fertigen Streifens ganz alleine.

Aber „Lifeless“ ist ohnehin noch mehr Möllenhoff-Alleingang als seine Vorgänger es ohnehin schon waren. Denn neben Schnitt, Kamera, Regie, Drehbuch und Sound spielt der Kopf des Projektes diesmal auch die Hauptrolle selbst, und das macht er auf Amateurfilmniveau gesehen auch überzeugend. Wer einen Independentfilm schaut, weiß dass er mit etwas verkrampfter Darstellung zu rechnen hat, doch das etwas zu steife Spiel ist deutlich über dem Niveau typischer Amateurproduktionen. Die Darsteller schlagen sich da schon recht wacker. Die meisten von ihnen haben mittlerweile auch etwas Übung, huschen doch bekannte Gesichter über den Bildschirm, vorausgesetzt man hat den ein oder anderen Möllenhoff-Film schon gesehen. Dieses Wiedersehen macht jedoch Freude und sorgt nicht, wie man eventuell meinen könnte, für Langeweile.

Langeweile gibt es im kompletten Film ohnehin nicht zu erleben, was schon etwas erstaunen darf in einem Werk auf Spielfilmlänge, welches sich nur mit der Suche nach der Lösung eines Rätsels befasst und somit viel mit Hinhalten arbeitet. Möllenhoff hat die Situation jedoch gut im Griff, was er sicherlich auch „Nerves“ zu verdanken hat, den man als Übung für den gelungeneren „Lifeless“ betrachten kann. Auch wenn Möllenhoff scheinbar jener Bereich reizt der sich mit dem Rätselhaften einer Geschichte befasst, so hoffe ich doch trotzdem für zukünftige Projekte, dass es vielleicht etwas mehr Handlung gibt, sprich dass ein Film nicht einzig und allein nur dafür da ist ein Geheimnis zu enträtseln.

So etwas kann auch parallel zu einer echten Geschichte laufen und muss nicht immer in einer solch surrealen Extreme abrutschen, die einen pausenlos raten lässt was wohl (gerade) passiert. Auf Dauer ist das nämlich ganz schön anstrengend, und etwas mehr entspannte Unterhaltung tut auch einem Horrorfilm gut. Trotz aller Kritik ist „Lifeless“ jedoch der Schritt in die richtige Richtung. Ich warte gespannt auf das nächste Projekt.


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