Donnerstag, 23. August 2012

THIS BOY'S LIFE (1993 Michael Caton-Jones)


Tobias Wolff ist nicht gerade ein Vorzeigeschüler. Als er nach dem x-ten Umzug in eine andere Stadt suspendiert wird, beschließt seine Mutter, dass es so nicht weiter gehen kann. Da sie ohne Zukunftsperspektive ist, schlägt sie vor Tobias solle für einige Wochen zu ihrem neuen Freund Dwight ziehen. Wenn es mit den beiden funktioniert, kommt sie nach um zu heiraten. Dwight hat sich in den Kopf gesetzt Tobias um jeden Preis zu erziehen, und so erträgt der Teenager, der unbedingt ein besserer Mensch werden will, die fragwürdigen Erziehungsmethoden Dwights. Es kommt zur Hochzeit und das tyrannische Treiben des Stiefvaters schaukelt sich immer weiter hoch...


Die Jugend eines Literaturprofessors...

Als im Jahre 1997 Leonardo DiCaprio große Erfolge mit seiner Darstellung der Hauptrolle in „Titanic“ feierte, da erkannten viele noch nicht sein großes Talent. Durch seine vorherige Rolle in „Romeo und Julia“ wurde er von uninformierten Zuschauern zunächst als eine Art Romantik-Softi gesehen, also eine Form des Schauspielerdaseins, welches keine sonderliche Begabung erfordert. Übersehen hatten solche Kritiker jedoch die Leistungen, die der junge Mann zuvor vollbracht hatte, allein in den drei Jugend-Dramen „Jim Carroll - In den Straßen von New York“ (1995), in welchem er überzeugend jemand Drogensüchtigen verkörperte, „Gilbert Grape - Irgendwo in Iowa“ (1993), in welchem er einen geistig behinderten Jugendlichen in einer Nebenrolle verkörperte, ohne in ein Klischee abzurutschen und „This Boy‘s Life“ (1993), in welchem er sich früh neben Robert DeNiro bewies, einem Mann, dem er nun in der Gegenwart angekommen ebenbürtig geworden ist.

Robert DeNiro zählt seit Jahrzehnten zu den talentiertesten und anerkanntesten Schauspielern der Vereinigten Staaten von Amerika. DiCaprio war noch jung und hatte noch einiges zu lernen. Aber dass er sehr begabt war und einmal eine echte Konkurrenz DeNiros werden könnte, bewies er bereits im hier besprochenen Film. Allerdings muss man hinzufügen, dass DiCaprio nicht so jung war, wie es in diesem Drama den Eindruck macht. Zur Zeit des Drehs war er bereits 19 Jahre alt. Es ist erstaunlich wie jung manche Menschen wirken können, erst recht wenn sie ein rundes Babyface besitzen wie Leonardo. Worüber andere spotteten, war sein Trumpf.

Man kann nicht gerade behaupten, dass der Film nicht etwas zu dick auftragen würde. „This Boy‘s Life“ basiert zwar auf der Autobiographie des späteren Literaturprofessors Tobias Wolff, aber ob solche Szenen wie die Autofahrt nach Concret zum Besserungsurlaub tatsächlich so stattgefunden haben wird, wie dargestellt, darf ebenso bezweifelt werden, wie manch andere Übertreibung. Dennoch sollte man in vielen anderen Bereichen nicht zu früh Übertreibung und Klischee schreien, immerhin spielt der Streifen im Amerika der 50er Jahre und dazu noch in einem winzigen Hinterwäldlerkaff. Da kann ich mir schon vorstellen, dass das meiste in etwa so stattgefunden haben könnte wie hier erzählt. Es dürfte lediglich manche Reihenfolge der Ereignisse für den dramaturgischen Effekt geändert worden sein.

Dramen aus Amerika wollen in erster Linie Unterhaltungskino sein, und das ist bei „This Boy‘s Life“ nicht anders. Trotz diverser Ausrutscher schafft er es jedoch, dass man ihn trotz dieses Schwerpunktes ernst nehmen kann. Das Anliegen Unterhaltung ist ohnehin nicht gefährdet mit den zwei heutigen Top-Stars in der Besetzung. Gerade in der Rolle des Dwight weiß auch wieder einmal die deutsche Stammsynchronstimme DeNiros zu überzeugen. Dem tyrannischen Stiefvater in den Mund gelegt, wirkt sie wahre Wunder den Kerl zu hassen, während DeNiro selbst alle Register seines Könnens zieht, um den Bösewicht psychologisch stimmig und glaubhaft als das darzustellen, was er ist: ein infantiler, dummer Mann ohne Begabung mit aufgepumpten Selbstbewusstsein.

Wolffs Geschichte spielt über mehrere Jahre. Und da ändern sich mehr als nur die Frisuren, sonst würde ich auch wohl kaum das Spiel DiCaprios so loben, welches eines seiner Höhepunkte in jener Szene erlebt, wenn der Teenager vom Lachen ins verzweifelte Heulen abrutscht. Dass er mit einem anderen Ausgang der Concret-Geschichte irgendwann zum Psychopathen hätte werden können, lässt der damalige Jungschauspieler kurz vor Schluss aufblitzen, wenn der befreite Wolff beim Jubeln aufgrund der Abreise kurz die düstere, verletzte Seite seiner Seele aufblitzen lässt, die Dwight in ihm entfacht hat.

Regisseur Michael Caton-Jones ist mit Hilfe aller Beteiligter ein kurzweiliger, intensiver und sensibler Film gelungen, der die 50er Jahre glaubwürdig auferstehen lässt und sich mit der eigentlichen Geschichte viel Zeit lässt. DeNiro selbst hat seinen ersten Auftritt erst nach etwa 30 Minuten. Dass Caton-Jones keine Eintagsfliege gelungen ist, bewies er zuvor mit „Doc Hollywood“ und danach mit dem „Der Schakal“-Remake. Mit „Basic Instinct 2“ soll er sich dann doch noch in die Brennnesseln gesetzt haben, was ich jedoch nicht beurteilen kann, da ich diese Fortsetzung nicht kenne.

„This Boy‘s Life“ ist einen und mehrere Blicke wert. Ich selbst habe ihn schon sehr oft geguckt und bin immer wieder aufs neue überrascht wie gut er funktioniert. Mag er auch manches Mal für klitzekleine Momente ins Reißerische abrutschen, in anderen Bereichen, die geradezu geeignet hierfür wären, beispielsweise in der eher kurz angerissenen Schwulenthematik, umgeht er einen solchen Stil um so mehr, was sichtlich gut tut.


1 Kommentar:

  1. Ein Film, den ich vor etlichen Jahren mal sah.Und damals dachte noch niemand daran, dass DiCapro DeNiro eines Tages als Lieblingsschauspieler von Scorsese ablösen würde. Habe ihn aber ebenfalls als faszinierenden Streifen in Erinnerung und muss ihn unbedingt mal wieder auffrischen.

    Was ihr mich doch diesen Sommer an vergessene Streifen erinnert! :)

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